Der deutsche Bestseller-Autor Stefan Klein erklärt im grossen Gespräch, wie die Zeit unser Leben beeinflusst
und warum wir Sprachen zwischen 14 und 16 Uhr lernen sollten.
Herr Klein, vor bald zwanzig Jahren haben Sie das Wesen der Zeit im eher dünnen, aber mittlerweile fast legendären Buch «Zeit – Der Stoff, aus dem das Leben ist» erklärt. Heute klingt das fast grössenwahnsinnig. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Ehrlich gesagt, ich dachte mir das mit dem Grössenwahn irgendwann während der Arbeit an dem Buch auch. Vorher hatte ich bereits ein Buch über das Gefühl des Glücks geschrieben. Aber Zeit? Unsere Zeitwahrnehmung ist ein sehr viel komplexeres Phänomen als das Wahrnehmen eines Gefühls. Trotzdem wollte ich es angehen. Zeit interessiert die Menschen seit je, und ich kenne niemanden, den das Thema nicht fasziniert. Schon als Kind habe ich darüber nachgedacht, ob die Zeit auch einmal stehenbleibt. Oder ob die Zeit sogar dann weiterläuft, wenn ich tot bin. Fragen, über die Achtjährige eben so nachdenken. Später habe ich dann Physik und Philosophie studiert und war fasziniert von den Abgründen, die sich auftun, sobald man über die Zeit nachdenkt. Gerade, wenn man die Quantentheorie ernst nimmt.
Zur Person
Stefan Klein – Autor
Der Wissenschaftsjournalist studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg i. Br. Er promovierte und forschte auf dem Gebiet der theoretischen Biophysik. Seine Bücher zu Fragen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft wurden als Bestseller in 27 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet.
Ihr Buch porträtiert die Zeit allerdings kaum als physikalische Grösse.
Ich habe mich ganz bewusst dagegen entschieden, ein Physikbuch zu schreiben. Da gibt es schon viele gute Exemplare. Ganz ohne Physik geht es zwar nicht, also nimmt die Physik in meinem Buch ein Kapitel ein, aber ich wollte vor allem etwas Neues machen. Ausserdem habe ich in theoretischer Biophysik promoviert, das Fach trägt zwar den Begriff der Physik mit im Namen, hat aber wenig zu tun mit Zeit im Sinne der Relativitätstheorie. Aber: Wie wird die Zeit in unserem Kopf verarbeitet? Wie bekommen wir ein Gefühl für das Verfliessen von Zeit? Wie lässt sich die Zeit als biologische Grösse verstehen? Auf diese und viele weitere Fragen war ich extrem neugierig.
Sie schreiben, dass es jeweils eine richtige Uhrzeit für die Aufgaben des Alltags gibt. Demnach ist es wichtig, wann genau ich E-Mails lese oder einen Text schreibe?
Allerdings. Die richtige Tageszeit für eine spezielle Tätigkeit gegenüber der falschen Zeit kann einen grossen Unterschied machen: etwa den, als wären Sie die Aufgabe nüchtern angegangen oder nach vier Gläsern Wein. Zwischen 9 und 11 etwa erledigen Sie am besten Komplexes, das viel Konzentration und logisches Denken braucht. Falls Sie gerade eine Sprache lernen, ist der späte Nachmittag Ihre Zeit, so zirka zwischen 14 und 16 Uhr. Da sollte es Ihnen besonders gut gelingen, sich neue Vokabeln einzuprägen.
Und am Abend?
Sie können beispielsweise das Bad putzen.
Woran liegt das?
Wie alle Tiere besitzen Menschen eine innere Uhr. Diese steuert, ganz unbewusst, unseren Tagesablauf. An der Chronobiologie liegt es auch, dass die allermeisten Menschen zu ähnlichen Uhrzeiten zu Bett gehen, etwa zwischen 22 Uhr und 1 Uhr. Und dass die kognitive Leistungsfähigkeit über den Tag hinweg schwankt.
Was hat Sie im Zuge Ihrer Recherche überrascht?
Der Umstand, dass unser Zeiterleben viel komplexer ist, als wohl die meisten denken. Wir fassen das Erleben von Zeit oft zusammen, als sei es ein einziges Phänomen. Aber das ist es gar nicht. Die Zeit ist in unserer Wahrnehmung und auch Erinnerung wie ein Kaugummi, wir können sie dehnen und auseinanderziehen. Oder eine gewisse Zeit, Tage oder Wochen, verschwindet scheinbar ganz aus unserer Erinnerung. Zeitempfinden ist äusserst individuell. Jeder Mensch erlebt Zeit und ihr Verfliessen unterschiedlich.
Wenn man Menschen von allen Zeitsignalen abschneidet, stellt sich dennoch ein Biorhythmus von etwa 24 Stunden ein. Inwiefern ist Zeit da noch individuell?
