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Startseite » Thailändische Erntehelfer suchten in Finnland das grosse Geld und trafen auf Menschenhändler wie «Beeren-Matti». Jetzt verrotten die Beeren, weil sie niemand mehr pflückt
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Thailändische Erntehelfer suchten in Finnland das grosse Geld und trafen auf Menschenhändler wie «Beeren-Matti». Jetzt verrotten die Beeren, weil sie niemand mehr pflückt

MitarbeiterBy MitarbeiterAugust 6, 2024
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Thailändische Erntehelfer suchten in Finnland das grosse Geld und trafen auf Menschenhändler wie «Beeren-Matti». Jetzt verrotten die Beeren, weil sie niemand mehr pflückt

Thailändische Behörden verweigern ihren Bürgern die Ausreise nach Finnland. Der Grund: Im Norden droht ihnen Ausbeutung.

In Finnland wächst das Geld nicht auf, sondern unter den Bäumen. Die nordischen Wälder sind Anfang August voller Heidelbeeren, in wenigen Wochen beginnt die Preiselbeersaison. Dank dem sogenannten Jedermannsrecht gehören die Beeren dem, der sie sammelt. Pro Kilogramm werden gegenwärtig bis zu 12 Euro angeboten – ein Einkommen, das im Hochsteuerland steuerfrei ist. In den Wäldern müsste es also nur so von Pflückern wimmeln – könnte man meinen.

Dieses Jahr droht jedoch fast die komplette Ernte im Wald zu verrotten – eine Katastrophe für die finnische Beerenindustrie, die im Jahr auf 10 000 bis 15 000 Tonnen angewiesen ist. Den grössten Teil davon haben in den letzten Jahren Thailänderinnen und Thailänder gepflückt, Menschen wie Somthawin Misuk. Dieses Jahr haben die thailändischen Behörden ihre Landsleute jedoch an der Ausreise gehindert. Der Grund: Sie befürchten, dass die Erntehelfer in Finnland ausgebeutet werden. Eine Sorge, die nicht unbegründet ist.

Die Pflücker von Chakkarat

Im Spätsommer 2016 bekommt Somthawin Misuk ein verlockendes Angebot. Ein Vertreter einer finnischen Beerenfirma sucht in ihrem Heimatdorf Chakkarat im Osten Thailands nach Erntehelfern. Misuk erzählt es der finnischen Tageszeitung «Helsingin Sanomat» später so: «Er fragte, ob jemand nach Finnland kommen wolle, um Beeren zu pflücken. Er sagte, man könne damit grosses Geld verdienen.»

Misuk hat drei Söhne und arbeitet als Strassenhändlerin in Bangkok. Sie träumt von einem eigenen Haus in Chakkarat und davon, ihrem jüngsten Sohn eine Ausbildung am Gymnasium zu ermöglichen. Um die Reise nach Finnland finanzieren zu können, nimmt sie einen Bankkredit auf. Die Firma, für die sie arbeiten wird, verlangt eine Vorauszahlung von 1500 Euro – Geld, das Misuk eigentlich nicht hat. Aber sie ist sich sicher: Die Arbeit im finnischen Wald wird ihr Leben verändern. Damit soll sie recht behalten, doch anders, als sie denkt.

Mit einem Reisecar werden die Thailänderinnen und Thailänder nach Hankasalmi in Mittelfinnland gefahren. Was sie unterwegs noch nicht wissen: Sie werden die nächsten Wochen in diesem Bus wohnen. Bilder, die die Polizei später veröffentlicht, zeigen einen Reisecar voller schmaler Hochbetten. Der Arbeitstag beginnt um 4 Uhr in der Früh und endet gegen 22 Uhr. Die Beeren werden den Arbeiterinnen und Arbeitern kommentarlos abgenommen. «Niemand hat uns gesagt, wie viele es waren», sagt Misuk zu «Helsingin Sanomat».

Bis zu 5000 Euro hat der Unternehmer den thailändischen Erntehelfern als Lohn in Aussicht gestellt, wenn sie 10 Kilogramm pro Tag sammeln. Misuk schätzt, dass sie an manchen Tagen sogar 30 Kilogramm gepflückt habe. Einen Lohn hat sie nie erhalten, dafür weitere Rechnungen: etwa für Benzin und eine Bettdecke. Der Traum von einer besseren Zukunft wird zum Albtraum. Als Misuk nach Thailand zurückkehrt, hat sie einen Haufen Schulden.

Fischkopfsuppe und GPS-Sender

Der Unternehmer, für den Misuk gearbeitet hat, ist heute im ganzen Land als «Marja-Matti» (übersetzt: «Beeren-Matti») bekannt. Im Januar 2022 hat ihn der Oberste Gerichtshof wegen Menschenhandel in 26 Fällen verurteilt. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass Matti die Thailänderinnen und Thailänder mit Absicht getäuscht und ausgebeutet und ihre Menschenwürde verletzt hat. Er war vermutlich nicht der Einzige.

Im Januar und Februar erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Geschäftsführer zweier weiterer Beerenfirmen wegen Menschenhandel in 62 und 77 Fällen. Die verdächtigten Unternehmer bestreiten alle Vorwürfe. Die Schilderungen der mutmasslichen Opfer werfen jedoch ernsthafte Fragen zur Ethik der Geschäftspraktiken auf.

Die Pflücker berichteten der Polizei davon, dass ihnen schimmelnder Reis und stinkende Fischkopfsuppe serviert worden sei. Fischköpfe werden in Finnland sonst zu Tierfutter verarbeitet. Die Thailänderinnen und Thailänder sollen zudem mit GPS-Sendern bewacht worden sein. Sie sollen keine freien Tage gehabt haben, konnten sich der Arbeit nicht verweigern und hatten keine Möglichkeit, frühzeitig nach Thailand zurückzukehren. Nachdem die Polizei einen Erntehelfer befragt hatte, soll der Chef ihm damit gedroht haben, ihn im Lager einzusperren, wenn er sich gegenüber den Behörden negativ äussere.

Thailändischer Minister will Arbeitsbedingungen kontrollieren

Der Ruf der finnischen Beerenindustrie ist inzwischen bis zu den thailändischen Behörden gedrungen. Willige Arbeitskräfte gebe es in Thailand zwar immer noch. Das finnische Migrationsamt hat dieses Jahr 1300 Gesuche erhalten. In 400 Fällen stellten die Behörden einen Verdacht auf Ausbeutung fest, nur 900 Gesuche wurden bewilligt. Der Arbeitsminister Phiphat Ratchakitprakarn hat jedoch auch diesen Personen die Ausreise verweigert. Wie der finnische Sender MTV am Freitag berichtete, soll er im September eine Reise nach Finnland planen, um sich persönlich ein Bild von den Arbeitsbedingungen zu machen.

In Finnland sind die Unternehmer derweil fast schon verzweifelt, denn Ersatz für die Thailänder zu finden ist schwer. Für die Moltebeeren ist es bereits zu spät, die Heidelbeeren verrotten gerade vor sich hin, und schon bald beginnt die Preiselbeersaison. Wenn nicht bald eine Einigung erzielt wird, könnte die Heidelbeersuppe – ein Grundnahrungsmittel für viele Finninnen und Finnen – im nächsten Winter knapp werden.

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