Elise, Rösi, Sophia oder Vögeli: Katharina Geiser erzählt in «Die Wünsche gehören uns» Geschichten aus dem Armenasyl. Ein verdienstvolles, aber oft allzu verzetteltes Unterfangen.
So hatte sie sich ihre letzten Tage nicht vorgestellt: Mit knapp achtzig Jahren landet die Witwe Elise, die zeitlebens als Wäscherin gearbeitet hat, im Armenasyl. Nach dem Tod des Stiefsohns Kari nutzen seine Schwestern Anna und Idi die erste Gelegenheit, um die Stiefmutter ins Heim abzuschieben.
Mehr als ein Köfferchen und ein paar von den leitenden Diakonissen kritisch beäugte Habseligkeiten führt Elise nicht bei sich, als sie ins «Brüggli» im Berner Oberland kommt, das einst ein Gasthof war und zu einer Endstation wurde. Elises wenige Habseligkeiten sind Überbleibsel eines arbeitsamen, harten Lebens, das nun in einem Achtbettzimmer enden soll.
Läuse und Mehlsuppe
Als «Haus der Liebestätigkeit und der segensreichen Ordnung» firmiert das «Brüggli» offiziell, doch Elise lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie sieht das strenge Regiment der Schwestern, die einfachen Mehlsuppen, die Läuse in den Zimmerwinkeln und die Bibellesungen mit klarem Blick. An eitrigen Beingeschwüren leidend, muss sie sich mit den anderen Insassen, die aus unterschiedlichsten Gründen ins Heim gekommen sind, arrangieren.
Auf je einer Frauen-, Männer- und Kinderstation leben Menschen verschiedenen Alters zusammen. Mit Lebensgeschichten, die irgendwann alle in die Armut und ins Elend führten: «Vom vernachlässigten Säugling über den obdachlos gewordenen Melker und die ehemalige Säuferin bis zur senilen Jungfer wurden hier alle für ein tägliches Kostgeld von fünf Franken versorgt.»
Die 1886 geborene Elise war bereits eine der Hauptfiguren in Katharina Geisers 2010 erschienenem Roman «Unter offenem Himmel». Episoden aus ihrem Leben werden nun wieder aufgegriffen, darunter ihre Zeit als junge Prostituierte im Zürcher Niederdorf, die Scheidung von ihrem ersten Mann und die fünfundzwanzig Jahre währende zweite Ehe mit dem herzensguten Gottfried.
An Wiederholungen der immergleichen Erzählungen mangelt es nicht, denn womit sonst soll man den morgens um sechs beginnenden Tag füllen, wenn zu Spaziergängen meist die Kraft fehlt und der Fernseher noch nicht zum Alltag gehört? So erzählt man sich sein Leben – oder das, was man sich als erträgliche Version davon zurechtgelegt hat, in ständigen Reprisen.
Während die einen nicht mehr als Wetterprognosen von sich geben oder stumpfsinnig vor sich hin brüten, äussern die anderen ihre verbliebenen Wünsche und registrieren gerade noch, was um sie herum geschieht: die hohe Sterblichkeitsrate, die Beruhigungspillen, die verstörten Kindern verabreicht werden, oder die kargen Essensrationierungen.
Brotlaibe zum Beispiel werden erst einmal zwei Tage in der Speisekammer verwahrt, «weil frisches Brot dazu verleitet, mehr zu essen, als der Gesundheit förderlich ist». Von aussen, von der «grossen» Welt – wir schreiben das Jahr 1953 –, dringt kaum etwas ins «Brüggli». Ab und zu hört man von der persischen Kaiserin Soraya oder vom Tod Stalins. Mit dem eigenen Leben hat das nichts zu tun.
Zu viele zerbrochene Existenzen
Ehe Katharina Geiser sich an ihren Text machte, hat sie, wie sie im Nachwort erläutert, die Armenhausbewohner ihres Romans mit weichem Bleistift gezeichnet. Rund achtzig dieser eindrücklichen Porträts finden sich im Anhang des Buches. Erst nach diesem zeichnerischen Vorspiel hat sich Geiser darangemacht, ihre Figuren auszuwählen und mit Biografien auszustatten.
Unter ihnen sind auch Schwestern, die nicht samt und sonders als ordnungsvernarrte Befehlshaberinnen agieren. Die sich unermüdlich kümmernde Nachtschwester Alice etwa oder ihre Kollegin Burga, die sich in einen Mann verliebt und deswegen als «Irrende» aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird.
Katharina Geiser hat für ihren Roman offensichtlich aufwendige Recherchen betrieben, um die wenig rühmliche Geschichte der Schweizer Armenasyle aufzuarbeiten und ihre Insassen zumindest im Nachhinein ein Gesicht zu geben, sie zu Wort kommen zu lassen. Das ist verdienstvoll. Als Roman überzeugt «Die Wünsche gehören uns» da, wo sich der Text, ohne zu sehr auf das Mitleid der Leserinnen und Leser zu spekulieren, ruhig auf die Details des Heimalltags einlässt und in Rückblenden lapidar zeigt, wie schnell und unverschuldet hoffnungsvolle Existenzen zerbrechen können.
Der Eifer der Autorin, möglichst viele Biografien auszubreiten, führt jedoch dazu, dass der Roman wie ein kunterbuntes Durcheinander daherkommt. Die kurze Zeit, die Elise im Heim verweilt, zwingt dazu, fast jeden Dialog dazu zu nutzen, die Vergangenheit von Rösi, Sophia, Isi oder Vögeli darzulegen. Eine strukturierende Erzählerhand ist dabei leider viel zu selten wahrzunehmen.
Mal ist das Berichtete ganz in Elises Perspektive verankert, mal breitet Geiser die Innensicht anderer Figuren aus, und mal waltet ein auktorialer Erzähler, der das Geschehen im «Brüggli» von aussen betrachtet. Das tut nicht gut und zieht nach sich, dass «Die Wünsche gehören uns» mehr eine Fundgrube bewegender Einzelschicksale ist denn ein überzeugender Roman. Elise, die Wäscherin aus Steffisburg, bleibt freilich eine Figur, die man nicht so schnell vergisst.
Katharina Geiser: Die Wünsche gehören uns. Roman. Jung-und-Jung-Verlag, Salzburg 2025. 254 S., zirka Fr. 34.90.