Love-Scams sind ein lukratives Geschäft, das auch in der Schweiz seine Opfer findet. Im Kanton Aargau wurden vergangenes Jahr 59 Fälle angezeigt. Es geht um mehr als drei Millionen Franken.
Helen ist 68 Jahre alt, eine geschiedene Frau aus Solothurn, als sie auf einem Dating-Portal den charmanten Daniel kennenlernt. Daniel gibt sich als kanadischer Ingenieur aus, der gerade auf einer Bohrinsel im Golf von Mexiko arbeitet. Trotz der vielen Arbeit ist Daniel ein aufmerksamer Mann. Seine Komplimente schmeicheln Helen. Bald schon schicken sich die beiden Dutzende von Nachrichten hin und her. Helen verliebt sich.
Nach wenigen Wochen bittet Daniel Helen um finanzielle Hilfe. Es habe einen Unfall auf der Ölplattform gegeben, und er müsse sofort in einem amerikanischen Spital operiert werden. Doch seine Kreditkarte sei gesperrt. Helen zögert. Daniel aber drängt und bedroht sie. Schliesslich überweist sie ihm 5000 Franken. Danach hört Helen nie mehr etwas von Daniel.
Love-Scams – auch bekannt als Romance-Scams – sind Delikte, bei denen Kriminelle eine Liebesbeziehung zu ihrem Opfer aufbauen und sie danach finanziell ausnehmen. In der Schweiz werden jedes Jahr etwa 650 solcher Fälle zur Anzeige gebracht, in Wirklichkeit müssen es viel mehr sein. Denn viele Opfer schämen sich und gehen nie zur Polizei. «Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer 20-mal so hoch ist», sagt Serdar Günal Rütsche, der Leiter des Cybercrime-Netzwerks Nedik. Das würde bedeuten, dass in der Schweiz jedes Jahr 13 000 Menschen auf Liebesbetrüger hereinfallen.
Für die einzelnen Personen kann das den finanziellen Ruin bedeuten. Konkrete Zahlen präsentiert bis anhin nur der Kanton Aargau: Dort wurden im vergangenen Jahr 59 Fälle angezeigt, bei denen die Opfer insgesamt 3 Millionen Franken überwiesen hatten. Wie hoch die Deliktsumme in der ganzen Schweiz ist, ist unklar.
«Yahoo Boys» und Mafia-Strukturen
Hinter den Scams stecken Netzwerke aus Westafrika oder Südostasien. In Nigeria etwa heissen sie «Yahoo Boys», in Benin «Gaymen». Das sind lose Gruppierungen von jungen Männern, die flexibel und ohne feste Hierarchien arbeiten. In Ländern wie Myanmar, Kambodscha oder Laos arbeiten die Täter hingegen oft in riesigen Betrugsfabriken, die aussehen wie Gefängnisse. Die Strukturen dort ähneln der Mafia. Es gibt klare Hierarchien und strenge Kontrollen. Die Arbeiter sind oft selber Opfer von Menschenhandel und werden gezwungen, täglich Hunderte von vermeintlichen Liebschaften anzuschreiben.
Die Täter agieren systematisch, indem sie gefälschte Profile auf Dating-Plattformen oder sozialen Netzwerken erstellen und danach eine Vielzahl von potenziellen Opfern gleichzeitig kontaktieren. Was sie suchen, sind einsame, ältere Personen, hungrig nach menschlichen Kontakten.
Haben sie ein Opfer gefunden, intensivieren die Täter die Kommunikation, überhäufen ihr Gegenüber mit Komplimenten und Versprechen. Das geht heute glaubhafter denn je, da Chatbots wie Chat-GPT ihnen helfen, in jeder Sprache fehlerfrei zu kommunizieren. Laut dem Cybercrime-Experten Günal Rütsche sind die Betrüger praktisch immer Männer. Und die Betrogenen in der Schweiz meistens Frauen.
Hat das Opfer einmal Vertrauen gefasst, erhöhen die Täter den Druck. Sie erfinden Notlagen und erklären, wofür sie nun Geld brauchten. Die meisten Personen würden hier aussteigen, sagt Günal Rütsche. Doch für manche ist die emotionale Bindung zu diesem Zeitpunkt schon so wichtig geworden, dass sie das Geld überweisen. Meistens handelt es sich um ein paar hundert, vielleicht tausend Franken. In seltenen Fällen, in denen die Opfer über einen längeren Zeitraum immer wieder Geld schicken, können es Millionenbeträge sein.
Die Polizei fängt Money-Mules ab
Weil die Organisationen mit verschleierten Geldtransfers und Kryptowährungen arbeiten, sei eine Strafverfolgung schwierig, sagt Günal Rütsche. Erfolgreicher ist das Vorgehen der Polizei gegen die sogenannten «Money-Mules», die Geldesel: Dabei handelt es sich um in der Schweiz ansässige Personen, die ihre Bankkonten zur Verfügung stellen, um das Geld zu verschieben.
Am wirksamsten lassen sich Love-Scams bekämpfen, indem Opfer einfach kein Geld mehr überweisen. So verliert das Geschäftsmodell seine Grundlage. Die Schweizerische Kriminalprävention startet im März eine Kampagne, um aufzuklären und das Thema aus der Tabuzone zu holen. Die wichtigste Botschaft sei, dass man einer Internet-Bekanntschaft niemals Geld schicken sollte. Denn eines gilt für alle Lebenslagen: Wahre Liebe kennt keinen Preis.