Diane von Fürstenberg wickelte als Designerin mindestens eine Generation von Frauen in ihr bunt bedrucktes Jerseykleid. Nun ist sie 78 – und wird noch immer von Neugierde getrieben.
Diane von Fürstenberg, wenn man über Sie recherchiert, fällt einem auf: Sie behalten alles. Ihr Haus ist voller Fotoalben, Pinnwände, Souvenirs. Warum?
Ich schreibe auch Tagebuch, mindestens dreimal pro Woche. Es zwingt einen, mit sich selbst in Kontakt zu treten. Die wichtigste Beziehung ist die, die man zu sich selbst hat.
Pardon für die sehr persönliche Frage, aber: Was schreiben Sie in Ihr Tagebuch?
Ach, wissen Sie, es ist nicht sehr interessant. Mal ist es eine Menge Dankbarkeit, mal ähnelt es einem Gebet. Es kommt auf den Moment im Leben an. Als ich anfing, mein Tagebuch zu schreiben, muss ich dreizehn, vierzehn gewesen sein, und ich behandelte es wie eine Freundin. Und als ich später mit einem Schriftsteller zusammenlebte, schrieb ich besonders viel, weil ich mich mit ihm mass.
Lesen Sie Ihre Einträge hin und wieder?
Selten. Aber als der Dokumentarfilm über mich gedreht wurde («Diane von Furstenberg: Woman in Charge», 2024) und ich darüber sprach, wie ich vor dreissig Jahren Krebs hatte, wurde ich auf einmal sehr neugierig. Ich wollte nachlesen, was meine Reaktion war, als ich die Diagnose erhielt.
Und?
Ich war erleichtert, als ich es las. Denn: Ich war damals sehr distanziert. Nicht emotional.
Finden Sie es wichtig, nicht emotional zu sein?
Ich glaube, in schwierigen Momenten ist es wichtig, sich von der Emotion und der Angst zu distanzieren und das zu tun, was getan werden muss.
In den siebziger Jahren wurde Ihr bedrucktes Wickelkleid aus Jersey zu einer bequemen, glamourösen Uniform für Frauen im Berufsleben und damit zum Grosserfolg. Bevor Kleidung so zu Ihrem Job und zu einem Teil Ihrer Identität wurde – was bedeutete sie Ihnen?
Die Mode interessierte mich nicht. Was mich interessierte, war, eine «woman in charge» zu sein. Das Leben eines Mannes im Körper einer Frau zu leben. Das Kleid gab mir die Werkzeuge dazu. Gleichzeitig teilte ich es mit Millionen von Frauen; es war eine Zeit der weiblichen Emanzipation.
Ihre Mutter, die den Holocaust in mehreren Konzentrationslagern nur knapp überlebte, war eine wichtige Figur in Ihrem Leben. Verstand sie die Aufregung um das Kleid?
Meine Mutter war eine Kriegsgefangene. Tatsächlich wurde sie hier in Berlin befreit, vor 80 Jahren. Sie sagte zu mir immer: «Gott rettete mich, damit ich dir Leben geben konnte. Indem ich dir Leben gab, hast du mir mein Leben zurückgegeben.» Erst kürzlich habe ich etwas Interessantes erfahren: Als meine Mutter die Schule abschloss, gab es in ihrer Heimat Belgien Rassengesetze, weshalb sie nicht an die Universität durfte. Also ging sie an die Modeschule. Sie sagte mir das nie, denn es war ihr peinlich. Und trotzdem wurde ich Modedesignerin. Wir sprachen nie wirklich darüber, aber natürlich war sie stolz auf mich. Ich wurde mit 26, 27 sehr erfolgreich.
Wollten Sie das Wickelkleid je loslassen? Dachten Sie je: Es bedeutet mir und einer Generation von Frauen viel, aber es hat seinen Zweck erfüllt?
Oh mein Gott, ich habe so oft versucht, es loszulassen. Auf die anderen Dinge zu verweisen, die ich tue. Aber es will mich nicht loslassen. Ich habe das Kleid erfunden, aber in Wahrheit hat das Kleid mich erfunden.
«Feel like a woman, wear a dress», lautete einst ein Werbespruch von Ihnen. Ist diese Aussage Ihrer Meinung nach noch immer relevant?
Ja! Manche Menschen sagen zwar, man könne das heute nicht mehr sagen, es sei nicht politisch korrekt. Aber nun, wo politische Inkorrektheit nicht mehr politisch ist, ist es wohl wieder richtig.
Möchten Sie mit Ihrem Unternehmen und dieser neuen Kooperation mit Zalando eine jüngere Generation erreichen?
Ach, ich hasse es, zu sagen, dass ich Menschen erreichen möchte. Man kreiert Dinge, und Menschen reagieren eben. Sonst kommt man nicht weiter. Meiner Meinung nach ist das Einzige, das funktioniert, sich treu zu bleiben. Ob man nun eine Person ist oder eine Marke.
Zu Ihrer Marke gehören untrennbar die bunten Prints, diese gedruckten Muster. Warum?
Prints sind alles. Sie waren der Anfang: Mein zweiter Job war in einer Textildruckerei in Italien. So wurde Print zu einem Teil meiner Sprache. Mittlerweile habe ich ein riesiges Archiv. Alle meine Prints sind von der Natur inspiriert. Mein grosser Held ist Leonardo da Vinci. Er sagte einmal, er sei von all den Dingen, die er tat – er war Maler, Architekt, Bildhauer, Erfinder –, am stolzesten darauf, die Natur lesen zu können. Denn in der Natur liege alles.
