Der Grossanlass im September 2024 hinterlässt ein Millionendefizit. Jetzt spricht der Geschäftsführer des Schweizer Radsportverbandes über Versäumnisse und die harzige Kooperation mit Stadt und Kanton.

Die Strassenrad-Weltmeisterschaften 2024 wurden von Debatten um Strassensperren begleitet. Eine Nachwuchsfahrerin verunfallte tödlich. Jetzt ist auch noch ein Millionendefizit entstanden. Waren die WM ein Flop?

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Thomas Peter: Der Tod von Muriel Furrer begleitet uns immer noch täglich und überschattet alles. Aber wenn wir versuchen, das auszublenden, sehe ich entgegen dem allgemeinen Tenor auch positive Aspekte.

Zum Beispiel?

Am zweiten Wochenende waren 700 000 bis 800 000 Menschen an der Strecke, die Freude an spannenden Rennen hatten. Ich habe eine riesige Begeisterung gespürt. Wir konnten unseren Schweizer Athletinnen und Athleten das einmalige Erlebnis von Heim-WM ermöglichen.

Oberster Schweizer Velo-Funktionär

PD

Thomas Peter

Der diplomierte Sportmanager ist seit 2021 Geschäftsführer von Swiss Cycling. Er war im Schweizer Radsportverband zunächst für die Mountainbike-Disziplin zuständig und arbeitete sich Schritt für Schritt an die Spitze.

War es richtig, die Titelkämpfe im Para-Cycling ebenfalls im Zentrum von Zürich stattfinden zu lassen?

Es ist eine Abwägung. Manche Berufstätige konnten vielleicht an einzelnen Tagen nicht mit dem Auto nach Hause fahren. Dafür wurde Menschen, die wirklich harte Schicksalsschläge hinter sich haben, einmal im Leben eine grosse Bühne geboten. Jeder soll für sich selber entscheiden, was ihm wichtiger ist. Aber die weitreichenden Konsequenzen sind nicht zu bestreiten: Durch die Inklusion hatten wir nicht 13 Rennen, sondern 38. Das führte zu mehr Verkehrseinschränkungen, was negative Berichterstattung auslöste, die wiederum Sponsoren zurückhaltender werden liess. Ich will das Para-Cycling nicht für alles verantwortlich machen, aber die Erweiterung des Anlasses war ein wesentlicher Grund für das Defizit.

Der Sponsorenmangel hatte auch andere Gründe: Laut einem Untersuchungsbericht von Deloitte wurde erst im Januar 2023 richtig mit der Akquise begonnen.

Losgelöst vom konkreten Anlass, kann ich sagen, dass es unrealistisch ist, in einer so kurzen Zeit Sponsoren in der erhofften Grössenordnung zu finden. Bei den letzten zehn Partnerschaften, die Swiss Cycling abgeschlossen hat, dauerte der Prozess vom ersten Gespräch bis zum Vertragsabschluss stets mindestens ein halbes Jahr, manchmal auch mehr als ein Jahr.

Abgesehen vom sehr kurzen Zeitfenster: Warum ist es nicht ausreichend gelungen, Zürcher Unternehmen einzubinden?

Bei der Vergabe der WM nach Zürich hatten wir die Hoffnung, die dort ansässige Wirtschaftspower zu nutzen. Wir dachten, die Stadt müsse Kontakte zu Konzernen wie der UBS haben. Wir von Swiss Cycling telefonieren nicht jede Woche mit Sergio Ermotti. Wir hofften, dass langfristige Kooperationen entstehen.

Es hat offensichtlich nicht funktioniert.

Im Gegenteil. Jetzt ist es eher so, dass es Firmen gibt, die einen Bogen um den Radsport machen.

Im Untersuchungsbericht steht, ein Vertreter von Swiss Cycling habe im Dezember 2022 davor gewarnt, dass die anvisierten Sponsoring-Beträge sehr hoch kalkuliert seien: Es handle sich um eine Rad-, keine Fussballveranstaltung. Haben Sie Stadt und Kanton in der Planung als naiv wahrgenommen?

