Im Lockdown rüsteten Chinas Fabrikautomatisierer gewaltig auf – und drängten vor allem Siemens zurück. Die neue Lowcost-Strategie der Münchner kommt spät. Und eine überraschende Milliardenakquisition vergrätzt die Anleger.
Liebe Leserin, lieber Leser
Siemens-Chef Roland Busch ist schon jetzt einen Eintrag in die Siemens-Geschichtsbücher dafür sicher, dass er so viel Geld für Software-Unternehmen ausgibt wie keiner seiner Vorgänger. Vor ihm brauchte es drei CEO und über zehn Jahre, um Siemens‘ Industriesoftware-Portfolio für über 10 Mrd. € zu akquirieren. Busch unterzeichnete zwei Software-Deals über insgesamt 15 Mrd. $ in nur sechs Monaten.
Der Mittwochabend angekündigte Kauf der Bostoner Dotmatics, eines Anbieters von Forschungs- und Entwicklungssoftware im Bereich Life Science, wirft allerdings viel Fragen auf. Den gestrigen, von US-Zöllen beeinträchtigten Handelstag beendete Siemens mit einem Minus von 8,04%, als zweitschwächster Dax-Wert nach Adidas.
Mit 5,1 Mrd. $ zahlt Siemens für Dotmatics das 39-Fache des für 2025 erwarteten Ebitda und das 16,5-Fache des prognostizierten Umsatzes. «Der Deal ist (sehr) teuer und bedeutet eine überraschende Ausdehnung von Digital Industries in die Pharmakologie», wundert sich Deutsche-Bank-Analyst Gael de-Bray.
Bisher ist Siemens in der Pharmaindustrie eher vereinzelt aktiv. Diese Branche über ein Software-Unternehmen mit 800 Mitarbeitern als Kunden akquirieren zu wollen, scheint mutig. Analysten- oder Journalistenfragen zum Dotmatics-Kauf stellten sich Busch und sein Topmanagement indes nicht. Stattdessen gab es ein CEO-Filmchen in den sozialen Medien.
Siemens› Kern Fabrikautomation ist bedroht
Woran die Software-Deals nichts ändern, zeigte sich diese Woche auf der «Hannover Messe»: Siemens‘ Kerngeschäft mit der Automatisierung von Fabriken ist in Gefahr. Die starke Stellung der Münchner wird durch die neue Konkurrenz aus China bedroht, wegen Siemens‘ Schwerpunkt in der Autoindustrie sogar noch mehr als bei anderen westlichen Wettbewerbern.
Vor zehn Jahren setzte Chinas Präsident Xi Jinping in seinem High-Tech-Programm «Made in China 2025» auch die Fabrikautomation auf die Fokusliste. Heute lässt sich konstatieren: Chinas Hersteller von Automatisierungstechnik haben technologisch weitgehend aufgeschlossen. Was einfache, kostengünstige Steuerungen betrifft, sind sie den westlichen High-Tech-Anbietern sogar überlegen.
Allen voran hat der chinesische Automationsanbieter Inovance kräftig Marktanteile gewonnen. Das 2003 in Shenzhen von ehemaligen Huawei-Ingenieuren gegründete Unternehmen hat seinen Umsatz von 2020 bis 2024 auf geschätzt 37,3 Mrd. Yuan (4,7 Mrd. €) mehr als verdreifacht. Der Erlös in der Fabrikautomation verdreifachte sich bis 2023 auf 15 Mrd. Yuan und ist gemäss Bloomberg-Konsensschätzung 2024 weiter auf 15,7 Mrd. Yuan (2 Mrd. €) gestiegen – während die gesamte Branche weltweit Einbrüche hinnehmen musste.
Inovance verkauft seine Automatisierungstechnik schwerpunktmässig in Chinas aufstrebender Autoindustrie; das war viele Jahre lang die lukrativste Domäne von Siemens. Dieses Rad zurückzudrehen, dürfte Siemens schwerfallen: Der neue Rivale ist bei Chinas Autobauern bestens vernetzt. Neben der Automatisierungstechnik wächst Inovance ähnlich stark mit Motorsteuerungen für Elektroautos und sieht sich hier als lokale Nummer zwei nach Chinas Elektroautoprimus BYD. Das honoriert auch die Börse: Der Aktienkurs stieg seit Jahresbeginn um 19% auf 69,80 Yuan, der Börsenwert liegt bei 188 Mrd. Yuan (23 Mrd. €).
