US-Präsident Trump will einen hohen Ausgleichszoll für die Schweiz erheben. Doch mit angeblichen Handelshürden hat dieser nichts zu tun. Welche Schweizer Produkte am stärksten betroffen sind.

Donald Trump nahm sich viel Zeit. Nicht weniger als 53 Minuten plauderte der Präsident im Rosengarten des Weissen Hauses über die neue Zollpolitik der USA und liess sich zu allerlei Abschweifungen hinreissen. Auf die Frage, wie sich die Höhe der neuen Zölle errechne, ging Trump allerdings nur sehr knapp ein. Er sagte: «Für Länder, die uns schlecht behandeln, werden wir den kombinierten Satz all ihrer Zölle, nichtmonetären Barrieren und anderen Formen des Betrugs berechnen.»

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Klarheit schaffte die Aussage nicht. Und als Trump eine Schautafel mit den künftig geltenden Zollsätzen präsentierte, rätselte man rund um den Globus, welche ökonomische Methodik hinter dem Zahlenwerk stehen könnte.

Gross war die Verwirrung auch in der Schweiz. Denn mit sogenannten reziproken Zöllen von 31 Prozent ist das Land unerwartet heftig – und gar noch stärker als die Europäische Union (20 Prozent) – von Amerikas protektionistischer Aussenwirtschaftspolitik betroffen. In einem späteren Dekret des US-Präsidenten war dann sogar von 32 Prozent für die Schweiz die Rede.

1. Wie wird die Zollhöhe berechnet?

Faktisch hat die Trump-Administration eine simple Formel angewendet. Sie betrachtet zunächst das Defizit, das die USA gegenüber einem Land im Güterhandel haben. Im Fall der Schweiz betrug dieses Defizit im Jahr 2024 rund 38,5 Milliarden Dollar. Das heisst, dass die Schweiz in diesem Umfang mehr Güter in die USA lieferte, als die Amerikaner umgekehrt in die Schweiz verkauften. Solche Defizite stören Trump seit langem.

In einem zweiten Schritt teilt die Trump-Administration das Defizit durch die Gesamtsumme der Schweizer Güterexporte in die USA. Diese betrugen 2024 rund 63,4 Milliarden Dollar.

Aus dieser Division (38,5/63,4) ergibt sich ein Wert von 61 Prozent. Aber weil man «nett» sei, sagte Trump, halbiere man die Zahl. Daraus resultiert der von ihm präsentierte Ausgleichszoll von 31 Prozent, der ab 9. April für die Schweiz gelten soll.

2. Was ist die Begründung dahinter?

Trumps Handelsbeauftragter lieferte eine Begründung für diese Berechnungsmethode nach. Man wolle die Zollhöhe so festlegen, dass das Handelsbilanzdefizit gegenüber einem Land verschwinde. Im Fall der Schweiz hiesse das: Der hohe Zoll soll die helvetischen Exporte in die USA so stark bremsen, dass sie nicht mehr grösser sind als die Warenausfuhren der Amerikaner in die Schweiz. Bei jedem einzelnen Land wurden entsprechend unterschiedlich hohe Zölle festgelegt.

Der Handelsbeauftragte lieferte eine Formel für die Berechnungen mit. Dabei verwies er auf wissenschaftliche Literatur, beispielsweise zur Frage, wie stark Zölle die Nachfrage der amerikanischen Konsumenten nach Gütern vermindern.

3. Warum taugt der Ansatz nicht?

Die Berechnungsmethoden der Trump-Administration zogen umgehend Kritik auf sich. Drei Probleme stehen im Zentrum.

Erstens wird nur der Güterhandel betrachtet. Aber der internationale Austausch umfasst auch Dienstleistungen. Beispielsweise verkauft Microsoft viele Softwarelizenzen in der Schweiz, Netflix zählt zahlreiche Streaming-Kunden.

Im Handel mit Dienstleistungen erwirtschaften die USA einen Überschuss gegenüber der Eidgenossenschaft. Im Jahr 2024 betrug das Plus 21,3 Milliarden Dollar. Wenn man Güter und Dienstleistungen zusammennimmt, ist der bilaterale Handel deutlich ausgeglichener. Das gesamte Handelsbilanzdefizit betrug im Jahr 2024 nur 16,8 Milliarden Dollar.

