Alle Jahre wieder: Am Sonntag drehen wir wieder an den Uhren. Über den Debatten der vergangenen Jahre geht vergessen, wie alt die Idee der Zeitumstellung ist.

«Da wird uns wieder eine Stunde gestohlen», denkt so mancher am letzten Sonntag im März. Man glaubt, es sei acht Uhr, aber zwei Stunden nach Mitternacht ist die Uhr um eine Stunde vorgesprungen. Es ist schon neun Uhr, der Vormittag ist halb dahin. Wer hat uns das eingebrockt? Kein Bürokrat, kein Meteorologe, kein Arzt, auch keine Juristin. Der erste Tageslicht-Sparer war ein Engländer, der eine fixe Idee hatte. Sein Name war William Willett, und er war Architekt .

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Auf seinem täglichen Ritt im Morgengrauen aus dem Vorort Chislehurst zu seinem Arbeitsplatz in London fiel dem Frühaufsteher auf, dass in allen Strassen die Vorhänge zugezogen und die Fensterläden geschlossen waren. Und er dachte bei sich: Die Spätaufsteher verpassen den besten Teil eines Sommertages.

1907 fand er dann eine Kur für dieses Fehlverhalten. Unter dem Titel «The Waste of Daylight» (Die Verschwendung von Tageslicht) veröffentlichte er ein Pamphlet, in dem er die Korrektur «eines Defekts unserer Zivilisation» vorschlug. Sein Konzept war zunächst hochkompliziert. «Wenn wir die Länge von vier Sonntagen um 20 Minuten verkürzen, werden wir 80 Minuten mehr Tageslicht nach achtzehn Uhr in den Monaten Mai, Juni, Juli, August haben.»

Geschlossene Fensterläden

Nun war Willett nicht der Erste, der sich eine Massnahme gegen die Verschwendung von Tageslicht ausdachte. Die alten Römer kannten die römische Stunde, die im Winter 44 Minuten dauern konnte und im Sommer lange 75. Der englische König Edward VII. drehte schon 1901 die Uhren auf Schloss Sandringham um 30 Minuten zurück, um länger jagen zu können.

Einen grossen Vorgänger hatte Willett in Benjamin Franklin, einem der Gründerväter der USA. So wie Willett die geschlossenen Fensterläden in London nervten, fielen dem Botschafter Franklin 1784 in Frankreich die Pariser auf, die lange nach Sonnenaufgang noch schliefen.

Franklin rechnete aus, dass die Pariser bei der Verschwendung von Tageslicht unnötigerweise jeden Sommer 64 050 000 Pfund Kerzen zu unerhörten Preisen verbrauchen. Seine Lösung: ein Frühaufsteher-Gesetz: «Sobald die Sonne aufgeht, sollen alle Kirchenglocken läuten. Reicht das nicht, sollen Kanonen in jeder Strasse abgefeuert werden, um die Faulpelze aus den Betten zu treiben.» Die Pariser kümmerte die puritanische Idee dieses komischen Yankees nicht, sie zogen die brennenden Kerzen dem Kanonendonner vor.

Das Wohlbefinden des Volkes

Franklin hatte, wie seine Kerzenrechnung zeigt, die Ersparnis von Energie im Sinn, eine Art Energiewende avant la lettre, durch Sonnenlicht. Auch Willett sah deutliche Einsparungen von Kerzen, Gas und Öl voraus, wenn diese Quellen durch Tageslicht ersetzt würden. Der Baumeister Willett war auch ein Menschenfreund.

Der grösste Vorteil seiner Idee sei «das gemeinsame Wohlbefinden» des Volkes, fand er. Mit der Ausdehnung des Tageslichts könnten Parks und alle Freizeitorte länger genutzt werden. Selbst ein leidenschaftlicher Golfer und Jäger, fand er es ärgerlich, dass er im Sommer schon um acht Uhr abends seine sportlichen Betätigungen einstellen musste, obwohl die Sonne noch schien.

Stur verfolgte der sportliche Baumeister seine Idee, bis sie schliesslich 1908 im Parlament zur Abstimmung kam. Es half nichts, dass der Plan bedeutende Fans wie David Lloyd George, den jungen Winston Churchill und Arthur Conan Doyle hatte. Der Autor von «Sherlock Holmes» trat für «eine Änderung um eine Stunde» ein. «Das wäre eine runde Zahl, die wenig Verwirrung stiftet.» Doch der Antrag fiel im Parlament durch.

Ein «Akt des Wahnsinns»

Willett kämpfte unbeirrt weiter, auch in Europa und den USA. Widersacher wie Bauern, die einen Milchmangel voraussagten, weil die Kühe in ihrem Rhythmus gestört würden, Ingenieure, die Zugunglücke an die Wand malten, weil die Fahrpläne durcheinander gerieten, beachtete er nicht. Die Amerikaner blieben so stur wie die Engländer. Die «New York Times» nannte die Idee einen «Akt des Wahnsinns».

Dann kam der Erste Weltkrieg. Ausgerechnet die Deutschen führten am 30. April 1916 die Sommerzeit ein. Nicht Willetts «gemeinsames Wohlbefinden» war der Grund dafür, sondern der Krieg. Die Kriegswirtschaft frass Energie, und die Zeitumstellung senkte den Verbrauch von Petroleum und Kohle.

Die Engländer folgten den Deutschen nur 17 Tage später und führten die «Willett Time» ein. Der Name des tapferen Vorkämpfers überdauerte nicht lang und wurde bald ganz unpersönlich zur «British Summer Time». Viele Länder schlossen sich an. 1919 folgten trotz dem Veto von Präsident Wilson auch die USA. «DST» – «Daylight Saving Time» – hatte sich durchgesetzt. Und Willett war vergessen.

Immer die falschen Mehrheiten

Und heute? Ein Viertel der Weltbevölkerung lebt mit der jährlich zweimal verstellten Uhr. Für die Abschaffung etwa in der EU finden sich nie die richtigen Mehrheiten, wenn auch 75 Prozent dafür votieren. Der Haken: Die einen wollen nur Sommerzeit, die anderen nur Winterzeit und wieder andere Staaten wollen, dass es so bleibt, wie es ist. Die Argumente laufen hin und her, wie seit hundert Jahren.

Wie politisch das Thema ist, zeigte sich 2015 in Nordkorea. Zum 70. Jahrestag der Befreiung wurde dort die Uhr um 30 Minuten zurückgestellt, zurück zu der Zeitzone, die vor der japanischen Besatzung galt. Begründung war nicht das Tageslicht, sondern «die Ausmerzung der Überbleibsel der japanischen Kolonialzeit.»

Zeitumstellung schafft nicht die Energieersparnis, die einst in Kriegen und Krisen ihr Treiber war. Die Zeitverschiebung wird als Mini-Jetlag gehandelt, auch als Verstärker von Schlafstörungen, Studien haben gar ein erhöhtes Infarktrisiko gefunden. An langen Sommerabenden kann die gewonnene Stunde aber noch immer nach Willetts Vorstellung «gewürzt mit Fröhlichkeit» empfunden werden. Seine Idee raubt uns am letzten Sonntag im März eine Stunde. Doch das fühlt sich immer noch besser an als Benjamin Franklins Glockengeläut und Kanonendonner.

Und wen das nicht tröstet: Am letzten Oktober-Sonntag bekommen wir die gestohlene Stunde wieder zurück.

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