Seine Frau und seine beiden Töchter waren 49 Tage in Geiselhaft der Hamas. Im Interview spricht Yoni Asher über die schlimmsten Tage in seinem Leben, Schuldgefühle und darüber, wie der Hass überwunden werden könnte.

Eine Frau sitzt auf einem Anhänger, ein Mann zieht ihr gewaltsam ein Stück Stoff über den Kopf. Sie hält sich die Hände vor das Gesicht. Ein Kind in einem roten Kleid klammert sich an eine andere Frau. Das Video ist am 7. Oktober 2023 aufgenommen worden, in der Nähe des Kibbuz Nir Oz in Südisrael, wo Hamas-Terroristen mordeten, plünderten und verängstigte Bewohner auf Traktorwagen in den Gazastreifen verschleppten.

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«Ich bin in Panik», war eine der letzten Nachrichten, die Yoni Asher an jenem Tag von seiner Frau Doron erhielt. Einige Stunden später sah er den verwackelten Film auf Tiktok – und erkannte Doron und seine beiden Töchter Aviv und Raz. 49 Tage lang wusste er nicht, ob sie am Leben waren und ob er sie je wiedersehen würde.

«Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens», sagt Asher bei einem Treffen in der NZZ-Redaktion. Am vergangenen Freitag ist er in der Kantonsschule Rämibühl aufgetreten, tags zuvor hatte er mit Zürcher Gemeinderäten gesprochen. Seit dem 7. Oktober hat Asher etwa 450 Interviews geführt und öffentliche Auftritte absolviert, er hat Politiker getroffen, Videos gezeigt und sich für die Freilassung der Geiseln eingesetzt. Als die Hamas seine Familie nach 49 Tagen gehenliess, war er auf der Titelseite der «New York Times».

Aufgeben will er nicht, bis die letzten Geiseln befreit sind.

Herr Asher, Sie haben gerade vor Zürcher Gymnasiasten gesprochen. Wie haben die Schüler auf Sie reagiert?

Sehr gut, es war fruchtbar und produktiv. Es ist wichtig, mit den jungen Leuten zu sprechen, sie haben unterschiedliche Ansichten, stellen Fragen, sind interessiert. Sie hören viele Meinungen, in den Medien und anderswo. Indem ich meine Geschichte erzähle, kann ich ihnen zeigen, dass die Realität komplizierter ist als das, was sie in den Nachrichten zu sehen bekommen.

Inwiefern?

Sie sehen, dass es in diesem Konflikt nicht einfach Gut oder Böse gibt. Oder dass die Israeli die Starken sind und die Palästinenser die Armen und Schwachen. Es stimmt, die Bevölkerung in Gaza ist arm und schwach. Aber woran liegt das? Gaza ist seit dem Abzug von Israel 2005 souverän. Sie hatten die Chance, wirtschaftliche Autonomie und ein friedliches Leben aufzubauen. Stattdessen haben sie die Hamas gewählt, die schon Kinder dazu erzieht, Israel zu hassen – und die alle Ressourcen dafür eingesetzt hat, unterirdische Tunnels und Militärbasen zu bauen. Ich habe den Schülern ein konkretes Beispiel gegeben, nicht eine Story, die ich von irgendwo gehört habe. Die Hamas hat meine Frau und meine Kinder entführt und sie in den ersten 16 Tagen bei einer gewöhnlichen Familie untergebracht. Der Vater war, so nehme ich an, ein Mitarbeiter der Hamas, kein Militär. Sie haben ein Baby, das erst vor kurzem geboren wurde. Wie wächst so ein Kind auf? Ein unschuldiges Kind, dessen Leben die Hamas mutwillig aufs Spiel setzt. Das Leben von Frauen und Kindern ist den Terroristen egal.

In den letzten Monaten gab es viele Demonstrationen in westlichen Städten, an Schulen und Universitäten. Studenten verklären den Terror der Hamas als Widerstand und bezeichnen Israel als Terrorstaat. Was denken Sie, wenn Sie diese Bilder sehen?

Es ist kein Widerstand, Familien zu entführen und Kinder zu töten. Israel ist nicht perfekt, aber heisst das, dass man diese Sachen machen darf? Ich glaube nicht.

Ihre Frau und Ihre Kinder waren am 7. Oktober zu Besuch bei Ihrer Schwiegermutter im Kibbuz Nir Os. Der Kibbuz liegt sehr nahe an der Grenze zum Gazastreifen. Schon vor dem 7. Oktober gab es in der Region Raketenbeschuss und Schiessereien. Hat man diese Bedrohung zu wenig ernst genommen?

