Der Mitte-Mann hat geschafft, wovon FDP und SVP nur träumen können: in einer linken Stadt die meisten Stimmen zu holen.
Nach zwei Jahrzehnten in der Winterthurer Stadtregierung und 13 Jahren als Stadtpräsident hat Michael «Mike» Künzle genug. Er wird 2026 nicht zur Wiederwahl antreten.
Künzles Abgang ist über Winterthur hinaus von Bedeutung. Als Bürgerlicher im Präsidium einer Grossstadt ist er eine Ausnahmeerscheinung. In den zehn grössten Schweizer Städten ist Rot-Grün seit Jahren die dominante Macht. Die FDP stellt in keiner einzigen von ihnen den Stadtpräsidenten, und die sonst so mächtige SVP schafft es kaum an einem Ort überhaupt noch in die Stadtregierung. Im grossstädtischen urbanen Milieu wählt man links.
Ausser beim Winterthurer Stadtpräsidium. Da schrieben die Stimmberechtigten immer wieder Künzle auf, den Mann der Mitte und des Volks. Er war weitgehend unbestritten und ungefährdet. 2018 schaffte er einmal eine Wahl erst im zweiten Wahlgang, aber schon vier Jahre später war er wieder der Stadtrat mit den meisten Stimmen.
Das lag an seiner Zugänglichkeit und seiner Bekanntheit, aber auch am Glück der Departementsverteilung. Die beiden grossen Skandale Winterthurs in den letzten Jahren, die Krise bei der Polizei und die Wärmering-Affäre, fielen nicht in seine direkte Verantwortung. Dafür mussten andere den Kopf hinhalten und abtreten.
Es ist bezeichnend, was die Stadt Winterthur am Mittwoch als Künzles grosse Erfolge aufführte, etwa den Umzug der Stadtverwaltung in ein neues Gebäude, eine Feier zu 750 Jahren Stadtrecht oder ein neues Museumskonzept. Das ist nicht der Stoff, an dem man sich als Politiker die Finger verbrennt.
Für die Zürcher Mitte, diese Kleinpartei mit einem erstaunlich grossen Anteil an Regierungsmitgliedern, ist Künzles Abgang ein Verlust. Sie kann sich damit trösten, dass sie mit Silvia Steiner ein Mitglied der Kantonsregierung stellt. Noch. Die 67-Jährige dürfte es Künzle gleichtun und in zwei Jahren auf eine weitere Amtszeit verzichten.