Das Zitat stammt aus einem Sitzungsprotokoll, also wird es wohl stimmen. Weiter kann ich mich dazu nicht äussern.

Hat auch Swiss Cycling die Stimmungslage in Zürich falsch eingeschätzt? Es gab Dutzende Einsprachen aus dem Gewerbe.

Entscheidend war der Protest vom Kinderspital. Als die Bedenken von Spitalvertretern wegen der Zufahrtswege öffentlich wurden, sprach das Organisationskomitee mit ihnen bereits über Lösungen, die es dann natürlich auch gab. Kein Veranstalter möchte für Sportwettkämpfe ein Spital blockieren. Aber es kam zu einem öffentlichen Aufschrei. Danach fanden die Veranstalter nie mehr aus der Verteidigungsposition heraus. Wir von Swiss Cycling hatten vor der Vergabe die Komplexität der Organisation eines solchen Anlasses in einer Grossstadt wie Zürich unterschätzt.

2018 schätzte Swiss Cycling die Gesamtkosten auf 15 bis 20 Millionen Franken. Auch der Verband war zu optimistisch.

Da muss ich widersprechen: Diese grobe Schätzung war nicht auf Zürich bezogen – und sie kalkulierte ohne Para-Cycling.

Wer entschied, Para-Cycling zu integrieren?

Das war ein starker Wunsch der Stadt Zürich. Wir von Swiss Cycling haben das begrüsst.

Später entstand ein Budget, das gemäss Deloitte «Fehler, ungenaue Angaben und zu niedrige Reserven» enthielt. Es gab einen millionenschweren Irrtum bei der Mehrwertsteuer. Wie konnte das passieren?

Dazu kann ich mich nicht äussern, es fällt nicht in unseren Zuständigkeitsbereich.

Spätere Budget-Versionen liessen ein mögliches Defizit in Millionenhöhe befürchten. Der Vertrag mit dem Weltverband UCI enthielt eine Ausstiegsklausel, die bis Ende Januar 2023 galt. Wäre es aus finanzieller Sicht ratsam gewesen, die WM zurückzugeben?

Auch dazu kann ich mich nicht äussern, zumindest nicht, solange das Nachlassverfahren läuft.

Immerhin zwei der sechs Vorstände des Vereins Rad-WM 2024 kamen von Swiss Cycling. Hätten Sie nicht die Möglichkeit gehabt, die Reissleine zu ziehen?

Eben, wir waren in der Minderheit. Stadt und Kanton Zürich wollten die WM und haben sie mithilfe eines professionellen Organisationskomitees organisiert. Wir von Swiss Cycling hatten eine beratende Funktion. Man muss sich auch einmal die Kräfteverhältnisse vergegenwärtigen. Swiss Cycling spricht jetzt einen Kredit von 150 000 Franken, um bei der Sanierung des Vereins Rad-WM 2024 zu helfen. Äquivalent dazu wäre, dass die Stadt Zürich 130 Millionen nachschiesst und der Kanton 260 Millionen.

Eine Mitverantwortung für operative Entscheide kann Swiss Cycling kaum bestreiten. Zum Organisationskomitee der Rad-WM gehörte Olivier Senn mit seiner Firma Cycling Unlimited, an der wiederum Swiss Cycling Anteile hält.

Wir waren bei der Wahl des Gesamtprojektleiters Daniel Rupf involviert, danach jedoch bei Personalentscheiden nicht mehr eingebunden.

Das überrascht angesichts der personellen Nähe: Senn sass auch im Vorstand von Swiss Cycling, der Austausch dürfte eng sein.

