Montag, Februar 2

Die Bewohnerinnen und Bewohner sind seit Monaten der Gewalt der Natur ausgeliefert. Wann ist es Zeit aufzugeben?

Das Ende kommt schleichend. Der südliche Teil der Reykjanes-Halbinsel bebt seit einer Stunde unentwegt, als die Erde am 29. Mai um 12 Uhr 46 nachgibt und ein Strom aus Lava fünfzig Meter in die Höhe schiesst. Es ist die fünfte Eruption der Sundhnukur-Kraterkette in den letzten sechs Monaten.

Für das Fischerdorf Grindavik im Südwesten Islands könnte es das Ende bedeuten. Die Regierung hat den Ort zur Sperrzone erklärt und damit begonnen, den Bewohnerinnen und Bewohnern ihre Häuser abzukaufen. Für die Behörden ist klar: Grindavik ist gefährlich. Im Januar fiel ein Mann in eine zwanzig Meter tiefe Erdspalte und starb. Es soll bei diesem einen Todesopfer bleiben. Viele Bewohnerinnen und Bewohner wollten dennoch zurückkehren. Doch mit jeder Eruption, mit jeder Evakuierung bröckelt die Hoffnung.

Die Gewalt der Natur reisst das Dorf in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen Menschen wie Gudni Oddgeirsson. Er sagt: «Ich kann das nicht mehr: alle paar Monate nachts aufwachen und evakuiert werden. Ich brauche einen Zufluchtsort, einen sicheren Hafen. Ausserhalb von Grindavik.» Im anderen Lager sind jene, die so denken wie Eva Lind Matthiasdottir: «Wir dürfen nicht aufgeben. Grindavik braucht Menschen, die zurückkehren – so schnell wie möglich.»

Wird diese Evakuierung die letzte sein?

Der Realist

Gudni Oddgeirsson sitzt im Auto vor dem Checkpoint westlich von Grindavik und wartet. Es ist Freitagnachmittag, zwei Tage nach der letzten Evakuation. Das Dorf ist immer noch eine Sperrzone, ohne triftigen Grund lassen die Behörden eigentlich niemanden hinein, doch die Menschen von Grindavik leben nach ihren eigenen Regeln. Dafür, dass niemand den Ort betreten sollte, herrscht an der Zugangsstrasse ziemlich reger Verkehr.

Bild links: Gudni Oddgeirsson sorgt sich um die Zukunft seines Dorfes. Bild rechts: Lavaströme haben die Umgebung von Grindavik in Grau getaucht.

Auch Oddgeirsson kommt ohne Probleme durch. Ein Mann, der am Strassenrand Wache hält, notiert sich seine Sozialversicherungsnummer auf einem Klemmbrett und lässt ihn dann passieren. Wenige hundert Meter vom Checkpoint entfernt wird die Strasse von dampfender schwarzer Erde versperrt. Es riecht nach Schwefel. Lavaströme haben das Dorf auf mehreren Seiten umschlossen. Das Auto biegt auf einen Feldweg ein – von Westen her ist es die einzige Verbindung in das Dorf.

In der Nähe des Hafens steht das Lagerhaus des Logistikunternehmens, für das Oddgeirsson arbeitet. Einen Tag vor der erneuten Evakuation Ende Mai hatten seine Kollegen und er ihre Büros in Grindavik nach einem halben Jahr im Exil wieder bezogen. «Es war ein wirklich guter Zeitpunkt, um zurückzukommen», sagt Oddgeirsson trocken. Schwarzer Humor, auch auf seiner Dächlikappe mit der Aufschrift: «I lava you».

Als Kind sass Oddgeirsson oft am Hafen und sah den Schiffen beim ein- und auslaufen zu. Sein Vater verbrachte viel Zeit auf hoher See. Später, als er eine Stelle beim nahe gelegenen Kraftwerk antrat, reiste er nach Neuseeland und Asien, um dort für die isländische Geothermietechnik zu werben. In Grindavik hatte Oddgeirsson trotzdem immer eine Familie: seine Mutter und seine Schwester, seine Grosseltern, seine Tanten, deren Partner und Kinder. Auch er träumte davon, in Grindavik eine eigene Familie zu gründen. Doch dann begann die Erde zu beben. Das Beben vom 10. November war anders als jene in all den Jahren zuvor – stärker, bedrohlicher.

