Könnte sich das finanzielle Debakel der Rad-WM wiederholen?
Zürich hat sich eben erst mit der Rad-WM spektakulär verkalkuliert. Man könnte meinen, dass solche Grossanlässe seither kritischer beurteilt werden.
In rund drei Monaten wird die Fussball-Europameisterschaft der Frauen angepfiffen. Stadt und Kanton Zürich haben dafür mit 20 Millionen Franken ähnlich viel Geld bereitgestellt, wie die öffentliche Hand für die Rad-WM zahlt. Und fünfmal mehr, als die damalige Gaststadt London beim letzten Frauen-Turnier budgetierte. Obwohl dort genau wie in Zürich fünf Spiele auf dem Programm standen, und obwohl die Vertragsbasis die gleiche war.
Man könnte dies hinterfragen. Aber nicht an diesem strahlenden Morgen Mitte März, an dem das Zürcher Kantonsparlament tagt, und der wie gemacht ist für Schönwetterpolitik.
Während sich drinnen im Ratssaal die Regierungsrätin Jacqueline Fehr über Politiker auslässt, die sich mit Goodies einlullen lassen, liegt auf jedem Pult ein Schöggeli mit einer Fussballerin im Nationaltrikot bereit. Und draussen, an der Sonne, lassen sich Kantonsrätinnen vor dem «Women’s Euro»-Mobil mit dem Pokal der Europameisterinnen fotografieren. Die Hälfte des Parlaments hat bereits ein Gratisticket für das Spitzenspiel der Titelhalterinnen aus England gegen die Niederländerinnen in der Tasche. Politik im Selfie-Modus, ungetrübte Vorfreude überall.
Zwei Tage später gibt es schlechte Nachrichten aus dem Zürcher Stadtrat. Die Rad-WM vom letzten September, vom Stadtparlament einst ohne Gegenstimme unterstützt, kostet deutlich mehr als angenommen. Der Schönwetterplan ging nicht auf, die Steuerzahler müssen die Rechnung begleichen.
Gleichzeitig vermeldet der Zürcher Stadtrat noch etwas anderes: Er hat den «Host-City-Vertrag» für die Fussball-EM genehmigt, mit dem sich die Gastgeberstadt verpflichtet, das Turnier der Frauen grosszügig zu unterstützen. So, wie es der Fussballverband Uefa erwartet. Niemand stellt Fragen dazu, kaum jemand hat je öffentlich welche gestellt.
Stefan Urech, als SVP-Stadtpolitiker oft ein Rufer in der Wüste, kommt diese Stimmung bekannt vor: «Es herrscht gerade die gleiche unkritische Euphorie wie vor der Rad-WM.»
Im Stadtparlament war seine Partei die einzige, die sich 2022 gegen den Kredit über 18,5 Millionen Franken zugunsten der Europameisterschaft ausgesprochen hat. Trotz Sympathien für den Frauenfussball. Besonders irritierend fand er, dass das Letzigrund-Stadion für viel Geld temporär auf 30 000 Plätze ausgebaut werden sollte. Wie schon 2008 vor dem Turnier der Männer.
Im Kantonsrat gab es ein Jahr später null Widerstand. In heiter-entspannter Atmosphäre wurde entschieden, die Verpflichtungen Zürichs als Gaststadt mit 2 Millionen Franken zu unterstützen und weitere eineinhalb Millionen für Rahmenaktivitäten aufzuwerfen, etwa in Schulen. Beides bezahlt aus dem gemeinnützigen Fonds, dem ehemaligen Lotteriefonds.
Das löste immerhin die kritische Bemerkung aus, das Geld dürfe nicht an die Uefa fliessen. Denn diese ist zwar als gemeinnütziger Verein eingetragen, sie hat aber jüngst einen Jahresgewinn von umgerechnet 140 Millionen Franken budgetiert. Mit der Europameisterschaft der Männer hat sie fast 2 Milliarden Franken erwirtschaftet und mit der Champions League über 3 Milliarden Franken.
All das wirft Fragen auf.
Droht es am Ende teurer zu werden wie bei der Rad-WM?
In der kritischen Nachbetrachtung der Rad-WM wurden zwei Mängel hervorgehoben: die allzu optimistische Finanzplanung und die unübersichtliche Struktur des organisierenden Vereins, in dem Stadt und Kanton Zürich vertreten waren. Dies kann sich genau so nicht wiederholen, denn die Fussball-Euro ist anders organisiert.
