Mittwoch, Februar 26

Er hat sich nie vereinnahmen lassen und Ideologien links und rechts der Berliner Mauer kritisiert. Dem Sprachkünstler Thomas Brasch widmet die Nichte Lena Brasch nun ein Stück am Gorki-Theater.

Achtzig Jahre wäre der Schriftsteller Thomas Brasch am 19. Februar geworden; wenn er nach einem selbstzerstörerischen Leben nicht schon 2001 gestorben wäre. Er war einer, der vom Klassenkampf nicht lassen konnte, die DDR, aus der er kam, lobend verteufelte, die BRD, in die er übersiedelte, wohlsituiert ablehnte.

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Und es bereitete ihm eine faustische Freude, Freunde wie Gegner zu irritieren, sie aufs Glatteis der Ideologie zu führen. Er entglitt allen, die ihm nachfolgen, und stellte sich denen in den Weg, die ihn vereinnahmen wollten. «Das Alte geht nicht», sagte Brasch, «und das Neue auch nicht.»

Wer sich auf seine Texte einlässt, hat einiges an Gefahren und Abenteuern zu gewärtigen. Und so ist es verständlich, dass sich auch seine Nichte, die junge Regisseurin Lena Brasch, nicht sofort an sein «Erbe» herangewagt hat. Sie wollte nicht gleich mit einem bekannten Namen debütieren und in Fussstapfen treten, die zwar nicht unbedingt zu gross, aber auf jeden Fall rätselhaft waren.

Eine sympathische Hommage

Jetzt zeigt sie im Berliner Maxim-Gorki-Theater ein Stück, das just den Titel «Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht» trägt und sich als ungemein sympathische Hommage auf Brasch erweist. Es handelt sich um eine familiäre Spurensuche ebenso wie um eine Verbeugung vor der Sprachmacht des Dichters und seiner strikten humanistischen Haltung. Lena Brasch bewundert die Konsequenz des Onkels, sich auf keine Partei-Versprechungen einzulassen. Aber sie bedauert die Fehler, die er begangen hat, wenn er grossspurig in die Welt links und rechts der Friedrichstrasse hinausposaunte, dass er ein anderer sei. Wenn ihm auch nicht immer klar war, was für einer eigentlich.

Im Rückblick erscheint seine Existenz wie ein Tanz am Rande vieler Abgründe. Brasch wagte sich stets über Grenzen hinaus, stellte sich quer gegen die Kleinbürgerlichkeit der DDR und schwamm obenauf auf der Dissidentenwelle. In Westberlin, wohin er ausgereist war, gab er den Dandy.

Hinter ihm das Brechtsche Theater, vor ihm ein Packen leeres Papier. Er füllte es mit endlosen Sätzen über Auf- und Widerstand, getrieben von einer unstillbaren, nagenden Sehnsucht nach einer Persönlichkeit, die er selber nicht kannte. Brasch war im Grunde ein trauriger Heimatloser. Und das Seltsame war: Er verkörperte diesen Status lauthals und provozierend Publicity-wirksam, während ihn die Leere tatsächlich innerlich auffrass.

Aber genau diese «Lonesome»-Attitüde ist es, die Thomas Brasch heute offenbar wieder interessant macht für junge Leute, die von Geschichten alter weisser Männer mit beträchtlichem Macho-Potenzial eigentlich sonst nicht mehr allzu viel wissen wollen. Beliebt ist er, gelesen wird er wieder (etwa in der Suhrkamp-Neuausgabe seiner gesammelten Prosa «Du musst gegen den Wind laufen») – nicht unbedingt wegen seiner sozial engagierten literarischen Einblicke in die real existierende Arbeiter- und Bauern-Lüge oder in die brüchige Friedens- und Gleichheits-Propaganda. Attraktiv scheint vielmehr seine offene, sensible Haltung, dieses Eingestehen des Scheiterns, die Zuflucht in die Einsamkeit.

Auch das war Brasch eben: ein Einzelgänger mit einer unstillbaren Hoffnung auf eine bessere, friedlichere Welt, in der die Parteien und die Blockmeinungen obsolet sind. «Geh nicht weg, sagte sie. / Der blaue Himmel im Kino und die Welt, die nicht / mehr ist, wie sie nie war», steht in einem Gedicht. Und da ist alles drin: die Liebe, der Rückzug, das Vergängliche, von dem man nicht einmal weiss, ob man es jemals spürte. «Was ich mir wünsche» ist der Titel des Lyrikbandes.

Lena Brasch spielt klug mit all diesen Widersprüchen, die den Menschen und Dichter Thomas Brasch ausmachten. War das überhaupt zu trennen bei ihm: Dichtung und Realität? Brasch schrieb wie ein Berserker (und übersetzte Werke seiner Säulenheiligen Tschechow und Shakespeare), egal, ob in düsteren Absteigen in Ostberlin, an dreckigen Arbeitsplätzen, an die man ihn verbannte, im Knast, in den er musste, weil Honecker sonst seiner Aufmüpfigkeit nicht Herr wurde. Aber er lebte auch in und mit diesen Zeilen, deren Zwischenräume man mitlesen muss, um diesen einsamen Menschen zu erspüren.

So wurde ihm alles zur Sprache, die er in die Maschine hämmerte: Träumen wir nach der Arbeit von Maschinen, und träumen die Maschinen dann auch von uns? Brasch fand im Orkus, in der Maloche, in der Unterdrückung, in der Nebensache Poesie. Und alles hört sich so an, als würde er es zunächst einmal für sich erzählen, um Orientierung zu finden, um fliehen zu können aus dem Land, dem Ich und oft genug vor «der anderen», die ihn liebte. Was ihn schmerzte.

Auf der Bühne des Gorki-Theaters interpretiert die famose Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer mit kecker Locke auf der Stirn diese Kunst des Thomas Brasch mit wunderbaren Liedern nach seinen Texten. Und wie abwesend rezitiert sie scheinbar ins Off. Frontal wird sie nur, wenn sie einmal die Sätze von Lena Brasch selber übernimmt, die zum Aufschrei gegen den aktuellen Faschismus in Deutschland werden. Brasch hätte seiner Nichte zugestimmt – vielleicht resignierend schon, weil er sein Land in jeglicher Couleur kannte und der Glaube an die Zukunft ihm schwerfiel.

Berliner Outlaws mit schnoddrigem Slang

Eingebettet ist Jasna Fritzi Bauers Gesang in das Brasch-Stück «Mercedes» von 1983, in dem ein ungleiches Paar (Klara Deutschmann und Edgar Eckert) im trostlosen Niemandsland nach einer Nähe sucht, die ihm unendlich fern erscheint. Nur über Umwege, das Palaver über schicke Autos, beginnen sie sich zu erkennen, sich füreinander zu interessieren. Aber selbst die Tatsache, dass sie Berliner Outlaws mit schnoddrigem Slang sind, von der Gesellschaft abgeschrieben, bringt sie nicht wirklich zusammen: zart-herbe Brasch-Figuren am Rande des kleinen Weltuntergangs, der den Rest der Menschheit nicht die Bohne interessiert.

Wenn man nach siebzig Minuten das «Gorki» verlässt und durch die leeren Berliner Strassen geht, die so sehr Braschs Heimat und Fluchtpunkt gleichzeitig waren, denkt man, es wäre doch schön, den Sprachkünstler noch mal treffen zu können. Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht nötig: «Ach, wenn ihr mich gestorben habt, lebt ihr mich weiter heute», hat er vorsorglich gesagt. Die Aktualität Braschs ist das Zeitlose. Als ob sich nichts geändert hätte.

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