Unsere Wahrnehmung von Zeit und die chronobiologische Steuerung unseres Organismus sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Was nun diese innere Uhr angeht, die nicht nur im Gehirn tickt, sondern in jeder einzelnen unserer Zellen, ist es so: Sie ist auf ein klein wenig längere Perioden angelegt als auf 24 Stunden. Und diese innere Uhr wird mit der Rotation der Erde synchronisiert; das geschieht normalerweise über das Sonnenlicht. Wenn ich mich jetzt aber in eine Höhle einsperre oder in einen anderen dunklen Raum, in dem es den Wechsel von Tag und Nacht nicht gibt, dann läuft diese Uhr gewissermassen frei. Sie zeigt sich also in ihrem eigenen, natürlichen Takt. Und der ist dann, je nach Chronotyp, etwas länger als 24 Stunden.
Wenn Licht gebraucht wird, um die innere Uhr zu synchronisieren, warum gerät sie ohne Licht nicht aus dem Takt?
Die Schweizer sind zu Recht sehr stolz auf ihre mechanischen Uhren. Eine Atomuhr wäre aber die bessere Metapher, um unsere biologische Uhr zu verstehen: Da handelt es sich um sehr fein austarierte molekularbiologische Prozesse. Und die sind wahnsinnig genau. Die Abweichungen dieser inneren Uhr umfassen im Laufe eines Menschenlebens nur ein paar wenige Minuten. Diese Exaktheit erreicht unser Biorhythmus im Grunde über Genregulation. Unsere Zellen funktionieren hier nach dem Prinzip einer Sanduhr. Ein spezielles Protein wird bis zu einem Maximum hergestellt, und sobald es dieses Limit erreicht hat, wieder abgebaut. Ein voller Durchlauf dieses Prozesses dauert je nach Chronotyp etwas länger oder weniger lange, im Schnitt etwa 24,5 Stunden.
Bei den erwähnten Höhlenexperimenten schätzten manche ihren Aufenthalt unter der Erde um Wochen oder gar Monate falsch ein. Wie ist das bei dieser Präzision der inneren Uhr überhaupt möglich?
Die Evolution hat dem Menschen leider keine Möglichkeit mitgegeben, seine innere Uhr abzulesen. In der Natur genügte es, den Biorhythmus der Tiere auf Zeiten einzustellen, zu denen bestimmte Beutetiere aus ihren Höhlen kriechen oder aber Fressfeinde durch die Landschaft pirschen. Schneehühner sind da ein gutes Beispiel, die Tiere ziehen sich tendenziell zu genau der Zeit in ihren Unterschlupf zurück, wenn Adler aktiv sind. Und all das ist vom Sonnenlicht abhängig. Unsere Wahrnehmung vom Vergehen der Zeit hingegen funktioniert losgelöst von der inneren Uhr. Unsere Zeitwahrnehmung hängt vor allem davon ab, dass wir äussere Ereignisse beobachten.
Und wer allein in einer Höhle ist, beobachtet keine Ereignisse.
Genau. Oder zumindest wenig mehr als eine Spinne, die über den Fels krabbelt. Uhren, die das Vergehen von Zeit in Zahlen übersetzen, brauchen wir im Wesentlichen für soziale Regulation. In der ereignislosen Abgeschiedenheit einer Höhle gibt es aber keine soziale Interaktion, die reguliert werden müsste.
In einem Wartezimmer gibt es auch wenig soziale Interaktion. Und doch scheint sich jede Minute endlos zu dehnen.
Das liegt an der Aufmerksamkeit. In einem Wartezimmer langweilt man sich. Signale wie das Voranschreiten des Minutenzeigers, die Aufschluss über das Verfliessen von Zeit geben, nimmt man daher übergenau wahr. Das Gehirn schliesst durch die Vielzahl der bewusst wahrgenommenen Signale darauf, dass mehr Zeit vergangen sei. Wenn Sie mit Freunden an einem Spielabend zusammensitzen, sind Sie auf ganz andere Dinge konzentriert als Zeitsignale, und schon vergehen Stunden scheinbar ganz plötzlich. Dieses Phänomen hat schon der Schriftsteller Thomas Mann in seinem «Zauberberg» ganz wunderbar beschrieben; der Fluss der Zeit ist eine unbewusste Konstruktion.
Wenn unser Erleben von Zeit konstruiert ist, können wir es dann beeinflussen?
Im Prinzip, ja. Nach dem Spielabend mit Freunden sind extrem viele Informationen in der Erinnerung gespeichert. Durch diese Informationsmenge schliesst unser Hirn, dass sehr viel Zeit vergangen sein muss. Wenn ich an einen Ort komme, an dem ich nie zuvor gewesen bin, ist es ähnlich, meine Wahrnehmung ist deutlich geschärft. Also nehme ich sehr viel mehr Dinge wahr als sonst im Alltag. Im Rückblick wirkt es dann so, als hätte dieser eine Tag mehr Zeit gehabt als die üblichen 24 Stunden. Und das, obwohl er meinem Empfinden nach zu schnell vergangen ist.
Wie ist das mit Social Media? Instagram und Tiktok liefern ständig neue Reize.
