Viele Menschen setzen künstliche Intelligenz noch immer gleich mit Chat-GPT. Dabei kommen die spannendsten Innovationen inzwischen von der Konkurrenz. Ziehen Politiker immer nur Sam Altman hinzu, sind sie schlecht beraten.
Diese Woche stellten gleich zwei grosse KI-Entwickler neue Sprachmodelle vor: Anthropic den Chatbot Claude 3.7 Sonnet und Open AI die neuste Version von Chat-GPT namens 4.5. Während das neue Modell von Anthropic vor allem in Fachmedien diskutiert wurde, erhielt jenes von Open AI auch die Aufmerksamkeit von Massenmedien. Und dies, obwohl fachlich gesehen die Fortschritte von Claude interessanter sind als jene von Chat-GPT.
Besonders fällt der Fortschritt von Claude beim «Tau-Bench» auf, einem Benchmark, der möglichst gute KI-Agenten identifizieren will. Agenten sind KI-Systeme, die selbständig Aufträge erledigen, wie zum Beispiel einen Tisch in einem Restaurant zu reservieren. Im Moment scheitern KI-Systeme noch daran, solche Aufgaben zuverlässig auszuführen.
Nun hat sich Claude laut Angaben des Herstellers beim Tau-Bench ein paar Prozentpunkte Vorsprung vor Chat-GPT gesichert. Das ist kein riesiger Durchbruch und muss von unabhängigen Experten noch bestätigt werden. Dennoch ist es eine interessante Entwicklung. Schliesslich ist absehbar, dass die Firma, die es als Erste schafft, einen KI-Agenten nutzbar zu machen, erfolgreich werden dürfte.
Sam Altman versteckt sich hinter Pathos
Open AI hingegen kann mit Chat-GPT 4.5 keinen solchen Entwicklungsschritt präsentieren. Im Gegenteil: Sam Altman, der CEO von Open AI, beschrieb den Fortschritt bei Chat-GPT mehr mit Gefühl als mit Fakten: 4.5 werde keine Benchmarks durchbrechen, gab er auf X zu, dafür habe das Modell «eine Magie, die ich noch nie davor gefühlt habe».
Dass Open AI trotzdem mehr Medieninteresse als Anthropic erhielt, ist dem Nimbus von Chat-GPT geschuldet. Seit Open AI im Herbst 2022 mit Chat-GPT den weltweit ersten KI-betriebenen Chatbot publizierte, setzen viele Menschen KI gleich mit Chat-GPT.
Doch das übersteigerte Interesse an allem, was von Open AI kommt, ist inzwischen nicht mehr gerechtfertigt. Open AI hat seinen technischen Vorsprung längst eingebüsst. Das zeigen auch Auswertungen von Diensten wie dem Chatbot Arena. Er erlaubt es Tausenden von Nutzern, blind verschiedene KI-Chatbots zu testen. Jeder kann eine Frage stellen, die von je zwei Chatbots beantwortet wird. Dann entscheidet der Nutzer, welche Antwort besser ist. Damit lässt sich erkennen, welcher Chatbot für die alltäglichen Anwendungen am besten geeignet ist.
Im Moment sammelt Grok 3 die meisten Punkte im Test, der Chatbot von Elon Musks Firma XAI. Am zweit- und am drittmeisten Punkte holen zwei Gemini-Modelle von Google. Chat-GPT-4o kommt erst danach, vor dem chinesischen Deepseek R+.
Das zeigt: Es ist unverdient, dass Open AI und ihr exzentrischer CEO Sam Altman nach wie vor die öffentliche KI-Debatte dominieren. Höchste Zeit also, dass wir Open AI als das verstehen, was es ist: eine von vielen KI-Firmen auf dem Markt, die ebenso viel – beziehungsweise eher: ebenso wenig – darüber weiss, wie sich das Feld weiterentwickelt.
Open AI erhält Zugang zu lukrativen Regierungsprogrammen
Umso erstaunlicher ist es, dass viele Politiker noch immer Altman zu Rate ziehen. Er besuchte allein im Februar Japan, Indien, Dubai, Südkorea, Frankreich und Deutschland. Dabei traf er unter anderem Spitzenpolitiker und lobbyierte für sein Unternehmen.
Für Open AI ist dies hervorragend. Denn mit den vielen öffentlichkeitswirksamen Auftritten festigt Altman das Image von Open AI als Branchenführer. Als Resultat davon bekommt Open AI sogar Zugang zu lukrativen Regierungsprogrammen.
Das beste Beispiel für den ungerechtfertigten Zugang zur Politik ist Stargate, das 500 Milliarden schwere Investitionsprogramm, das Donald Trump in den ersten Tagen seiner Präsidentschaft für Open AI eingefädelt hat. Andere KI-Firmen werden voraussichtlich keinen Cent davon bekommen – obwohl ihre Produkte vielleicht bald schon besser sein werden als Chat-GPT.