Erstens sind Vertreter von Kanton und Stadt zwar Teil einer politischen Steuergruppe, aber sie sind anders als bei der Rad-WM nicht Ausrichter. Sie müssen also keine entsprechenden Verpflichtungen gewärtigen. Die finanzielle Verantwortung fürs Turnier liegt bei einer Firma, die die Uefa und der Schweizer Fussballverband zu diesem Zweck gegründet haben.
Zweitens hat die Stadt Zürich mit der Ausrichter-Firma ausgehandelt, dass in den «Host-City-Vertrag» eine Versicherung gegen Mehrkosten aufgenommen wird: Zürich muss also auf keinen Fall mehr an die Durchführung des Turniers beitragen als die vom Stadtparlament bewilligten 18,5 Millionen Franken. Eine solche Bestimmung war in frühen Fassungen des Vertrags noch nicht enthalten.
Drittens rechnet die Stadt inzwischen damit, dass sie nur knapp die Hälfte des Kredits benötigen wird, wie das zuständige Sportamt auf Anfrage mitteilt. Sie hat also viel Reserve. Dass diese reichen sollte, zeigt der Vergleich mit der Männer-Euro 2008: Damals betrug der Kredit ebenfalls 18 Millionen Franken, davon blieben am Ende mehrere Millionen übrig.
Warum ist die EM in Zürich so viel teurer als in London?
Wie jetzt Zürich hat auch London einen «Host-City-Vertrag» unterzeichnet. Dieser umfasste ähnliche Verpflichtungen: ein Public Viewing organisieren, öffentliche Verkehrsmittel bereitstellen, für Sicherheit sorgen, das Turnier in der ganzen Stadt bewerben. London rechnete dafür ursprünglich aber nur mit etwas mehr als 1 Million Franken und erhöhte das Budget später auf 4 Millionen – viel weniger, als die Stadt Zürich zu zahlen bereit ist.
Die Stadt verweist darauf, dass sich ihre ursprüngliche Kostenschätzung inzwischen relativiert habe. Der wichtigste Punkt: Zürich rechnete ursprünglich mit Stadionkosten von fast 7 Millionen Franken, weil der Letzigrund einen Monat lang gesperrt und auf 30 000 Plätze aufgestockt werden sollte.
Dies ist nun aber nach Rücksprache mit der Uefa nicht nötig, wodurch die Stadt viel Geld spart. Sie ging von knapp 4 Millionen Franken aus – bei der Euro der Männer 2008, als das Stadium um zwei Tribünen erweitert wurde, kostete dieser Umbau über 11 Millionen Franken. Zudem zahlen die Turnierausrichter diesmal rund 1 Million Franken für Miete und Nutzung des Stadions. Auch das entlastet das Budget.
Auffällig ist aber, dass Zürich diverse Posten auflistet, die in Londons Budget fehlten: 2 Millionen Franken für Extratrams, Extrabusse und die Lenkung des Verkehrs etwa. Über 1,5 Millionen Franken für Sanität und Rettungsdienst. Weitere 1,2 Millionen fliessen nicht direkt ins Turnier, sondern in Massnahmen zur Förderung des Frauen- und Mädchenfussballs. Und fürs Standortmarketing, für das Zürich 750 000 Franken zahlt, warf London nur gut 100 000 Franken auf.
Gleichzeitig rechnet Zürich inzwischen mit 4 Millionen Franken Einnahmen – fast zehn Mal mehr als London. Unter dem Strich sollen die Ausgaben der Stadt deshalb auf 9 Millionen Franken sinken. Selbst wenn diese Rechnung aufgeht, wäre das immer noch doppelt so viel wie in London.
Warum zahlt die Stadt überhaupt für ein Turnier der Uefa?
Die Fussball-Euro der Frauen ist für die Uefa immer noch ein Verlustgeschäft. Laut ihrem Finanzbericht stiegen zwar bei der letzten Ausgabe des Turniers in England vor drei Jahren der Umsatz und die kommerziellen Einnahmen um ein Vielfaches. Am Ende resultierte aber ein Defizit von umgerechnet über 13 Millionen Franken. Dies, obwohl auch in England die öffentliche Hand diverse Leistungen übernahm, unter anderem für Sicherheit und Transport.
