Bamert entspricht nicht dem Bild des typischen SVP-Kandidaten – darin setzt er seine Hoffnungen.
Am Dienstag hat die Stadtzürcher SVP Ueli Bamert als Kandidaten für den Stadtrat nominiert. Mit Bamert will die Partei zurück in den Stadtrat, zum ersten Mal seit dem Jahr 1990.
Die Volkspartei hat in der Vergangenheit schon einiges versucht: Sie trat mit polarisierenden wie gemässigten Figuren an, mit Kantons- und Nationalräten, mal mit zwei, mal mit drei Kandidaten. Mit Bamert entscheidet sich die Partei nun für einen Politiker aus dem liberalen Flügel. Das Ziel: Wähler bis in die Mitte ansprechen. Bamert ist 45 Jahre alt, sitzt seit sieben Jahren im Kantonsrat und ist seit letztem Sommer Co-Präsident der Stadtpartei. Von Beruf ist er Kommunikationsleiter beim Verband der Mineralölimporteure Avenergy Suisse und Geschäftsführer von Swissoil. Er ist verheiratet und lebt seit 25 Jahren in der Stadt.
Herr Bamert, Sie mögen es nicht, wenn man Sie als Erdöl-Lobbyisten bezeichnet. Ist Ihr Beruf etwas Anrüchiges?
Ich kandidiere in erster Linie als Politiker. Das Milizsystem lebt davon, dass sich Leute neben ihrer Arbeit in der Politik engagieren. Aber anrüchig ist mein Beruf keineswegs. Die Erdölbranche ist für das Funktionieren der Gesellschaft lebenswichtig. Würde morgen kein Benzin mehr verkauft werden, stünde alles still. Ich finde es schade, wenn gewisse Leute meine Verbandstätigkeit nur negativ sehen, aber ich muss es ein Stück weit akzeptieren.
Am Montag sagten Sie bei der Debatte um Tempo 30 im Kantonsrat, die Stadt sei selbst schuld, dass sie bevormundet werde, wenn sie derart autofeindlich politisiere. Schaden Ihnen solche Äusserungen nicht als Kandidat in der rot-grünen Stadt Zürich?
Das ist meine Überzeugung, ich verbiege mich nicht. Es ist aber keine extreme Forderung: Wir haben überhaupt kein Problem mit Tempo 30 in den Quartieren, im Gegenteil. Auf den Hauptverkehrsachsen soll aber der Verkehrsfluss im Zentrum stehen. Diese Position kann auch einem vernünftigen sozialdemokratischen Wähler einleuchten.
Rechnen Sie sich bei linken Wählern wirklich Chancen aus?
Ich glaube, dass ich mit meinen politischen Inhalten bis weit in die Mitte Wählerinnen und Wähler überzeugen kann. Darüber hinaus ist es natürlich schwieriger, da mache ich mir keine Illusionen: Die Erfolgschance ist klein, aber ich will sie packen. Gleichzeitig erlaubt mir die Ausgangslage, unbeschwert an die Sache heranzugehen. Im Stadtrat haben die linken Parteien eine Übermacht, da braucht es mehr Diversität – Diversität der anderen, der politischen Art.
Zwingend angewiesen sind Sie auf die Stimmen der FDP-Wählerinnen und -Wähler. Diese Zusammenarbeit hat in der Vergangenheit eher schlecht geklappt. Warum soll es dieses Mal besser werden?
Weil ich mich für klassisch bürgerlich-liberale Inhalte einsetze: mehr Freiheiten, weniger Vorschriften, eine seriösere Finanzpolitik. Ich bin kein Lautsprecher, der sich nur für SVP-Themen interessiert.
Sie haben sich kürzlich in einem Interview über die FDP genervt: Die Freisinnigen paktierten häufig mit links, verbögen sich zu sehr. Wie weit ist es wirklich her mit der bürgerlichen Harmonie?
Klar, es gibt Differenzen, zum Beispiel beim Klimaschutz, da geht die FDP zu sehr mit den Linken mit. In letzter Zeit sind die Differenzen aber kleiner geworden, zumindest im Kantonsrat.
Sie wurden direkt Kantonsrat, sassen nie im Zürcher Stadtparlament. Ist das jetzt ein Nachteil?
Nein, für die bürgerliche Zusammenarbeit ist mein Werdegang sogar ein Vorteil. Ich wurde im Gewerbeverband politisiert. Da standen Wirtschaftsfragen im Vordergrund. Mitte, FDP und SVP waren ein Herz und eine Seele. Ich glaube an die gemeinsame Sache. In Zürich muss es darum gehen, dem linken Einheitsbrei etwas entgegenzusetzen, unter dem die Stadt leidet.
Geht es der Stadt Zürich wirklich so schlecht? Sie prosperiert doch, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Dank den vielen Steuereinnahmen hat sie kürzlich einen Überschuss von einer halben Milliarde Franken ausgewiesen.
