Die Schweizer Uhrenindustrie dürfte vom neuen US-Zollregime besonders hart getroffen werden. Ausserdem: Das Management von Lindt & Sprüngli macht Kasse, das ist aber kein Verkaufssignal. Die Aktien von Skan werden spannend, und Forbo steht vor einem neuen Abschnitt.
Geschätzte Leserin, geschätzter Leser
Es ist ein Hammer aus Washington: US-Präsident Donald Trump hat am Mittwochabend sein Zollregime bekanntgegeben, und die Schweiz ist überproportional stark betroffen. Für Exporte aus der Schweiz in die USA soll ab Samstag, 5. April, ein Zoll von 31% anfallen. Vorerst ausgenommen davon sollen pharmazeutische Produkte sein.
Kaum ein Sektor könnte darunter so stark leiden wie die Uhrenindustrie. Gemäss den Ökonomen der Finanzgruppe Oddo BHF sind die USA mit einem Anteil von 16,5% der grösste Absatzmarkt für die hiesigen Hersteller. Besonders betroffen dürften Rolex und Patek Philippe, aber auch – einmal mehr – Swatch Group sein.
Damit trüben sich auch die Aussichten für den Uhrenhersteller weiter ein. Die Nachfrage aus China, wo er 30% des Umsatzes erwirtschaftet, hat sich bisher nicht erholt. Und nun dürften es sich die US-Konsumenten zweimal überlegen, ob sie einen zollbedingten Preisaufschlag von mehr als 30% bezahlen wollen für eine Longines- oder eine Tissot-Uhr. Swatch Group hatte mit ihren Marken schon zuvor Marktanteile verloren.
Es ist nicht nur das Marktumfeld, dass Swatch Group zu schaffen macht. Es ist Missmanagement, wie ich schon mehrfach geschrieben habe.
Ungeachtet all der Herausforderungen produziert Swatch Group weiterhin Uhren auf Halde. Der Lagerbestand stieg per Ende 2024 um weitere 330 Mio. Fr. auf etwas mehr als 7,6 Mrd. Fr. – bei einem Umsatz von 6,7 Mrd. Fr. Das Kostenmanagement ist katastrophal, die Entwicklung der liquiden Mittel dramatisch. Innerhalb von zwei Jahren hat Swatch Group mehr als 1 Mrd. Fr. verbrannt. Investoren sparen denn auch seit Monaten nicht mit Kritik am Vorgehen beim Uhrenkonzern und an der mickrigen Performance.
Den Tiefpunkt vom ersten Corona-Schock im März 2020, als der Kurs der Inhaberaktien auf etwas mehr als 170 Fr. absackte, haben die Titel längst durchbrochen. Der Aktienkurs nähert sich dem Niveau von 2009.
Fünfzehn verlorene Jahre für die Investoren.
Doch Nick Hayek hält an der bisherigen Strategie fest, im Interview mit dem deutschen Magazin «Der Spiegel» (Paywall) setzt der Swatch-CEO in seiner rebellischen Art einmal mehr einen obendrauf: «Ein Aktionär, der spekuliert und in drei Monaten 20% Gewinn erwartet, ist für uns irrelevant, er trägt nichts zur Wertschöpfung bei.» Oder: «Die Bilanz der Swatch Group ist kerngesund, aber an der Börse spielen Bilanzen keine Rolle, Analysten können keine Bilanzen lesen.» Mit dem Stolz des Patrons ergänzt er, dass die Mitarbeitenden beim Uhrenkonzern einen höheren Stellenwert hätten und speziellen Schutz geniessen würden.
Und weiter:
«Es ist legitim, dass ein Aktionär, der Geld in die Firma investiert hat, im Gegenzug auch eine Rendite will. Es braucht aber Anleger, die langfristig orientiert sind. Die mit ihrem Geld einem Unternehmen ermöglichen, sich zu entwickeln und erfolgreich zu sein.»
Klingt vernünftig?
Was aber, wenn ein Unternehmen auch langfristig keine Rendite für die Aktionäre schafft?
Swatch Group ist genau ein solches Unternehmen.
Ich gönne den Angestellten ihre sichere Arbeit sehr, auch wenn ich nicht weiss, wie lange das Geld dafür noch reichen wird. Aus Anlegersicht aber müsste Alleinherrscher Hayek dann auch die Konsequenzen ziehen und das Unternehmen von der Börse nehmen. Auch hierauf antwortet er in seiner Art.