Die Frage, weshalb ein finanzkräftiger Verein wie die Uefa öffentliche Gelder beanspruchen soll, lässt die Stadt Zürich auf Anfrage offen. Es ist aber klar, dass die Uefa dies von den Gastgeberstädten, den «Host Cities», erwartet. Entsprechende Zusagen spielen bei der Bewerbung für ein Turnier eine Rolle. Zürich wiederum wollte den Anlass nicht zuletzt aus Prestigegründen haben, wie Voten aus den Parlamenten belegen.
Inzwischen ist die Stadt in einem Punkt über die Bücher gegangen: Ursprünglich wollte sie den Veranstaltern keine Polizeikosten verrechnen, wie bei der Rad-WM, und diese nicht einmal im Budget ausweisen. Mit der Begründung, es handle sich um eine Veranstaltung in öffentlichem Interesse. Stattdessen wird die Ausrichter-Firma nun für den geschätzten Sicherheitsaufwand von 850 000 Franken aufkommen müssen, wie die Stadt mitteilt.
Warum investiert Zürich überhaupt in Grossevents?
Der Kanton Zürich, angeführt vom sportbegeisterten Regierungsrat Mario Fehr, will ein attraktiver Gastgeber für Sport-Grossveranstaltungen mit internationaler Reichweite sein. Die Überzeugungen dahinter: Solche Anlässe stärkten den gesellschaftlichen Zusammenhalt, förderten den Jugend- und Breitensport und hätten positive volkswirtschaftliche Auswirkungen. Deshalb werden sie unterstützt, indem zum Beispiel die Polizei Leistungen vergünstigt oder sogar kostenlos anbietet.
Die Zürcher Stadtregierung hat 2008, im Jahr der Fussball-Europameisterschaft der Männer, eine Event-Strategie verabschiedet, um weitere solche Grossanlässe nach Zürich zu holen. Damals, in den Jahren unter Stadtpräsident Elmar Ledergerber, stand dabei das Standortmarketing im Vordergrund. Diese Strategie ist der derzeitigen Stadtregierung aber zu einseitig, deshalb hat sie sie 2020 aufgehoben. Künftig sollten auch die Belastung der Bevölkerung und die Wertschöpfung stärker gewichtet werden.
Seither beurteilt ein sogenanntes «Veranstaltungsorgan» aus verschiedenen Chefbeamten regelmässig, welche Anlässe zu Zürich passen. Den definitiven Entscheid trifft der Stadtrat.
Stadtpräsidentin Corine Mauch stellte kürzlich klar, dass Grossanlässe weiterhin «zu einer vielfältigen und lebendigen Stadt dazugehören». Und dass es hilft, wenn ein Veranstalter ein gutes Zusatzargument hat. In Fall der Rad-WM war dies die Integration der Wettbewerbe für Para-Cycler; also der Athletinnen und Athleten mit Behinderung. Im Fall der Fussball-WM ist es die Förderung des Frauenfussballs und ganz allgemein der Geschlechtergleichstellung.
Was bekommt Zürich im Gegenzug an Wertschöpfung?
Der wirtschaftliche Effekt wird nicht nur von der Stadt Zürich gerne als Argument für Sport-Grossveranstaltungen bemüht – mit unterschiedlicher Treffsicherheit. So wurde auch bei der Rad-WM im Vorfeld von Dutzenden Millionen Franken Wertschöpfung gesprochen. Bei der Fussball-Europameisterschaft der Männer im Jahr 2008 dagegen lag die Wertschöpfung laut dem Schlussbericht mit landesweit 1 Milliarde Franken deutlich über den Erwartungen.
Beim Turnier der Frauen sind die Dimensionen überschaubarer: Die letzte Austragung in England erhöhte die wirtschaftlichen Aktivitäten laut einer Studie der Uefa um umgerechnet 90 Millionen Franken. In der Schweiz wird mit 60 bis 75 Millionen Franken Wertschöpfung gerechnet – verteilt auf acht Gastgeberstädte. Wirtschaftlich liefe das für Zürich bei einem Nettoaufwand von 9 Millionen Franken auf ein Nullsummenspiel hinaus.
Der kantonale Finanzminister Ernst Stocker hat die Wertschöpfung im Parlament wohl nicht ganz zufällig mit keinem Wort erwähnt. Er versprach wohl einen Gewinn – aber nur «in sportlicher und gesellschaftlicher Sicht».