Es stimmt schon, die Stadt Zürich ist attraktiv, aber das ist sie nicht wegen, sondern trotz der rot-grünen Politik. Und ich sehe Gefahren: Man frönt einer absurden Ausgabenfreude, baut durchs Band massiv zu teuer, investiert viel zu viel und nimmt immer mehr Schulden auf. Hier braucht es Widerstand.
Gemäss Wähleranteil hätte die SVP seit Jahrzehnten einen Sitz im Stadtrat verdient. Doch Ihre Partei hat seit 1986 keinen Stadtratswahlkampf mehr gewonnen. Warum?
Wir politisieren halt sehr pointiert und stehen bei vielen Themen allein da. Das geht leider zulasten der Mehrheitsfähigkeit.
Ist das Label SVP in der Stadt eine Hypothek?
Das ist zurzeit tatsächlich oft der Fall. Ich hoffe, dass ich gewisse Verkrustungen aufbrechen kann, weil ich meiner Meinung nach nicht dem Bild des typischen SVP-Kandidaten entspreche.
Sie beschreiben sich als weltoffenen, gesellschaftsliberalen Stadtzürcher, waren einst als DJ aktiv. Soll dies die Wählerinnen und Wähler überzeugen?
Sie sollen mich wegen meiner Politik wählen, nicht wegen meiner grünen, roten oder blauen Hosen. Aber sie sehen vielleicht an mir, dass unsere Partei eben auch diverser ist, als viele meinen. Im Ausgang bin ich zwar seltener als früher, aber ich bin ein Städter und bewege mich in Milieus, in denen ein typischer Stadtzürcher einen SVPler eher nicht erwarten würde.
Wie sind Sie zur SVP gekommen?
In meinen Zwanzigern kam ich zur Erkenntnis, dass mir der bürgerlich-liberale Standpunkt am nächsten liegt. Nach meinem Studium begann ich, beim Gewerbeverband zu arbeiten. Ich gebe zu: Auch ein Eintritt in die FDP wäre infrage gekommen, ich stamme aus einem freisinnigen Elternhaus. Die SVP setzt sich aber kompromissloser für weniger Staat ein und entspricht in der EU-Frage meiner Haltung.
Sie haben gesagt, dass Sie mit Ihrer Kandidatur vor allem junge Menschen und Secondos ansprechen wollen. Ist das realistisch?
Viele Secondos sind konservativ, sie sind offen für die SVP. Ihnen ist Freiheit wichtig, das Autothema, aber auch, dass ihre Kinder richtig erzogen werden. Die Schwierigkeit ist es, sie anzusprechen. Daran arbeiten wir.
Was ist Ihr Wahlkampfthema?
Der Dichtestress, der in der Stadt immer mehr zunimmt. Die Zuwanderung hat Einfluss auf alles: auf die Sicherheit, den Verkehr, die Preise.
Die Zuwanderung bremsen – das ist als Stadtrat doch gar nicht möglich.
Klar, es ist ein nationales Thema. Mir ist es aber wichtig, auch auf kommunaler Ebene auf die Zuwanderung als Ursache für viele Probleme hinzuweisen. In der Stadt geht es darum, die Auswirkungen dieser Probleme zu lindern: Bauherren müssen einfacher und mit weniger Auflagen bauen können, die autofeindliche Politik muss beendet und die Sicherheit verbessert werden, je nachdem mit verstärkter Polizeipräsenz.
Die SVP verzichtet auf einen Angriff aufs Stadtpräsidium, trotz dem angekündigten Rücktritt von Corine Mauch. Stehen Sie zugunsten einer überparteilichen bürgerlichen Kandidatur zurück?
Eine solche überparteiliche Kandidatur wäre schon die Hoffnung. Für die SVP wäre eine Kandidatur aber mit grosser Sicherheit aussichtslos. Und eine Alibikandidatur braucht es nicht. Wir konzentrieren unsere Kräfte lieber auf eine solide Stadt- und Gemeinderatskampagne.
Sie haben es selbst gesagt: Ihre Erfolgschance ist gering. Niederlagen machen sich schlecht in einer Politikerbiografie. Macht Ihnen das Sorgen?
Wer für die SVP in der Stadt Zürich antritt und nicht gewählt wird, muss sich kaum etwas vorwerfen lassen. Mein Ziel ist ein gutes Resultat, auch im Stadtparlament, wo wir endlich wieder zulegen müssen. Das Minimalziel muss dort sein, dass die Bürgerlichen gemeinsam mit Mitte und GLP wieder eine Mehrheit haben, um die übelsten Exzesse der rot-grünen Politik eindämmen zu können. Exzesse wie zum Beispiel das kürzlich erlassene unsägliche Werbeverbot auf dem Stadtgebiet.