Wir haben meine Schwiegermutter Efrat Katz und ihren Partner oft besucht, etwa einmal im Monat. Es war immer ruhig und schön, aber wir wussten, dass es gefährlich ist, viel gefährlicher als an unserem Wohnort im Zentrum von Israel. Seit 2008 gab es etwa alle eineinhalb Jahre einen Militäreinsatz wegen Angriffen der Hamas. Ich habe Efrat einmal gefragt, wie sie dort leben könne. Sie antwortete, es sei ihr Zuhause. Sie hätten nie gedacht, dass eine derart massive Invasion möglich ist. Es ist traurig, das zu sagen, aber ich war in diesem Sinn nicht überrascht von der Brutalität. Ich wusste, dass der Hass unvorstellbar ist.

Ihre Schwiegermutter wurde noch während der Entführung getötet, ihr Partner Gadi Moses hat überlebt und ist kürzlich freigelassen worden. Wie geht es ihm?

Er ist 81, aber sehr stark, jung im Geist. Er war fast 500 Tage in Gefangenschaft, unter furchtbaren Bedingungen. Seine Verlobte ist tot. Er versucht, bei seiner Familie zu sein, sich aufzubauen. Es braucht eine lange Zeit, um zu genesen, damit zu leben. Ich kann nur hoffen, dass er gesund wird und den Rest seines Lebens friedlich verbringen kann. Für meine Kinder war er wie ein Grossvater.

Ihre Kinder waren zweieinhalb und viereinhalb Jahre alt, als sie aus dem Kibbuz Nir Oz entführt wurden. Wie hat sie dieses traumatische Erlebnis verändert?

Sie sind sehr reif, fast zu schnell erwachsener geworden. Wenn Sie sie sähen, wie sie singen, tanzen, spielen, lachen, würden Sie wohl glauben, es seien normale Kinder. Aber die Entführung hat sich ihnen tief eingeprägt, immer wieder kommen ihnen Erinnerungen hoch, manchmal «out of the blue», zu Hause oder im Kindergarten. Sie kennen das Wort Geisel, «chatouf», «chatoufa», früher wussten sie auch nicht, was Krieg ist oder wo Gaza liegt. Sie haben Albträume von Traktoren und bösen Männern, Wutanfälle ohne Grund. Aviv, meine jüngere Tochter, wurde bei der Entführung am Fuss verletzt, wegen der Wunde war sie mit Bakterien infiziert. Beide haben viel Gewicht verloren. Sie waren dünn und blass. Wenn sie geschrien haben in der Gefangenschaft, hat man meiner Frau gedroht, man werde sie lynchen. Eine schreckliche Erfahrung. Es ist Kindsmissbrauch, in jeder Hinsicht. Aber von allen, die von den Ereignissen des 7. Oktober betroffen sind, bin ich einer der glücklichsten Menschen. Meine Liebsten haben überlebt, sie sind zurück. Deshalb bin ich hier und erzähle meine Geschichte, weil andere dieses Glück nicht haben, Leute wie Yarden Bibas.

Yarden Bibas hat seine Frau und seine beiden Kinder verloren, kürzlich ist bekanntgeworden, dass die Terroristen die Kinder grausam ermordet haben. Wie gehen Sie mit solchen Nachrichten um?

Solange dieser Krieg andauert, geht das Trauma weiter. Jede Nachricht, dass jemand nicht überlebt hat, triggert das Trauma. Als bekanntgeworden ist, dass Yarden Bibas Familie tot ist, hat mich jemand gefragt, wie ich mich fühlte. Ich antwortete: «Schuldig und gesegnet.»

Warum fühlen Sie sich schuldig?

Es ist ein häufiges Symptom bei Überlebenden. Ich bin in einem ähnlichen Alter wie Yarden Bibas, er hat zwei Kinder und eine Frau. Er hat sie verloren, ich nicht. Er war eine Geisel, ich nicht, weil ich an jenem Tag nicht mit meiner Familie nach Nir Oz gereist bin. Da fragt man sich: Warum? Warum verliert ein Mann alles, während ein anderer sein Leben zurückbekommt? Als Vater würde man jederzeit sterben für seine Kinder. An jedem Tag habe ich gebetet, dass ich sie wiedersehe. Einmal habe ich den IDF angeboten, sie sollten mich bei der Hamas gegen meine Kinder tauschen, wenn es eine Möglichkeit gebe. Ich fühle mich schuldig, auch wenn ich nicht für Bibas’ Schicksal verantwortlich bin.

Dieses Symptom ist auch von Holocaust-Überlebenden bekannt.

Ja, auch Leute, welche die Nova-Party überlebt haben, fühlen sich schuldig, sie fragen sich, was der Sinn dieses Schicksals ist. Sie mussten zusehen, wie Terroristen ihre Freunde erschossen oder als Geiseln mitnahmen. Ich hatte grosse Schwierigkeiten, mit all dem fertigzuwerden. Nichts ist mehr, wie es war. Nichts macht mehr Freude, das Joggen am Strand, das Training im Gym. Und dass nichts mehr Freude macht, frustriert dich, es kann in eine Depression führen. Du spürst eine grosse Leere, Dunkelheit.

