Kurz nach seinem Amtsantritt hatte Präsident Trump das Verbot der beliebten Video-Plattform um 75 Tage aufgeschoben, um einen amerikanischen Käufer zu finden. Diese Frist endet bald – doch es zeichnet sich kein «Deal» ab. Was nun?
Als eine seiner ersten Amtshandlungen überhaupt rettete Präsident Donald Trump am 20. Januar die beliebte Video-Plattform Tiktok – zumindest fürs Erste. Trump unterzeichnete eine Exekutivverordnung, die es dem Justizministerium für 75 Tage untersagt, das kurz zuvor aktiv gewordene gesetzliche Verbot gegen Tiktok durchzusetzen. Die 170 Millionen Tiktok-Nutzer in den USA atmeten auf – zwölf Stunden nachdem die Plattform offline gegangen war, stand sie wieder zur Verfügung.
Doch wie geht es mit Tiktok weiter? Das besagte Gesetz legt die Hürden für Tiktoks Zukunft hoch: Die Plattform darf nicht mehr von einer ausländischen Firma wie Bytedance kontrolliert werden. Der Supreme Court hat das Gesetz Mitte Januar in einem Urteil bekräftigt.
Die Ansage ist also klar: Tiktok muss alle Verbindungen nach China kappen. Unklar ist jedoch, wie – und ob – die Regierung Trump das umsetzen will. Denn keine der genannten Bedingungen wurde bisher erfüllt, auch ein «Deal» zeichnet sich nicht ab – und die von Trump selbst gesetzte 75-Tage-Frist endet am 5. April. Derzeit fordern mehrere Senatoren den Präsidenten dazu auf, gemeinsam mit dem Kongress eine weitere Fristverlängerung aufzugleisen.
1. Wer sind mögliche Käufer?
Trump hat Vizepräsident J. D. Vance und den Berater für Nationale Sicherheit, Michael Waltz, damit beauftragt, die Verhandlungen zu führen. Vance hatte vor Beginn seiner politischen Karriere für mehrere Jahre als Risikokapitalinvestor im Silicon Valley gearbeitet. Anfang März sagte Trump, dass die Zukunft von Tiktok USA «bald» geklärt werden könne: Es gebe Verhandlungen mit vier möglichen Käufern. Um wen es sich konkret handelt, führte Trump allerdings nicht aus.
Konkrete Avancen gemacht haben drei mögliche Käufer. Der erste Interessent ist eine Gruppe um den Milliardär Frank McCourt, der sein Geld als Immobilienentwickler und mit Sportteams verdient hat, und den Reddit-Gründer Alexis Ohanian. Der zweite Interessent ist eine Gruppe um James Donaldson, der unter seinem Alias «Mr. Beast» zum bekanntesten Youtuber aller Zeiten aufgestiegen ist. Donaldson spannt mit Investoren wie Jesse Tinsley zusammen, dem Websites wie Recruiter.com gehören, und hat am 19. Januar sein Kaufinteresse angemeldet.
Der dritte Interessent ist Perplexity AI, ein Startup, das seit 2024 mit seiner KI-Suchmaschine für Aufsehen sorgt. Perplexity hat Bytedance im Januar eine Fusion vorgeschlagen; als Kaufpreis würden also Anteile von Perplexity selbst dienen.
Wer der vierte mögliche Käufer ist, den Trump erwähnte, ist unklar. Zahlreiche weitere Gruppen haben mehr oder weniger konkretes Interesse signalisiert: Dazu gehören der Tech-Riese Microsoft, Oracle oder der Walmart-Chef Doug McMillon. Alle drei legten bereits 2020 Übernahmeangebote vor, als die App während Trumps erster Präsidentschaft bereits einmal unter Druck geriet. Trump war damals noch ein Gegner von Tiktok.
Auch hat der Präsident den Oracle-Gründer Larry Ellison wieder als möglichen Käufer ins Spiel gebracht. Sein Unternehmen bewahrt jetzt schon die Daten der amerikanischen Tiktok-Nutzer auf. Auch der Tesla-Chef und Trump-Berater Elon Musk wurde zeitweise als möglicher Käufer gehandelt, er zeigt sich aber nicht interessiert.
2. Wie viel ist Tiktok in den USA eigentlich wert?
Bei manchen der Kaufinteressenten stellt sich die Frage, ob sie überhaupt die nötige Finanzkraft im Rücken hätten – oder ob sie sich Gratisaufmerksamkeit verschaffen wollen. Wie viel Tiktoks Amerika-Geschäft wert ist, lässt sich zwar nur grob abschätzen unter Berücksichtigung der Nutzerzahlen und der mutmasslichen Einschränkungen. Entscheidend ist etwa, ob auch der begehrte Algorithmus mitverkauft wird, der die Ausspielung der Inhalte auf Tiktok regelt.