Dem Eindruck, bei uns im Radsport werde gemauschelt, Männer würden sich gegenseitig Ämter zuschieben, widerspreche ich entschieden. Die Realität ist komplett anders. Wir sind alleiniger Rechteinhaber der Tour de Suisse, die von Cycling Unlimited organisiert wird. Wir wollen, dass dieses Rennen so gut dasteht wie möglich. Deswegen haben wir prinzipiell überhaupt kein Interesse, dass Olivier Senn oder Cycling Unlimited weitere Mandate annehmen.

Sie sahen die Auftragsvergabe der Rad-WM an Senn und Cycling Unlimited kritisch?

Ich sagte früh, das ist auch protokolliert: Die Rad-WM wären eine gute Chance, im Management frische Gesichter reinzubringen. Es hätte etwas aufgebaut werden können, das den Anlass überdauert. Für die Mountainbike-WM vom September 2025 im Wallis haben wir mit Julien Hess einen Direktor gewonnen, der neu ins Radsport-Ökosystem hinzugestossen ist. So entsteht ein positiver Groove.

Es fallen weitere Unterschiede auf: Die Mountainbike-WM haben bereits seit Jahren Sponsoren. Ausserdem gibt es im Wallis nachhaltige Begleitmassnahmen, was in Zürich kaum erkennbar ist. Schon 2023 wurde ein Trainingsstützpunkt zur Talentförderung gegründet, dieses Jahr eine Cycling-Academy. Warum läuft es dort so anders?

Was in Zürich passierte, war eine selbst erfüllende Prophezeiung. Man hat so lange Negatives gesucht und auch gefunden, bis eine Grundstimmung herrschte, die es schwierig machte, die Leute mitzunehmen. Klar ist es einfacher, einen Anlass in einer Tourismusregion zu organisieren. Für mich war es eine interessante Erfahrung: Manchmal hatte ich in derselben Woche Vorstandssitzungen in Zürich und im Wallis. Ich kam mir vor wie in zwei verschiedenen Ländern.

Men Elite Road Race highlights | 2024 UCI Road World Championships

Im September 2025 sollen die Strassenrad-WM in Rwanda stattfinden. Wegen des Bürgerkriegs im Nachbarland, der Demokratischen Republik Kongo, ist das jedoch umstritten. Wären Aigle und Martigny gemeinsam mit Swiss Cycling bereit, bei Bedarf einzuspringen?

Ich sehe keine Anzeichen, dass die WM nicht in Rwanda stattfinden. Von entsprechenden Gerüchten habe ich nur gelesen. Wenn es so kommen sollte, wäre es sehr schwierig, sie kurzfristig in die Westschweiz zu verlegen. Angesichts der Fülle bereits stattfindender Events scheint mir die Idee verwegen.

Swiss Cycling verfolgt seit etwa zehn Jahren die Strategie, Grossanlässe in die Schweiz zu holen. Wie lautet das Zwischenfazit?

Wir starteten 2015 mit den Bahn-EM in Grenchen. Es war ein kleiner, aber erfolgreicher Event, der eine riesige Begeisterung auslöste. Stefan Küng wurde Europameister in der Einerverfolgung, der Bahnvierer gewann Silber. Die Mountainbike-WM 2018 in Lenzerheide haben die Disziplin auf ein anderes Level gehoben. Vorher wurden Mountainbike-Weltcups nicht live vom SRF übertragen. 2020 versuchten wir mit den Radquer-WM in Dübendorf, eine nichtolympische Disziplin in den Fokus zu rücken. Und jetzt stehen die Mountainbike-WM im Wallis an, wo die Grundstimmung viel positiver ist als in Zürich. Bezüglich der Förderung des Radsports ist mein Fazit sehr positiv.

Können Sie das konkretisieren?

