Je weniger Kontrollen es gebe, desto mehr Schwarzfahrer habe es auch, sagt Ralph Kessler, der oberste Vertreter des Zugpersonals.
Ralph Kessler ist ein Eisenbahner alter Schule. Er begann im Jahr 1986 bei den SBB als Kondukteurlehrling, als die Regionalzüge noch begleitet waren. Heute arbeitet er als Chef Kundenbegleitung und ist der oberste Vertreter des Zugpersonals: Seit Oktober 2020 präsidiert er den Unterverband der Bahngewerkschaft, den ZPV. Kessler übernahm die Leitung mitten in der Corona-Pandemie.
Nahe bei der Basis zu sein, ist ihm wichtig. «Man kann dieses Amt nicht ausüben, wenn man keinen direkten Kontakt zum Zugpersonal hat», sagt er im Gespräch. Die Stimmung nimmt er als «mässig» wahr. Die Bahnunternehmen hätten zunehmend Mühe, Personal für die unregelmässigen Dienste zu rekrutieren und zu halten. Die Belastung sei hoch. Bei den Zugbegleitern bestehe im dritten Jahr in Folge ein Unterbestand, der 2024 zeitweise 100 Vollzeitstellen betragen habe. «Das bedeutet, dass Kolleginnen und Kollegen auf Zügen und in Doppelkompositionen, die 400 Meter lang sind, allein unterwegs sind – und das auch mitten in der Nacht.»
Alkohol und Drogen
Der physische und psychische Druck habe zugenommen. Vor allem in der Nacht sei bei den Passagieren ein gewisses Konfliktpotenzial vorhanden, wenn womöglich Alkohol oder Drogen im Spiel seien. Zwar vereinbarten die SBB mit dem Personalverband, dass nach 22 Uhr auf allen Fernverkehrszügen zwei Personen im Einsatz sind. Doch gemäss Kessler kommt es nicht nur in Ausnahmefällen vor, dass ein Mitarbeiter allein ist. «Wir fordern seit längerem, dass es auf jedem Fernverkehrszug wieder mindestens zwei Zugbegleiter gibt.» Die SBB hätten beim Personal viel guten Willen verspielt, als sie im Jahr 2018 die integrale Zweierbegleitung im Fernverkehr abgeschafft hätten.
Das fehlende Personal wirke sich auch auf die Kontrollen aus. Ein Zugbegleiter schaffe es auf gewissen Strecken nicht, alle Wagen zu kontrollieren. «Die Leute sind nicht dumm. Im Fernverkehr würde ich eher von einer besseren Stichprobenkontrolle sprechen.» Je weniger Kontrollen es gebe, desto mehr Schwarzfahrer habe es auch. Man versuche mit häufigeren Kontrollen gegenzusteuern, wenn es auf gewissen Linien ausarte.
Tatsächlich sei die Zahl der Schwarzfahrer so hoch wie noch nie, wie die Zeitungen der Tamedia-Gruppe vergangenen Monat berichteten. Im nationalen Schwarzfahrerregister sind inzwischen über eine Million Schwarzfahrer erfasst, unter ihnen viele Junge. Allerdings vermeldeten die SBB für 2024 auch einen Passagierrekord und transportieren inzwischen pro Tag 1,3 Millionen Kunden. Der öV-Branche entgehen durch die Schwarzfahrer rund 200 Millionen Franken pro Jahr. Der Kanton St. Gallen fordert nun mehr Billettkontrollen, um mehr Einnahmen zu generieren – als Gegenmassnahme zu den Sparplänen des Bundes beim Regionalverkehr.
Ein schwieriges Thema ist für das Personal auch die Kulanz. Die medial hochgekochte Aufregung um einen Einzelfall, wo ein Zugbegleiter wegen eines falsch geschriebenen Vornamens ein Billett für ungültig erklärte, gab letzten Sommer zu reden. Er hätte ein Auge zugedrückt, sagt Kessler. «Da hat jemand die Vorschriften sehr genau angewendet.» Eine Differenz in der Namensschreibung auf dem Swisspass oder einem E-Ticket bedeute für die Zugbegleiter aber ein ungültiges Resultat auf dem Kontrollgerät, das registriert und ausgewertet werde. Dabei geht es gemäss den SBB jedoch nicht um die Kontrolle der einzelnen Mitarbeitenden.
