Sonntag, März 30

Mafia ist Männersache. Aber nicht nur. Roberto Saviano zeigt, welche Rolle Frauen in den kriminellen Clans spielen.

Sein erstes Buch wurde zum Bestseller. Und brachte ihn auf die Todesliste der Mafia. Vor bald zwanzig Jahren erschien «Gomorrha», eine Recherche über die Verstrickungen der Camorra mit den Spitzen der italienischen Politik und Wirtschaft. Seither steht ihr Autor, der Journalist Roberto Saviano, unter Polizeischutz. Weil er sagt, was alle wissen, aber niemand wahrhaben will: dass Italien von der Mafia durchdrungen ist. Und dass die Verbindungen der kriminellen Clans von Neapel, Palermo, Corleone oder Catania aus in die ganze Welt gehen.

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Wer die «ehrenwerte Gesellschaft» angreift, lebt gefährlich. Morddrohungen sind für Saviano alltäglich. Er lebt im Verborgenen. Die Fensterläden seiner Wohnung sind von morgens bis abends geschlossen, ohne Leibwächter verlässt der 45-jährige Neapolitaner das Haus nie. Am Anfang habe ihm niemand eine Wohnung vermieten wollen, scherzte er kürzlich gegenüber einem Journalisten. Bis die Hauseigentümer gemerkt hätten, wie gut er bewacht werde. Und wie sicher das Haus sei, in dem er wohne. Jetzt könne er sich vor Angeboten kaum retten.

Saviano ist ein Star. Reist um die Welt, hält Vorträge, gibt Interviews, nimmt an Podien teil. Er ist ein Markenprodukt. Nur, das offizielle Italien tut sich schwer mit ihm. Wer über die Mafia schreibt, gilt für die Regierung als Nestbeschmutzer. 2018 erklärte Matteo Salvini, damals Innenminister, Saviano brauche keine Polizeieskorte mehr. Der Staat habe kein Geld für überflüssige Aufgaben. Die Mafia witterte ihre Chance, die Drohungen nahmen zu. Die Schutzmassnahmen für Saviano mussten verstärkt werden.

Unerwünscht

Als Italien im vergangenen Jahr Gastland an der Frankfurter Buchmesse war, schloss die Regierung Saviano von der offiziellen Delegation aus. Einen wie ihn wollte man nicht als kulturellen Repräsentanten. Denn Saviano schreibt nicht nur über die Mafia, sondern auch gegen die Regierung von Giorgia Meloni und Matteo Salvini. Zweifelhafte Figuren nennt er die beiden, demokratiefeindlich und gefährlich.

Auf der Buchmesse war Saviano natürlich trotzdem, auf Einladung seines deutschen Verlags. Dass er unerwünscht sei, zeige, wofür Italiens Regierung stehe, sagte er dort: «Wer gewisse Positionen vertritt, gehört nicht zu diesem Land.» Er stehe für alles, wovor die Regierung Angst habe. Meloni rede von Recht und Ordnung. Doch ihre Anti-Mafia-Politik bestehe aus leeren Worten. Es geschehe nichts. Die Korruption breite sich ungehindert aus.

Dagegen schreibt Saviano an. Und lässt nicht ab, trotz allen Einschüchterungsversuchen. Er könne nicht anders, sagte er einmal. Die Mafia sei seine «Obsession». Sein neues Buch «Treue. Liebe, Begehren und Verrat» gilt einem Aspekt, der wenig beachtet wird: der Rolle der Frauen in Cosa Nostra, Camorra und ‘Ndrangheta. In den Clans der Mazzacane, Casalesi, Prestieri oder Corleonesi.

Familiensache

Die Mafia ist eine Männerangelegenheit. Zumindest was das Kerngeschäft betrifft: Drohen, Erpressen, Töten. Doch allein damit lässt sich ein erfolgreiches Verbrechersyndikat nicht betreiben. Dazu braucht es mehr. Mafia, das ist nicht nur Betrug, Drogenhandel, Korruption und Mord. Sondern auch ein Geflecht von Beziehungen, gegenseitigen Abhängigkeiten und Verbindlichkeiten. Von Diensten, die man einander schuldet. Von familiären Verbindungen, die sich ergeben. Oder die man bewusst schafft. Um die Macht der Clans zu sichern.

Mafia ist auch Familiensache. Wer sich in den Dunstkreis einer der Cosce, der tonangebenden Sippen, begibt, übernimmt Verpflichtungen, ob er will oder nicht. Und wird unsanft gemahnt, wenn er sie nicht erfüllt. Ausscheren gibt es nicht. Die «famiglia» steht über allem. Wenn sie oder die geschäftlichen Interessen des Clans gefährdet sind, zählt das Leben eines Menschen wenig. Auch wenn es das des eigenen Sohns oder der Schwiegertochter ist.

In «Treue» zeigt Roberto Saviano, wie Familienbande in der Mafia funktionieren und welche Rollen Frauen dabei haben. Meist stehen sie unter dem Befehl der Männer. Werden behandelt wie Besitz. Als Mütter, die Söhne gebären müssen, Töchter, die strategisch klug verheiratet werden. Als Geliebte, die Männer ausserhalb des Clans zum Reden bringen sollen. Aber nicht nur. Es gibt Frauen, die selbst im Geschäft sind. Als Mafiosa, manche als Capo. Sie haben Macht, auch über die Männer, und nehmen sie wahr. Saviano zeigt: nicht weniger brutal als die Männer.