115 Millionen Menschen in den USA nutzen Tiktok regelmässig, wie die E-Marketing-Firma Sensor Tower erhoben hat. Das Analysebüro Warc Media erwartet, dass Tiktok in den USA 2025 einen Werbeumsatz von fast 12 Milliarden Dollar erzielen wird, wenn die App nicht abgeschaltet wird. Je nach Schätzung könnte das Geschäft also bis zu 50 Milliarden Dollar wert sein; so viel Geld hat niemand ausser den grössten Tech-Unternehmen in der Portokasse.
Das US-Geschäft von Tiktok gehört zu den Kronjuwelen des Mutterkonzerns Bytedance. Drei wichtige Investoren des chinesischen Unternehmens – Softbank, Fidelity und T. Rowe – bewerten Bytedance gemäss Bloomberg mit mehr als 400 Milliarden Dollar, wobei Softbank dem US-Geschäft von Tiktok aufgrund der hohen Risiken derzeit gar keinen Wert zuweise. Der privat gehaltene Konzern hatte 2023 gemäss Bloomberg einen Gewinn von 40 Milliarden Dollar erzielt, hauptsächlich mit Online-Werbung. Der Anteil von Tiktok USA wurde nicht separat ausgewiesen.
3. Wie ist die US-Regierung involviert?
Anfang März ordnete Trump die Gründung eines amerikanischen Staatsfonds an, der das Ziel verfolgen soll, Steuergelder in Zukunftstechnologien zu investieren. Auf diese Weise, so stellte Trump in Aussicht, könnte man auch ein «Joint Venture» mit Tiktok eingehen, bei dem «die USA» einen Anteil von 50 Prozent hielten. Ob er damit private Investoren oder die amerikanische Regierung meinte, ist unklar.
Trump zeigt sich weiterhin sehr optimistisch, dass ein Deal gefunden wird – und dass er die gewährte Frist nochmals verlängern könnte, wenn die Suche nach einem Käufer doch noch etwas länger dauert. Diese Sichtweise wird von manchen Juristen allerdings nicht geteilt (siehe 5.).
4. Wie positionieren sich Tiktok und Bytedance selbst?
Trumps Bemühungen um einen Deal zum Trotz, beharrt Tiktoks Mutterkonzern Bytedance auf seiner Position, die Firma nicht zu verkaufen. Die chinesische Regierung hat schliesslich Exportverbote erlassen, die sich auf Algorithmen wie den von Tiktok erstrecken und diese als eine Art Staatsgeheimnis klassifizieren. Die Weitergabe ans Ausland ist streng verboten.
Einige der amerikanischen Kaufinteressenten haben zwar angekündigt, Tiktok auch ohne den Algorithmus kaufen zu wollen. Doch tatsächlich ist dieser genau das, was Tiktok von vergleichbaren Social-Media-Plattformen unterscheidet. Der Algorithmus ist verblüffend gut darin, vorherzusagen, welche Inhalte den Nutzern zusagen werden. Er verlängert damit die Verweildauer auf der Plattform, was sich positiv auf das Werbegeschäft auswirkt. Nutzer berichten immer wieder, dass sie auf Tiktok eher als auf anderen Plattformen gezeigt bekommen, was sie wirklich interessiert.
Wer Tiktok ohne den Algorithmus kauft, würde also auf einen wesentlichen Teil des Erfolgsrezepts verzichten.
5. Wie haben die Nutzer reagiert?
Tiktok veröffentlicht keine Echtzeit-Nutzerstatistiken. Gemäss Cloudflare, einem Anbieter für Internetsicherheitsdienste, brach die Nutzungsdauer der mit Tiktok verknüpften Websites am 19. Januar – als Tiktok kurzzeitig vom Netz genommen wurde – stark ein, erholte sich in wenigen Tagen aber bereits wieder auf 80 bis 90 Prozent des vorherigen Werts. Die chinesische App Rednote, die vorübergehend die Download-Charts der App-Stores von Apple und Google angeführt hatte, ist dagegen wieder in der Versenkung verschwunden. Bei den Downloads auf Apple-Geräten ist Tiktok zurück auf Platz 11.
In den vergangenen Wochen haben sich auch zahlreiche bekannte Influencer zu Wort gemeldet, zuletzt etwa gegenüber dem Business-Magazin «Forbes»: Die Plattform werde weiter bestehen, und sie würden ihre Inhalte weiter darüber veröffentlichen.