Im Lockdown erstarkten Chinas lokale Rivalen
Die rasanten Fortschritte chinesischer Autobauer während der Corona-Jahre gingen wegen der Lockdowns in der westlichen Wahrnehmung völlig unter. Auch in der Fabrikautomation habe es «ein Erstarken der chinesischen Wettbewerber in der Corona-Zeit» gegeben, erklärte Hans Beckhoff, Chef und Inhaber des mittelständischen Siemens-Rivalen Beckhoff Automation, diese Woche in Hannover. «Viele neue Wettbewerber sind entstanden.»
Auch in der Automation überdeckte ein Sonderboom die beginnende Malaise: Wegen der Lieferkettenkrise bestellten Unternehmen weltweit zu viele Maschinensteuerungen, um Produktionsausfälle zu vermeiden. Barbara Frei, Chefin der Industrieautomation des französischen Industrieriesen Schneider Electric, schätzt gegenüber The Market, dass bei einem Nachfragewachstum von 5-6% zeitweise 30% mehr bestellt wurde.
Daher boomte Siemens‘ Fabrikautomation 2023, doch seither sind die Umsätze stark geschrumpft. Erstmals zogen im vierten Quartal 2024 zumindest die Bestellungen wieder an.
Beckhoff Automation wuchs in den vergangenen Jahren deutlich kräftiger als die Siemens-Fabrikautomation, musste aber 2024 einen stärkeren Rückgang (-33%) hinnehmen. Für 2025 rechnet der Mittelständer mit eine Umsatzplus von 10% auf 1,3 Mrd. €.
Siemens-Insidern zufolge verliert Siemens in der Fabrikautomation seit einiger Zeit Marktanteile – nicht nur in China, wie von Siemens eingeräumt, sondern auch anderswo. Noch 2023, auf dem Höhepunkt des Booms, hatte Siemens seine Fabrik im chinesischen Chengdu kräftig erweitert. Heute muss keiner der grossen europäischen Automationsanbieter so stark Kapazität reduzieren wie Siemens: Im März wurde der Abbau von 5600 der 68’000 Stellen der Sparte angekündigt.
Für Cedrik Neike, Chef der Digital-Industries-Sparte, hatte die schwache Performance im Geschäftsjahr 2024 direkte Folgen: Beim individuellen Ziel «Vergleichbares Wachstum der Umsatzerlöse» lag die Zielerreichung bei 0%. Digital Industries hatte trotz ausserordentlich hoher Umsätze im Softwaregeschäft mit einem Umsatzminus von 8% die Ziele massiv verfehlt. Mit einer gesamten Zielerreichung von 66,25% erhielt Neike, den manche Medien erstaunlicherweise als Buschs «Kronprinz» hofieren, mit Abstand die schlechteste Note des gesamten Siemens-Topmanagements.
Siemens› neue China-Strategie kommt spät
Neike will nun auf dem chinesischen Markt mit einer neuen Produktstrategie gegensteuern, wie er im «Handelsblatt» erklärte. Kürzlich habe er in China 18 neue Automatisierungsprodukte vorgestellt, von denen 16 in China für China entwickelt worden seien. Die meisten der 18 Produkte seien bereits auf dem chinesischen Markt verfügbar, ergänzte ein Siemens-Sprecher.
Das klingt zwar gut, allerdings waren Rivalen schneller. Schneider Electric habe schon vergangenes Jahr in China entwickelte, kostengünstige Produkte auf den Markt gebracht, erklärte Schneider-Industrieautomationschefin Frei. Die in China entwickelten Lösungen würden mittlerweile auch in Westeuropa erfolgreich verkauft – was Siemens nach eigenen Angaben nicht plant. «Die Produkte sind spezialisiert auf die Bedürfnisse chinesischer Kunden bei lokal marktgerechten Preisen», erklärt ein Siemens-Sprecher.
Schneider-Topmanagerin Frei glaubt: «Chinas Innovationskraft wird oft unterschätzt.» In einer Umfrage des deutschen Maschinenbauverbands VDMA unter knapp 300 Maschinenbauern verortete bereits die Hälfte den Hauptwettbewerb bezüglich Innovationen in China. «Vor zehn Jahren wäre China hier gar nicht aufgetaucht», sagt VDMA-Geschäftsführungsmitglied Hartmut Rauen.