An jenem Tag beendete Oddgeirsson seine Arbeit früher als sonst und fuhr zur Zentrale des örtlichen Such- und Rettungsteams. Er hörte die Erdbeben kommen, es war ein lautes, unentwegtes Grollen. Als er durch den engen Korridor ging, der die Garage mit der Garderobe verbindet, sah er, wie die Wände schwankten. Im ersten Stock setzte er sich auf einen Bürostuhl und fühlte, wie sich das Gebäude unter ihm bewegte, während er auf den Rädern an Ort und Stelle blieb. «Ich hatte keine Angst, aber das war schon unheimlich.»

Seit Oddgeirsson 14 Jahre alt ist, arbeitet er als Freiwilliger im Such- und Rettungsteam. Als Teenager faszinierten ihn die schnellen Boote und Fahrzeuge. Heute treibt ihn das Bedürfnis an, anderen zu helfen. Bevor der Vulkan bei Fagradalsfjall im März 2021 zum ersten Mal seit 815 Jahren ausbrach, konzentrierten sich die meisten Rettungseinsätze auf das Meer.

Der erste Krater lag in sicherer Entfernung vom Dorf, und er war berechenbar. Fagradalsfjall wurde zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen Islands. Oddgeirsson sagt: «Ich weiss noch, wie wir uns gefreut haben über die vielen Menschen, die nach Grindavik reisten, die in den Restaurants assen und in den Herbergen übernachteten.»

Besucher aus dem In- und Ausland wollten möglichst nah heran. Manche versuchten, den Vulkan in Turnschuhen und Jeans zu erklimmen, und wurden vom Wetter überrascht. Oddgeirsson und seine Kollegen eilten ihnen dann mit einem Rettungstruck zu Hilfe. Sie tauften das Fahrzeug «Volcano Hunter».

Der Einsatz vom 10. November sollte anders werden. Um 17 Uhr sass Oddgeirsson auf seinem Bürostuhl und dachte an die Türkei. Er erinnerte sich an die Bilder, die im Februar 2023 um die Welt gegangen waren: eingestürzte Häuser, Menschen vor Ruinen, 50 000 Todesopfer. Um 23 Uhr entschieden die Behörden, Grindavik zu evakuieren. Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Anwohner das Dorf bereits verlassen. An die Fenster hatten sie für das Rettungsteam Zettel geklebt mit der Botschaft «Farin» – «Gegangen». Um 5 Uhr in der Früh ging auch Oddgeirsson.

Seit dieser Nacht ist in Grindavik nichts mehr, wie es war. Es folgten vier weitere Eruptionen und Hunderte von Erdbeben. Im Nordosten des Dorfes wurden im Januar drei Häuser von der Lava verschluckt. Aus der schwarzen Masse ragen nur noch die Überreste einer Fassade – verrostetes Wellblech, zusammengedrückt wie eine Getränkedose. Etwas weiter südlich hat sich unter einem Reihenhaus die Erde gewölbt. Eine Gebäudehälfte ragt schief nach oben. Um viele Häuser hängen orange Wimpelketten. Was aussieht wie Dekoration für ein Gartenfest, ist in Wahrheit ein Warnsignal: Achtung! Einsturzgefahr!

Oddgeirsson hat seit Januar nicht mehr in Grindavik übernachtet. «So will ich nie mehr aufwachen», hatte er sich nach seiner letzten Nacht im Dorf gesagt, als er von einem Erdbeben wachgerüttelt worden war und hatte flüchten müssen. Als die isländische Regierung im Februar verkündete, den Anwohnerinnen und Anwohnern von Grindavik ihre Liegenschaften abzukaufen, hat Oddgeirsson sofort unterschrieben. Sein Schlafzimmer ist immer noch vollständig möbliert. In der Ecke steht ein Staubsauger, an der Türe hängt ein mit silbrigen Pailletten bestickter Overall – das Überbleibsel einer Kostümparty. «Wenn die Lava kommt, kann sie alles hier haben.»

