Mithilfe des Fernsehpublikums versucht die Nidwaldner Polizei einen Prostituiertenmord aufzuklären. Es ist die letzte Chance – nicht zum ersten Mal.
Die Kriminalpolizei Nidwalden bittet um Ihre Mithilfe. Im September 2014 wurde die Leiche der Prostituierten Emiliya Emilova bei Stansstad im Vierwaldstättersee entdeckt, aber alle bisherigen Ermittlungen blieben erfolglos. Jetzt ergreift der Kripochef Senad Sakic eine letzte Chance: Am Mittwochabend soll das Millionenpublikum von «Aktenzeichen XY . . . ungelöst» mithelfen, den einzigen ungeklärten Mord von Nidwalden aufzuklären.
Man stelle den Fall so prominent vor, «um eine möglichst grosse Reichweite zu erzielen und Hinweisgeber zu erreichen», sagt Senad Sakic. In vielen ungeklärten Fällen habe das Fernsehpublikum schon zur Aufklärung beigetragen.
Als «Aktenzeichen XY» am 20. Oktober 1967 erstmals im ZDF ausgestrahlt wurde, war es weltweit eines der ersten True-Crime-Formate. Wie es der Erfinder Eduard Zimmermann formulierte: ein «Krimi mit Nutzanwendung». In ihren besten Zeiten erreichte die Sendung in Deutschland, Österreich und der Schweiz bis zu 25 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer – und schrieb nicht nur Fernseh-, sondern auch Kriminalgeschichte.
In nicht wenigen der spektakulärsten Schweizer Kriminalfälle vertrauten die Polizeien auf das Fernsehpublikum – eingeleitet durch den legendären Satz von Eduard Zimmermann: «Die Kriminalpolizei bittet um Ihre Mithilfe.»
Der «falsche» Polizist
Die Schweizer Premiere als Fahndungserfolg
Dabei hätte die Schweiz fast nicht mitgemacht. Sie startet verzögert zur Verbrecherjagd am Bildschirm. Erst nachdem sich Österreich an der Erfolgssendung beteiligt hat, erklärt sich das Schweizer Fernsehen 1969 dazu bereit. Die Show ist umstritten: Sie rufe zum Denunziantentum auf, schüre die Angst vor Verbrechen oder könnte gar zu Straftaten animieren, wird kritisiert. Und überhaupt: Ist eine «unterhaltende» Ganovenjagd moralisch vertretbar?
Doch ein Programmverantwortlicher des Schweizer Fernsehens erklärt: «Wir können es uns auf Dauer nicht leisten, nur die Spezialität Kriminalfilm anzubieten, aber unser Medium nicht in jeder möglichen Form für die aktive Kriminalitätsbekämpfung zur Verfügung zu stellen.» So kommt es in der Sendung vom 24. Januar 1969 erstmals zu einer Direktschaltung nach Zürich – und auch gleich zum ersten Schweizer Fall.
«Der Panther» lautet der Beitrag über einen Räuber und Betrüger, der sich als Polizist ausgibt. In Luzern dringt er mit erhobener Pistole in eine Gastarbeiterwohnung ein. «Kriminalpolizei, alle an die Wand, avanti, avanti!», ruft er, bevor er vier Italienern die Ersparnisse abnimmt. In Bern fesselt er eine Rentnerin mit Leukoplast auf die Toilettenschüssel und stiehlt ihr die AHV-Rente. Die Polizei kommt ihm auf die Schliche, als er mit einem gefälschten Telegramm bei einer Bank in Rothenburg 25 000 Franken ergaunern will. Doch er entkommt der Verhaftung – und treibt fortan als «falscher» Polizist in Österreich und Deutschland sein Unwesen.
Dank «Aktenzeichen XY» fliegt er noch am Abend der Ausstrahlung auf, kann aber wiederum fliehen. Drei Monate nach der Sendung erkennt ihn ein Zuschauer in einer Gaststätte in Augsburg, wo ihn die Polizei festnimmt. Die Schweizer Premiere ist aber nicht nur ein Fahndungserfolg, sondern auch ein Quotenhit, wie das Fernsehen stolz mitteilt. Und noch besser: Eine wissenschaftliche Untersuchung ergibt, dass die Hinweise aus der Bevölkerung grossmehrheitlich seriös waren. Und die Sendung «pädagogisch wertvoll» sei.
Immer wieder sollten sich die Kantons- und Stadtpolizeien an das Fernsehpublikum wenden – und auch im Fall des vielleicht brutalsten Serienmörders der Schweizer Kriminalgeschichte dafür belohnt werden.
Angst und Schrecken im Mittelland
Die Kindermorde von Werner Ferrari
Der Mörder, der in den 1980er Jahren die Schweiz in Angst und Schrecken versetzt, schreibt einmal über sich: «Der Gedanke an das, was in den letzten Jahren geschah, ist unvorstellbar. Ich muss verrückt gewesen sein, besessen.» Es sind die Worte von Werner Ferrari, heute 78 Jahre alt, der in seinem Leben für fünf Kindermorde verurteilt wird.
Im Jahr 1985 wird erstmals in der Sendung «Aktenzeichen XY» nach ihm gefahndet – als noch nicht klar ist, wer gesucht wird. In Rümlang wird der neue Bahnhof mit einem Fest eingeweiht, das der siebenjährige Daniel S. mit seinen Eltern besucht. Als die Eltern am Abend ihren Buben bei den Schlauchbooten abholen wollen, ist er verschwunden. Man findet ihn drei Tage später in einem Maisfeld, er ist mit einer Vorhangkordel erdrosselt worden.
