Der Sturz des Asad-Regimes weckt in dem kriegszerstörten Land grosse Hoffnungen. Ob eine islamistische Regierung diese erfüllen kann, ist fraglich.
Der gewaltige Präsidentenpalast hoch oben auf dem Berg Mezzeh westlich von Damaskus trägt den bescheidenen Namen «Palast des Volkes». Dabei hat er nie dem Volk gehört. Stattdessen war der vom japanischen Architekten Kezo Tange 1985 entworfene Prunkbau vor allem eins: ein Symbol der Macht und des Reichtums der Familie Asad. Bis vor ein paar Tagen empfing Bashar al-Asad hier noch Notabeln, ausländische Gäste und hielt Hof.
Jetzt sind die riesigen Marmorhallen leer – bis auf die bärtigen Milizionäre, die Wache halten, vereinzelte Journalisten-Gruppen herumführen und dafür sorgen, dass das kostbare Mobiliar nicht kurz und klein geschlagen wird. Denn direkt nach dem Fall des Regimes waren unzählige Syrer auf die Hügel vor Damaskus hochgefahren, um die Paläste des vertriebenen Herrschers zu stürmen.
Im etwas tiefer gelegenen, offiziellen Gästehaus der gestürzten Regierung drängeln derweil immer noch Schaulustige durch zertrümmerte Schlafzimmer und mit Lüstern behangene Säle. Staunend betrachten sie den Reichtum, der hier geherrscht hat. All das gehöre doch eigentlich Syrien, sagt eine Frau mit Kopftuch, die mit ihrem Ehemann da ist. Ein junger kurdischer Kämpfer aus Idlib kündigt an: «Wir werden den Menschen all das zurückgeben.»
Luxuskarossen und leere Paläste
Asads Sippschaft hatte das kriegszerstörte Syrien so lange ausgesaugt, bis selbst die unterbezahlte Armee nicht mehr kämpfen wollte. Um den Diktator hatte sich eine Clique aus Profiteuren und Kriegsgewinnlern geschart, die mit schmutzigen Geschäften, Korruption und Drogenhandel Unmengen an Geld scheffelten, bis sie angesichts des drohenden Untergangs fluchtartig das Land verliessen. Zurück blieben Luxuskarossen, üppige Gärten und leere Paläste.
Derweil ächzte die ganz normale Bevölkerung unter einer galoppierenden Inflation, Ressourcenknappheit und harten Sanktionen. Nun hoffen viele, dass alles besser wird. «Ich glaube, dass jetzt eine neue Zeit anfängt», sagt Ahmad Akil, der gemeinsam mit seinem Vater ein Geschäft für Sonnenbrillen im Suk von Damaskus betreibt. Die letzten Tage waren die meisten Geschäfte hier wegen des Umsturzes geschlossen. Jetzt sind sie wieder geöffnet, und in den Gassen der Altstadt wimmelt es von Besuchern.
Die siegreichen Islamisten der HTS, die Syrien seit knapp einer Woche beherrschen, haben angekündigt, so rasch wie möglich für Sicherheit und Stabilität zu sorgen. Bereits am Montag präsentierten sie einen Ministerpräsidenten für die Übergangsregierung: Mohammed al-Bashir, einen Mann aus Idlib, der dort der «syrischen Heilsregierung» vorstand. Doch dem gelernten Elektroingenieur steht ein hartes Stück Arbeit bevor.
Denn Syrien litt nicht nur unter Asads Repression. Es lag auch wirtschaftlich am Boden. Zuletzt fehlte es an Strom, Heizöl und an Medikamenten. Weite Teile der Bevölkerung waren in der bleiernen Spätphase unter Asad komplett in die Armut abgerutscht. Zudem konfiszierte die kleptokratische Regierung bei den Händlern im Suk offenbar willkürlich Importware und zerstörte so deren Lebensgrundlage. «Man war vor diesen Leuten nie sicher», sagt Akil.
«Eine Frau ist in der ersten Nacht immer schön»
Andere kamen für ihre Beschäftigung sogar in Haft. So wie Abu Khaled, ein Berg von einem Mann, der im verrauchten Obergeschoss seines Bekleidungsgeschäfts seit Jahren eine illegale Wechselstube betreibt. «Devisenhandel war strengstens verboten, und wer Dollar verkaufte, kam mitunter bis zu sieben Jahre ins Gefängnis», brummt er, während er mit einer Zigarette im Mund Scheine zählt. Abu Khaled, der eigentlich anders heisst, aber seinen Namen nicht nennen will, ist ebenfalls froh, dass Asad weg ist.
Grosse Erwartungen an die neue Regierung hat er aber nicht. «Eine Frau ist in der ersten Nacht immer schön», sagt er. «Aber ob sie wirklich die Richtige ist, merkst du erst nach ein paar Jahren Ehe.» Die Wirtschaft in Syrien wieder aufzurichten, brauche viel Geld und Geduld. Ob die Islamisten diese haben, ist ungewiss. Schon jetzt gibt es Gerüchte über Diadochenkämpfe innerhalb der verschiedenen Fraktionen, die in Syrien nun die Macht innehaben.