Was Gudni Oddgeirsson von seinem früheren Leben geblieben ist, hatte – bis auf das Sofa – in wenigen Taschen Platz: seine Kleider, das Portemonnaie seines verstorbenen Grossvaters und gemalte Bilder von seinen zwei Hunden, die seit der Trennung bei seiner Ex-Freundin leben.

Die Kämpferin

Eva Lind Matthiasdottir ist keine Frau, die sich von anderen etwas vorschreiben lässt. Der Mann am Checkpoint blickt sie fast schon flehend an, doch Matthiasdottir drückt auf das Gaspedal. «Es wäre ihm lieber gewesen, wir wären umgekehrt», sagt sie und zuckt mit den Schultern. «Ich hab ihm gesagt, dass ich in mein Haus gehen will, um nach dem Rechten zu sehen.»

Bild links: Eva Lind Matthiasdottir lebt mit ihrer Familie seit der Räumung in Provisorien. Sie möchte nur eins: zurück nach Grindavik. Bild rechts: Die Bibel ist ein Geschenk der Grossmutter: «Ich bin nicht gläubig, aber wenn es einen Gott gibt, würde er kaum sein eigenes Buch zerstören, oder?»

Seit November wird das Leben der Anwohnerinnen und Anwohner von vielen Regeln bestimmt. «Lächerlich. Sie schreiben uns vor, wer wann mit welchem Fahrzeug zu welchem Haus fahren darf, weil es angeblich so gefährlich ist», sagt Matthiasdottir und schnaubt verächtlich. «Gleichzeitig veranstalten sie Pressetouren und lassen Journalisten unsere Häuser fotografieren. Ein Reporter ist sogar in ein verlassenes Haus eingebrochen.»

Matthiasdottir parkiert am westlichen Dorfrand. Perfekt gepflasterte Einfahrten, akkurat geschnittene Hecken und saftig-grüne Rasenflächen umsäumen bunte, einstöckige Einfamilienhäuser. In ihrem Haus zeugen einzig die abgestandene Luft und eine Pfütze auf dem Küchenboden von der Naturkatastrophe, die sich vor der Haustüre abgespielt hat. Beim Besuch ist das Dorf seit vier Tagen ohne Strom, und der Gefrierschrank ist aufgetaut. Auf dem DVD-Regal im Wohnzimmer liegt eine Bibel. Matthiasdottir nimmt sie in die Hand und sagt: «Ich bin nicht gläubig, aber wenn es einen Gott gibt, würde er kaum sein eigenes Buch zerstören, oder?»

Vor neun Jahren zog Matthiasdottir nach Grindavik – «wegen eines Jungen», wie sie sagt. Die Beziehung hielt nicht, doch sie ist geblieben und hat im 3600-Einwohner-Dorf einen neuen Partner gefunden. «Als er mich seiner Familie vorgestellt hat, kam es mir vor, als sei jeder Zehnte aus Grindavik mit ihm verwandt», sagt sie und lächelt. Es war eine Welt, die anders war als ihre eigene.

Matthiasdottir ist in Akranes, einer Hafenstadt nördlich von Reykjavik, aufgewachsen. Mit 17 Jahren wurde sie Mutter und brach die Schule ab. Tagsüber kümmerte sie sich um ihre Tochter, nachts – wenn ihre Mutter zu Hause einsprang – schuftete sie in der örtlichen Aluminiumfabrik. «Es gibt doch diese Redewendung, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind grosszuziehen. Erst in Grindavik habe ich verstanden, was das bedeutet.»

Es sei die Gemeinschaft, die sie in Grindavik am meisten schätze. Heute gehören zu Matthiasdottirs Patchworkfamilie vier Kinder und ein Enkelkind, die alle unter einem Dach leben. Matthiasdottir deutet aus dem Wohnzimmerfenster: «Als wir angefangen haben, die Terrasse zu bauen, eilten uns sofort Nachbarn zu Hilfe. Im Gegenzug habe ich für alle Kinder der Strasse Hotdogs grilliert.»

