Ein ungewohntes Bild: Die deutlich kleinere Rheinmetall schlägt sich an der Börse derzeit besser als der US-Riese Lockheed Martin. Dafür gibt es einige Gründe. Und die liegen nicht nur in Europa.
Mantras müssen nicht immer richtig sein. Zum Beispiel jenes, demzufolge es bei Rüstung immer auch um Grösse gehe, um Skalierbarkeit. Zumindest die vergangenen Monate widerlegten diese Weisheit. Die deutsche Rheinmetall zum Beispiel, von The Market im vergangenen April empfohlen, ist der deutlich grösseren amerikanischen Lockheed Martin an der Börse weit enteilt.
Rheinmetall stellt gepanzerte Fahrzeuge wie den GTK Boxer her, aber auch Systembauteile wie die 120-Millimeter-Kanone etwa für den Leopard II. Im Hintergrund dieser Börsenentwicklung steht ein Treiber, der leicht übersehen wird: Rüstungsaktien sind politische Aktien. Immerhin sind die Kunden nun einmal Staaten. Dort ändert sich etwas.
Erstens: Europa will mehr Geld in Rüstung investieren. In Deutschland etwa sind bis zu 200 Mrd. € Sonderausgaben für die Verteidigung im Gespräch. Auf europäischer Ebene wiederum denkt man über eine Lockerung der EU-Haushaltsvorschriften für Rüstungsausgaben nach. Schon jetzt findet das seinen Niederschlag in den Umsatzerwartungen von Rheinmetall. Das Unternehmen erzielte 2024 einen Umsatz von 9,9 Mrd. €. 2026 sollen es 16,2 Mrd. sein, so der Konsens der von S&P Capital IQ befragten Analysten. Das wäre ein Plus von gut 60%. Und das dürfte noch lange nicht das Ende sein.
«Spätestens seit der Münchener Sicherheitskonferenz muss jedem in Europa klar sein, dass unser Kontinent seine Verteidigungsfähigkeit wiederherstellen muss», sagt Kathrin Eichler, Vermögensverwalterin von Eichler & Mehlert. Dort hatten die USA sich de facto als Hegemon und Sicherheitsgarant Europas weitestgehend verabschiedet. Ein «ruppiges Erwachen», schrieb die Deutsche Bank. Dessen Konsequenz sind Milliardeninvestitionen, die wiederum zunehmend Europas Unternehmen zu Gute kommen dürften. Immerhin sollen die Mitgliedstaaten bis 2030 mindestens 50% ihres Verteidigungsbudgets in der EU einsetzen, so skizziert es ein EU-Strategiepapier. Entsprechend haben die hiesigen Rüstungsunternehmen Rückenwind an der Börse.
Zweitens: In Amerika sieht es anders aus. Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte das Militär aufgefordert, sich auf Einschnitte gefasst zu machen, berichtete CNN. Auch US-Präsident Donald Trump hatte bereits über mögliche Kürzungen der Verteidigungsausgaben räsoniert. Das zeigt sich auch in den Umsatzerwartungen von Lockheed Martin, des grössten Rüstungsunternehmens der Welt. Von 2024 auf 2026 soll die Kenngrösse um nur rund 8% wachsen, auf laut Konsensschätzung rund 77 Mrd. $.
Dazu kommt: «Es findet gerade ein regionaler Favoritenwechsel an den Aktienmärkten statt», sagt Eichler. Nachdem US-Unternehmen die Jahre 2023 und 2024 dominiert haben, sehe man nun verstärkt Mittelzuflüsse auch seitens grosser US-Anleger nach Europa. Der europäische Verteidigungssektor habe noch viel Luft nach oben, bestätigt Ross Mayfield, Investment-Stratege beim Vermögensverwalter Baird.
Drittens: Rheinmetall ist einer der Nutzniesser dieser Entwicklung. Das Unternehmen tut vieles, um zu einem «globalen Rüstungschampion» zu werden, wie es CEO Armin Papperger bereits Ende vergangenen Jahres formulierte. Erst im Januar hatte das Bundeskartellamt den Schulterschluss mit Leonardo gebilligt. Beide Unternehmen zusammen wollen für Italien unter anderem einen Kampfpanzer auf Basis des KF51 Panther bauen, den Rheinmetall entwickelt hat. Auch bei Analysten habe sich das Interesse spürbar erhöht, sagte Rheinmetall bereits im November vergangenen Jahres auf Nachfrage.
Mit anderen Worten: Während der europäische Rüstungsmarkt steigende Ausgaben verbuchen dürfte, sind solche Steigerungen für US-Firmen nicht im gleichen Masse absehbar. Rheinmetall ist in einer guten Position, von diesen Verschiebungen zu profitieren – und versucht, diese Position weiter auszubauen. Wie gut das gelingt, wird sich Mitte März zeigen. Dann legt das Unternehmen neue Zahlen vor.