Linke Palästina-Freunde machen sich genauso lächerlich wie rechte «Anti-Wokeisten». Der Wahn, alles wegwischen zu wollen, was das eigene Weltbild stört, offenbart den kopflosen Aktivismus in der Kunst.
Der jüngst mit dem Oscar ausgezeichnete Film «No Other Land» liefert alles, was die Pro-Palästina-Bewegung begehrt. Aus der Innenperspektive von leidenden Menschen im Westjordanland will die Dokumentation die ganze Niedertracht des jüdischen Staats zur Schau stellen. Das ist die Idee.
Im Bild: bettelarme Palästinenser, von israelischen Soldaten schikaniert. Bulldozer, die behelfsmässige Behausungen niederreissen. Israelische Siedler und ihr Hang zur Gewalt. Fragen? Keine.
Eine Szene suggeriert zudem, dass die zentralen Protagonisten, ein Palästinenser und sein linker, israelischer Sidekick, queer sind. Aus propalästinensischer, identitätspolitischer Perspektive lässt «No Other Land» keine Wünsche offen. Ein Jackpot fürs progressive linke Lager. Doch jetzt kommt Gegenwind auf, und zwar aus der hauseigenen Blase.
Die antiisraelische Boykottbewegung BDS verurteilt das Werk. Wenn es nach der tonangebenden Anti-Israel-Fraktion geht, gehört «No Other Land» offenbar verboten. Weg mit Palästinas Oscar-Triumph.
Als Grund gibt BDS unter anderem an, dass israelische Mitglieder der Filmequipe ihre Abneigung gegen Israel zu wenig vehement bekundet hätten. «They have failed to acknowledge that Israel is perpetrating a genocide.» Sie haben vergessen, «Genozid» zu sagen.
Man kann es sich nicht ausdenken: «No Other Land», der Israel-kritischste Film der Welt, wird von Israel-Kritikern torpediert.
Allerdings regt sich die Boykottbewegung reichlich spät. Wir können uns ja nicht um alles kümmern, heisst es sinngemäss in der offiziellen Erklärung. Das kauft man den Boykotteuren nicht ab. Es ist nicht so, dass der Film vor den Oscars niemandem aufgefallen wäre.
Vor über einem Jahr ist er bereits bei der Berlinale ausgezeichnet worden. Aber offensichtlich fand BDS zunächst Gefallen daran, dass «No Other Land» einen Preisregen für Palästina besorgte. Beispielhaft illustriert der Fall die Heuchelei, die sich in der Cancel-Culture offenbart.
Der Eiertanz von Tilda Swinton
Anfang Jahr teilte Tilda Swinton einen Aufruf der Bewegung BDS, die den Boykott der Berlinale forderte – aufgrund von deren «Komplizenschaft mit Israels Völkermord an 2,3 Millionen Palästinenser*innen im Gazastreifen». Als Swinton später jedoch vom Festival als Ehrenpreisträgerin auserkoren wurde, überlegte sie es sich anders. So wichtig war ihr der Boykott dann doch nicht. Lieber ging sie den Preis abholen.
Gegen einen Sinneswandel ist nichts einzuwenden. Aber er kam nicht, weil die Schauspielerin den unverhohlenen Israel-Hass von BDS bemerkt hätte. Es war nicht Einsicht, sondern Eitelkeit. Der Eiertanz von Tilda Swinton erinnert an den von BDS bei «No Other Land».
Man spielt sich als moralische Instanz auf, solange Opportunismus und Egozentrik nicht dagegen sprechen. Die Boykotteure blamieren sich. Dabei geht es nicht nur um Einzelfälle, die Israel betreffen. Beispiel «Emilia Pérez».
Ein woker Traum
Das Trans-Musical handelt von einem Drogenbaron im falschen Körper. Der Gangster unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung. Als Frau ist Mann ein besserer Mensch. Ein woker Traum.