Doch genau diese Gemeinschaft ist in Gefahr. Die Einwohnerinnen und Einwohner leben inzwischen in ganz Island verstreut. Auch Besuche an den Wochenenden sind inzwischen nicht mehr möglich, seit Grindavik für unbestimmte Zeit zur Sperrzone erklärt wurde. Matthiasdottir sagt: «Ich frage mich, wo wir uns jetzt treffen sollen.»

Am Abend der ersten Evakuierung spielte Matthiasdottir im Wohnzimmer Dart, während die Lampen über dem Esstisch hin- und herschwangen. «Gegen 20 Uhr sagte ich zu meinem Mann, dass es bestimmt bald aufhöre, schliesslich bebte die Erde schon seit sechs Stunden.» Stattdessen bekam sie eine Textnachricht: Evakuierung!

Seit dieser Nacht sind ein halbes Jahr und vier Umzüge vergangen. Im Januar ist die achtköpfige Familie in eine 5-Zimmer-Wohnung in Reykjavik gezogen. Noch bis Ende Jahr zahlt der Staat 90 Prozent der Miete. So lange hat Matthiasdottir Zeit, zu entscheiden, ob sie ihr Haus in Grindavik an die Regierung verkaufen will. Tut sie es nicht, verliert die Familie den Anspruch auf staatliche Hilfe. Die Regierung stellt die Bewohnerinnen und Bewohner bewusst unter Zugzwang. Das Ziel: sie so rasch wie möglich umzusiedeln.

Während die meisten ihrer Nachbarn die Kaufverträge bereits unterzeichnet haben, zögert Matthiasdottir. Das Leben in Reykjavik bestehe aus Stau, roten Ampeln und unfreundlichen Nachbarn. Am schwersten getroffen habe die Umstellung den jüngsten Sohn. Der 12-Jährige sei psychisch stark angeschlagen.

Wann das Dorf freigegeben wird und wie lange es bis zur nächsten Evakuierung dauert, weiss niemand. Trotzdem will Matthiasdottir nur eines: zurück nach Hause. Sie sagt: «Je länger wir warten, desto schwieriger wird es, Grindavik neu aufzubauen.» Die zerstörten Häuser müssten abgerissen, die Schule neu gebaut und das Dorf für Touristen geöffnet werden. Jemand müsse den Anfang machen, und dieser jemand will sie sein.

Auf dem Rückweg hält Matthiasdottir an und zeigt zum Horizont. Dort, nur wenige Kilometer entfernt, steht der Vulkan Sundhnukur. Die Mitte des Kraters leuchtet rot, alle paar Sekunden sprüht glühendes Magma zum Himmel. «Er ist atemberaubend», sagt Matthiasdottir und fügt an: «Wir müssen lernen, mit der Natur zu leben.»

Eine Woche nach dem Treffen schreibt Eva Lind Matthiasdottir eine Nachricht. «Ich habe mein Haus heute dem staatlichen Immobilienunternehmen zum Kauf angeboten.» Die Tatsache, dass es in Grindavik nach den Sommerferien keine Schule geben werde, habe sie zum Umdenken gebracht. Sobald eine Rückkehr möglich sei, werde sie das Haus mieten.

Gudni Oddgeirsson ist weniger zuversichtlich. Er ist nach Vogar, das Nachbardorf von Grindavik, gezogen. Seine alte Wohnung musste er der Immobilienfirma geputzt übergeben. Sobald Grindavik wieder als sicher gilt, wird diese die Liegenschaft vermieten oder weiterverkaufen. Oddgeirsson hat auf ein Vorkaufsrecht verzichtet. Er hofft darauf, in der Zwischenzeit eine Frau zu finden, mit der er eine Familie gründen kann. Irgendwann, da ist er sich sicher, wird er nach Grindavik zurückkehren.

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