Er versucht seit acht Jahren, eine Linie zu klettern, die mitten durch die Wand geht. Huber erklärt, weshalb er heute jedes Zurückkommen als Erfolg wertet. Ein Gespräch über Scheitern im Alpinismus.
Herr Huber, Sie waren Anfang März mit Stephan Siegrist und Jonas Schild am Eiger, um eine Route in der Nordwand zu eröffnen. Schon am zweiten Tag mussten Sie Ihren Versuch aber abbrechen.
Ich möchte vorausschicken, dass dieses Mal wirklich alles gepasst hat. Das Wetter war so gut wie noch nie. Oft ist es auch so, dass das Wetter zwar gut ist, die Verhältnisse jedoch nicht passen – aber auch die waren dieses Mal top. Der erste Tag hätte nicht besser verlaufen können. Ich war selbst überrascht, wie geschmeidig alles lief und wie mental stark ich an diesem Tag war. Es war ein Raketenstart. Am nächsten Tag wäre Steff am scharfen Ende des Seils gewesen. Doch er wachte mit einem grippalen Infekt auf. Deshalb mussten wir das Abenteuer abbrechen.
Es war nicht das erste Mal, dass Sie abgereist sind, ohne die Route zu eröffnen.
Ja, wir waren zum mittlerweile fünften Mal in der Route.
Wie viele Jahre sind Sie insgesamt schon an diesem Projekt in der Eigernordwand dran?
Die Idee hatte ich 2017. Damals habe ich mit Stephan Siegrist und Roger Schäli die zweite Durchsteigung der Route Metanoia absolviert. Und währenddessen habe ich gesehen, dass in der Wand noch ein Juwel von einer neuen Route verborgen ist. Es gibt zwar schon sehr viele Routen durch die Eigernordwand, ein ganzes Netz, aber da ist auch noch diese eine klare Linie, die mitten durch die Wand geht. Als ich damals dann auch noch den Haken gefunden habe, an dem Toni Kurz sich 1936 abgeseilt hat und an dem hängend er gestorben ist, war mir klar, dass ich im Angedenken an Kurz und Anderl Hinterstoisser, aber auch an meine Freunde Dean Potter, Ueli Steck, Hansjörg Auer und David Lama diese Linie eröffnen will.
Das sind alles namhafte Bergsteiger, die mit der Eigernordwand eine besondere Verbindung hatten.
Ein Name fehlt noch. Ursprünglich wollte ich das Projekt gemeinsam mit Julian Zanker und Stephan Siegrist machen, mit denen ich am Cerro Kishtwar in Indien erfolgreich war. Sie sagten sofort zu. Kurz vor unserem ersten Versuch verunglückte unser Freund Julian Zanker aber tragisch in der Eigernordwand. Da wurde mir klar, dass die Route «Memoriam» heissen würde. Von da an war mein Bruder Alexander mit im Team.
Ihr Bruder hat sich mittlerweile aber zurückgezogen.
Wir sind innert drei Jahren drei Mal gescheitert. Immer gab es einen anderen Grund, und letztlich fehlte meinem Bruder einfach die Motivation für diese Linie. Wenn das Feuer erloschen ist, dann lässt man es besser sein. Ich kann ihn verstehen, und es ist seine freie Entscheidung.
Wäre es nicht auch für Sie leichter gewesen, zu sagen: «Okay, drei Mal ist genug, ich höre auch auf»?
In mir brennt das Feuer für «Memoriam» immer noch. Für mich war klar, dass ich weitermache. Steff und ich haben mit Jonas Schild, einem starken jungen Kletterer und Bergführer, einen guten Ersatz gefunden. Und die Linie ist ja nach wie vor da. In Gedanken bin ich permanent in dieser Wand. Auch jetzt.
Seit mehr als dreissig Jahren am Limit
Der Deutsche Thomas Huber, 58, ist der ältere der «Huberbuam». Unter anderem gemeinsam mit seinem Bruder Alexander klettert Thomas Huber seit mehr als dreissig Jahren in den höchsten Wänden der Welt an der Weltspitze. Die «Huberbuam» wurden nicht zuletzt wegen des Films «Am Limit» des Regisseurs Pepe Danquart auch weit über die Kletterszene hinaus bekannt. Die Dokumentation begleitete die Brüder bei ihrem Versuch eines Geschwindigkeitsrekords in der Nose-Route an der tausend Meter hohen Granitwand des El Capitan im kalifornischen Yosemite Valley.
