Yura Borisov wird gefeiert für seine Glanzleistung in «Anora». Aber dass sich niemand für den Hintergrund des Mannes aus Moskau interessiert, verwundert. Zeigt sich darin die Kriegsmüdigkeit des Westens?
Auch wenn er am Sonntag keinen Oscar bekommen sollte: Yura Borisov hat Grosses geschafft. Der Nebendarsteller aus dem amerikanischen Film «Anora» ist der erste russische Schauspieler seit dem Ende der Sowjetunion, der für den Academy Award nominiert ist.
Vor fast fünfzig Jahren, 1977, hatte letztmals ein Landsmann von ihm Chancen auf eine Trophäe als Darsteller. Nun könnte bei den Oscars russische Filmgeschichte geschrieben werden. Ausgerechnet jetzt, in Zeiten des Ukraine-Kriegs.
Borisovs Staatsbürgerschaft spielte für die Oscar-Academy offenbar keine Rolle. Ebenso wenig, dass er in Moskau lebt. Zu Putin hat sich der Schauspieler, scheint es, nie öffentlich geäussert. Über den Krieg sind keine Statements von ihm bekannt.
Er war auf der besetzten Krim
Wie der 32-Jährige politisch denkt, behält er für sich. Allenfalls gegen ihn spricht, dass er 2020 die Hauptrolle im russischen Film «AK-47» über den Erfinder der Kalaschnikow gespielt hat. Laut dem «Kyiv Independent» ein Propagandawerk. Das Biopic, das ausserhalb Russlands kaum zu sehen war, wurde teilweise auf der besetzten Krim gedreht.
Ganz lupenrein ist Yura Borisovs Reputation daher nicht. Aber in westlichen Medien wird sein Hintergrund kaum hinterfragt. Zwar sind etwa in «Vanity Fair», der «Los Angeles Times» und dem «Interview Magazine» unlängst Gespräche mit dem Oscar-Kandidaten erschienen. Doch in keinem wird Politik auch nur angeschnitten. Allem Anschein nach haben sich die Medien gegenüber dem Management des Schauspielers verpflichtet, keine verfänglichen Fragen zu stellen.
Die braven Interviews sind das eine. Überhaupt wurde die Oscar-Nomination des gebürtigen Moskauers bisher staunenswert wenig thematisiert; skandalisiert schon gar nicht. Ein Russe bei den Oscars – und keinen kümmert’s?
Vielleicht ist das nicht falsch. Über Sinn und Zweck eines Boykotts von russischer Kultur kann man seit drei Jahren streiten. Aber es ist augenfällig: Bei russischen Stars aus der klassischen Musik wie Anna Netrebko und Teodor Currentzis, die sich nicht eindeutig zum russischen Krieg in der Ukraine verhalten haben, wurden noch strengere Massstäbe angelegt.
Canceln hat nicht funktioniert
Auch der Dokumentarfilm «Russians at War», der russische Soldaten an der Front zeigt, stiess auf Kritik, Vorführungen mussten nach öffentlichem Druck abgesagt werden. In der westlichen Kulturszene war man bis anhin bemüht, jede womöglich vorteilhafte Darstellung Russlands zu vermeiden. Und nun könnte ein russischer Schauspieler mit dem Oscar ausgezeichnet werden? Wie ist das zu erklären?
Die knapp 10 000 Mitglieder der Oscar-Academy haben sich kaum in Trump- oder Putin-Versteher verwandelt. Ein plötzlicher Anflug von Russophilie? Näher liegt der Gedanke, dass die Idee eines kulturellen Boykotts nicht mehr Mainstream ist. Die Bestrebung, Russland mit Nichtachtung zu strafen, hat an Vehemenz verloren. Vielleicht, weil sie sich als unwirksam erwiesen hat. Prominente Russen zu canceln, hat dem Kreml kaum geschadet – dem westlichen Ideal einer freien Kunstausübung hingegen schon.
Oder es drückt sich in der nonchalanten oder fehlenden Haltung zu Yura Borisovs Nomination eine grundsätzliche Kriegsmüdigkeit des Westens aus. Ein Abstumpfen auch: In Zeiten, in denen Trump mit Putin verhandeln will, fällt ein möglicher russischer Oscar-Gewinner offenbar nicht mehr gross ins Gewicht. Oder käme sogar gerade recht.
Russland ist verwirrt
Kommt hinzu, dass auch der Kreml konfus auf die Nachricht der Nomination reagierte. Selbst für die Russen scheint Yura Borisov eine Blackbox zu sein. Von den meisten Staatsmedien wurde sein Erfolg verschwiegen. Der Sender Channel Five fand sogar einen negativen Spin: Borisov sei bloss ein Nebendarsteller und «Anora» ein Abklatsch von «Pretty Woman», bei dem Russen als dumme Rohlinge dargestellt würden. Der Moderator höhnte, dass die Amerikaner die Russen nun zurück in ihr Hollywood-Paradies liessen, «obwohl es in den letzten Monaten ziemlich abgebrannt ist».
Yura Borisovs Erfolg in Amerika entspricht nicht dem von den Propagandisten verbreiteten Bild des fundamentalen Russlandhasses im Westen. Der Kreml inszeniert sich gerne als Opfer, da kommt die Oscar-Nomination nicht gelegen.
Laut der unabhängigen «Moscow Times» hat sich bei Putin-freundlichen Bloggern sogar eine Verschwörungstheorie verbreitet, wonach Borisov vom Westen als Oppositioneller aufgebaut werde. Mithilfe der Oscars wollten die Russlandfeinde sozusagen einen zweiten Selenski kreieren. Noch ein Schauspieler, der dann aber nicht zum ukrainischen, sondern zum russischen Präsidenten wird: So stelle sich der hinterlistige Westen das vor.
Auf dem Weg in den Kreml müsste sich Yura Borisov nun jedoch zunächst bei den Oscars gegen den favorisierten Kieran Culkin aus «A Real Pain» durchsetzen. Daneben sind Schwergewichte wie Guy Pearce («The Brutalist») und Edward Norton («Like A Complete Unknown») im Rennen.
Verliebt in die Stripperin
Dass Borisov gegen die amerikanische Konkurrenz gewinnt, ist eher nicht zu erwarten. Dafür scheint er schlichtweg eine Nummer zu klein. Kinogänger kennen ihn allenfalls aus «Compartment No. 6», wo er den rüpelhaften Russen spielte, der im Zugabteil auf eine finnische Archäologiestudentin trifft. Vor dem finnischen Arthouse-Film hatte er sich international kaum hervorgetan.
Doch durch «Compartment No. 6» wurde der amerikanische Regisseur Sean Baker auf Borisov aufmerksam und engagierte ihn für «Anora». In dem Film, der in Brighton Beach, einem russisch geprägten Viertel in Brooklyn, beginnt, brennt die Stripperin Ani mit einem Oligarchensohn durch. Borisov spielt Igor, den Handlanger des Oligarchen. Dieser soll den Jungen zurück nach Russland bringen.
Wie in «Compartment No. 6» brilliert Borisov als Rowdy, der ein gutes Herz hat. Vielleicht finden die lebensfreudige Stripperin und der introvertierte Rabauke zum Schluss sogar zusammen. Es könnte Liebe sein. Andererseits aber auch Verachtung. Sean Bakers Film verblüfft mit einem zweideutigen Ende, in dem Gewalt und Zärtlichkeit aufeinandertreffen.
Ob Yura Borisov der Böse ist – schwer zu sagen.