Raphael Golta will die Nachfolge von Corine Mauch antreten. Ist damit die Frauenfrage erledigt?
Die SP ist die Partei, die anderen gerne erklärt, was in Sachen Diversität und Inklusion richtig und was falsch ist. Die Partei nimmt das Anliegen, dass sich jede und jeder in der Stadt repräsentiert fühlen soll, so ernst, dass sie sich sogar für eine geschlechtergerechte Stadtplanung und inklusive Strassenschilder einsetzt. Statt dem «Mann mit Hut» sollen auf Signalisationen künftig auch Frauen gezeigt werden.
Die SP nennt sich selbst Gleichstellungspartei und ist stolz darauf, dass Zürichs erste Stadtpräsidentin Corine Mauch aus ihren Reihen kommt. Doch jetzt, wo es um ihre Nachfolge geht, scheint die Geschlechterfrage nicht mehr so wichtig zu sein.
«Ich kann einiges bieten»
Denn am Mittwoch hat ein Kandidat in den Tamedia-Zeitungen offiziell sein Interesse am Stadtpräsidium bekanntgegeben, der nach den Vorstellungen seiner Partei nicht einmal mehr für ein Piktogramm Modell stehen dürfte: der Sozialvorsteher Raphael Golta (SP), ein weisser Cis-Mann mittleren Alters.
Golta sagt auf Anfrage der NZZ, die Partei sei frei, auch ein anderes Profil zu wählen. «Für das Stadtpräsidium bringe ich gerne das ein, was ich bin und kann.»
Ob Golta innerhalb der SP Konkurrenz haben wird, ist unklar. Namen kursieren durchaus. Kantonsrätin Mandy Abou Shoak hat jüngst auf der Plattform Linkedin gefragt, ob sie sich als Kandidatin zur Verfügung stellen solle. Über 1800 Personen antworteten mit Ja. Der NZZ sagt die 35-Jährige nun, sie wolle bis Ende Woche über eine Kandidatur entscheiden.
Ebenfalls als mögliche Kandidatin gehandelt wird die Nationalrätin Céline Widmer. Sie dürfte das Feld allerdings zugunsten Goltas räumen. So hatte sie im März gesagt, sie werde nur kandidieren, wenn Golta es nicht tue. Für eine Stellungnahme war sie am Mittwoch nicht erreichbar.
Eine weitere mögliche Konkurrentin ist Gabriela Rothenfluh. Die Präsidentin des Schulkreises Waidberg und frühere Stadtparteipräsidentin hat letzte Woche bekanntgegeben, dass sie sich für einen Stadtratssitz interessiert und auch dem Präsidium nicht abgeneigt wäre. Schon Anfang März sagte sie zur NZZ: «Es würde mich erstaunen, wenn die SP als Gleichstellungspartei darüber nicht zumindest diskutieren würde.»
Er wollte das Finanzdepartement
Als Golta 2014 in den Stadtrat gewählt wurde, wäre er am liebsten Finanzvorstand geworden. Doch Daniel Leupi (Grüne) wollte sein Dossier nicht abgeben. So wurde Golta Sozialvorstand und zum umtriebigen Sozialpolitiker, der auch gerne einmal aneckt. Etwa weil er auf städtischer Ebene Vorstösse umsetzt, die bei kantonalen Abstimmungen chancenlos geblieben sind. So will er vorläufig aufgenommenen Ausländern Stipendien zugänglich machen.
Auch in Sachen Basishilfe für papierlose Migranten fährt Golta ein Sonderzüglein – der daraus resultierende juristische Konflikt dauert nun schon über drei Jahre. Derzeit muss sich der Regierungsrat damit beschäftigen. Der Bezirksrat kam letzten Herbst zu dem Schluss, das Vorgehen der Stadt Zürich widerspreche übergeordnetem Recht.
Seine Tätigkeit als Sozialvorsteher habe ihn geprägt, sagt Golta. Auch als Stadtpräsident werde für ihn zentral sein, «dass auch Menschen in schwierigen Verhältnissen oder mit einem schweren Rucksack in Zürich einen Platz haben».
Die Stadt Zürich werde von allen geprägt, die hier lebten, arbeiteten oder Politik machten. Deshalb sei es für ihn bereits als Stadtrat stets wichtig, «über die Stadtgrenze hinauszudenken». Dabei setze er auch auf Zusammenarbeit mit dem Umland.
Berührungsängste habe er nicht, er suche den Kontakt mit allen, sagt Golta. Gleichzeitig müsse Zürich aber auch selbstbewusst auftreten. «Das passiert nicht immer in Minne, manchmal muss man auf Konfrontation gehen.»
An Selbstbewusstsein mangelt es Golta nicht. Auch in die kantonale Politik der SP mische er sich gerne ein, heisst es. Lanciert die kantonale SP einen Vorstoss, greife Zürichs Sozialvorsteher zum Telefon. Das kommt nicht bei allen gut an. Auch eine gewisse Dünnhäutigkeit und ein Hang zum Aufbrausen werden ihm nachgesagt. Gegenüber den Tamedia-Zeitungen sagt Golta, es komme vor, dass er «in der Hitze des Gefechts etwas lauter werde». Er sei aber nicht nachtragend und wisse auch von niemandem, der ihm nachhaltig böse sei.
2030 ist Schluss für Daniel Leupi
Ausserhalb von Goltas Partei hat bisher erst der FDP-Stadtrat Michael Baumer Interesse am Stadtpräsidium bekundet. Ob er wirklich kandidiert, ist aber noch nicht entschieden.
Immer wieder wurde in den letzten Jahren über etwaige Ambitionen des Stadtrats Leupi spekuliert. Bei den letzten Erneuerungswahlen erzielte der Grüne hinter Corine Mauch das zweitbeste Ergebnis, Golta lag auf Rang vier. Inzwischen ist aber klar: Beim Rennen um das Stadtpräsidium wird Leupi Golta keine Konkurrenz machen.
Auf Anfrage der NZZ sagt Leupi, er habe entschieden, dass die nächste Amtszeit seine letzte sein werde. Es sei nie sein Ziel gewesen, Stadtpräsident zu werden – auch wenn er sich das Amt durchaus zugetraut hätte. Ihm liege ein Departement, das wichtige und vielfältige Sachthemen bearbeite, viel näher.
Noch offen ist, ob Andreas Hauri (GLP), Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements, für das Stadtpräsidium kandidiert. Er werde sich dazu nach den Sommerferien äussern, sagt er der NZZ. Bei der Neubesetzung des Stadtpräsidiums sei es richtig, auch neue Perspektiven einzubringen.
Die SP entscheidet am 26. Juni an der Delegiertenversammlung, wen sie für den Stadtrat und das Präsidium portieren will. Der Parteipräsident Oliver Heimgartner sagt, es sei wichtig, dass die SP ein ausgewogenes «Gesamtticket» vorlege. Bei zwei Rücktritten werde daher mindestens eine Frau nominiert.
«Bei der Besetzung des Stadtpräsidiums lassen wir die Geschlechterfrage offen», sagt Heimgartner. Dass Raphael Golta sich zur Verfügung stelle, sei für die SP eine gute Ausgangslage. Er habe die Zürcher Sozialpolitik entscheidend weitergebracht.