Dass es beim fünften Versuch wieder nicht geklappt hat, hängt Ihnen nach.
Am Anfang war es gar nicht so schlimm. Als ich von der Schweiz nach Hause gefahren bin, habe ich aber angefangen mich zu fragen, was da immer schiefläuft. Wie kann es sein, dass Steff im Biwak von hier auf jetzt einen grippalen Infekt bekommt?
Ihre Antwort?
Das ist irgendwie einfach Schicksal. Zumindest ist es gut, dass nichts passiert ist. Und Freunde sagen: «Sei froh, jetzt kannst du im warmen Bett schlafen.» Ich wäre aber wirklich lieber in der Kälte eines Biwaks in der Eigernordwand.
In einem Vortrag sagen Sie über Ihren Versuch am 7285 Meter hohen Ogre, einem Siebentausender in Pakistan, an dem Sie 1999 den Gipfel nicht erreicht haben, Sie seien gescheitert.
1999 sind wir wirklich sehr frustriert nach Hause gefahren, weil wir den Ogre nicht geschafft haben. 2001 hat es dann geklappt, und es war ein voller Erfolg. Aber das waren andere Zeiten damals, wir waren jung, voller Tatendrang und hungrig nach Gipfeln und Erfolgen. Erreichte man ein Ziel nicht, war das gleich eine grosse Niederlage, und man fühlte sich als Versager und Niete. Beim Nichterreichen eines Ziels heisst es heute immer gleich, man sei gescheitert. Dabei geisselt man sich damit nur selbst.
Sie meinen, weil «scheitern» so endgültig klingt.
Genau. Gescheitert ist man als Bergsteiger erst, wenn alles vorbei ist. Dann, wenn man aufgrund einer fatalen Fehlentscheidung nicht mehr zurückkommen kann.
Und wie würden Sie die Ereignisse an der Eigernordwand und an den vielen anderen Wänden bezeichnen, bei denen Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben?
Jedes Zurückkommen ist heute für mich ein grosser Erfolg. Egal ob mit oder ohne Gipfel. Letztlich zählt das Abenteuer. Der Weg endet im Basislager oder am Wandfuss, er geht über den Gipfel, manchmal aber nur über ein Zwischenlager oder ein Biwak.
Sie scheinen ein Vorbild für «gutes Scheitern» zu sein. Waren Sie schon immer so gelassen, ist das Ihr Naturell?
Es war sicherlich ein Prozess. Die Erfahrung 1999 am Ogre war nicht schön. Auch heute gibt es natürlich diese Erwartungen von aussen. Und man muss sich immer erklären, wenn etwas nicht geklappt hat. Ich habe aber gelernt, mit einem grossen Feuer auf Expedition zu fahren und mir selbst keinen Erfolgsdruck mehr zu machen. Das Ergebnis ist, dass ich heute immer sagen kann: Ich bin nicht gescheitert, sondern ich bin schon wieder ein bisschen schlauer.
Sie waren fünf Mal in der Choktoi-Region in Pakistan am Latok I und am Latok III.
Und ich werde wieder hinfahren! Ich war im vergangenen Jahr in Pakistan. Acht Wochen lang und auf keinem einzigen Gipfel. Aber deshalb bin ich nicht gescheitert. Wobei ich die Stimmen kenne, die sagen: «Der Huber spinnt komplett. Merkt er denn nicht, dass er nicht raufkommt?»
Was entgegnen Sie?
Eben: Ich lerne jedes Mal dazu. Eine schwierige Expedition braucht manchmal Jahre. Erst dann kann man es schaffen. Am Latok muss man jeden einzelnen Meter erforschen. Das ist Neuland. Und man muss auch lernen, die Sprache des Berges zu verstehen, und dann versteht man, wie weit man gehen darf und kann. Der Berg kommuniziert mit einem über das Bauchgefühl und die Intuition, die sich aber erst allmählich entwickeln. Irgendwann geht die Tür auf, und man ist mittendrin, vielleicht auch ganz oben. Und dann geht die Tür wieder zu. Wichtig ist dabei nur, dass man die Tür als Lebender wieder verschliesst. Das ist dann der Erfolg, und deshalb ist das Nichterreichen eines Gipfels für mich persönlich kein Scheitern. Ich bleibe auf dem Weg.