Durch die vielen Reize haben wir auch hier das Gefühl, die Zeit vergehe sehr schnell. Aber es fehlt das Erleben. Elektronische Ablenkungen sind für unser Hirn nicht besonders relevant, und daher bleibt nur wenig in Erinnerung. Deshalb bleibt nach Stunden am Bildschirm vor allem das Gefühl zurück, die eigene Zeit verschwendet zu haben. Im Rückblick erleben wir die Zeit, als wäre sie ganz plötzlich verschwunden.
Kaffee haben Sie hingegen als Zaubertrank beschrieben, um die Zeit zu verlängern.
Koffein regelt die Aufmerksamkeit hoch. Dadurch nehmen unsere Sinne mehr Informationen in derselben Zeit wahr. Im Wartezimmer einen Kaffee zu trinken, ist für unser Zeitempfinden also eher eine schlechte Idee. Bei tollen Erlebnissen hingegen steigert er in der Rückschau den subjektiven Eindruck von mehr Lebensfülle.
Ob mit oder ohne Kaffee, Zeit kann sich unendlich dehnen. Aber um kürzer zu werden, kennt sie eine Grenze: die Planck-Zeit.
10–43 Sekunden. Unsere heute bekannten physikalischen Gesetze würden unterhalb dieser Grenze ihre Gültigkeit verlieren. Aber strenggenommen ist das weniger eine harte Grenze als eine offene Frage. Wir wissen nicht, was unterhalb der Planck-Zeit passiert. Das hängt mit der Gravitation durch sehr grosse Massen zusammen. Wenn durch deren Wirkung Schwarze Löcher entstehen, krümmt sich der Raum und verlangsamt sich die Zeit. Gut möglich, dass es jenseits der Planck-Grenze keinen Sinn mehr ergibt, über Zeit als relevante Dimension zu sprechen. Insofern führt das letztlich zu der Frage: Ist Zeit überhaupt eine fundamentale physikalische Grösse?
Und, ist sie das?
Wir wissen es bis jetzt nicht.
Inwiefern ist das Wissen um die Planck-Zeit relevant für den Alltag?
Einstein hätte sich sicher nicht träumen lassen, wie seine Überlegungen zur Relativitätstheorie heute unser Leben beeinflussen. Wenn ein Satellit die Erde umrundet, vergeht die Zeit für den Satelliten schneller als für mich auf der Erde. Will ich also mithilfe von Satelliten exakte Geodaten bestimmen, muss ich berücksichtigen, wie unterschiedlich schnell die Zeit an beiden Orten vergeht. GPS würde ohne Korrekturen durch die Relativitätstheorie nicht funktionieren. Vielleicht wird es irgendwann eine Technik geben, in der sich die Wirkung der Planck-Zeit im Alltag zeigt. Noch wissen wir es nicht. Aber das ist doch auch toll, so eine grosse Frage, und alles ist noch offen.
Sie werden bald sechzig. Hat sich Ihr Blick auf die Zeit mit den Lebensjahren verändert?
Klar. Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Die Erfahrung macht so ziemlich jeder. Wir konstruieren Zeitempfinden durch Erinnerungen, und wenn wir jung sind, legen wir sehr viel mehr Erinnerungen in der gleichen Zeit an als in späteren Lebensphasen. Das ist allerdings kein gleichmässiger Prozess, die Zeit legt auch Kurven ein. Zum Beispiel bei der Geburt des ersten Kindes; das war so eine intensive Zeit voller neuer Eindrücke, die ist in meiner Erinnerung gedehnt.
Während Corona haben viele das Gegenteil erlebt: Jahre waren wie verschwunden.
Die Pandemie hatte in vielerlei Hinsicht den Charakter eines grossen Höhlenexperiments. In Deutschland und noch mehr in Spanien oder Italien waren die Menschen häufig sozial isoliert, ohne viele Interaktionen oder Erlebnisse. Also waren da auch weniger Gelegenheiten, um Erinnerungen anzulegen. Ich bin überzeugt, dass ein Teil der psychischen Belastungen durch diese Situation auch auf das gestörte Zeiterleben zurückzuführen ist.
In Städten läuft die Zeit schneller als auf dem Land. Dennoch leben Sie in Berlin.
Ja, in Millionenstädten wie Berlin gehen die Menschen schneller, unterhalten sich schneller und wechseln schneller ihre Themen. Auch die Stadt selbst ist heute eine ganz andere als die, in die ich vor 25 Jahren gezogen bin. Wenn ich nach München oder Zürich komme, erlebe ich deutlich weniger Veränderung. Eine grosse Menge an Veränderung mag herausfordern, erzeugt aber auch mehr neue Erinnerungen. Berlin wirkt auf mich wie Kaffee, es erzeugt in mir das Gefühl, länger zu leben.
Hatten Sie durch Ihre Recherchen zum Wesen der Zeit eine persönliche Erkenntnis?
Vor der Arbeit am Buch hatte ich die Vorstellung, ich könnte mich mit meiner Frau irgendwann auf einen gemeinsamen Lebensrhythmus einigen. Völlig ausgeschlossen. Sie ist eine genetische Langschläferin, ich werde es nie schaffen, sie zur Frühaufsteherin zu machen.
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