«Emilia Pérez» war der grosse Favorit bei den Oscars. Und die Hauptdarstellerin Karla Sofía Gascón hätte als transsexuelle Preisträgerin Geschichte schreiben können.
Doch dann kamen alte Social-Media-Beiträge von ihr hoch, in denen sie sich am Frauenbild im Islam stiess. 2016, als sie noch ein Mann war, schrieb Gascón auf Twitter, der Islam sei zu einer «Infektion für die Menschheit» geworden. Für ihre Kernwähler bei den Oscars hatte sie sich diskreditiert. Die Academy war im Dilemma.
Karla Sofía Gascón spielt gut in «Emilia Pérez». Doch verdankte sie ihre Oscar-Nomination nur allzu offensichtlich dem Umstand, trans zu sein. Die schauspielerische Darbietung der früher vor allem in Telenovelas in Erscheinung getretenen Gascón ist derjenigen einer Nicole Kidman («Babygirl») oder Angelina Jolie («Maria») ja kaum überlegen.
Netflix streicht die Spesen
Die Oscar-Jury sympathisierte mit der Spanierin, weil sie ein Zeichen für eine Minderheit setzen wollte. Aber mit ihren Äusserungen war die Darstellerin für dieselben Leute dann nicht mehr wählbar.
Netflix strich seinem Star die Reisespesen. Man wollte ihn bei keinen Preisverleihungen mehr sehen. Gascón war gecancelt. Doch die Krisenintervention half nicht. Der Film war kontaminiert.
Wer ihn gut fand, mochte ihn jetzt, mit einem Mal, nicht mehr. Der wokeste Film, den man sich vorstellen kann – er wurde von den Diversitätsfreunden demontiert.
Auch hier standen die Vorkämpfer der Moral ihrem eigenen Anliegen im Weg. Sie sabotierten sich selbst. Der Gedanke, alles wegwischen zu wollen, was das eigene Weltbild stört, entlarvt die Absurdität der woken Ideologie.
Von «Emilia Pérez» über BDS bis hin zu Tilda Swinton stehen die Fälle exemplarisch für die Auswüchse einer Cancel-Culture, die anfängt, sich zu kannibalisieren. Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.
Cancel-Culture kurz erklärt
Verwunderlich ist das nicht. Man muss sich vergegenwärtigen, wo der Boykottfuror im Kulturbetrieb herkommt. Kurz umrissen: In den vergangenen Jahren haben Auseinandersetzungen zu Sexismus und Rassismus zunächst viel bewirkt, verstärkt wurden Minderheiten gefördert. «Diversity, equity, and inclusion»: So nannte sich die neue Lingua franca der Förderwelt. Wie jede Förderung zog auch diese Nutzniesser mit sich.
Einer Minderheit anzugehören, ist heute das günstigste Eintrittsticket für die Kunstwelt. Wie aber zeigt man, dass man marginalisiert ist? Man zeigt zunächst einmal sich selbst. Deshalb produziert der moderne Künstler kaum mehr Kunst. Er produziert sich.
So ist er zum Aktivisten geworden. Und als Aktivist muss er sich behaupten gegen andere Marginalisierte, die auch Zutritt zum Klub wollen. Der Boykottaufruf ist die Allzweckwaffe. Wobei der Boykotteur im Bestreben, jemanden zu boykottieren, eher früher als später bei seinen Nächsten landet.
Das ist die Natur des Boykottwesens. Die linke Kulturszene hat vorgemacht, wo das Ganze hinführt. Doch gleichzeitig hat nun der Wind gedreht. Der Weltgeist hat die Konterrevolution des Donald Trump gebracht.
Trump versprach einen anderen «vibe»
Im amerikanischen Kulturkrieg war Trump angetreten, die woke Ideologie wegzufegen. Wieder alles sagbar machen, war sein publikumswirksames Credo. Einen «vibe shift» versprach er in den Worten des Historikers Niall Ferguson. Dafür haben ihn – verständlicherweise – auch viele Liberale gewählt. Genial war Trumps Kampagne: «Kamala is for they/them, President Trump is for you.»