Gibt es Angebote für Betroffene, wo sie sich austauschen können?

Es gibt zahlreiche Initiativen, viele privat, manche staatlich. Die Überlebenden der Nova-Party haben eine eigene Gruppe, sie treffen sich, um zu reden. Meine Therapie ist eine andere, ich spreche mit Journalisten, trete auf und versuche, den Familien zu helfen, deren Liebste immer noch als Geiseln gefangen gehalten werden.

Sie haben auch mit vielen Politikern gesprochen, darunter vielen deutschen, weil Ihre Frau und Ihre Kinder die doppelte Staatsbürgerschaft haben. Mit Annalena Baerbock, Olaf Scholz, Ursula von der Leyen . . .

Und Steinmeier!

«Nie wieder!» ist ein Leitmotiv der deutschen Politik, nie wieder Antisemitismus und Auschwitz. Ist das mehr als eine Phrase?

Nach meiner Erfahrung – auch nach einem Treffen mit dem deutschen Botschafter in Israel –, ja. Olaf Scholz hat versprochen, sich für die Freilassung der Geiseln einzusetzen. Nachdem ich ihn getroffen hatte, hat er im Bundestag gesagt, wer die Hamas öffentlich unterstütze, werde juristisch verfolgt. Genau das hatte ich mir gewünscht. Auch Annalena Baerbock konnte ich meine Geschichte erzählen, sie hat zugehört und uns unterstützt. Sie hatte ein professionelles Team, das Familien mit doppelter Staatsbürgerschaft betreut hat und an den Verhandlungen beteiligt war. Ich bin ihnen sehr dankbar.

Aussenministerin Baerbock hat vor einigen Monaten Israel-Hasser zum Dinner eingeladen, und ihr Amt hat gegen das Verbot des von Katar finanzierten Hamas-nahen Senders al-Jazeera protestiert. Das zeugt doch eher von Naivität als von einem klaren Bekenntnis.

Ich weiss nicht, was sie wann genau gemacht hat. Ich kann nur sagen: Sie war engagiert und hörte uns zu. Ich habe gefühlt, dass das nicht fake ist. Und ich glaube, dass sie die Situation seit dem 7. Oktober besser beurteilen kann. Deutschland und andere Länder haben die Kraft, diesen Konflikt anzugehen.

Glauben Sie an eine Lösung?

Nicht in kurzer Zeit. Aber wenn wir bedenken, wie Berlin vor achtzig Jahren ausgesehen hat und wie es heute aussieht, ist vieles möglich. Die deutsche Gesellschaft hat sich total verändert, warum nicht jene in Gaza? Es muss sich jedoch vieles verändern, zuerst in der Bildung und Erziehung. Wenn ein Kind so aufwächst wie in jener Familie, die meine Töchter und meine Frau gefangen gehalten hat – wie gross sind dann die Chancen, dass es überlebt, dass es aufwächst und einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leistet? Wohl eher klein, dafür sind sie umso grösser, dass es militant wird oder ein Terrorist. Das müssen wir ändern, dann werden wir in zwanzig, dreissig Jahren eine andere Gesellschaft haben, in der es nicht darum geht, die anderen zu hassen.

Israel hat auf den Anschlag mit massiver Vergeltung reagiert, die mehrere zehntausend Menschen das Leben gekostet hat, auch viele Frauen und Kinder. Ist es so möglich, den Hass zu überwinden?

Es tut mir leid für jedes Kind, das stirbt. Krieg ist nie eine gute Sache. Aber Israel plant keinen Genozid an der Bevölkerung. Es ist die Hamas, welche die eigene Bevölkerung als Schutzschild missbraucht. Sie hält sich an keinerlei Kriegsregeln, keine Konventionen.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollten keine Rache und wollten das auch Ihren Kindern vermitteln. Wie schafft man das nach allem, was Ihre Familie erlebt hat?

Rache hat keinen Wert. Wenn man Kinder zum Hass erziehen will, muss man ihnen sagen, sie seien Opfer. Du musst ihnen jeden Tag sagen: «Siehst du dieses Land, siehst du diese Leute, diese Bevölkerung? Sie sind verantwortlich dafür, dass du im Elend lebst.» So kreiert man Hass. Wenn meine Tochter fragt: «Was wollten die von uns? Worum haben sie uns das angetan? Was wirst du gegen sie tun, wirst du sie töten?», dann antworte ich: «Es ist nicht persönlich. Sie sind gegen Israel, und wir sind Israeli. Wir haben das Militär, das uns beschützt, das ist ihr Job. Mein Job ist, dein Vater zu sein.» Sie sollen nützliche Mitglieder der Gesellschaft sein, sie sollen niemanden hassen, besonders nach dem, was sie durchgemacht haben.

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