«Ich denke, es lässt sich damit zu viel Geld verdienen. Es findet ein Bluff-Wettbewerb zwischen China und den USA statt», sagte Dylan Page, dem unter seinem Alias News-Daddy 14,8 Millionen Nutzer auf Tiktok folgen. Die Essens-Influencerin My Nguyen (4,7 Millionen Follower) erwartet dagegen, dass die Plattform verschwinden werde: Jetzt sei die Zeit, um die eigenen Inhalte auf alternative Plattformen wie Youtube Shorts zu übertragen und dort ein Publikum aufzubauen.
6. Was passiert nach Ablauf der Verkaufsfrist?
In dem am 19. Januar in Kraft getretenen Gesetz heisst es ursprünglich, dass der Präsident den Verkauf beziehungsweise das Verbot von Tiktok einmalig um bis zu 90 Tage aufschieben kann, sollte sich ein Verkauf abzeichnen. Dies war nicht der Fall, und dennoch schob Trump den Verkauf mit einer Exekutivverordnung um 75 Tage auf. Trump sagte nun jüngst, dass er das Inkrafttreten des Gesetzes «wahrscheinlich» noch einmal aufschieben wird. «Wir haben grosses Interesse an Tiktok, deshalb hoffen wir, dass China einem Deal zustimmen wird.»
Doch darf Trump das? Und wie ginge es danach weiter? Rechtsexperten sagten gegenüber der NZZ, Trumps Regierung werde das Gesetz vermutlich weiter ignorieren und keine juristischen Schritte gegen Tiktok ergreifen. «Präsident Trump scheint nicht zu glauben, dass das Tiktok-Gesetz ihn in irgendeiner Weise einschränkt», sagte der Rechtsprofessor Barry McDonald von der Pepperdine University.
Schliesslich habe der Präsident auch keine ernsthaften Verhandlungen mit einem Kaufinteressenten geführt, als er das Gesetz im Januar erstmalig aussetzte – und das war laut Gesetzestext eigentlich eine Voraussetzung für jeglichen Aufschub. Es sei «durchaus möglich», dass in diesem Fall die Regierung verklagt würde und der Fall erneut vor dem Supreme Court landet.
Der Rechtsprofessor Jim Gibson von der University of Richmond erwartet hingegen keine Klagen. «Keiner der Beteiligten scheint derzeit an der Durchsetzung des Gesetzes interessiert zu sein, wahrscheinlich aus Angst, den Unmut des Präsidenten auf sich zu ziehen mit einem Thema, das an politischer Brisanz verloren hat.» Der Wortlaut des Tiktok-Statuts scheine keine Bedeutung mehr zu haben.
Doch die Frage ist, wie sich bei einer erneuten Verzögerung die grossen Internetkonzerne verhalten – namentlich Google, Apple und Oracle. In ihren App-Stores und über ihre Server wird Tiktok in den USA vertrieben, und gemäss dem Gesetzestext drohen ihnen Strafen von 5000 Dollar pro Nutzer, sollten sie sich nicht an das neue Gesetz halten.
Aus diesem Grund hatte Apple die Tiktok-App auch Mitte Januar aus seinem App-Store entfernt. Die App kehrte erst wieder zurück, als die frisch vereidigte Justizministerin Pam Bondi dem Konzern in einem Schreiben versichert hatte, dass er keine Konsequenzen zu fürchten hätte.
Ob sich Apple auch noch nach dem Verstreichen von Trumps 75-Tage-Aufschub so verhält, sei fraglich, sagt der Rechtsprofessor McDonald: «Vermutlich dürften die Tech-Konzerne weitere Zusicherungen verlangen.» Das Tiktok-Gesetz hat nämlich eine Verjährungsfrist von fünf Jahren. Sprich: auch 2030 noch, also nach der nächsten Präsidentenwahl, könnten Apple, Google und Oracle Strafen für Verstösse gegen das Tiktok-Gesetz drohen. Und wer weiss, wie die nächste amerikanische Regierung über Tiktok denken wird.
Der Jurist Gibson hat eine eigene Theorie zu dem, was nun passieren dürfte: Er erwarte einen «Deal», der zwar nicht dem Gesetzestext entspricht, aber die interessierten Parteien zufriedenstelle, «insbesondere den Präsidenten, der gerne seinem Freund Larry Ellison die Kontrolle über Tiktoks inländische Aktivitäten geben würde. Danach wird der Kongress das ursprüngliche Gesetz aufheben oder so anpassen, dass es dem gefundenen Deal entspricht.»