«Das Blütenstaubzimmer» von Zoë Jenny wurde eine halbe Million Mal verkauft. Das Buch habe sie befreit, seine Begleiterscheinungen dagegen hätten sie fast gebrochen. Geschichten aus dem Wienerwald.
«Jetzt hast du so viele Bücher verkauft, wie Menschen in ein Fussballstadion passen», sagt Zoë Jennys Vater am Telefon. Es ist das Jahr 1997, Matthyas Jenny arbeitet im Schweizer Buchzentrum (BZ) und kann im firmeneigenen Computer dabei zusehen, wie seine 23-jährige Tochter Buch um Buch die Literaturwelt erobert.
Seit «Das Blütenstaubzimmer» erschienen ist, hat er jeden Morgen die Verkaufszahlen angeschaut und dann zum Telefonhörer gegriffen: 10 Stück, 20 Stück, 60 000 Stück – so viele Bücher eben, wie Menschen in ein Fussballstadion passen; in Basel, wo Jennys leben, heisst es St. Jakob. Bald füllen die Buchverkäufe das «Joggeli» zweimal, dann fünfmal.
Herr Jenny nutzt die Stadion-Analogie, um der Tochter und sich selbst das Unfassbare, das Unerwartete und Überfordernde auch verständlich zu machen: Das dünne Büchlein, von Hand in einer winzigen Wohnung am Rhein geschrieben, ist ein internationaler Erfolg.
Bis heute wurde «Das Blütenstaubzimmer» in 32 Sprachen übersetzt, eine halbe Million Mal verkauft und mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Jenny unternahm Lesereisen nach China, Japan und in die USA. Innert kürzester Zeit verdiente sie genug Geld für ein gutes Leben. «Nur», sagt Zoë Jenny heute, «kann es eben auch des Guten zu viel sein. Vor allem in der Schweiz. Vor allem für jemanden wie mich.»
Von verniedlichend bis vernichtend
An einen solchen Erfolg anzuknüpfen, ist schwer. Jenny gelang es in den beinahe dreissig Jahren, die seit ihrem Debüt vergangen sind, nicht. Da macht sie sich auch nichts vor. «Meine Karriere verlief ja so», sagt sie und fährt mit der Hand steil in die Höhe, um von ganz oben ebenso steil wieder in die Tiefe zu tauchen und dann mit der Hand der geraden Tischkante des Stubentischs zu folgen.
Wir sitzen in Jennys Haus im Wienerwald. Es ist voll mit Büchern, Bildern der Familie und Bastelsachen der Tochter. Manchmal scheint durch die grossen Fenster warm die Sonne, bevor die nächste Wolke sie wieder verdeckt. Nein, verzichten auf diesen Erfolg würde sie nicht wollen. Aber vielleicht hätte sie ihn anders portioniert, hätte sie denn eine Wahl gehabt. Erst wenig, zum Angewöhnen, dann stetig mehr. «Für meine Psyche wäre es gesünder gewesen», sagt sie.
Um zu verstehen, was mit Zoë Jenny passiert ist, muss man drei Dinge wissen. Wer Zoë Jenny war, damals, als ihr erstes Buch durch diverse Decken ging. Nämlich eine junge Frau, aufgewachsen mit viel Kunst und Freiheit, aber mit wenig Rückhalt und Selbstwert. Man muss auch wissen, wie die Schweiz der Jahrtausendwende mit Frauen umging: verniedlichend bis vernichtend. Vor allem dann, wenn sie hübsch waren – und erfolgreich. Und zuletzt erinnert Jennys Geschichte daran, dass Shitstorms keine Kinder des Internets sind.
«Der Zoë-Jenny-Look»
Anfangs ist Jenny zurückhaltend. Mit dem Boulevard pflegt sie eine fast dreissigjährige Freundschaft. Dort habe man sie immer anständig behandelt. Mit den übrigen Medien sei es anders. Jenny sagt: «Was diese renommierten Zeitungen gemacht haben, war Mobbing.»