Es ist das Jahrzehnt der verlorenen Kinder. In der Schweiz werden 21 Kinder entführt – oder sie verschwinden. Der «Blick» titelt: «Viele Mütter haben Angst um ihre Kinder.» «Geh nie mit einem fremden Mann mit» wird zum erzieherischen Imperativ der 1980er Jahre.
Im Jahr 1988 berichtet «Aktenzeichen XY» erneut über einen Kindsmord aus der Schweiz. Der zehnjährige Christian W. verschwindet von einem Jungschar-Jubiläum in Windisch. Er wird mit einem Bademantelgurt erdrosselt im Wald gefunden. «Kaum ein Verbrechen beschäftigt die Öffentlichkeit mehr als ein Mord an Kindern», so moderiert Eduard Zimmermann den Fall an. In der Schweiz sind Kindsmorde zu Serienverbrechen geworden. Urs Winzenried, der Kripochef der Kantonspolizei Aargau, schildert den gesuchten Mann: «schlank, dunkle Haare», «trug eine braune Wildlederjacke mit Revers».
Am Morgen nach der Sendung meldet sich bei der Kantonspolizei Baselland die Mutter eines Buben, der 1971 ähnlich ermordet wurde. Es ist der Hinweis, der die Polizei zu Werner Ferrari führt.
Als die RAF in Zürich mordete
Die Schiesserei im Bahnhof-Shop-Ville
Doch längst nicht immer bringt die Präsenz bei «Aktenzeichen XY» Erfolg. Von einer Fahndungspleite schreibt der «Blick», nachdem die Zürcher Stadtpolizei am 7. Dezember 1979 zur Mithilfe im international spektakulärsten Schweizer Fall in der Geschichte der Sendung aufgerufen hat.
Im November 1979 überfallen vier Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion (RAF) in Zürich die Volksbank und erbeuten 548 000 Franken. Bankbeamte nehmen selbst die Verfolgung auf – ein fataler Fehler: Bei einer Schiesserei im unterirdischen Bahnhof-Shop-Ville kommt eine 56-jährige Frau ums Leben. Sie ist das 24. Todesopfer der RAF. Einer der Täter, Rolf Clemens Wagner, wird verhaftet, drei weitere sind auf der Flucht.
Der Terror der RAF schockt die Schweiz. Alles wird versucht, um die Männer zu fassen, aber die Ausbeute der Fernsehfahndung ist gering: Nur gut 30 Hinweise gehen ein, keiner hilft richtig weiter. Wagner selber schweigt. Erst nach dem Mauerfall wird der Fall geklärt: Das RAF-Mitglied Henning Beer wird 1990 in der DDR verhaftet und erzählt, dass in Zürich auch Peter-Jürgen Boock, Christian Klar und er selbst dabei gewesen seien. Die RAF sollte eine Konstante in der Geschichte von «Aktenzeichen XY» bleiben – zuletzt im Jahr 2024, zwei Wochen vor der Verhaftung der Terroristin Daniela Klette.
So wie aus der Schweiz die Überfälle auf Banken, Juweliere und Poststellen eine Konstante sind.
Kopfschuss auf der Post
Die Exekution von Yvonne B.
In der Sendung vom 5. Juli 1996 versucht «Aktenzeichen XY» einen Mordfall zu klären, der die Ostschweiz erschüttert hat. Am 3. Februar 1996 dringen Einbrecher nachts über ein Wasserrohr in das Postamt von Mettlen im Kanton Thurgau ein. Als die Postangestellte Yvonne B. am Morgen zur Arbeit erscheint, wird sie von den Tätern gezwungen, den Tresor zu öffnen. Die Verbrecher erbeuten Bargeld und Wertsachen in der Höhe von 50 000 Franken. Obwohl sie ihr Ziel erreicht haben, bringen sie Yvonne B. mit einem Kopfschuss um. «Man weiss einfach nicht, warum», sagt Eduard Zimmermann in der Sendung.
Erst fünf Jahre später werden die beiden Täter verhaftet. Der Durchbruch ist allerdings nicht «Aktenzeichen XY» zu verdanken. Am Tatort sichergestellte DNA-Spuren können den Tätern zugeordnet werden. Sie gehören einer Einbrecherbande an, die Mitte der 1990er Jahre eine Serie von Raubtaten und weitere Verbrechen begangen hat.
Im Mai 2005 stehen die beiden Männer in Weinfelden vor Gericht. Sie schieben sich gegenseitig die Schuld zu und behaupten, während der Tat unter Drogen gestanden zu haben. Der Haupttäter und Anführer der Bande gibt zu, sieben der insgesamt acht Schüsse auf Yvonne B. abgefeuert zu haben. Sein Komplize habe sie danach mit einem Kopfschuss getötet, angeblich um sie von ihren Leiden zu erlösen. Das Bezirksgericht Thurgau verurteilt die beiden Männer zu langen Gefängnisstrafen.
Der Post-Mord von Mettlen ist nicht der letzte Fall in der Geschichte der Schweiz, in dem die Polizei auf die Mithilfe des Fernsehpublikums zählt. So wie in diesen Tagen in Nidwalden.