Für Grönland sind die USA vom wichtigsten Verbündeten zu einer Bedrohung geworden. Am Freitag landete eine hochrangige Regierungsdelegation aus Washington auf der Insel.

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Am Freitag haben Donald Trumps Vizepräsident J. D. Vance und seine Frau Usha die amerikanische Pituffik Space Base auf Grönland besichtigt. Auch der amerikanische Sicherheitsberater Michael Waltz und der Energieminister Chris Wright gehörten der Delegation an. Sie landeten am frühen Nachmittag Ortszeit auf dem abgelegenen Militärstützpunkt im Nordwesten der Insel. «Es ist eiskalt hier, wieso hat mich niemand informiert», sagte Vance zur Begrüssung der amerikanischen Soldaten bei minus 18 Grad.

In Kopenhagen und Nuuk wird der unerwünschte Besuch als diplomatische Kriegserklärung aufgefasst. Amerika habe mit der heimlichen Annexion Grönlands begonnen, titelte diese Woche «Politiken», eine der führenden dänischen Tageszeitungen. Die Beziehungen zwischen den USA und Grönland sind auf einen neuen Tiefpunkt gesunken.

Die Geschichte der Eskalation

Die Eskalation begann Ende letzter Woche mit der Erklärung, Usha Vance wolle in Sisimiut einem traditionellen Hundeschlittenrennen beiwohnen. Rein privat natürlich. Noch am selben Tag erteilte der amtierende grönländische Ministerpräsident Mute B. Egede der Delegation eine Abfuhr. Ein Treffen könne stattfinden, wenn die neue Regierung ihr Amt angetreten habe, schrieb er auf Facebook.

Grönland hat am 11. März ein neues Parlament gewählt. Die Koalitionsverhandlungen wurden erst am Freitag abgeschlossen – kurz bevor Vance und seine Gefolgschaft in Grönland landeten. Die neue Regierung wird angeführt von Jens-Frederik Nielsen, dessen Partei Demokraatit die Wahlen überraschend gewonnen hat. Zur historisch breiten Koalition gehören auch die bisherigen Regierungsparteien Inuit Ataqatigiit und Siumut, die die Wahlen verloren haben, sowie Atassut.

Mit der neuen Regierung will Grönland grösstmögliche Einheit demonstrieren. Gegenüber der grönländischen Zeitung «Sermitsiaq» sagte Egede kürzlich: «Wir müssen uns dem Ernst der Lage stellen. Jede Minute zählt, um sicherzustellen, dass der Traum der Amerikaner von der Annexion unseres Landes nicht Wirklichkeit wird.»

In Kopenhagen trat Anfang Woche die Ministerpräsidentin Mette Frederiksen vor die Medien und bezeichnete das Vorgehen der Amerikaner als «völlig inakzeptablen Druck auf Grönland, die grönländischen Politiker und die grönländische Bevölkerung, aber auch auf Dänemark und damit auf das Königreich».

Die Reaktion in Washington? Am Mittwoch kündigte der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance an, seine Frau nach Grönland zu begleiten. Aus der vorgeblichen Kulturreise wurde im Nu ein militärisch-sicherheitspolitischer Besuch auf der Pituffik Space Base.

Die Drohungen aus Washington

Die Planänderung der amerikanischen Delegation wurde in Nuuk und Kopenhagen mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. Der dänische Aussenminister Lars Lökke Rasmussen interpretierte die jüngste Wendung als Deeskalation. Gegenüber der dänischen Sendeanstalt DR sagte er: «Ich finde es sehr positiv, dass die Amerikaner ihre Besuche bei der grönländischen Gemeinschaft absagen.» Wenn sie stattdessen auf ihre eigene Basis gingen, habe man nichts dagegen. Mit seiner Meinung ist Rasmussen weitgehend allein.

Nach dem Besuch von Donald Trump junior im Januar hatten in Grönland viele das Interesse der Amerikaner noch als Chance gesehen, neue Partnerschaften einzugehen und sich von der unbeliebten Kolonialmacht Dänemark loszusagen. Mittlerweile überwiegt in Nuuk die Angst.

Mitte März gingen in Nuuk Hunderte Menschen auf die Strasse, um gegen die Annexionspläne der Amerikaner zu demonstrieren. Diese Form des Protestes ist in Grönland neu. Grönland war einst eine dänische Kolonie und wurde später vom Königreich einverleibt und zwangsmodernisiert. Die Grönländerinnen und Grönländer haben lange über das Unrecht geschwiegen, das ihnen angetan wurde. Die Furcht davor, dass sich die Geschichte wiederholen könnte, hat dieses Schweigen gebrochen.

Das Schweigen Europas

In Dänemark nimmt man die jüngsten Aktionen der USA als «äusserst weitreichende und zutiefst aggressive, beispiellose und offensive imperialistische Intervention im Land eines engen Verbündeten» wahr. So schreibt es der Chefredaktor von «Politiken». In krassem Gegensatz dazu stehen die Reaktionen aus den anderen europäischen Hauptstädten. Oder genauer: ihre Abwesenheit.

Europa schweigt. Während eines Abendessens in Brüssel soll Mette Frederiksen zwar Unterstützungsbekundungen aus der ganzen EU erhalten haben. Die öffentlichen Reaktionen blieben aber bisher weitgehend aus. Der noch amtierende grönländische Ministerpräsident Mute B. Egede sagte zum grönländischen Sender KNR: «Von keinem unserer Verbündeten gibt es bislang eine klare Stellungnahme. Wir brauchen unsere Freunde unter den Nationen. Die vagen Erklärungen müssen aufhören.»

Die Worte, welche Vance am Freitag an die amerikanischen Soldaten richtete, klingen wie eine weitere Drohung: «Wie Sie alle wissen, ist dem Präsidenten die Sicherheit in der Arktis ein grosses Anliegen, und dieses Interesse wird in den kommenden Jahrzehnten nur noch grösser werden.» Dänemark habe in Bezug auf Grönlands Sicherheit keine gute Arbeit geleistet. Das müsse sich ändern.

Der jüngste Besuch des Ehepaars Vance und weiterer hochrangiger Regierungsvertreter ist kaum das Ende der Eskalation. Wenn sich die Spirale so schnell weiterdreht wie in den letzten Tagen, ist dies erst der Anfang.

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