Wie bleiben Sie mit der Natur verbunden?
Ich lebe auf dem Land. Ich spaziere viel, schwimme viel.
Sie sagen oft, es sei wichtig, über sich selbst lachen zu können. Wann haben Sie das letzte Mal über sich selbst gelacht?
Heute Morgen! Manchmal frage ich mich … Ich bin eine alte Frau. Ich bin 78, aber so, wie ich gelebt habe, sollte ich 300 sein. Und dennoch habe ich viel Energie, bin neugierig. Ich ehre das Leben. Ich schliesse immer wieder neue Freundschaften – in letzter Zeit oft, wenn ich ein gutes Buch lese und danach den Autor aufsuche.
Zum Beispiel?
Ich las «The Wizard of the Kremlin» auf Französisch. Im Roman geht es um Putin. Ich suchte den Autor Giuliano da Empoli auf, wir wurden Freunde, und ich half ihm, als sein Buch auf Englisch erschien.
Als ich den Dokumentarfilm über Sie sah, der letztes Jahr erschien, …
Mochten Sie ihn?
Sehr. Was mich besonders beeindruckte, war die Darstellung der siebziger und achtziger Jahre, als Sie nach New York City zogen und in Künstlerkreisen verkehrten. «Wir dachten, wir hätten die Freiheit erfunden», sagten Sie über jene Zeit. Und jetzt …
Es ist wahr. Es ist ziemlich beschämend, wo wir jetzt stehen. Es ist verrückt. Ich hätte nie gedacht, dass ich zu meinen Lebzeiten das Gefühl haben würde, dass sich die Welt in so vielen Bereichen zurückentwickelt. Ich bin schockiert. Aber ich entdecke auch Neues. «The power of kindness» etwa, die Macht der Freundlichkeit. Freundlichkeit ist eine Währung – je mehr man sie nutzt, desto mehr gibt es davon. Jeden Morgen etwa stelle ich als Erstes jemand einer Person vor, die sein Leben verändern könnte und die sie ohne mich nicht kennengelernt hätte. Ich muss nicht einmal sprechen. Nur eine durchdachte E-Mail schreiben. Es verändert die Energie, die zu uns zurückkommt. Davon wird mein neues Buch handeln.
Sie meinten eben, wir machen grosse Rückschritte. Haben Sie das Gefühl, Sie können etwas dagegen tun?
Das ist meine Art, etwas dagegen zu tun. In Momenten der Dunkelheit muss man das Licht suchen. Ein kleines Pünktchen Licht, das man hegt und pflegt und teilt. Und am Ende ist es das Licht, das die Dunkelheit wegdrückt. Wie beim Morgengrauen.
Sie wollten nie in die Politik?
Nein, nein. Ich glaube nicht, dass ich das könnte. Aber ich glaube, ich habe auf meine Art und Weise Einfluss. Wenn man inspirieren kann, Gutes zu tun.
Sie waren und sind umgeben von Menschen, die die Kultur geprägt haben – Andy Warhol, Madonna, Oprah Winfrey. Gibt es etwas, was sie alle gemeinsam haben?
Es beginnt meistens damit, sich klein zu fühlen. Oprah Winfrey wurde in Alabama geboren, im tiefen Süden. Eines Tages schaute sie ihrer Grossmutter zu, wie sie die Wäsche aufhängte und sagte: «Sieh mir lieber zu, denn das wirst du dein ganzes Leben lang tun.» Winfrey entgegnete, das sei nicht das, was sie in ihrem Leben tun werde. Es sind solche Momente, die Menschen dazu bringen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Es ist einfach. Aber nicht für alle, nicht überall. Ich denke an Afghanistan. Manche Menschen sind einfach Opfer des kollektiven Wahnsinns.
Sie gingen eine Zeitlang in der Schweiz zur Schule. Welche Erinnerungen haben Sie?
Oh, ich liebe die Schweiz. Ich ging mit dreizehn nach Lausanne ins Internat, und später studierte ich in Genf. In der Schweiz muss man eine Apotheke nur betreten, und schon ist man geheilt. Nichts ist beruhigender als die Schweiz.
Wirklich?
Nun, ich erinnere mich an meine Schulleiterin in Lausanne. Sie war eine grosse Feministin. Ab wann durften die Frauen im Kanton Waadt eigentlich abstimmen? GPT weiss das sicher.
Sie nutzen Chat-GPT?
Ja. Ich bin sehr neugierig darauf, was GPT über den Kanton Waadt weiss. (Liest vor.) Frauen in der Schweiz erhielten das Stimmrecht auf Landesebene 1971, im Kanton Waadt 1959.
Sie dachten also schon als dreizehnjährige Internatsschülerin über solche Dinge nach?
Nein, aber es bedeutete meiner Schulleiterin viel. Es wurde mir wohl beigebracht.
Gab es viele solche Frauen in Ihrem Leben?
Wenn meine Mutter über Männer sprach, sagte sie «les pauvres», die Armen. Für mich war es stets etwas Gutes, eine Frau zu sein.
Gab es je Momente, in denen Sie daran zweifelten?
Nein. Ich wollte nie etwas anderes sein als eine Frau.