Der führende Hersteller von KI-Chips arbeitet weiterhin auf Hochtouren. Wie die Quartalszahlen zeigen, läuft das Wachstum aber erwartungsgemäss weniger heiss als auch schon. Die Aktien befinden sich an einem kritischen Punkt.
Das Wachstum bleibt eindrücklich. Nvidia übertrifft mit dem Ergebnis zum vierten Quartal standesgemäss die Erwartungen der Analysten und gibt auch für die laufende Berichtsperiode ein hohes Tempo vor. Der Umsatz soll sich auf 43 Mrd. $ belaufen, was im Vergleich zum Vorjahr einer Zunahme von rund 65% entspricht.
Ob das ausreicht, um den Aktien neue Impulse zu geben, ist indes fraglich. Im Vorfeld der Zahlen vom Mittwochabend rechnete der Konsens für den aktuellen Berichtszeitraum offiziell mit leicht mehr als 42 Mrd. $ Umsatz. Die Prognose fällt somit besser als erwartet. Inzwischen gilt es aber als selbstverständlich, dass Nvidia die Schätzungen deutlich übertrifft.
Angesichts der ersten Kursreaktion hatten sich Investoren demnach möglicherweise mehr erwartet. Die Aktien tendierten nachbörslich rund 1,5% schwächer. Andererseits waren sie zuvor aber bereits im Tageshandel knapp 4% avanciert. Gemessen am Stand von Anfang Jahr notieren sie 2% leichter, wogegen sich der US-Leitindex gut 1% im Plus bewegt.
Wie sich die Titel heute Donnerstag im regulären Handel verhalten werden, bleibt schwierig zu sagen. In der Vergangenheit hat sich wiederholt gezeigt, dass der Kurs am Tag nach der Ergebnispublikation erheblich schwanken kann. Unter anderem, weil Nvidia zu den populärsten Spekulationsobjekten im Handel mit Optionen gehört.
Umstellung auf Blackwell belastet Margen
Aus fundamentaler Sicht gibt es am Leistungsausweis wenig auszusetzen. Der Umsatz ist im vierten Quartal um 78% auf 39,3 Mrd. $ geklettert. Gemäss dem Finanzdatendienst Koyfin ist das rund 1,3 Mrd. $ oder leicht mehr als 3% besser, als von Analysten erwartet. Sequenziell resultierte eine Steigerung von 12% zum vorangegangenen Quartal. Der Gewinn nahm 80% auf 22,1 Mrd. $ oder 89 Cent pro Aktie zu, was 5 Cent über der Konsensschätzung liegt.
Der einzige Schwachpunkt – wenn man das überhaupt so sagen kann – ist die Bruttomarge. Die meistbeachtete Kenngrösse zur Ertragskraft in der Halbleiterindustrie hat sich gegenüber dem Vorjahr von 76 auf 73% verringert. Analysten hatten mit 73,5% gerechnet. Im Branchenvergleich arbeitet Nvidia aber weiterhin beneidenswert profitabel. Für die vierzehn Halbleiterkonzerne im S&P 500 beträgt der Vergleichswert durchschnittlich 60,9%.
Noch wichtiger: Der leichte Rückgang der Bruttomarge hat mit der Umstellung auf die nächste Generation von KI-Prozessoren für Grossrechner zu tun. Die Blackwell genannten Chips, die vom Auftragsproduzenten TSMC in Taiwan hergestellt werden, sind komplizierter und teurer. Wenn die Produktion im späteren Jahresverlauf auf Hochtouren kommt, soll sich die Marge zurück auf rund 75% ausdehnen, sagte Finanzchefin Colette Kress bei der Ergebnispräsentation.
Datacenter-Sparte profitiert vom KI-Boom
Die Blackwell-Chips sind speziell für das Trainieren von KI-Modellen wie ChatGPT konzipiert. Sie lösen die bisherige, Hopper genannte Generation von Nvidias Grafikprozessoren (Graphics Processing Unit, GPU) ab. Blackwell wird damit zum wichtigsten Wachstumstreiber der Sparte Datacenter, die rund die Hälfte der Einnahmen mit Cloud-Infrastrukturanbietern wie Microsoft, Amazon und Alphabet erzielt.