Nachdem «Das Blütenstaubzimmer» die Bestsellerliste gestürmt hatte, stand im «Tages-Anzeiger» in einem Bericht über eine Zürcher Ballnacht: «Es gibt Tänzerinnen im Zoë-Jenny-Look: sehr junge, fragile Mädchen mit mageren, kaum von dünnen Trägerchen berührten Schultern und grossen dunklen Augen. Führungsbedürftig sind sie und gerade deswegen ausgezeichnete Tänzerinnen. Denn die Frau soll im Tango nur mitgehen.»
Im Jahr 2000 publizierte Jenny ihren zweiten Roman «Der Ruf des Muschelhorns». Zu diesem Anlass sinnierte die «FAZ» unter einem Bild der mittlerweile 26-jährigen Autorin: «Die Fee, die Hexe, die Schwiegermutter: Zoë Jenny.» Dass «Die Zeit» und «Der Spiegel» Jenny beim Erscheinen ihres Erstlings als «Fräuleinwunder» bezeichnet hatten, nimmt sich dagegen fast schon liebevoll aus.
Als 2002 Jennys dritter Roman – «Ein schnelles Leben» – in die Läden kam, hagelte es Kritik. Manchmal habe sie gedacht, es müsse vergiftet sein, dieses dritte Buch, sagt Jenny: «Kein Schweizer Medium hat etwas Gutes über mich geschrieben.» Ja, über sie. Das Buch schien in fast allen Publikationen zweitrangig.
Die «Weltwoche» nannte sie «Schneewittchen», und die «Sonntagszeitung» schrieb: «Scheu sitzt sie am Tisch, wie eine Schülerin, die gerade ihre Hausaufgaben abgegeben hat.» Als der Artikel erschien, war Jenny 28 Jahre alt. Weiter wird darin moniert, die Autorin habe im Gespräch eigentlich nur Plattitüden von sich gegeben. Für eine schriftstellerische Zukunft reiche das nicht.
Seither hat Jenny sechs weitere Bücher publiziert. Geld verdient sie mit allen – das Haus im Wienerwald gehört ihr –, gerade aber ausgerechnet am meisten mit ihrem dritten Roman «Ein schnelles Leben». Die Geschichte einer Pausenplatzliebe zwischen einem Mädchen mit Migrations- und einem Jungen mit Neonazi-Hintergrund ist in Deutschland regelmässig Schullektüre. Gegenwärtig wird die 11. Auflage verkauft.
Einfach lächeln
Jenny selbst sagt, beim «Blütenstaubzimmer» stimme schon sehr vieles – mehr als bei ihren anderen Büchern. Aber sie schreibe auch nicht, um allen zu gefallen. Und in den Artikeln waren die Bücher so oder so meist Nebenschauplätze. Praktisch allen ging es um die Autorin. Eine Journalistin habe in Berlin über sie gesagt: «Sie schreibt zwar Bücher, aber eigentlich sieht sie aus wie eine Putzfrau.» Den Namen der Journalistin weiss Jenny nicht mehr, die Aussage dagegen konnte sie nie vergessen.
Nachdem die Baslerin einen Briten geheiratet, mehr als acht Jahre in England gelebt und einen Roman auf Englisch geschrieben hatte, stand 2011 im «Bund»: «Natürlich liess sie sich von ihrem Oberschichtgatten den amerikanischen Akzent ausreden.» Jenny hatte 1998 ein Jahr in New York gewohnt. Im Roman «The Sky is Changing» verarbeitet sie die eigene Erfahrung mit einem lange unerfüllten Kinderwunsch und künstlicher Befruchtung literarisch. Weil sie auf Englisch dazu Auskunft gab, schrieb der Kritiker weiter: «Sie tat das mit prononciertem Upperclass-Akzent, den manche affig fanden.»
Der gleiche Journalist nannte die Bestsellerautorin «halb Alice im Wunderland, halb Schneewittchen», eben «ein Faszinosum». Jenny sagt, wäre sie ein Mann, hätte man nicht so über sie berichtet. Dass es keine entsprechende Berichterstattung über ähnlich erfolgreiche männliche Jungautoren aus der gleichen Zeit gibt, deutet darauf hin, dass sie recht hat.