China hat bei der Innovationskraft stark aufgeholt
«Im Bereich der industriellen Automatisierung gibt es in China eine bemerkenswerte Offenheit für Experimente und Bereitschaft, neue Ansätze auszuprobieren», erläutert Frei. Davon könnten alle lernen.
Dies tut auch Beckhoff und präsentierte auf der Hannover Messe zwei Automatisierungsprodukte, die man um 40% und 45% günstiger anbiete als die bisherigen Produkte. «Wir haben uns am chinesischen Wettbewerb orientiert und den Preiskampf angenommen», sagte Firmenchef Beckhoff. Margendruck befürchtet er dadurch nicht: Durch Einbindung neuer Produktionsverfahren habe man die Herstellkosten ebenso stark senken können.
Siemens äussert sich nicht dazu, ob die neuen Produkte für China Marge kosten werden. Für die gesamte DI-Sparte (Automation und Industriesoftware) wird dieses Geschäftsjahr bei einem bis zu 6% niedrigeren Umsatz eine Ebita-Marge von 15 bis 19% prognostiziert, unterhalb der langfristigen Zielspanne von 17 bis 23%.
KI bedroht das Geschäftsmodell von Simulationssoftware
Neben China war auf der Hannover Messe der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der industriellen Fertigung das alles dominierende Thema. Wie Schneider, Beckhoff und andere stellte auch Siemens einen «Co-Piloten» vor, der mit generativer KI die Erstellung von Programmcodes für Maschinensteuerungen erleichtert. In der industriellen Fertigung seien die Verbesserung von Produktivität und Effizienz inkrementell, das werde auch KI nicht ändern, glaubt Schneider-Topmanagerin Frei.
Während Siemens gerade den 10 Mrd. $ schweren Erwerb des US-Simulationssoftwareherstellers Altair abgeschlossen hat, will Schneider Electric auf grössere Investments in Simulationssoftware auch künftig verzichten. «Wir glauben, dass klassische Simulationsverfahren langfristig durch KI-basierte Ansätze abgelöst werden», sagte Schneiders Chief Digital Officer Peter Weckesser, ein früherer Siemens-Topmanager, gegenüber The Market. «Wir fühlen uns mit unserem Software-Portfolio wohl.»
Entgegen der 2024 publizierten Verkaufsempfehlungen von The Market ist Siemens‘ Aktienkurs in den vergangenen Monaten stark gestiegen.
Dabei preist der Markt allerdings die lange geforderte Trennung von der 72%-Tochter Siemens Healthineers ein. Dass diese wirklich passiert, ist jedoch derzeit nicht absehbar, schrieben wir bereits im Februar. Dieser Einschätzung schloss sich Ende März Deutsche-Bank-Analyst de-Bray an. Siemens rangiere nunmehr bei der Bewertung auf Augenhöhe mit den «Best in Class»-Spielern Schneider Electric und ABB, dies sei «verfrüht». Er stufte das Papier auf «Hold».
Siemens-Topmanager stossen massiv Aktien ab
Siemens‘ jüngste Insiderdeals weisen in dieselbe Richtung: Nachdem Siemens-CFO Ralf Thomas am 27. September 2024 nur drei Tage vor Geschäftsjahresende mit Aktienverkäufen für 9 Mio. € irritiert hatte, hat auch «Smart Infrastructure»-Spartenchef Matthias Rebellius seine Veräusserungen akzeleriert: Im November 2024 sowie am 7. März 2025 trennte er sich von zwei Aktienpaketen im Wert von jeweils etwa 1,2 Mio. €
Seit Rebellius 2020 ins Topmanagement aufstieg, hat er immer nur Siemens-Aktien abgestossen – acht Mal für insgesamt 4,8 Mio. €. Zu Siemens‘ Vorschrift, wonach er 200% seiner Grundvergütung in Siemens-Aktien halten müsste, steht im Geschäftsbericht 2024: Rebellius‘ Portfolio an Siemens-Aktien sei «in Aufbauphase bis März 2025». Ein Siemens-Sprecher teilt auf Anfrage mit, Rebellius habe «alle Vorschriften fristgerecht eingehalten» und «zum Nachweistermin am 14. März 2025 die Erfüllung seiner Verpflichtung aus den Share Ownership Guidelines nachgewiesen».
Wie das trotz der umfangreichen Verkäufe möglich sein soll, wollte Siemens mir nicht erklären.
Freundlich grüsst im Namen von Mrs. Market
Angela Maier