«Die Nachfrage nach Blackwell ist überwältigend», meinte Konzernchef Jensen Huang. Nvidia hat mit den neuen Chips im vierten Quartal 11 Mrd. $ Umsatz verdient. Insgesamt haben sich die Datacenter-Einnahmen um 93% auf knapp 35,6 Mrd. $ verbessert und lagen damit über der Konsensschätzung von 34,1 Mrd. $.
Die Sparte Gaming, einst das Kerngeschäft des Konzerns aus dem Silicon Valley, verzeichnete demgegenüber einen Umsatzrückgang um 11% auf gut 2,5 Mrd. $. Gemäss dem Management waren dafür temporäre Lieferengpässe verantwortlich. Im laufenden Berichtszeitraum soll es zu einer kräftigen Erholung kommen.
Wichtig wird, was in den kommenden Monaten im Handels- und Technologiekonflikt zwischen den USA und China passiert. Der Export von Nvidias leistungsfähigsten Datacenter-Chips nach China wurde bereits unter der Biden-Administration untersagt. Regelmässig kommt jedoch der Verdacht auf, dass die Auflagen umgangen werden. Der Coup des chinesischen KI-Startups DeepSeek hat solche Vermutungen verstärkt.
Wie es heisst, soll die Trump-Regierung neue Restriktionen gegen China erwägen. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass davon auch Nvidia betroffen wäre. Der Konzern hat im letzten Quartal über 5,5 Mrd. $ bzw. 14% des Umsatzes in der Volksrepublik erwirtschaftet. Ein wichtiger Absatzmarkt ist mit einem Anteil von 16% ebenso Singapur, das von den USA als Umschlagsplatz für den Schmuggel von Nvidia-Chips nach China verdächtigt wird.
Erwartungen an Nvidia sind hoch
Bei Nvidia wird sich weiterhin alles um das Wettrüsten im Bereich künstliche Intelligenz drehen. Nach einer phänomenalen Rally haben die Aktien allerdings schon seit einiger Zeit an Auftrieb verloren. Nach ausgeprägten Schwankungen in den vergangenen Monaten handelt der Kurs 3% unter dem Hoch von Mitte Juni 2024.
Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta Platforms haben bei den Quartalsabschlüssen bekräftigt, dass sie ihre Investitionen in KI-Rechenleistung dieses Jahr erneut erhöhen wollen. Auch KI-Startups wie OpenAI, Anthropic oder xAI fliessen weiterhin Investorengelder in grossem Stil zu, wovon eine bedeutende Summe für Datacenter-Chips verwendet wird.
Das sind grundsätzliche gute Nachrichten für Nvidia. Doch die Erwartungshaltung an der Börse ist gross. Mit einer Marktkapitalisierung von 3,2 Bio. $ spielt das Unternehmen zusammen mit Apple und Microsoft in der Top-Liga der drei wertvollsten Konzerne der Welt. Auf Basis der Analystenschätzungen für 2025 sind die Aktien zum Kurs-Gewinn-Verhältnis von leicht mehr als 33 bewertet. Das ist nicht exzessiv teuer, aber doch anspruchsvoll.
Das Problem ist, dass die Halbleiterindustrie ausgesprochen zyklisch ist und sich die Auftragslage rasch verändern kann. In der Vergangenheit hatte Nvidia diesbezüglich kaum Visibilität. Während des Booms in der Pandemie etwa beschleunigte sich das Wachstum der Einnahmen auf mehr als 80%, worauf sie bis Anfang 2023 um 20% einbrachen. Hinzu kamen mehrere Gewinnwarnungen und massive Abschreiber auf dem Lager.
Im jüngsten Quartalsabschluss ist von einem solchen Szenario freilich nichts zu sehen. Tatsache ist aber ebenso, dass sich das Expansionstempo verlangsamt. Einfach, weil Nvidia immer grösser wird – und Investoren sind sich unsicher darüber, auf welchem Niveau es sich fortan bewegen wird. Der Fokus richtet sich damit auf die GTC-Konferenz für Entwickler Mitte März, jeweils Nvidias wichtigster Produktanlass im Jahr.