Der Krieg in der Ukraine spaltet die estnische Gesellschaft. Die Regierung will sie mit politischem Druck zusammenführen. Lässt sich Zusammenhalt erzwingen?
Die ersten vierzehn Jahre ihres Lebens wusste Arina Sljusar, wer sie ist. Arina kommt in der estnischen Hauptstadt Tallinn auf die Welt, doch zu Hause spricht sie Russisch. Die Grosseltern schauen russische Staatssender, die Familie feiert den 9. Mai als Tag des Sieges, und Arina glaubt, dass die Sowjetarmee Estland im Zweiten Weltkrieg befreit hatte.
Wird Arina nach ihrer Herkunft gefragt, ist die Antwort lange eindeutig: Sie ist eine Russin in Estland. Bis ihr Weltbild im Februar 2022 ins Wanken gerät.
Putins Truppen fallen in der Ukraine ein, und im selben Jahr erfährt Arina zum ersten Mal im Geschichtsunterricht, dass die angebliche Befreiung in Wahrheit eine Okkupation war – eine Besetzung, bei der Tausende Menschen starben. «Ich stürzte in eine Identitätskrise», sagt sie. «Ich wusste nicht mehr, wer ich bin. Eine Russin? Eine Estin? Und vor allem: Sind Leute wie ich schuld an diesem Krieg?»
Arina ist nicht die Einzige, die zweifelt. Der russische Überfall auf die Ukraine hat im Baltikum alte Wunden aufgerissen und das Misstrauen in der Bevölkerung verstärkt. Zwischen Russen und Esten, zwischen Nachbarn und Arbeitskollegen.
Seit der sowjetischen Annexion im Zweiten Weltkrieg machen Russinnen und Russen etwa einen Viertel der estnischen Bevölkerung aus. Viele von ihnen erlangten nach der Unabhängigkeit Estlands die estnische Staatsbürgerschaft – so auch Arinas Familie. Vollständig Teil der estnischen Gesellschaft wurden sie nie.
Seit dem Krieg in der Ukraine ist die ethnische Zugehörigkeit verstärkt zum Politikum geworden. Mit politischem Druck versucht die Regierung in Tallinn, die gespaltene Gesellschaft zusammenzuführen. An den russischen Schulen darf künftig nur noch auf Estnisch unterrichtet werden. Damit schafft Estland das parallele russische Bildungssystem, das vom Kindergarten bis zum Gymnasium reicht, ab. Zudem soll russischen und weissrussischen Staatsangehörigen das Ausländerstimmrecht entzogen werden. Die Russinnen und Russen sollen sich integrieren – Kritiker der Reformen sagen: assimilieren.
Lässt sich Zusammenhalt erzwingen?
Wachsendes Misstrauen
Arina hat ihre Identität inzwischen gefunden. Sie ist kompliziert. Die 17-Jährige sitzt in der Cafeteria einer internationalen Schule in Tallinn und sagt: «Ich bin eine russischsprachige Ukrainerin, die in Estland geboren wurde.» Die ukrainischen Grosseltern väterlicherseits emigrierten während der Sowjetzeit nach Tallinn. Der Vater wurde in der Ukraine geboren und wuchs in der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik auf. Die Mutter – halb Russin, halb Ukrainerin – lebte in Kasachstan, bis sie im Teenageralter nach Tallinn kam.
Verworrene Familiengeschichten wie jene der Sljusars sind typisch für die russische Minderheit im Baltikum. Sie sind das Überbleibsel der Sowjetzeit. Mit einer imperialistischen Migrationspolitik wollte die sowjetische Führung die annektierten Gebiete russifizieren. Tausende Estinnen und Esten wurden unter Josef Stalin nach Sibirien deportiert. Viele kehrten nie mehr zurück. Dafür wanderten bis in die achtziger Jahre Arbeitskräfte aus anderen Teilen der Sowjetunion ein – Menschen wie die Grosseltern von Arina Sljusar.
In Estland gelten sie alle als Russen. So sehen sich auch viele selbst. Es sind die Sprache und die Kultur, die sie vereinen. Doch der Krieg in der Ukraine hat nicht nur die estnische Gesellschaft, sondern auch die Minderheit entzweit. Eine im Auftrag der Regierung durchgeführte Umfrage zeigt einen Generationengraben: 66 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sind gegen den Krieg, bei den 65- bis 74-Jährigen sind es nur 30 Prozent.