Als sie sich damals in einem Gespräch mit der Autorin eines grossen Schweizer Frauenmagazins über den Umgang mit ihr beklagte, sagte ihr diese geradeheraus, sie sei daran doch selber schuld. Wenn sie nicht schlecht behandelt werden wolle, hätte sie sich nicht für die «Vogue» ablichten lassen dürfen. Das Beispiel von anderen damals jungen Autoren, Christian Kracht etwa, zeigt: Intellekt und Inszenierung zu kombinieren, war durchaus in Ordnung. Für Männer.
In einem Gastbeitrag in der «Weltwoche» schrieb Jenny selber vor acht Jahren über die Tatsache, dass ihre heftigsten Kritiker oft andere Frauen waren: «Vielleicht braucht es noch ein paar Jahrzehnte, bis Frauen mit sich selbst toleranter werden und merken, dass sie sich damit einen grossen Gefallen täten.» Zwei Jahre später kam #MeToo. Die Bewegung gegen Sexismus hat auch eine Welle weiblicher Solidarität ausgelöst.
Das Credo der nuller Jahre aber lautete: ertragen, ignorieren, weglächeln. Zweimal ertrug Jenny es nicht mehr und floh: Kurz nachdem «Das Blütenstaubzimmer» in der Schweiz auf der Bestsellerliste gestanden hatte, zog sie für ein Jahr nach New York. Nachdem ihr dritter Roman erschienen war, ging sie nach London und blieb für fast zehn Jahre. Gewehrt habe sie sich nie, gegen nichts, sagt Jenny. «Mein Selbstvertrauen damals?» Sie überlegt nicht lange: «Ich hatte keins.»
Die grosse Angst
Als sie in New York lebte, lud der Basler Filmproduzent Arthur Cohn Jenny an die Oscars ein. Ein Kleid wollte er ihr schicken lassen und eine Limousine mit Fahrer. «Aber die Angst vor dem roten Teppich, den berühmten Leuten – die Angst einfach, die war grösser», sagt Jenny. Angst war lange ein dominierender Faktor in ihrem Leben.
Angst davor, alleine zu sein. Verlassen zu werden, wie als Kleinkind von der Mutter. Angst davor, weniger wichtig zu sein als das eine Buch, an dem der Vater, unter anderem auch ein Verleger, gerade arbeitete. Angst davor, zurückgewiesen zu werden; wie damals von den Mitschülern, weil sie in Kleidern der Winterhilfe auf dem Pausenplatz stand. Angst, vom Literaturbetrieb verspottet zu werden, weil sie erst zu zögerlich und dann zu viel in die für sie bereitgehaltenen Kameras lächelte. Angst, als kompliziert und arrogant zu gelten, wenn sie sich wehrt.
Manchmal frage sie sich, ob das mit der Angst anders gewesen wäre, wenn sie in stabileren Verhältnissen aufgewachsen wäre. Nicht in Meret Oppenheims Künstlerkommune Casa Aprile im Tessin oder in der meist ungeheizten Wohnung im Kleinbasel, sagt Jenny. Ob Strukturen ihr Halt gegeben hätten, «oder ob das einfach zu mir gehört, dieses Gefühl der Angst».
Nicht nur Angst, auch Depression gehörte zu Jennys Kindheit. Als Neunjährige versuchte sie sich erstmals mit einem Sprung aus dem Fenster davon zu befreien. Zwei weitere Versuche folgten, weil kein Erwachsener erkannte, woran das Kind litt.
«Das Blütenstaubzimmer» war nicht zuletzt der Anfang von Jennys Aufarbeitung von all dem, was sie sich in ihrer Kindheit anders gewünscht hätte. Der Beginn einer langen Suche nach sich selbst. Es ist die Geschichte eines Scheidungskindes, eines Teenagers voller Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, das den Vater verlässt, um die Mutter zu finden. Sie findet zwar die Mutter, aber sie findet nicht zur Mutter. Als sie umkehren will, ist auch beim Vater kein Platz mehr für sie. Desillusioniert bricht die Protagonistin schliesslich mit beiden Eltern.
