Die Einkommensverteilung ist in der Schweiz bemerkenswert stabil. Trotzdem glauben immer mehr Menschen, der Graben zwischen Arm und Reich werde grösser. Das beeinflusst auch Abstimmungsergebnisse.
Scheren, Gräben und Klüfte – Sprachbilder, die Veränderungen in der gesellschaftlichen Ungleichheit beschreiben. Der Blick in die Daten zur Einkommensverteilung offenbart, dass sie für die Schweiz nicht zutreffen. Ein stabiler und witterungsbeständiger Fels wäre passender als die sich öffnenden Gräben und Klüfte.
Die hiesige Einkommensverteilung erweist sich als stabil und krisenresistent. Zudem zeichnet sich die Schweiz durch eine bemerkenswerte Gleichverteilung der Markteinkommen – also der Einkommen vor steuerlicher Umverteilung – aus.
Von der Mittelstandsgesellschaft zum Tannenbaum
So weit, so gut. Geöffnet hat sich hingegen eine andere Kluft: die zwischen wahrgenommener und gemessener Einkommensungleichheit.
Die deutsche Ökonomin Judith Niehues machte in ihrer Studie eine verblüffende Feststellung: Ihr Ländervergleich für das Jahr 2009 zeigte, dass kaum ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen der gemessenen Einkommensungleichheit und der subjektiven Einschätzung der Bevölkerung besteht.
Ihre Analyse basiert auf dem International Social Survey Programme (ISSP), einer internationalen Umfrage, die alle zehn Jahre die subjektive Einschätzung der Einkommensverteilung erfasst. Den Befragten werden fünf Bilder gezeigt, die unterschiedliche Verteilungssituationen darstellen. Die Bilder variieren von «eine kleine Elite oben, nur sehr wenige Menschen in der Mitte und die grosse Masse der Bevölkerung unten» bis zu «viele Menschen im oberen Bereich und nur wenige Menschen im unteren Bereich».
In der Schweiz hat sich die subjektive Einschätzung verändert
Aus der Forschung ist bekannt, dass die Wahrnehmungen über die Zeit relativ stabil bleiben. Dies bestätigt im Grossen und Ganzen auch der Blick auf die neuesten ISSP-Daten von 2019. So wird Norwegen auch ein Jahrzehnt später als «eine Gesellschaft mit den meisten Personen in der Mitte» wahrgenommen, während die Franzosen ihre Gesellschaftsstruktur unverändert als «Pyramide mit den meisten Personen zuunterst» beschreiben.
Anders jedoch die Situation in der Schweiz: Hier kam es binnen zehn Jahren zu einer beachtlichen Veränderung in der subjektiven Einschätzung. 2009 wurde die Schweiz noch mit klarem Abstand als Mittelstandsgesellschaft gesehen. Inzwischen ist die Mittelstandsgesellschaft jedoch etwa gleichauf mit dem Bild eines Tannenbaums, der aussieht «wie eine Pyramide, ausser dass es ganz unten nur wenig Personen hat».
Herr und Frau Schweizer nehmen also die Einkommen in der Schweiz zunehmend als ungleicher verteilt wahr. Dies, obwohl die gemessene Einkommensverteilung in den letzten 15 Jahren unverändert geblieben ist.
Forderung nach mehr Staat
Was bedeutet diese Kluft zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit für unsere Gesellschaft? Aus der Forschung ist bekannt, dass Umverteilungspräferenzen massgeblich von der subjektiv wahrgenommenen Ungleichheit abhängen. Die tatsächliche Verteilung spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Das heisst: Die Wahrnehmung schlägt oftmals die Wirklichkeit.
Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Befragungsergebnisse. Für diese Fragen reichen die ISSP-Daten sogar bis ins Jahr 1987 zurück. Während damals nur knapp ein Fünftel der Befragten der Aussage «Die Einkommensunterschiede in der Schweiz sind zu gross» deutlich zustimmten, sind es inzwischen mehr als doppelt so viele.
Und das wiederum geht mit veränderten Ansichten zur staatlichen Umverteilung einher. Der Aussage «Es liegt in der Verantwortung der Regierung, die Einkommensunterschiede zwischen Menschen mit hohem und niedrigem Einkommen zu verringern» stimmen inzwischen ein Viertel der Befragten klar zu, während dies 1987 nur halb so viele taten. Der Anteil stieg allein zwischen den jüngsten zwei Befragungswellen um 50 Prozent an. Damit offenbart sich auch für die Schweiz ein klarer Zusammenhang zwischen wahrgenommener Ungleichheit und Umverteilungspräferenzen.
Die Wahrnehmung schafft eine neue Wirklichkeit
Diese Veränderungen in den Präferenzen sollten nicht unterschätzt werden. Das dürfte spätestens seit dem Abstimmungsresultat zur 13. AHV-Rente klar sein. Die Daten offenbaren, dass die zunehmende Präferenz für staatliche Umverteilung bereits vor der Corona-Pandemie und der Rettung der Credit Suisse existierte. Unklar bleibt hingegen, warum es zur veränderten Wahrnehmung der Einkommensungleichheit kam. Liegt es an den Narrativen steigender Ungleichheiten, die im öffentlichen und politischen Diskurs bedient wurden? Oder aber am Argwohn gegenüber einer sich zunehmend abkapselnden Elite?
Sicher ist: Die subjektiv eingeschätzte Ungleichheit spielt eine wichtige Rolle für das Abstimmungsverhalten. Dies gilt umso mehr in einer direkten Demokratie wie der Schweiz, wo der Souverän das letzte Wort an der Urne hat. Die Wahrnehmung schlägt nicht nur die Wirklichkeit – sie schafft dadurch zugleich eine neue. Wir dürfen gespannt sein auf weitere Abstimmungen mit umverteilendem Charakter.
Melanie Häner leitet den Bereich Sozialpolitik am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern.
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