Arina sagt: «Nach dem Angriff war es sehr schwierig zu Hause. Meine Grosseltern, meine Eltern und ich haben alle verschiedene Meinungen.» Arina hat ihre Seite gewählt. Für sie ist klar: «Russland tut sehr schlimme Dinge.» Ihre Eltern drückten sich vorsichtiger aus. Und die Grosseltern wähnten in der alten Heimat Nazis an der Macht. «Wir versuchen das Thema zu meiden, und auch viele meiner russischen Freunde wollen nicht darüber sprechen.»
So geht es vielen Russinnen und Russen in Estland: Sie schweigen. Und schüren damit das Misstrauen der Esten. Einer der wenigen, die den Angriffskrieg öffentlich verurteilen, ist der Geschichtslehrer und Kolumnist Igor Kalakauskas. Kalakauskas hat russische, polnische und litauische Vorfahren. Er besitzt nur den estnischen Pass und bezeichnet sich selbst als russischsprachigen Esten. Für ihn ist klar: «Die Russinnen und Russen müssten sich klarer gegen den Krieg positionieren.»
Er sieht aber auch die estnische Mehrheit in der Pflicht. Statt die Minderheit zu integrieren, hätten ihr die Regierenden in Tallinn in den letzten dreissig Jahren ständig Steine in den Weg gelegt – etwa bei der Einbürgerung. «Nach dem Zerfall der Sowjetunion hofften die Esten, dass die Russinnen und Russen das Land wieder verlassen würden. Das ist nicht passiert.»
Zunehmende Segregation
Wenn man durch Tallinn fährt, kann man die gesellschaftliche Spaltung sehen und hören. Die pittoreske Altstadt und das moderne Stadtzentrum mit seinen Wolkenkratzern stehen für jenes Estland, auf das die Esten stolz sind: mittelalterliche Burgen, hippe Restaurants und Startups wie Skype und Bolt. Nur wenige Kilometer weiter östlich zeigt die Stadt jedoch ein ganz anderes Gesicht: baufällige Plattenbauten, stark befahrene Schnellstrassen und Marktstände mit Importprodukten aus Russland.
Auch die Segregation ist ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Die umgesiedelten Arbeitskräfte brauchten neuen Wohnraum. Die Lösung für die Wohnungsnot waren Plattenbauten, die schnell und günstig errichtet werden konnten. Kadi Kalm forscht an der Universität Tartu zu der ethnischen Segregation. Diese habe in den vergangenen Jahrzehnten sogar zugenommen, sagt sie. «Am Ende der Sowjetzeit waren diese Siedlungen durchmischter. Doch dann sind alle, die konnten, weggezogen.»
Geblieben sind die Russinnen und Russen. Kalm spricht von einem Teufelskreis: Wenn russischsprachige Personen in russischsprachigen Quartieren aufwachsen, besuchen sie in der Regel russischsprachige Schulen. Ihr Netzwerk besteht dann aus anderen Russinnen und Russen, und sie lernen nicht richtig Estnisch. Dadurch sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Estland geringer. Der Lohn reicht nur für eine günstige Wohnung, und eine solche findet sich in den Plattenbauten. «Wir beobachten eine zunehmende soziale Ungleichheit zwischen der russischen und der estnischen Bevölkerung», sagt Kalm.
Nur wenige schaffen den Sprung aus der sozialen und ethnischen Blase. Arina Sljusar ist eine von ihnen. Sie lebt zwischen zwei Welten – der estnischen und der russischen. Ihre Eltern schickten sie in einen estnischen Kindergarten und später an eine russische Grundschule. In ihrer Freizeit besuchte sie einen Schwimmkurs und Kunstunterricht – beides auf Estnisch. In der sechsten Klasse wechselte sie an eine estnische Schule.
Heute hat Arina russische und estnische Freunde. Sie sagt: «Ich habe noch nie eine Geburtstagsparty veranstaltet.» Zu gross seien die Differenzen zwischen den beiden Gruppen. «Die Sprachbarriere, die unterschiedlichen Mentalitäten – das würde nicht funktionieren.» Das Problem der fehlenden Integration betreffe nicht nur die älteren Generationen, sondern die Jungen genauso. «Wir wachsen auf im selben Land, in derselben Stadt, aber gehen an unterschiedliche Schulen, und es gibt kaum Orte, wo wir uns begegnen.»
Genau das will die Regierung nun mit Zwang ändern.
Eine umstrittene Reform
Die grosse Schulreform hat bereits begonnen. An 15 Prozent der Schulen in Estland wurde bisher auf Russisch unterrichtet. Damit soll bald Schluss sein. Seit diesem Herbst werden alle Erst- und Viertklässler auf Estnisch unterrichtet. Bis 2030 soll der Unterricht an allen Schulen – die internationalen ausgenommen – ausschliesslich in der Landessprache erfolgen.
