Die Grossbank bezieht laut eigenen Angaben keine versteckten Subventionen. Die Milliardenschätzung der Universität Bern unterstelle, dass die Bank nicht kreditwürdiger sei als Kongo oder Nigeria. Ein Experte erklärt die Schätzdifferenzen.
Der Markt droht Unternehmen mit der ultimativen Sanktion: Pleite. Das ist für die Firmen anstrengend, doch genau dies ist die Idee: Anstrengung führt in der Regel zu besseren Leistungen und damit auch zu mehr Wohlstand. Längst nicht alle Unternehmen sind dabei erfolgreich. So gehen in der Schweiz jedes Jahr Tausende von Firmen in Konkurs, und Tausende von neuen Firmen entstehen. Sterben gehört zum Leben.
Doch es scheint eine Ausnahme zu geben: die Grossbanken. In der Finanzkrise von 2008 musste die Welt eine alte Lektion neu lernen: Der Staat lässt die grössten Banken nicht einfach so sterben. Geht eine internationale Grossbank unter, kann das via Finanzmarktpanik, Massenrückzüge von Bankkundengeldern, Kreditverknappung sowie Unterbrechungen im Zahlungsverkehr zu inakzeptabel hohen volkswirtschaftlichen Schäden führen.
Der Bundeseingriff im Fall Credit Suisse 2023 hat die Wahrnehmung einer faktischen Staatsgarantie für die Grossbanken wieder deutlich verstärkt. Futter für Kontroversen lieferte jüngst eine Studie von drei Forschern der Universität Bern. Laut den Schätzungen der Forscher auf der Basis von Daten für 2022 hat die implizite (unausgesprochene) Staatsgarantie für die UBS einen Wert von mindestens 2,6 Milliarden Franken pro Jahr in Form von günstigeren Finanzierungskosten. Basis dieser Schätzung war die Differenz zwischen den effektiven Marktpreisen für Kreditausfallversicherungen für UBS-Schulden und den theoretischen Preisen für das UBS-Risikoprofil ohne Staatsgarantie.
UBS-Papiere nur «Ramsch»?
Die UBS hatte gesagt, es gebe überhaupt keine Staatsgarantie. Genannte Begründungen: Zwei der drei grossen internationalen Rating-Agenturen unterstellten in ihren Ratings für die Bank keine Staatsgarantie, und die Bank verfüge für den Krisenfall über verlusttragendes Kapital von 185 Milliarden Dollar.
Nun hat die Bank erstmals schriftlich direkt Stellung genommen zur erwähnten Studie. Gemäss der UBS hängt die Schätzung der Studie massgeblich von einer unrealistischen Annahme ab – dass die Wahrscheinlichkeit für einen UBS-Konkurs von 10 Prozent über ein Jahr und von 42 Prozent über fünf Jahre liege: «Damit entspräche die Kreditwürdigkeit der UBS jener von Ramschpapieren (vergleichbar mit Kongo, Irak oder Nigeria).»
Die Rating-Agentur Moody’s unterstelle dagegen eine Kreditausfallwahrscheinlichkeit bei der UBS von 0,1 Prozent für ein Jahr und von 0,8 Prozent für fünf Jahre. Mit diesen Wahrscheinlichkeiten komme man im Modell der Berner Forscher «auf staatliche Subventionen von null». Die Modelle der Rating-Agenturen seien im Unterschied zum Modell der Berner Studie auf historische Daten über effektive Bankenkonkurse gestützt.
Und würde man im Unterschied zur Studie die Volatilität des Aktienkurses statt der Bilanzsumme als Basis nehmen, ergäbe dies laut UBS ebenfalls staatliche Subventionen von null. Die Höhe des von den Studienautoren geschätzten Finanzierungsvorteils für Fremdkapital von 1,6 Prozentpunkten bezeichnet die Bank als nicht plausibel. Dies entspreche fast dem Dreifachen des durchschnittlichen Zinsaufschlags für Kreditausfallversicherungen der UBS über fünf Jahre von 0,65 Prozent.
Die Antwort der Berner
Die Berner Forscher schreiben in einem sechsseitigen Antwortpapier, dass das verwendete Schätzmodell zum Standard in der Forschung gehöre. Mit dem verwendeten Modell ergebe sich für UBS-Anleihen von 2022 eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 6 Prozent für ein Jahr und von 42 Prozent über fünf Jahre. Laut den Forschern nehmen nicht sie solche Ausfallwahrscheinlichkeiten an, sondern diese seien das Ergebnis des Schätzmodells auf Basis der UBS-Bilanzdaten.
Die Schwankungen im Wert der Aktiven sowie die Höhe des verlusttragenden Eigenkapitals bestimmen gemäss den Autoren, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Eigenkapital über einen bestimmten Zeitraum vernichtet werde. Würde die von der UBS genannte Ausfallwahrscheinlichkeit stimmen, hiesse dies, dass die am Markt gehandelten Kreditausfallversicherungen «überteuert» seien. Die von der UBS erwähnte Ausfallwahrscheinlichkeit führe zu unplausiblen Ergebnissen. Zudem seien die Einschätzungen der Rating-Agenturen zum Teil zweifelhaft gewesen – etwa mit hohen Ratings für die Credit Suisse im Frühjahr 2022 oder für die amerikanische Silicon Valley Bank bis kurz vor deren Kollaps.
