Nach Jahren des Blutvergiessens droht der Irak wegen des Gaza-Krieges erneut in einen bewaffneten Konflikt hineingezogen zu werden. Doch viele Iraker haben die Nase voll von der Gewalt, wie ein Besuch in Bagdad zeigt.
«Ob die Amerikaner gehen oder bleiben? Das ist gar nicht das Wichtigste», sagt Ola al-Timini. Die 37-jährige Politikerin trägt einen weissen Trainingsanzug und sitzt im Foyer des Babylon-Hotels in Bagdad. Timini wurde erst im Dezember bei den jüngsten Provinzwahlen in den Regionalrat der irakischen Hauptstadt gewählt. «Es geht darum, konkrete Resultate zu erzielen», sagt sie, «und nicht irgendwelche Ideologien zu verbreiten».
Die unabhängige Abgeordnete will im chaotischen Bagdad für Ordnung sorgen. «Wir brauchen Strom, sauberes Wasser und Arbeit», sagt sie. Sie wolle gegen die Korruption vorgehen und die Stadt besser machen. Doch nun könnte der Krieg im Gazastreifen ihre Pläne zu durchkreuzen. Denn seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober beteiligen sich auch proiranische Milizen im Irak am Feldzug gegen Israel und den Westen und drohen den Irak in seine finstere Vergangenheit zurückzuwerfen.
Die Nase voll von der Gewalt
Für viele Jahre galt der Irak als eine Art Hölle auf Erden. Nachdem die Amerikaner 2003 den brutalen Langzeitdiktator Saddam Hussein gestürzt hatten, formierte sich rasch Widerstand gegen die Besetzungsmacht. Zugleich brach ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten aus. Als die amerikanischen Truppen 2011 endlich abzogen, drohte der Islamische Staat das Land zu überrollen, ehe er – erneut mit amerikanischer Hilfe – blutig zurückgeschlagen wurde.
Seit ein paar Jahren herrscht nun weitgehend Ruhe – und Bagdad lebt auf. Das Babylon-Hotel, das einst einer Festung glich und mehrmals Ziel von Autobombenanschlägen war, ist jetzt ein Treffpunkt für die Elite des Landes. Politiker und Geschäftsleute in Anzügen und mit goldenen Armbanduhren rauchen im Garten Wasserpfeife, vom Pool klingt Musik herüber. Nur die bewaffneten Männer vor dem mit Metalltoren gesicherten Eingang erinnern an die Vergangenheit.
«Wir haben die Nase voll von der Gewalt», sagt Timini. Die meisten Iraker wollten einfach nur eines: ein ganz normales Leben. Doch der Krieg in Gaza hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land. Denn während der seit einem Jahr amtierende Ministerpräsident Mohammed Shia al-Sudani mit den Amerikanern über einen Abzug ihrer verbliebenen Truppen verhandelt, wollen radikale Gruppen die ungeliebten Partner mit Gewalt vertreiben.
«Die Iraker sind alle Opfer»
Dabei hätten viele Iraker eigentlich gar keine Lust darauf, dass die Amerikaner abzögen, sagt Aya Mansur, eine junge Journalistin aus Bagdad. «Dann würden die Iraner ja endgültig die Macht übernehmen.» Die 31-Jährige sitzt in einem Café in Karada, jenem Viertel, in dem auch das Babylon-Hotel liegt. Früher sei das Viertel tot gewesen, die Leute hätten sich wegen der Gewalt und der Anschläge kaum hinausgetraut. Jetzt ist das Quartier wieder voller Leben.
Trotzdem wirkt Bagdad wie eine grosse Wunde, die nur schlecht verheilt ist. Die Strassen sind zu eng, überall staut sich der Verkehr. Eine geordnete Stadtplanung gibt es nicht, stattdessen ziehen Spekulanten gesichtslose Neubauten aus Glas und billigem Beton empor. Dazwischen ragen brutalistische Betonklötze aus der Saddam-Ära in den Himmel wie finstere Baal-Tempel.
«Die Iraker sind am Ende alle Opfer», sagt Mansur. Es sei bis heute schwer zu fassen, was dieses Land sich selbst angetan habe. Mansur hat es miterlebt. Sie war elf Jahre alt, als die Amerikaner einmarschierten. «Danach begann die Finsternis», sagt sie. In ihrem Viertel errichteten die schiitischen Kämpfer des radikalen Predigers Muktada al-Sadr über Jahre ein Schreckensregime. «Jeden Tag, wenn wir von der Schule kamen, sahen wir verstümmelte Leichen.»
Tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Stabilität
Auf Bombenanschläge radikaler Sunniten reagierten die Kämpfer, indem sie Verdächtige auf offener Strasse exekutierten. «Wir mussten das als Kinder mit ansehen, sie zwangen uns dazu», sagt Mansur. Die schrecklichen Bilder bekomme sie nicht mehr aus dem Kopf. Inzwischen versucht sie, die Erfahrungen von damals in Gedichten zu verarbeiten. Eines ihrer Bücher wurde sogar ins Französische übersetzt. Es trägt den Titel «Seule elle chante».
Viele Iraker seien müde, sagt Mansur. Nach all den Jahren des Krieges gäbe es eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Stabilität. Vielleicht ist Ministerpräsident Sudani auch deshalb so beliebt. Der 54-Jährige, der mithilfe der mächtigen proiranischen Schiitengruppen an die Macht kam, profiliert sich, indem er Brücken und Autobahnen baut. «Die Leute lieben das, denn es zeigt ihnen, dass es vorwärtsgeht», sagt Mansur.
Der Krieg in Gaza ist für viele hier weit weg. Zwar gilt der Irak als stramm propalästinensisch. Aber nach all dem Blut, welches hier vergossen wurde, haben die meisten Leute keine Lust mehr, für grosse Ideale in den Kampf zu ziehen. Mansur betrachtet die Polarisierung, die der Krieg anderswo auslöst, mit Befremden. «Ich bin natürlich für die Sache der Palästinenser», sagt sie. «Aber wie kann man ein Massaker an Zivilisten feiern? Das ist mir unbegreiflich.»
Wir wollen nur eines: leben!
Stattdessen wünschen sich viele Iraker eine Leben ohne Politik. Leuchtende Einkaufszentren wie die Babylon-Mall im Viertel Mansur sind die neuen Sehnsuchtsorte. Auf einer riesigen Leinwand über dem Eingang läuft ein Premier-League-Match, Arsenal gegen Burnley. Darunter kann man bei einem Preisausschreiben grell lackierte Sportwagen gewinnen. Mansur trifft hier Soraya Jwadi, eine ehemalige Arbeitskollegin.
Die 60-jährige Jwadi trauert der Ära von Saddam Hussein hinterher, trotz dessen Gewaltherrschaft. «In den achtziger Jahren herrschte Ordnung. Es gab ein Gesetz. Dann haben die Barbaren die Macht übernommen», sagt sie. Sie habe immer das Leben geliebt. Sie raucht Zigaretten, ist unverheiratet und spricht ausgezeichnetes Englisch. «Wir waren einmal ein offenes Land. Jetzt sind wir ein von Fanatikern regierter, heruntergekommener Ort.»
Jwadi hat ihren Neffen Salim Akik mitgebracht. Der 19-Jährige trägt Sneakers und einen roten Kapuzenpulli. Er liebt die amerikanische Rapperin Cardi B und will Innenarchitekt werden. Politik ist ihm völlig gleichgültig: «Ob die Amerikaner gehen oder bleiben? Wer das Land regiert? Das ist doch vollkommen egal.» Seine Generation wolle nur eines: leben. «Wir scheren uns einen Dreck um die Konventionen. Wir machen, was wir wollen», sagt er.
«Ich kann Bagdad nicht verlassen»
Soziale Netzwerke wie Tiktok hätten alles verändert, sagt Akik. Religion spiele für ihn und seine Freunde keine Rolle mehr, von den gefährlichen Milizen halte man sich am besten fern. Akik will am liebsten weg, nach New York. Und er will reich werden. «Irgendwann», sagt er und schaut hinüber zum Eingang der Mall, wo immer noch die Sportwagen angepriesen werden, «werde ich mir so ein Auto kaufen. Oder zwei.»
Mansur hingegen bereut, dass sie ihre Jugend verloren hat. «Ich bin voller Angst aufgewachsen. Mein Generation durfte nichts, bei uns ging es nur ums Überleben. Ich habe nicht einmal schwimmen gelernt», sagt sie. Manchmal wünsche sie sich daher die Jugend zurück. «Aber eine richtige Jugend, in der man sich verliebt, tanzt und sich auch einmal blamiert. Nicht eine, in der man ständig Angst vor dem Tod hat.»
Dass nun im schlimmsten Fall der Krieg nach Bagdad zurückkehren könnte, macht ihr Angst. So gehe es vielen hier, sagt sie. Das liege nun einmal an der schrecklichen Vergangenheit. Aber eben auch an der Gegenwart, die etwas besser sei. Trotzdem wolle sie nicht weg. «Ich war mehrmals in Europa. Aber ich kann Bagdad nicht verlassen. Es ist meine Stadt, und ich liebe sie.»