Kurz nach dem Amtsantritt las Vizepräsident J. D. Vance dem alten Europa die Leviten. Dort sei die Meinungsfreiheit auf dem Rückzug, reklamierte er. Regierungen wie die in Deutschland brächten die eigenen Bürger zum Schweigen. Eine Brandrede gegen die Brandmauer war das. Vance hatte einen Punkt. Doch das war vor einem Monat.
Inzwischen wird auch in Trump-Amerika rigoros ausgemistet. Die Anti-woke-Zensur greift um sich. Unliebsame Bücher müssen aus den Bibliotheken verschwinden, alles, was nach «diversity, equity, and inclusion» riecht, soll in die Tonne. Die Sprachpolizei hat das Trottoir gewechselt und verteilt nun auf der anderen Seite die Strafzettel. Trump kämpft mit den Waffen der Linken. Wie ihm dies zum Verhängnis werden kann, ist absehbar.
Nicht nur jene Republikaner, die Trump als Antwort auf den «Wokeismus» gewählt haben, werden aufwachen. Wenn Trump mit seinem Bildersturm so weitermacht, wird er bald auch Leute aus der eigenen Klientel canceln. Einen Vorgeschmack boten seine Gesinnungshüter vom Verteidigungsministerium, die die Pentagon-Bibliotheken befreien wollten von allem «Gendergaga». Auf der Liste landeten nicht nur harmlose Kinderbücher wie das der Hollywoodschauspielerin Julianne Moore über ein Mädchen mit Sommersprossen.
Laut dem Autorenverband PEN America wurde auch «Hillbilly Elegy» zur Prüfung vorgeschlagen. Offenbar erweckte der autobiografische Roman von J. D. Vance wegen einiger aus dem Zusammenhang gerissener Wörter den Argwohn der Detektive. Die zuständige Behörde bestritt die Meldung zwar eiligst. So wie er die Sache verstehe, sei das Buch nicht gefährdet, verlautete der Leiter des Departements.
Es klang, als hätte er den Überblick verloren. Wahrscheinlich hatten sich illiterate Beamte im Eifer des Gefechts im Regal vergriffen. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.
«The Apprentice» machte es Trump schwer
Was lernt die Kunst daraus? Denkbar einfach: Sie muss den Boykotteuren das Leben schwermachen. Und das tut sie, indem sie wegkommt von ihrem Aktivismus. Eine Kunst, die den Namen verdient, lotet Ambivalenzen aus. Damit stellt sie auch die Zensoren auf die Probe.
Vergangenes Jahr war das Trump-Biopic «The Apprentice» so gut wie gecancelt. Als der damalige Präsidentschaftskandidat hörte, dass ihn der Film als Vergewaltiger seiner ersten Frau Ivana darstellt, wollte er die Veröffentlichung verhindern. Im Fokus von Ali Abbasis klugem Drehbuch steht aber Donald Trumps staunenswerter Aufstieg zum Immobilien-Tycoon. Der junge, ambitionierte, vom Vater verhöhnte Donald, der von seinem Trump-Tower träumt, ist zunächst eine inspirierende Figur.
Es muss zum echten Trump durchgedrungen sein, dass ihm der Film streckenweise auch schmeichelt. Er rief seine Anwälte zurück. Der Film kam in die Kinos. Hätte Abbasi auf die spekulative Vergewaltigungsszene verzichtet, wäre daraus vielleicht sogar ein Hit geworden. Denn dann hätte er auch Trump-Anhänger ins Kino gelockt und zum Nachdenken gebracht.
Aber auch so zeigt «The Apprentice», wie man’s macht: Kunst, die sich mit Uneindeutigkeiten beschäftigt, bringt die Zensoren in die Bredouille. Aktivistische Kunst hingegen macht es dem Gegner leicht. Wenn sie sich nicht sogar selbst cancelt. Keine so schlechten Voraussetzungen eigentlich: Es sind gute Zeiten für gute Kunst.