Auf Basis der Volatilität des UBS-Eigenkapitals statt jener der Bankaktiven wäre der geschätzte Finanzierungsvorteil der Bank laut den Berner Forschern noch höher als in der Studie ausgewiesen. Die Autoren wiesen einen geschätzten UBS-Finanzierungsvorteil für Fremdkapital von 1,6 Prozentpunkten aus. Warum dies unplausibel hoch sein solle, sei nicht ersichtlich. Die Forscher betonen, dass andere Studien zum Teil noch höhere Finanzierungsvorteile für systemrelevante Banken geschätzt hätten.
Gemäss einem Überblick der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich über knapp zwanzig Studien aus diversen Ländern seit 2011 hat die grosse Mehrheit Finanzierungsvorteile von Grossbanken als Folge von mutmasslichen Staatsgarantien geortet. Die Bandbreite der Schätzungen ist allerdings gross; sie reicht von weniger als einem Viertelprozentpunkt bis über zwei Prozentpunkte.
Starke Schwankungen
Eine statistisch risikogerechte Abgeltung der Staatsgarantie schwanke im Zeitablauf, sagt der emeritierte Zürcher Bankenprofessor Urs Birchler: In guten Jahren wie gerade jetzt scheine eine Staatsgarantie fast wertlos, in schlechten Jahren wie 2022/23 für die CS sei die Garantie unerschwinglich. Wichtig sei auch der Zeithorizont: Rating-Agenturen, die meist auf ein Jahr hinaus bewerteten, schätzten die Schadenswahrscheinlichkeiten eher tief. Ökonomische Modelle berücksichtigen laut Birchler auch längere Fristen und liefern deshalb höhere Werte: Sowohl die tiefen Zahlen, welche die UBS angebe, als auch die hohen Verlustwahrscheinlichkeiten aus einzelnen akademischen Papieren seien deshalb zu relativieren.
Birchlers Fazit: «Es gibt faktisch eine Staatsgarantie, und deren Wert für die UBS dürfte erheblich sein. Aber: «Eine objektive Zahl zum Wert lässt sich angesichts der methodischen Schwierigkeiten nicht zuverlässig ermitteln.» Mit steigendem Eigenkapitalanteil der Bank nehmen laut Birchler der Wert der Staatsgarantie und die Schätzunsicherheiten ab.
Kernfrage für die Politik
Die Frage der Staatsgarantie ist zentral bei der Kontroverse über den künftigen Regulierungsrahmen für die Grossbank. Je mehr man an die Existenz einer inoffiziellen Staatsgarantie glaubt und als je bedeutender man diese einschätzt, desto eher würde dies nach strengeren Regeln rufen. Die Grundfragen sind die gleichen wie nach der Krise von 2008: Wie vermeidet man eine inoffizielle Staatsgarantie? Und wenn man sie nicht vermeiden kann, wie lassen sich die Risiken für die Steuerzahler möglichst klein halten?
Auf der konkreteren Ebene ist zunächst zu fragen: Gibt es einen glaubwürdigen Plan für die «Abwicklung» der Bank im Krisenfall? Der Begriff steht für ein behördlich ausgelöstes Krisenszenario, in dem eine grosse Bank durch Chefwechsel, Teilverkäufe und Kapitalerhöhungen saniert oder liquidiert wird – ohne Hilfe der Steuerzahler. Als Folge der Finanzkrise von 2008 mussten die weltweit rund dreissig als «global systemrelevant» geltenden Banken zeigen, wie in einer Krise die volkswirtschaftlich unentbehrlichen Teile zu retten wären. 2023 hätte die Krise der Credit Suisse zur ersten Abwicklung einer solchen Bank aufgrund des verschärften Regelwerks führen können.
Doch es kam nicht so weit, obwohl die Aufsichtsbehörde Finma der CS die Abwicklungsfähigkeit bescheinigt hatte. Mit der Fusion UBS / Credit Suisse stand eine aussichtsreichere Lösung zur Verfügung. Doch noch ein zweiter Faktor sprach gegen die vorbereitete Sanierungsvariante: Die Entscheidungsträger auf Ministerebene in der Schweiz und im Ausland glaubten nicht daran.
Der Bundesrat warnte 2023 in seiner Botschaft zum Fall Credit Suisse ans Parlament davor, dass die Kosten «des Extremszenarios eines ungeordneten Ausfalls der Credit Suisse» auf über 1000 Milliarden Franken geschätzt würden – als ob es die Variante einer «geordneten» Sanierung nicht gegeben hätte. So stand für den Fall eines Scheiterns der Fusion UBS/CS auch eine vorübergehende Verstaatlichung der CS als ernsthafte Alternative im Raum. Ob es wirklich zu dieser Verstaatlichung gekommen wäre, ist unklar. Unterschiedliche Exponenten sagen Unterschiedliches – vermutlich, weil der Bundesrat diesen Entscheid am Ende nicht fällen musste.
Die UBS muss ihre Krisenpläne aufgrund der Übernahme der CS überarbeiten, wie die Finma im vergangenen Herbst mitteilte. Es braucht aber nicht nur den Glauben der Aufsichtsbehörde an die Abwicklungsfähigkeit der Bank, sondern auch den Glauben der massgebenden Minister im In- und Ausland. Denn diese haben im Ernstfall bei der Auslösung von Krisenplänen faktisch wohl eine Art Vetomacht.