Der Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei verbrüdert sich mit zwei streitbaren Virenforschern. Statt sie mit den Vorgängen im Labor von Wuhan zu konfrontieren, zieht man sich gemeinsam in ein Retreat in Thailand zurück.
Christian Frei, seit mehr als zwanzig Jahren eine feste Grösse des Schweizer Dokumentarfilms, nimmt in seinem neusten Werk Partei – ohne Wenn und Aber. In «Blame» stellt er sich vorbehaltlos hinter die umstrittene Virenforscherin Shi Zhengli vom Wuhan Institute of Virology (WIV). Und dem amerikanischen Zoologen Peter Daszak, der Shis Arbeit mit seiner NGO mitfinanziert hat, steht der Filmemacher derart nah, dass man ihn nicht anders als «embedded» bezeichnen kann, als eingebettet.
Bis vor kurzem hätte das vielleicht funktioniert. Doch Christian Freis Pech ist es, dass der Wind nach der Fertigstellung seines Films gedreht hat. Selbst Christian Drosten, so etwas wie der Chef-Virologe im deutschsprachigen Raum, ist ins Grübeln geraten.
Einst hätte er seine Hand ins Feuer gelegt für Shi Zhengli und ihre Virenforschung in Wuhan. Wer daran Zweifel anmeldete, galt als Verschwörungstheoretiker. Später räumte Drosten ein, er sei nicht über alle Forschungsprojekte am WIV informiert gewesen. Und jüngst sagte er in einem Interview, je mehr Zeit vergehe, desto skeptischer werde er. Gemeint hat er damit seinen Blick auf die von der Wissenschaft nach wie vor favorisierte natürliche Übertragung von Sars-CoV-2 von einem Tier auf den Menschen.
Doch spätestens seit kürzlich in Deutschland der Befund des Auslandnachrichtendiensts bekanntgeworden ist, wonach das Virus mit grosser Wahrscheinlichkeit aus dem Labor stammt, haben die Verfechter der Laborthese Rückenwind. In «Blame» aber werden sie noch durchwegs als rechtsextrem gebrandmarkt oder als Spinner inszeniert.
Sehenswert ist der Film trotzdem. Niemand ist Shi Zhengli und Peter Daszak so nahe gekommen wie Christian Frei. Mit beiden hat sich der Schweizer Filmemacher angefreundet und zeigt sie in intimen Momenten. Während Shi in den Zoom-Gesprächen – die chinesischen Behörden wollten sie vor dem ausländischen Filmteam schützen – durchaus sympathisch rüberkommt, ist man sich bei Daszak bis zum Schluss nicht sicher, ob man von ihm ein Occasionsauto kaufen möchte.
Christian Frei, der einst für «War Photographer», ein Porträt des Kriegsfotografen James Nachtwey, für den Oscar nominiert war, hat mit Shi Zhengli und Peter Daszak gleich nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie Kontakt aufgenommen. Fasziniert hat ihn deren erfolgreiche Forschung zur Ursache für die erste Sars-Pandemie 2002/03.
Frei agiert nicht als neutraler Beobachter, sondern als sympathisierender Wegbegleiter. Auf die zwei Protagonisten, die seit Jahren im Zentrum der Debatte um den Ursprung des Coronavirus stehen, lässt er nichts kommen. Vor allem Daszak, Präsident der inzwischen stillgelegten Eco Health Alliance, darf dem Schweizer Dokumentarfilmer ungefiltert sein Leid klagen: über die simplifizierenden Medien, über die ungerechten Politiker, ja überhaupt über die ganze Welt, die von der Laborthese einfach nicht lassen kann.
Vollends zum Akteur wird Christian Frei, als er Daszak während der Kontroverse über dessen Rolle beim Ausbruch von Sars-CoV-2 in ein Retreat im Norden Thailands einlädt. Dort will ihm der Dokumentarfilmer einen «safe space» bieten – und kreiert damit gleich selber seine eigene Wirklichkeit.
Es ist dann ausgerechnet eine chinesische Journalistin, die die Harmonie stört. Die Journalistin heisst Jane Qiu, vor einigen Jahren fiel sie mit einem wohlwollenden Porträt über Shi Zhengli auf, das ganz auf der Linie der chinesischen Regierung war.
Im thailändischen Retreat, in das sie Christian Frei ebenfalls eingeladen hat, fühlt sich Jane Qiu sichtlich unwohl. Es komme ihr vor, als mache sie bei Propaganda mit, sagt sie. Und: «Ich habe keinerlei Lust, Peter Daszak als makellosen Heiligen ohne Widersprüche darzustellen.»
Die Worte der chinesischen Journalistin sind die einzigen kritischen im mehr als zweistündigen Dokumentarfilm.
«Blame» hatte am Freitag Premiere am Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon. Das Festival dauert noch bis 13. April. Ins Kino kommt «Blame» im Herbst 2025.