Zudem fragen sich immer mehr säkulare Damaszener, was die sich moderat gebenden Islamisten tatsächlich im Schilde führen und ob ihre multikonfessionelle, traditionell weltoffene Stadt in Zukunft von konservativen Bauern aus Idlib regiert wird. Schon jetzt fürchten manche, dass die neuen Herrscher strenge islamische Regeln einführen könnten. Die Kneipenbesitzer im Christenviertel Bab Tuma haben ihre Bars jedenfalls vorerst geschlossen.
Noch herrscht in weiten Teilen der Stadt eine Mischung aus Euphorie und Trauma-Bewältigung. Manche Leute tanzen auf den zurückgelassenen Panzern, während andere in den Kühlräumen der Spitäler nach ihren Angehörigen suchen – unter den Toten aus den Kerkern des Regimes. In den engen Gassen der Altstadt schlendern derweil bärtige Islamisten mit langen Haaren und Gewehren staunend durch die Menge. Neben den eleganten Damaszenerinnen sehen sie aus wie von einem anderen Planeten.
Es gibt kaum Strom und kein Wasser
Für die grösste Genugtuung sorgt der Sieg der Rebellen in jenen Sunnitenvierteln im Süden von Damaskus, die besonders unter Asad gelitten haben. Ein Beispiel dafür ist al-Lawan, ein trister, staubiger Vorort hinter dem Militärflugplatz von Mezzeh, wo sich ärmliche Häuser aneinanderreihen und die Leute von der Hand in den Mund leben. Er verdiene nur 70 Dollar im Monat, sagt Ahmed Mohsi, ein Schneider, der damit seine Frau und vier Kinder zu ernähren hat. «Viele Leute können sich hier kaum etwas zu essen leisten.»
Aus dem Viertel, das schon seit dem Anti-Asad-Aufstand von 2011 als Rebellenhochburg gilt, seien unzählige Menschen von den Schergen des Regimes verschleppt worden, sagt Mohsi. «Jede Familie hier hat jemanden, der entweder verschwunden ist oder im Bürgerkrieg starb.» Andere sind in die Türkei oder über das Mittelmeer weiter nach Europa geflohen. Jetzt hoffen die Männer hier, dass es endlich aufwärtsgeht. «Wir wollen Strom und tiefere Lebensmittelpreise», sagen sie. «Und höhere Löhne.»
Ob die Islamisten, die jetzt in Damaskus die Macht innehaben, diese Erwartungen erfüllen können, ist fraglich. Zu gewaltig sind die Schäden, die Jahre des Krieges und der Krise angerichtet haben. Im Nachbarviertel Daraya beispielsweise sind fast 75 Prozent der Einwohner wegen des Krieges geflohen. Die Gegend galt ebenfalls als Rebellenhochburg und wurde von Asads Armee sturmreif geschossen, ehe sie 2016 fiel. Bis heute fährt man hier durch endlose Trümmerwüsten.
Inzwischen hat auch in Daraya die HTS die Macht übernommen – und bereits eine provisorische Zivilverwaltung gebildet. Amer Kushaini, ein gelernter Betriebswirtschafter, ist ihr Chef. Er war einst selbst vor den Asad-Truppen aus Daraya nach Idlib geflohen und ist nun mit den siegreichen Kämpfern aus dem Norden zurückgekommen. «Wir haben kaum Strom und kein Wasser, viele Gebäude sind zerstört», sagt er. Immerhin habe man inzwischen die Bäckereien in Betrieb nehmen können.
Waffen gegen Brot
Die neue Regierung habe allerdings Grosses vor. Man wolle die Wirtschaft liberalisieren, die Unternehmensgesetzgebung ändern und so fremde Investitionen ins Land locken, sagt Kushaini. Dabei setzt er vor allem auf das Geld zurückkehrender Auslandsyrer. Aber der 35-Jährige weiss, dass das allein nicht ausreichen wird. «Am Ende brauchen wir internationale Hilfe, vor allem aus den Golfstaaten», sagt er.
Bis diese eintrifft, beschäftigt sich Kushaini mit einem anderen Problem. Denn um regierungsfähig zu sein, muss die HTS erst einmal über das Gewaltmonopol verfügen. Nach dem Kollaps der Asad-Armee hatten sich überall spontane Bürgerwehren gebildet. Fast jeder Mann schnappte sich eine Waffe und patrouillierte fortan damit durch die Strasse. Um zu verhindern, dass das Land in die Anarchie abrutscht, verlangen die neuen Machthaber nun von den Bürgern, ihre erbeuteten Waffen wieder abzugeben.
In dem heruntergekommenen Verwaltungsgebäude drängen sich deshalb Männer in Windjacken und Cargo-Hosen, die Kalaschnikows, Panzerfäuste und Handgranaten abgeben. Die HTS-Funktionäre tragen die Namen der Männer und die Seriennummern der Waffen ordentlich in eine Liste ein. Als Belohnung bekommen die kooperativen Bürger Brot. Was geschieht, wenn jemand sein Gewehr nicht abgeben will? «Dann», sagt Kushaini entschlossen, «werden wir ihm einen Besuch abstatten.»







