Max Goldts Geschichten und Dialoge in «Aber?» schaffen den Gegensound zum geistlosen Zeitgeist.
Ohne Zweifel, den Menschen fehlt es an freiwilliger Selbstkontrolle. Und weil sie einander oft eine Zumutung sind, muss es ihn geben: Max Goldt. Kaum blickt er auf die Menschen, hat er sie auch schon durchschaut. Er hört, was sie sagen, und horcht auf.
Bei einer Lesung «im etwas deprimierenden Staatstheater Kassel» sei einmal eine junge Frau auf ihn zugekommen, schreibt Goldt. Sie habe ihn gebeten, sein Buch mit den Worten zu signieren: «Für alle, die mein Klo benutzen.» Das Klo der jungen Frau wurde offenbar von vielen Männern frequentiert. Ihre generationsadäquaten Namen sollte der Autor auch noch anfügen: Lukas, Jan, Tim, Philipp, Marvin, Jannik, Nils und Dennis. Auf die laut ausgesprochene Vermutung, sie führe wohl ein Lotterleben, antwortete die Leserin nur mit einem finsteren Blick. Darauf wieder der Autor: «Gucken Sie nicht so feministisch!»
Ein Prachtwerk
Erstmals seit neun Jahren hat der brillanteste Schreiber des deutschen Humorgeschäfts wieder ein richtiges Buch veröffentlicht. Es heisst «Aber?». Nicht alle der darin enthaltenen Texte sind ganz neu, aber damit passt dieses Prachtwerk auch gut in die heutige Welt. Denn was an ihr ist schon vollkommen neu?
Die Überschriften sind ziemlich Goldt-like, das heisst, sie sind auf eine unaufdringliche Art interessant: «Erdgas-Erlebniszentrum Kötzschenbroda» heisst einer der Texte. Dann gibt es noch «Mit Fjutscherinchen in die Mittelfrist», «Der Einzelesser und die invasive junge Familie» oder «‹Homo-Ehe› und Frauenfussball».
Letztgenannter kleiner Essay beginnt mit einem Bekenntnis: «Manchmal freue ich mich wie am Spiess, in einer Zeit leben zu dürfen, in der es niemandem aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit oder sexuellen Orientierung verwehrt ist, bestimmte Dinge zu tun.»
Ein vergiftetes Kompliment an die Zeit, wie man dann im weiteren Verlauf sehen wird. Die Homo-Ehe wird von Max Goldt milde verlacht, weil er auch schon an der Hetero-Ehe nicht viel Gutes finden konnte. Mit dem Frauenfussball ist es genauso. Selbst den traditionellen Herrenfussball findet der Stilist stillos: «Interesse für Fussball gehört, ähnlich dem unentwegten Verzehr von Pizza, zum deutschen Konzept von Bodenständigkeit.» Und jetzt auch noch die Frauen? Das muss nicht sein. Zumindest für Herrn Goldt.
Tantrazubehör und Tupper-Boxen
Die die Welt verbessern wollende Betulichkeit sogenannter fortschrittlicher Kreise war dem gebürtigen Göttinger immer schon ein Dorn im Auge. Wo sich innerstädtisch die Läden mit Tantrazubehör oder Räucherstäbchenfachgeschäfte häuften, ging er verdrossen seines Wegs. Politische «Mädchenschweigekreise», auch so ein schönes Goldt-Wort, waren ihm ein Grauen.
In den letzten Jahren scheint sich das idiosynkratische Verhältnis des Autors zur eitlen Betroffenheitskultur nicht gerade entspannt zu haben. Und es sorgt immer noch für die besten Texte. In «Hausaufgaben» ist das Paar Anni und Gerhard bei Leonard und Pamela eingeladen. Die beiden haben einen ukrainischen Zwiebeltopf mit Lorcheln gekocht, dessen Rezept sie auf einer kulinarischen Solidaritäts-Website gefunden haben.
O-Ton Goldt: «Leonard rührt und sagt: Ukrainischer Zwiebeltopf mit Lorcheln nach dem Rezept einer alten Dame aus Uschgorod, deren Haus vor noch nicht einmal 48 Stunden abgebrannt ist. Pamela, ich muss hier noch ein bisschen rühren – verteilst du bitte den Prosecco an unsere unheimlich lieben Gäste?» Das ist richtig böse, aber beim reinen Gutsein kommt ja auch oft nur was Schlechtes raus.
Ebenfalls sehr schön ist «Die Büchse der Pandora», eine Geschichte, in der ein Museumspädagoge «überreizten Know-it-all-Kiddies» zu erklären versucht, was die kunstgeschichtlich relevante Büchse der Pandora ist und was da wohl drin sei. «Pff, who cares?», sagt das erste Kind. In der Pandorabüchse seiner Mutter seien bestimmt Chia-Samen, sagt ein anderes. Und ein drittes: «Meine Mutter hat nur so normalen Mutter-Stuff in ihrer Büchse, Teilhabe und dass man irgendwelche Wörter nicht sagen darf.» Die einst gefürchtete Büchse der Pandora scheint eine Art Tupper-Box der Achtsamkeit geworden zu sein.
Kampf der Sprachschludrigkeit
Max Goldt, der seine Schreibkarriere beim deutschen Satire-Magazin «Titanic» begann, ist ein Feind der Phrasen. Wo auch immer sie aus dem Gebüsch des Unwissens brechen, stellt er sie. In «Aber?» geht es um Phrasen, die aus linken Klassismustheorien kommen oder aus dem öffentlichrechtlichen Fernsehen.
Wenn die Nachrichtensprecherin Petra Gerster im ZDF den Tod David Bowies betrauert und den Künstler künstlich verkleinert, indem sie ihn als «wahres Multitalent: Maler, Schauspieler, Sänger» bezeichnet, dann zückt Goldt in seinem rotsamtenen Fernsehsessel tadelnd den Stift. Er ist einer, der gegen Wissens- und Sprachschludrigkeit anschreibt, der wie ein Don Quijote gegen die Schrumpfkommunikationen der Medien kämpft.
Mit schnöden Formeln wie «die Dunkelziffer ist noch viel höher» kommt man ihm besser nicht. «Die Dunkelziffer ist viel niedriger», das wäre was! Wer das alltägliche Leben mit Wendungen wie «die Absurditäten des Alltags» aufzubrezeln versucht, beweist nur die absurde Verkürzung des eigenen Denkens: Wäre der Alltag voller Überraschungen, dann wäre er nämlich gar keiner.
Max Goldts Geschichten und Dialoge schaffen den Gegensound zum geistlosen Zeitgeist, und das macht sie so zeitlos. Wenn sich dereinst Archäologen über all das beugen, was ihre menschlichen Vorfahren so getrieben haben, könnten ihnen Max-Goldt-Texte wichtige Quellen sein. Und niemand denkt sich schönere Volkshochschulvortragsthemen aus als der spassende Spötter: «Geschlechtergerechte Sprache – Allererste Sahne oder gequirlter Quark?»
Max Goldt: Aber? DTV-Verlag, München 2025. 160 S., Fr. 35.90.