Haben Sie schon einmal Bilanz gezogen: Wie oft waren Sie erfolgreich und haben das Ziel erreicht, wie oft hat es nicht geklappt?
Etwa in zwanzig Prozent der Fälle klappt es nicht. Ich könnte natürlich Berge wählen, bei denen ich eine achtzig- oder sogar neunzigprozentige Chance hätte für einen Gipfelerfolg. Vermutlich wäre es heute sogar sinnvoller, einfachere Berge zu wählen. Mit den gegenwärtigen technischen Möglichkeiten und den Kameras lässt sich ja auch aus harmlosen Sachen ein wildes Abenteuer machen.
Warum tun Sie es nicht?
Ich bin altmodisch. Ein Abenteurer und Entdecker. Und ich brenne für einen grossen Traum. Ich möchte eine schier unmögliche Wand mit Leichtigkeit durchsteigen, alle Sinne dabei spüren und ein Teil der Wand werden. Für einen Tag habe ich das am Eiger zuletzt geschafft.
Heute geht es doch eher darum, Content zu liefern. In den sozialen Netzwerken lassen sich vor allem Erfolge verkaufen, die mit wenigen Worten erklärbar sind. Vorzugsweise garniert mit einem Selfie von einem Gipfel mit viel Haut und wenig Stoff.
Unser Projekt am Eiger und das, was ich in der Latok-I-Nordwand oder am Latok-III-Südpfeiler gemacht habe, kann man überhaupt nicht mit einem Foto darstellen. Natürlich gäbe es für einen Erfolgs-Post viele Likes und einen kurzen Aha-Effekt bei den Followern, aber am nächsten Tag ist das vergessen.
Die Oberflächlichkeit der sozialen Netzwerke ist gnadenlos.
Das darf einen nicht berühren, denn man klettert nicht für einen Like, sondern für sich selbst. Der Latok I ist meine persönliche, intime Geschichte. Und ebenso das «Memoriam»-Projekt in der Eigernordwand. Damit wollen wir die Geschichte unserer Freunde erzählen. Soweit es mir möglich ist, bediene ich die sozialen Netzwerke möglichst authentisch, aber egal wie wichtig diese Plattformen heute auch sind: Ich folge meinem Herzensweg. Auf ihm habe ich die Möglichkeit, meine Erfahrungen aus den Bergen von Mensch zu Mensch weiterzugeben.
Nicht jeder kommt so gut wie Sie damit klar, gesteckte Ziele nicht zu erreichen. Kann das Scheitern ein Grund sein, Erlebnisse zu verklären oder sogar Lügengeschichten zu erzählen?
Meine Partner haben mir immer gesagt, dass sie mich bedingungslos unterstützten, dass es ihnen primär wichtig sei, dass ich wieder nach Hause käme. Mir hat noch nie jemand einen Erfolgsdruck gemacht. Druck macht man sich, wenn überhaupt, selbst.
Was haben Sie Ihren drei Kindern mitgegeben von dem, was Sie als Kletterer gelernt haben?
Dass Scheitern ein in unserer Zeit kreiertes Wort ist. Dass jedes Nichtschaffen dessen, was man sich vorgenommen hat, ein nächster Schritt weiter nach oben ist.
Ihr Sohn Elias feierte im Parallel-Riesenslalom der Alpin-Snowboarder in Val Saint-Côme vor kurzem seinen ersten Weltcup-Sieg. Und jüngst stand er im Teamwettbewerb ganz oben. Hat er also alles richtig gemacht?
Elias ist zuvor achtzig Weltcup-Rennen gefahren, ohne je zu gewinnen. Er hat immer an sich gearbeitet. Immer an sein Ziel zu glauben, nicht aufzugeben, das hat er von mir gelernt.
Trotzdem: Sie können noch so viel an Ihr Ziel glauben, irgendwann werden die körperlichen Möglichkeiten Ihnen Grenzen setzen. Da reicht dann auch Ihre positive Grundeinstellung nicht mehr aus. Im nächsten Jahr werden Sie 60.
Ach ja, stimmt. Die Ziele werden andere werden. Das spüre ich aber auch jetzt schon. Ich trainiere gerade für eine Route im unteren 11. Schwierigkeitsgrad. Ein guter 25-Jähriger klettert das on sight. Für mich ist die Route grenzwertig. Solange ich aber trainiere und am Klettern Spass habe, bin ich sicher, dass der Berg mich jung hält.