Wir erreichen mit Heimanlässen eine Aufmerksamkeit, die sonst ausserhalb des Fussballs und des Skisports nicht mehr denkbar wäre. Das hat Folgen. Dank unserem Programm Bikecontrol erhalten dieses Jahr 15 000 Kinder eine Lektion im Velofahren. Die Zahl steigt von Jahr zu Jahr. Bisher haben wir mit Unterstützung unserer treuen Förderpartner alles privat finanziert, jetzt beteiligt sich mit Bern erstmals ein Kanton. Und die Initiative «Fast and Female» erleichtert Frauen den Einstieg in den Radsport. Zurzeit unternehmen schweizweit rund 35 Gruppen von Radsportlerinnen wöchentliche Ausfahrten.

Die Lancierung von Bikecontrol oder «Fast and Female» wäre auch ohne einen Anlass wie die Zürcher Rad-WM möglich gewesen.

Bikecontrol, «Fast and Female» sowie die «Swiss Cycling Academy 4 Kids» wurden allesamt mit Blick auf Zürich 2024 lanciert – als vom Bund unterstützte begleitende Sportfördermassnahmen. Zu denen gehört auch, dass wir im Zuge der WM-Vergaben ab 2018 mit Nationalteams an der Tour de Suisse und der Tour de Romandie starten durften. Heute stehen wir im Frauen-Strassenradsport viel besser da als vor sieben Jahren.

Das ist vor allem erfolgreichen Quereinsteigerinnen wie Marlen Reusser zu verdanken.

Wir haben jetzt fünf oder sechs Strassenfahrerinnen auf Weltniveau. 2018 bestand unser Team an den WM in Innsbruck noch aus den Mountainbikerinnen Jolanda Neff und Sina Frei sowie Nicole Hanselmann. Im Nachwuchs gab es damals im Wesentlichen Noemi Rüegg, heute verfügen wir über acht bis zehn hoffnungsvolle Talente. Aber wir sind noch nicht überall da, wo wir wollen.

Inwiefern?

Der gesamte Nachwuchs- und Breitensport muss sich professionalisieren. Der Trend geht weg von traditionellen Veloklubs. Trainer müssen finanziert werden, weil sich die Leute nicht mehr im gleichen Umfang ehrenamtlich engagieren. Das ist schwierig. Auch deswegen ist es eine grosse Chance, im Wallis einen Trainingsstützpunkt zu etablieren, der seinen Namen verdient. Ein solches Beispiel fehlt in Zürich.

Von den WM in Zürich bleiben Begleitmassnahmen in Erinnerung, die nicht so gut funktionierten wie erhofft, beispielsweise Amateurrennen mit überhöhten Teilnahmegebühren.

Anfänglich war geplant, bei den Begleitmassnahmen zusammenzuarbeiten, aber Stadt und Kanton wollten eigene Projekte realisieren. Es wurde dann eine Agentur aus Zürich damit beauftragt. In der Folge gab es bei der Sportförderung nur noch punktuell eine Zusammenarbeit.

Was sind die wichtigsten Lehren aus den Rad-WM?

Sportanlässe in der Schweiz müssen besser koordiniert werden. Es kann nicht sein, dass Verbände losgelöst von einer übergeordneten Strategie beschliessen können, Grossevents zu organisieren. 2024 und 2025 erleben wir eine allzu hohe Frequenz. Alleine die Fussball-EM der Frauen bindet sehr viel mediale und öffentliche Aufmerksamkeit, Sponsoren, Volunteers. Es entsteht ein Konkurrenzkampf, und am Ende sind wir mit Defiziten konfrontiert. Wichtig ist eine Koordination mit der Politik, mit Swiss Olympic.

Was strebt Swiss Cycling in den nächsten Jahren an?

Wir bewerben uns mit den Kantonen Wallis, Genf und der Waadt um die Rad-WM 2031 oder 2035, an denen wie 2023 in Glasgow sämtliche Disziplinen gemeinsam ausgetragen werden sollen. Ausserdem wären wir bei einem Zuschlag an den European Games 2030 beteiligt. Falls das nicht klappt, sind weiterhin reguläre Weltmeisterschaften eine Option. Zum Beispiel im BMX-Racing, wo wir viele starke Athletinnen und Athleten haben.

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