«Natürlich wäre es interessant [Swatch Group von der Börse zu nehmen], aber es gibt Schlimmeres, als an der Börse zu sein. Wir entscheiden mit unserem Bauch. Wir tun, was wir für richtig halten. Und nicht das, was die Börse will.»
Die finale Rechnung genau dieser Börse für die Sturheit der Hayeks haben wir noch nicht gesehen.
Haben Sie Ihre Steuerrechnung schon bezahlt? Vor einigen Wochen sind die definitiven Steuereinschätzungen in die Schweizer Haushalte geflattert – wohl auch beim Management von Lindt & Sprüngli. In den vergangenen Tagen und Wochen haben die Mitglieder von Geschäftsleitung und Verwaltungsrat jedenfalls ordentlich Partizipationsscheine des Schokoladenherstellers veräussert, wie die Meldungen bei der Börsenaufsicht SER zeigen. Aber vielleicht wurde mit dem Geld auch der Tesla durch einen BMW ersetzt.
Das Beispiel zeigt: Die Interpretation von Managementverkäufen ist oft schwieriger als jene von Käufen. Im Fall von Lindt & Sprüngli fliesst ein grosser Teil der Managemententschädigung in Form von Optionen, dadurch kommt es immer wieder zu regelrechten Verkaufswellen. Anlegerinnen sollten diese Handelstätigkeiten nicht überinterpretieren.
Aus meiner Sicht wichtiger ist der Blick aufs Kursmomentum. Seit Anfang Jahr haben die Partizipationsscheine fast 20% an Wert gewonnen. Sie notieren damit nahe am Allzeithoch von Ende 2021 bei 12’660 Fr.
Damit zeigt sich ein spannendes Muster, wie mein Kollege Gregor Mast in seiner Analyse zu den stärksten Aktien festhält: Überwinden die Titel das bisherige Höchst, steht aus markttechnischer Sicht einem stabilen Aufwärtstrend nichts im Wege.
Untermauert wird die Bewegung durch starke Fundamentaldaten. Den Verwerfungen am Kakaomarkt zum Trotz hat Lindt für 2024 ein hervorragendes Ergebnis vorgelegt. Zumal das Unternehmen die Verkaufspreise als Reaktion auf die stark gestiegenen Kosten zum Teil saftig erhöhen musste und 2025 weitere Anpassungen wird vornehmen müssen. Die Premiumstrategie – es wird weniger dafür bessere Schokolade konsumiert – geht auf. Von Trumps Zöllen ist Lindt & Sprüngli höchstens indirekt betroffen, schon heute wird für den US-Markt lokal produziert.
Das Management freut’s angesichts der Aktienperformance umso mehr.
Es gibt Aktien, hinter denen ein starkes Unternehmen mit hervorragenden Perspektiven steht – und trotzdem scheute ich bislang einen Kauf. Skan ist ein solcher Fall. Das Unternehmen aus Allschwil bringt grundsätzlich vieles mit, was Anlegerherzen höherschlagen lässt. Am wichtigsten: eine marktführende Position in einem strukturellen Wachstumsmarkt, der zudem von hohen Markteintrittsbarrieren geprägt ist.
Die Nische der Baselbieter sind sogenannte medizinische Isolatoren. Konkret handelt es sich um meterlange Isolierkammern, in denen Wirkstoffe in keimfreier Umgebung abgefüllt und gemischt werden können. Skan profitiert von starken Branchentrends wie etwa der steigenden Nachfrage nach injizierbaren Medikamenten, dem Wechsel von klassischen Reinräumen zur überlegenen Isolatortechnologie sowie der Rückverlagerung von Produktionskapazitäten aus Asien in den Westen.
Die Zahlen überzeugen: Mit ihrem einträglichen Geschäft erzielt Skan seit 2019 im Durchschnitt ein jährliches Umsatzwachstum von 18% und ein Gewinnwachstum von 32%. Zudem lag die Kapitalrendite (ROIC), zuletzt bei 19%, deutlich über den Kapitalkosten (WACC), die zuletzt bei 7% lagen. Das Unternehmen schafft damit Mehrwert für die Aktionäre. Am Aktienkurs lässt sich das jedoch nicht ablesen – seit zwei Jahren pendeln die Titel zwischen 75 und 85 Fr.
Was ist also das Problem?