Zweitens sind die Zölle – entgegen Trumps Behauptung – nicht «reziprok». Sie zielen nicht direkt auf tatsächliche oder vermutete Handelshemmnisse ab. Vielmehr liegt den Gegenzöllen die Annahme zugrunde, dass jedes Defizit auf unfaire Praktiken zurückzuführen ist. Das ist ökonomisch haltlos, zumal beispielsweise auch Unterschiede der Wirtschaftsstruktur oder des Sparverhaltens eine Rolle spielen.

Die auferlegten Zölle entsprechen nicht den Zöllen, die die Gegenseite bei amerikanischen Waren verlangt. So wird Argentinien nur mit dem «Normalsatz» von 10 Prozent belegt, obwohl das Land gegenüber den USA höhere Zölle verlangt. Grund ist, dass die USA gegenüber Argentinien einen Handelsbilanzüberschuss haben. In der Schweiz ist es umgekehrt: Auf Anfang 2024 wurden alle Industriezölle abgeschafft, und die Importzölle liegen weit unter jenen der USA. Doch die Schweiz verkauft mehr Waren in die USA als umgekehrt.

Drittens beruhen die Berechnungen der Trump-Administration auf einer pseudowissenschaftlichen Formel. Diese trifft unrealistische Annahmen – zum Beispiel, dass sich die Zölle nicht auf den Dollar-Wechselkurs auswirken werden. Zudem setzt der Handelsbeauftragte ziemlich freihändig Werte in die Formel ein, so dass am Ende eine leicht nachvollziehbare Division resultiert. Dass die Übung mehr mit Willkür als mit wissenschaftlicher Präzision zu tun hat, illustrierte Trump, indem er die Höhe der Zölle kurzerhand nochmals halbierte.

Amerikanische Ökonomen können dem Ansatz der Regierung keinerlei Logik abgewinnen. Der Handelsexperte und Nobelpreisträger Paul Krugman spekuliert sogar, dass die Trump-Regierung auf der Suche nach einer Zollformel einfach Chat-GPT und andere KI-Modelle zu Rate gezogen hat.

4. Welche Produkte aus der Schweiz sind betroffen?

Der Ausgleichszoll von 31 – oder womöglich 32 – Prozent für die Schweiz soll ab 9. April gelten. Bis dahin gelingt es den Schweizer Behörden allenfalls, der Trump-Administration noch Änderungen abzuringen.

Das wichtigste Schweizer Exportprodukt sind Medikamente. Mit 31 Milliarden Franken machten Pharmaprodukte im Jahr 2024 rund die Hälfte der Gesamtexporte in die USA (inklusive Edelmetallen) aus. Medikamente sind aber vorerst vom Ausgleichszoll ausgenommen. Doch das könnte nur ein Aufschub sein: Trump hat bei früheren Gelegenheiten angekündigt, einen separaten Zoll von 25 Prozent auf Pharmazeutika zu erheben.

Das zweitwichtigste Schweizer Exportprodukt sind Gold, Edelsteine und Schmuck (14 Milliarden Franken). Doch diese Waren werden vor allem über die Schweiz gehandelt; es sind hierzulande nur wenig Wertschöpfung und wenige Arbeitsplätze gefährdet. Zudem sind Goldbarren vom Ausgleichszoll ausgenommen.

Anders ist dies bei Uhren und Präzisionsinstrumenten (8,2 Milliarden Franken). Betroffen wäre etwa auch Kaffee (1 Milliarde Franken): Nestlé stellt alle Nespresso-Kapseln für den weltweiten Markt in der Westschweiz her.

Die Schweizer Firmen werden wohl versuchen, die Zölle den amerikanischen Konsumenten aufzubürden. Die Aktienanalytiker der ZKB schätzen, dass Schweizer Nahrungsmittelfirmen ihre Produkte in den USA um 11 bis 13 Prozent verteuern müssten und die Uhrenhersteller ihre um 18 bis 20 Prozent, um den Effekt der Zölle zu neutralisieren.

Dennoch sind Schäden für die Gesamtwirtschaft zu befürchten. Denn Trumps Zölle werden den internationalen Warenhandel bremsen und die Weltwirtschaft belasten. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) schätzt, dass die Zölle die Schweizer Wirtschaftsleistung je nach Umsetzung, Reaktionen und Zeithorizont um 0,2 bis 0,6 Prozent pro Jahr verringern könnten.

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