Zudem hat das Zugpersonal aus Datenschutzgründen keinen Zugriff auf das nationale Schwarzfahrerregister. Die Transportunternehmen entscheiden nachgelagert, ob eine Kulanzlösung möglich ist. Grundsätzlich gebe es eine solche ein Mal, sagt Kessler. «Alles andere wäre gegenüber denjenigen, welche ihr Ticket korrekt gekauft und bezahlt hätten, unfair.» Das Zugpersonal habe sich bei der Kontrolle an die Regeln zu halten, die die öV-Branche beschlossen habe.
Lebensläufe wie jener von Kessler sind seltener geworden. Immer weniger Angestellte verbringen ihr ganzes Berufsleben im selben Unternehmen. Wenn jemand den Job zehn Jahre lang mache, sei dies bereits eine lange Zeit, sagt er. Der Beruf hat sich stark gewandelt, seit Kessler angefangen hat. «Heute absolvierten die jungen Kolleginnen und Kollegen eine dreijährige Detailhandelslehre, die mit dem Bahnberuf wenig Gemeinsamkeiten hat», sagt er. Das ganze Bahnwissen müsse den Auszubildenden durch die Lernbegleiter vermittelt werden. Dabei handelt es sich um erfahrene Mitarbeiter, die ihr Wissen weitergeben. Mit der laufenden Pensionierung der geburtenstarken Jahrgänge gehe viel Know-how verloren, sagt Kessler.
SBB erhalten viele Bewerbungen
Den SBB sei bewusst, dass es Themen gebe, die den Mitarbeitenden Sorgen bereiteten – gerade bei der Sicherheit im Zug, sagt der Sprecher Moritz Weisskopf. Die Bundesbahnen hätten bereits diverse Massnahmen umgesetzt und erarbeiteten gegenwärtig weitere.
Doch sie wehren sich gegen Kesslers Kritik. Von den rund 2100 Vollzeitstellen seien gegenwärtig nur rund 50 nicht besetzt, was 2,4 Prozent ausmache, sagt Weisskopf. Die Motivation des Zugpersonals sei 2024 gegenüber 2023 gestiegen – auch die Zufriedenheit der Kunden mit den Zugbegleitern sei mit 89 Punkten hoch. «Dieser Wert zeigt, dass unser Zugpersonal motiviert bei der Arbeit ist.» Die Fluktuation unter den jungen Mitarbeitenden sei in den letzten Jahren stabil geblieben.
Die SBB streben im Fernverkehr ebenfalls eine Zweierbegleitung an. «Leider ist das noch nicht überall möglich», sagt Weisskopf. Nach 22 Uhr seien immer zwei Mitarbeitende vorgesehen. Gegenwärtig sei dies bei rund 98 Prozent der Züge der Fall. Ausnahmen gebe es bloss bei kurzfristigen Personalausfällen. Die SBB würden sich um Ersatzlösungen bemühen, etwa mit Sicherheitspersonal. Tagsüber gebe es Fernverkehrszüge, wo nur ein Zugbegleiter vorgesehen sei, etwa bei Verbindungen mit tiefer Auslastung. Die Bundesbahnen versuchten, dies so zu planen, dass die Belastung für die Mitarbeitenden möglichst klein sei.
Zumindest in einem Punkt sind sich die SBB und Kessler einig: Es braucht mehr Zugbegleiter. Zur Pensionierungswelle kommt, dass die Bahn das Angebot laufend ausbaut. Auch die vielen Baustellen und Anlässe, besonders an Wochenenden, führen zu einem Mehrbedarf. Um vorbereitet zu sein, haben die SBB in den vergangenen Jahren eine Ausbildungsoffensive gestartet. Dieses Jahr bilden sie in 19 Klassen 300 weitere Zugbegleiter aus – und bauen so den Bestand leicht aus. Der Beruf sei nach wie vor attraktiv, sagt Weisskopf. «Wir erhalten viele Bewerbungen.»