Neue gentechnologische Züchtungsmethoden versprechen resistentere Sorten, die dem Klimawandel trotzen. Den Bauernverband freut’s, Bio Suisse und andere Organisationen warnen.
Im vergangenen Sommer verfaulten vielen Bauern die Kartoffeln auf den Feldern. Wegen des vielen Regens breitete sich die Kraut- und Knollenfäule aus. Im Jahr zuvor behinderten Hitze und Trockenheit das Wachstum der Kartoffeln. Die zunehmenden Wetterextreme aufgrund des Klimawandels setzen den Landwirten zu, auch beim Anbau anderer Gewächse und Gemüse. Gleichzeitig hat die Schweiz aus Umweltgründen die Zahl zulässiger Pflanzenschutzmittel reduziert.
Die Hoffnungen der Vereinigung Schweizerischer Kartoffelproduzenten ruhen unter anderem auf neuen Sorten, die das Wetter besser aushalten und mit weniger Pestiziden auskommen. Grosse Erwartungen weckt die sogenannte Crispr/Cas-Technologie. Mittels Genschere sollen beispielsweise Kartoffeln resistente Eigenschaften anderer Sorten ins Erbgut eingepflanzt werden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden wird bei Crispr/Cas kein artfremdes Gen verpflanzt.
Eigentlich ist das Anbauen von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Schweiz verboten. So will es das Gentech-Moratorium, welches im Gentechnikgesetz festgehalten ist. Das Moratorium läuft dieses Jahr aus, das Parlament wird es voraussichtlich um fünf Jahre verlängern. Doch für die Genschere will Albert Rösti, Bauernsohn, Agronom und Bundesrat, eine Ausnahme machen. Am Mittwoch hat die Landesregierung ein zweites Gentechnikgesetz in die Vernehmlassung gegeben, das Züchtungstechnologiengesetz.
Gut für Bauern und Allergiker
Die Technologie sei «eine riesige Chance», sagte Albert Rösti vor den Medien. Nicht nur für die Bauern, sondern beispielsweise auch für Allergiker. Forscher konnten mit der Technologie Brotweizen entwickeln, der weniger Gluten enthält. Auch der Obstverband, Migros oder Coop sowie der Agrarhandelskonzern Fenaco befürworten eine Liberalisierung.
Gar keine Freude hat hingegen der Verein für gentechnikfreie Lebensmittel, der von Organisationen wie Bio Suisse oder der Kleinbauern-Vereinigung unterstützt wird. Er warnt vor unerforschten Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt und fordert mittels der Lebensmittelschutz-Initiative eine Deklarationspflicht, damit die Konsumenten wissen, was bei ihnen auf dem Teller landet.
Eine solche ist gemäss Gesetzesentwurf zwar geplant. So sollen Produkte, die mittels Genschere entstanden sind, gekennzeichnet werden müssen, entweder mit den Worten «aus neuen Züchtungstechnologien» oder «aus neuen genomischen Verfahren». Doch für die Gegner sind diese Formulierungen «irreführend», da das Wort «Gentechnologie» nicht vorkommt. Die Befürchtung: Der Bundesrat wolle verschleiern, dass es sich um Gentech handle. Die Bevölkerung habe sich bei Abstimmungen sowie in Umfragen immer skeptisch gegenüber der Gentechnologie gezeigt.
Bestärkt fühlen sich die Kritiker vom Bundesamt für Justiz. Es kritisierte die Einführung eines neuen Spezialgesetzes. Man könne dadurch fälschlicherweise annehmen, dass es sich nicht um gentechnisch veränderte Organismen handelt, so zitierten die Tamedia-Zeitungen die Stellungnahme des Bundesamts.
Stärkere Kontrollen als die EU
Albert Rösti widersprach am Mittwoch. Er wolle nichts verheimlichen und sage offen, dass es sich um Gentechnologie handle. Doch der Bundesrat spreche bewusst von neuen Züchtungsmethoden, weil sich die Technologie von der herkömmlichen Gentechnologie unterscheide. «Das ist etwas anderes», sagte Rösti. Gemäss Studien ist die neue Technologie sicherer. So sieht unter anderem auch die Nationale Akademie der Wissenschaften in Deutschland grosses Potenzial in der Genschere.
Auch die EU plant für die neuen Züchtungsmethoden ein Spezialgesetz. Allerdings will sie in ihren Kontrollen weniger weit gehen, wie Rösti betonte. In der Schweiz sollen nur neu entwickelte Pflanzen zugelassen werden, die als sicher beurteilt werden und gegenüber Pflanzen aus herkömmlicher Züchtung einen Mehrwert aufweisen. Ausserdem sollen die Warenflüsse zwischen konventionellen Pflanzen und gentechnologisch gezüchteten Produkten getrennt werden, um eine Vermischung zu vermeiden. Im Frühling 2026 soll das Parlament das neue Gesetz beraten.