Der goldene Toaster
Als Kind hätte Jenny gerne das Klavierspielen gelernt, doch das Geld reichte nicht. Jetzt steht ein glänzender Flügel mitten im Wohnzimmer. «Das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das hatte ich mit dem ‹Blütenstaubzimmer› zum ersten Mal in meinem Leben. Ich konnte aus mir heraus etwas schreiben, und das hatte eine solche Wirkung, dass es mein Leben veränderte», sagt Jenny.
In der Küche ragen die Reste einer verdorrten Pflanze aus einem goldig bemalten, zum Blumentopf umfunktionierten alten Toaster. Ein Bastelstück der 14-jährigen Tochter. Die Mutterschaft hat Jennys Leben ein weiteres Mal verändert. «Als Naomi klein war, war mir meine Karriere Wurst», sagt Jenny. Dazu stehe man heute ja eigentlich nicht mehr. Aber so sei es nun einmal gewesen. Grosse Projekte, Lesereisen, Festivals – was nicht in den Rhythmus der Familie passte, machte sie nicht.
«Der Literaturbetrieb hat zumindest damals absolut keine Rücksicht auf junge Eltern genommen.» Das habe sie zwar geärgert, aber nichts an ihren Prioritäten geändert: «Jeder Kindergeburtstag war mir wichtiger als eine Lesung irgendwo.» Denn: «Alles, was ich nicht hatte als Kind, wollte ich meiner Tochter geben.»
Die Sache mit der Kesb
In der Mutterrolle schien Jenny auch mutiger zu werden. Nicht mehr alles hinzunehmen. Jenny war frisch geschieden, Sorgerecht ungeklärt, als sie vor zehn Jahren in der «Arena» bei SRF öffentlich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) kritisierte. Eine Woche später erhielt sei einen Brief ebenjener Behörde: Man müsse prüfen, ob sie einen Erziehungsbeistand brauche.
«Ein Einschüchterungsversuch», sagt Jenny. Man habe auch damit gedroht, ihren Pass einzuziehen, damit sie das Land nicht hätte verlassen können, bis die Sorgerechtsfrage geklärt gewesen sei. Obwohl der Vater des Kindes, ein Brite, gar nicht in der Schweiz lebt. Am nächsten Tag packte Jenny Kind und Koffer und flog nach Wien. Seither lebt sie hier. Das Sorgerecht haben die Eltern geklärt. Die Kesb hat ihre Akte geschlossen. Jenny dagegen eröffnete eine Website, auf der sich Opfer der Kesb mit ihren Geschichten melden konnten. Sie wollte auch eine Volksinitiative lancieren. Zustande kam diese nicht, aber Jenny hat etwas gelernt: sich zu wehren.
Geschichten aus dem Wienerwald
Gerade mistet Jenny die Schweizer Literatur aus. Was sich da stapelt, in Jennys Garage im Wienerwald, ist der Nachlass ihres 2021 verstorbenen Vaters; Bücher, Briefe, eigene Manuskripte.
Ein nie veröffentlichter Roman trägt den Arbeitstitel «Chaos». Eine gewisse Einsicht könne man dem Vater nicht absprechen, sagt Jenny trocken. Sie steht knietief in den Büchern. «Alles längst vergessen und nichts mehr wert», sagt sie. Nicht einmal die Samariter wollten die Bücher. Eine ernüchternde Erkenntnis für einen Menschen, der vom Schreiben lebt. Aber auch eine befreiende für eine Autorin, die unter den eigenen Büchern gelitten hat.
Lastwagen brachten die Bücher aus Basel hierher. Zusammen mit ihrem grossen Bruder hat sie das Material zu einer Biografie sortiert: «Die Nachtmaschine» erscheint im Herbst. Neben dem Vaterbuch wird bald auch ein Kinderbuch von Jenny in die Läden kommen. Es erzählt vom Überwinden der Angst.