Es geht dabei um mehr als Sprache und gleiche Bildungschancen. Das Bildungsministerium will mit der Reform «die Entwicklung der estnischen nationalen Identität unterstützen», «die soziale Integration fördern» und «die schulische und sozioökonomische Segregation verringern». Kurz: die gespaltene Gesellschaft zusammenführen.
Seit der Unabhängigkeit 1991 hat sich nicht viel getan. Laut Kadi Kalm schicken noch immer rund 90 Prozent der russischen Eltern ihre Kinder an russische Schulen, obwohl es in allen Quartieren auch estnische Schulen gibt.
An den russischen Schulen wurde zwar bereits in den letzten Jahren auch Estnisch unterrichtet – aber als Fremdsprache und nicht immer auf hohem Niveau. Wie gut man die Sprache lerne, hänge stark von der persönlichen Motivation ab, sagt Arina. Und die sei oft nicht sehr hoch. «Es gab in meinen Klassen immer Schüler, die sich schlicht geweigert haben, Estnisch zu lernen.»
Kalakauskas hingegen sieht den estnischen Staat in der Verantwortung. Bisher wurde von Absolventen des Gymnasiums das Niveau B2 verlangt. Das reiche nicht aus, um an einer estnischen Universität, wo nur in der Landessprache unterrichtet werde, zu studieren, sagt Kalakauskas. «Dieses Jahr hat die Hälfte der Schülerinnen und Schüler nicht einmal dieses Ziel erreicht. Dreissig Jahre lang wurde dem keine Beachtung geschenkt, und niemand suchte nach den Gründen für diese Katastrophe.»
Obwohl sich fast alle einig sind, dass sich etwas ändern muss, wird die Reform kritisiert. Der Geschichtslehrer Igor Kalakauskas sagt: «Es geht sehr schnell, zu schnell.» Es gebe nicht genügend russischsprachige Lehrpersonen, die Estnisch auf dem Niveau C1 beherrschten. Und selbst das genüge eigentlich nicht. «Für uns Lehrer geht es nicht mehr darum, wie wir einen Sachverhalt am besten erklären, sondern darum, wie wir ihn auf Estnisch erklären. Das ist eine künstliche Herausforderung.»
Kalakauskas unterrichtet an der Realschule Tönismäe. Es ist die älteste russische Schule Estlands. Sie wurde im 18. Jahrhundert gegründet, als Tallinn noch Reval hiess und Estland Teil des Russischen Reiches war. Auch als Estland 1917 erstmals unabhängig wurde, wurde an der Schule von Tönismäe weiterhin auf Russisch unterrichtet.
Jetzt wird die jahrhundertelange Geschichte zu einem Ende kommen. «Es ist fair zu verlangen, dass alle Staatsbürger die Landessprache beherrschen müssen», sagt Kalakauskas. Aber hier gehe es um etwas anderes. Putins Krieg habe einen alten Groll geweckt. «Diese Reform fühlt sich an wie Rache.»
Statt auf Zwang hätte die Regierung auf positive Anreize setzen, den Wettbewerb zwischen den russischen Schulen fördern sollen. Es wäre sogar besser gewesen, die russischen Schulen nach und nach komplett zu schliessen. «So wie es jetzt gemacht wird, geht das auf Kosten der Qualität des Unterrichts. Am Ende leiden darunter die Schüler.» Problematisch sei das vor allem in einem Schulfach: der Geschichte. «Die Jugendlichen bekommen zu Hause oft eine ganze andere Version der historischen Ereignisse vermittelt. Es ist entscheidend, dass sie den Schulstoff auch wirklich verstehen. Sonst bleiben sie für immer in der Blase.»
Ungewisse Zukunft
Bisher hat es kaum Proteste gegen die Reform gegeben. Doch Igor Kalakauskas beobachtet die Entwicklung mit Sorge. «Die meisten estnischen Russinnen und Russen sehen Estland als ihr Heimatland. Doch Estland gibt ihnen das Gefühl, unerwünschte Migranten zu sein.» Die Minderheit werde immer stärker in die Ecke gedrängt. «Das wird irgendwann zu einer sozialen Radikalisierung und zu Protesten führen.»
Kadi Kalm sieht die Situation etwas positiver. Ein besseres Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen sei möglich. «Aber dafür braucht es nicht nur die Sprache, sondern auch viel Zeit.»
Arina Sljusar hat der Wechsel an die estnische und später an die internationale Schule neue Möglichkeiten eröffnet. Sie möchte ins Ausland. Die politische Situation sei instabil, die Steuern hoch und die Löhne tief. «Falls die Situation irgendwann besser ist, könnte ich mir vorstellen, zurückzukommen.» Aber nun will sie vor allem eins: weg.