Was Ehre heisst

Anna Carrino zum Beispiel. Seit ihr Mann Francesco im Gefängnis ist, führt sie die Geschäfte. Illegale Abfallentsorgung. «Commare» wird sie von den Clanmitgliedern ehrerbietig genannt, Gevatterin. Anna weiss auch, was Ehre heisst. Einmal kommt ihr Sohn beschämt nach Hause. Ein junger Mann hat ihn beleidigt. Sie ergreift Gegenmassnahmen. Am nächsten Tag wird der Mann auf der Strasse gefunden, mit zwölf Kugeln im Gesicht. Anna ist eine Jägerin, aber auch Freiwild. Als sie ihren Mann, der sie betrügt, verlassen will, droht er ihr: «Wenn du das machst, betonier ich dich ein.» Sie weiss: Das ist keine blosse Redensart. So bringt die Camorra Menschen zum Verschwinden.

Der Fokus auf die Frauen lässt kein neues Bild der Mafia entstehen. Aber die Machtstrukturen, die die Syndikate bestimmen, werden deutlicher erkennbar, weil es da, wo Frauen involviert sind, nicht nur abstrakt um Ehre und Ansehen geht. Sondern um Begehren, Enttäuschung, Verrat. Und ja, manchmal auch um Liebe. Obwohl, eigentlich hat sie in der Welt des Verbrechens keinen Platz. Gefühle kann sich niemand leisten. Sie zu zeigen, ist gefährlich, es macht verletzbar. Liebe ist ein Risiko. Manchmal ein tödliches. Und die Ehe ist in aller Regel eine Hölle.

Wie bei Vincenzina Marchese. Seit sie ein Kind ist, lebt sie im Dunstkreis der Mafia, ihr Onkel ist Chef einer Cosca. Als junge Frau wird sie mit Leoluca Bargella verheiratet, auch er ein Ehrenmann, Capo der Corleonesi. Die Ehe ist arrangiert, zwei Clans sollen sich verbinden. Dazu braucht es Nachkommen. Doch Vincenzina erleidet eine Fehlgeburt nach der anderen. Fühlt sich schuldig, wird krank, ist überzeugt, dass Gott sie bestrafen will. Schliesslich nimmt sie sich das Leben. Ihrem Mann hinterlässt sie einen Zettel: «Ich bin an allem schuld, ich wollte das nicht.»

Wie ein Lasttier

«Treue» zeigt, wie stark Liebe und Familie in den Clans von den Gesetzen der Mafia bestimmt wird. Aber auch, dass das organisierte Verbrechen auf Familienstrukturen aufbaut. Saviano tut das so, wie er es seit seinem ersten Buch macht: indem er Geschichten erzählt. Er ist ein präziser Rechercheur und ein guter Erzähler. Manchmal vielleicht ein zu guter. Man liest das Buch, als ob man einen Krimi lesen würde. Und muss sich immer wieder bewusst machen, dass das, was da erzählt wird, wirklich so geschehen ist. Es geht nicht um Figuren, sondern um Menschen.

Um Frauen wie Maria Concetta. Mit fünfzehn wird sie verheiratet, bekommt ihr erstes Kind. Und damit ein bisschen Freiheit. Salvatore, ihr Mann, ist durch sie zur ‘Ndrangheta gestossen. Er will Karriere machen. Concetta ist ihm bald im Weg. Sie erkennt, dass sie durch die Heirat nur den Besitzer gewechselt hat: «Im Grunde ist sie so etwas wie ein Lasttier», schreibt Saviano: «Jetzt hält Salvatore die Zügel in der Hand, er sperrt sie im Haus ein, schlägt sie und bedroht sie mit vorgehaltener Waffe.» Sie flüchtet zu einem anderen Mann und wird verprügelt. Nicht von Salvatore, sondern von ihrem Bruder. Die Ehre einer Frau ist Familiensache.

Manche Frauen werden in die Mafia hineingeboren. Andere entscheiden sich bewusst für ein Leben mit einem Capo. Nicht weil ihnen die dunklen Seiten der Männer entgehen würden, sagt Roberto Saviano. Oder weil sie von der Gewalt fasziniert wären. Sie wissen, was sie tun. Die Gesellschaft sei nicht in undurchlässige Sparten getrennt, «schon gar nicht in den Städten, wo öffentliches und kriminelles Leben sehr dicht beieinanderliegen». Die Mafiosi sind Teil der Gesellschaft. Jeder kennt sie, auch wenn niemand darüber spricht.

Ein Preis, der zu bezahlen ist

Für viele Frauen, sagt Saviano, sei der Umgang mit einem Boss «eine Garantie, auf die man notfalls zurückgreifen kann» – im vollen Bewusstsein, dass er ein Krimineller ist. Die Zugehörigkeit zu einem Clan verschaffe den Männern in den Augen ihrer Verehrerinnen «eine Aura fast elterlichen Schutzes und damit Sicherheit». Die Gefahr, die ein Mafioso mit sich bringe, werde «als Risiko betrachtet, das man eingehen muss, ein Preis, der für enorme Vorteile zu bezahlen ist».

Ein hoher Preis. «Commare» Anna Carrino bezahlt ihn. Sie fällt bei ihrer Familie in Ungnade, muss fliehen und sagt der Polizei alles, was sie weiss. Nicht weil sie ein schlechtes Gewissen hätte, sondern aus Rache. Im Haus lassen ihre Kinder alles verschwinden, was ihr gehört. Nichts soll an sie erinnern. Heute lebt Anna unter falschem Namen an einem sicheren Ort. Putzt Wohnungen und kümmert sich um alte Menschen. Sie sei zufrieden, sagt sie.

Roberto Saviano: Treue. Liebe, Begehren und Verrat – die Frauen in der Mafia. Hanser-Verlag, München 2025. 272 S., Fr. 36.90.

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