Der Milliardär verordnet der Traditionszeitung einen zunehmend Trump-freundlichen Kurs.
Seine E-Mail an die Redaktion der «Washington Post» hat Jeff Bezos auf X veröffentlicht, wo ihm 6,8 Millionen Accounts folgen. Unterzeichnet ist sie mit «Jeff». Er habe, so schreibt «Jeff», eine Mitteilung zu den Meinungsseiten der Zeitung. Künftig würden dort nur noch Meinungen publiziert, die zur Unterstützung von zwei Prinzipien beitrügen: persönliche Freiheiten und freie Märkte. Natürlich werde man auch zu anderen Themen schreiben. Aber alles, was diesen beiden Prinzipien widerspreche, werde künftig «von anderen» veröffentlicht werden müssen.
Was er genau mit «persönlichen Freiheiten» meint, erklärt Bezos nicht. Aber seine Botschaft ist klar: Er will als Verleger den politischen Kurs der Zeitung mitbestimmen. Und das kaum zugunsten der linken Demokraten, denen die «Post» traditionell nahesteht. Die Mitteilung an die Redaktion hat international für Beifall und Empörung gesorgt. Während Elon Musk seinem Milliardärskollegen auf X ein «Bravo» schickte, fürchten andere schon, die «Washington Post» werde als kritische Stimme verstummen und so den Untergang der Demokratie beschleunigen.
Karikatur von Bezos und Trump wird gecancelt
Unter dem Twitter-Post von Jeff Bezos kündigen Leser an, ihr Abo zu kündigen. Der Amazon-Gründer, der laut «Forbes» ein Vermögen von 200 Milliarden Dollar besitzt, hat die «Washington Post» 2013 gekauft. Er betont zwar gerne, er verfolge mit der Zeitung keine persönlichen oder politischen Interessen, mischt sich in jüngster Zeit aber oft in redaktionelle Angelegenheiten ein.
Vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober verhinderte er, dass die «Post» eine Wahlempfehlung für Kamala Harris herausgab. Medien, so erklärte Bezos, würden als parteiisch wahrgenommen, sie müssten sich mit guten Recherchen gegen den Absturz in die Bedeutungslosigkeit retten. Wahlempfehlungen hätten ohnehin keinen Einfluss auf die Wähler.
Den Entscheid sollen rund 200 000 von 2,5 Millionen Kunden mit einer Abo-Kündigung quittiert haben. Der ehemalige Chefredaktor Marty Baron sprach von einem «Verrat von Grundprinzipien». Kurze Zeit später verliess die Karikaturistin Ann Telnaes das Unternehmen, weil eine ihrer Zeichnungen abgelehnt worden war. Sie zeigte Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und Mickey Mouse, die sich vor einer Statue hinknien, mit Geldsäcken in den Händen. Die Statue stellte Donald Trump dar.
Telnaes schrieb damals, ihr Cartoon sei vom Meinungschef David Shipley gecancelt worden, aus politischen Gründen. Shipley bestritt das. Nun, da Jeff Bezos die Meinungsseiten der «Post» auf die Verteidigung von «persönlichen Freiheiten» und «freien Märkten» einschwören will, hat Shipley ebenfalls gekündigt. Bezos schreibt dazu auf X, er habe von Shipley entweder ein «Hell, yeah» oder ein klares Nein erwartet, denn die neue Aufgabe verlange ein hundertprozentiges Bekenntnis.
Anbiederung an den republikanischen Zeitgeist
In seiner auf X veröffentlichten E-Mail schreibt Bezos zudem, er sei «aus und für Amerika» – und stolz darauf. Freiheit habe das Land erfolgreich gemacht, doch dieser Standpunkt sei in den Medien unterrepräsentiert. Aus solchen Sätzen lässt sich leicht eine Anbiederung an den republikanischen Zeitgeist erkennen. Wie der Meta-Eigner Mark Zuckerberg ist Bezos seit längerem darum bemüht, sein Verhältnis zu Donald Trump zu verbessern.
Dies auch aus geschäftlichen Interessen, denn mit seinem Raumfahrtunternehmen Blue Origin ist Bezos auf staatliche Aufträge angewiesen. Sein Verhalten ist ähnlich opportunistisch wie im Fall Zuckerberg. Dieser gab sich einst «woke», kündigte kürzlich jedoch an, er werde bei Facebook und Instagram auf die Dienste von Faktencheckern verzichten, weil diese einseitig und ideologisch seien.
Bezos’ Unternehmen Amazon fiel noch vor wenigen Jahren mit aktivistischen Diversitäts- und Inklusionsprogrammen auf, in denen Mitarbeiter aufgefordert wurden, von «gebärenden Personen» statt von Frauen zu reden. Die Programme sind, passend zum neuen Kurs von Bezos, zurückgefahren worden. Wie sich dieser auf die Meinungsseiten der «Washington Post» auswirken wird, bleibt offen. Am Tag nach Bezos’ Ankündigung auf X waren jedenfalls noch mehrere kritische Meinungsbeiträge über die Republikaner zu finden.