Trotz aller Stärken, die der Markt durchaus erkennt, zeigen sich viele Investoren zurückhaltend. Was ich seit längerem immer wieder in Bezug auf Skan höre: «ein spannendes Unternehmen, wäre da nicht die hohe Bewertung.» Auch wir haben im letzten Sommer betont, dass Skan die perfekte Aktie für die Watchlist ist und Anleger auf allgemeine Rücksetzer am Markt lauern sollten. Und genau hier könnte es jetzt interessant werden. Diese Woche rutschten die Aktien erstmals seit anderthalb Jahren unter die Marke von 70 Fr. Ein Grund dürfte die allgemeine Unsicherheit durch die Zollquerelen von Donald Trump sein.
Zudem meldete Skan letzte Woche eine leicht nachlassende Umsatzdynamik im zweiten Halbjahr 2024, bedingt durch projektbezogene Verschiebungen bei Kunden aus dem Pharmabereich. Das ist allerdings erstens nichts Ungewöhnliches und dürfte zweitens das Geschäft im laufenden Jahr zusätzlich stützen. Zudem ist die Bewertung mit einem KGV von 41 auf Sicht der nächsten zwölf Monate zwar weiterhin alles andere als bescheiden, angesichts der hervorragenden Aussichten aber in meinen Augen gerechtfertigt. Ich werde jedenfalls mit Interesse verfolgen, ob die Aktien bald noch etwas günstiger zu haben sein werden.
An diesem Freitag findet die Generalversammlung von Forbo statt – beim Hersteller von Bodenbelägen, Bauklebstoffen und Förderbändern stehen personelle Veränderungen an. This Schneider tritt nach zwanzig Jahren ab: zunächst in der Geschäftsleitung, von 2013 bis 2023 als exekutiver Verwaltungsratspräsident, zuletzt als Präsident. Man darf ihn ohne Übertreibung als Mr. Forbo bezeichnen. Als Nachfolger ist Verwaltungsrat Bernhard Merki vorgesehen.
Trotz seiner langjährigen Rolle blieb Schneider der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt – nicht zuletzt wegen der traditionell mangelhaften Kommunikation von Forbo. «Solange man geliefert hat, konnte man es sich leisten, nicht zu kommunizieren», sagt Patrik Jäger, Fondsmanager bei IFS Independent Financial Services.
Zuletzt geriet das Unternehmen jedoch zunehmend unter Druck: Die Schwäche im Bausektor liess den Umsatz stagnieren, drei Gewinnwarnungen in Folge belasteten die Aktien schwer – die Marktkapitalisierung hat sich innert drei Jahren mehr als halbiert.
Das angeschlagene Investorenvertrauen drückt auf die Bewertung. Die Aktien notieren derzeit auf historisch tiefem Niveau: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis der Gewinnschätzungen für die nächsten zwölf Monate liegt bei 11, die Free-Cashflow-Rendite gemessen am Unternehmenswert ist mit knapp 13% entsprechend hoch. Ein Umstand, in dem ich durchaus eine Chance wittere.
Denn operativ ist Forbo solide aufgestellt: Mit über 70% Weltmarktanteil ist das Unternehmen klarer Weltmarktführer bei Linoleum – eine starke Nischenposition. Auch im Belting-Segment ist Forbo gut positioniert, etwa bei Logistikprojekten. Die Kommunikation war zwar schwach, doch die Kosten hatte das Management im Griff. «Ich schätze Forbo als sehr kostenbewusst ein – zweistellige Margen auch in schwierigen Zeiten sprechen dafür», sagt Martin Hüsler, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank. Die Rendite auf das investierte Kapital (ROIC) liegt trotz Bauflaute bei 15% – ein beachtlicher Wert.
Ob sich die Baukonjunktur 2025 erholt, bleibt abzuwarten – Forbo würde als Bodenbelaghersteller klar profitieren. Auch im Transportbandgeschäft für Logistikzentren zeigen sich Analysten vorsichtig optimistisch: Der Abschwung dauere bereits so lange an, dass ein Investitionszyklus bald folgen dürfte, meint Alexander Koller, Analyst bei der Bank Vontobel.
Was sich beim Unternehmen selbst ändern muss: die Kommunikation. Ich wünsche mir, dass das Management künftig auch zu Neuigkeiten unter dem Jahr persönlich Stellung nimmt und nicht nur anlässlich der Halbjahresberichterstattung. Die Verfügbarkeit war bislang ungenügend. Ein kommunikativer Neustart am Freitag wäre aus Investorensicht überfällig.
Freundlich grüssen im Namen von Mrs Market
Henning Hölder, Manuel Boeck und Gabriella Hunter