Weil Passagiere zu viel Gepäck ins Flugzeug nehmen, häufen sich Verspätungen. Die Swiss will Abhilfe schaffen. Sie rüstet ihre Mittelstreckenflotte mit grösseren Fächern über den Sitzen nach.
Die meisten Passagiere sitzen schon, es wäre Zeit für den Start. Ein Mann drückt verzweifelt auf die Klappe des Gepäckfachs über den Sitzen, doch sie lässt sich nicht schliessen. Wie er sein Köfferchen auch dreht und wendet: Es passt nicht hinein und muss nachträglich eingecheckt werden. Der Mann flucht, die Passagiere sind genervt, das Flugzeug bleibt am Boden.
Solche Szenen sind Alltag im Flugverkehr. Seit die Airlines angefangen haben, für separates Check-in-Gepäck Aufpreise zu verlangen, gibt es einen Verteilkampf um den knappen Platz an Bord.
Die Swiss will nun reagieren und das Platzangebot der Mittelstreckenflotte verbessern. Sie bestätigt entsprechende Recherchen. «Ja, die Nachrüstung mit grösseren Gepäckfächern ist ein Thema. Die Swiss plant den Umbau von acht Flugzeugen unserer Airbus-A320- und A321-Flotte», teilt ein Sprecher mit. Die erste Maschine sei Ende 2025 dran, bis Mitte 2026 soll das Projekt abgeschlossen sein.
Möglich macht dies eine neue Innenausstattung von Airbus. Seit diesem Jahr bietet der Flugzeugbauer grössere Gepäckfächer – sogenannte Overhead-Bins – für die A320-Flugzeugfamilie an. In diesen sollen die gängigen Rollkoffer mit den Massen 60 mal 38 mal 25 Zentimeter auf der Seite liegend Platz haben, statt dass man sie flach hinlegen muss. Dadurch hätten die Gepäckfächer bis zu 60 Prozent mehr Kapazität, verspricht das Unternehmen.
Erstmals vorgestellt wurden diese Gepäckfächer 2023. Seit Anfang 2025 werden sie ausgeliefert. Die Swiss-Muttergesellschaft Lufthansa gehört zu den Erstkunden. Gemäss Airbus lassen sich die neuen Overhead-Bins innert drei bis fünf Tagen in bestehende Jets einbauen.
Die Swiss betont allerdings, dass sie bereits heute mit Flugzeugen mit grösseren Gepäckfächern unterwegs sei. Die neueren A320-neo- sowie A321-neo-Maschinen, also die neuste Generation der A320-Flugzeuge, seien bereits mit solchen ausgestattet. Insgesamt handelt es sich um neun Flugzeuge. «Die grösseren Gepäckfächer ermöglichen ein schnelleres Ein- und Aussteigen», verspricht die Swiss.
Fehlender Stauraum in der Kabine ist ein immer drängender werdendes Problem. Auf mittellangen innereuropäischen Reisen ist es inzwischen üblich, nur noch mit Handgepäck zu reisen. So sparen Passagiere nicht nur Zeit, sondern vor allem auch Geld.
Doch Platz in einer Flugzeugkabine ist ein knappes Gut, und die Passagiere halten sich nicht immer an die vorgegebenen Masse. Nach der Corona-Pandemie war das besonders offensichtlich. Als die Auslastung der Flugzeuge stieg, wurde es eng.
Verspätungen wegen Handgepäck
«Wir beobachten seit der Pandemie vermehrt, dass Fluggäste nur mit Handgepäck reisen möchten», schreibt die Swiss. Und das hat Konsequenzen im eng getakteten Flugverkehr. Bringen die Passagiere zu viel Handgepäck mit an Bord, braucht es entsprechend länger, um alles zu verstauen. «Dies kann den Abflug verzögern und damit leider zu Verspätungen führen», schreibt die Airline.
Die Swiss erlaubt in allen Buchungsklassen mindestens ein Gepäckstück von bis zu acht Kilogramm Gewicht mit den üblichen Massen – inklusive Griff und Rädern. In der Business- und der Firstclass sind es zwei. Hinzu kommt ein schmaler persönlicher Gegenstand, etwa eine Laptoptasche.
Vor allem die Budget-Airlines sind aber mittlerweile dazu übergegangen, selbst den klassischen Rollkoffer zahlungspflichtig zu machen. Gratis ist jetzt nur noch eine persönliche Tasche, die man unter dem Vordersitz verstauen kann.
Besonders restriktiv ist die in Irland beheimatete Ryanair, welche gemessen an den Passagierzahlen die grösste Luftfahrtgesellschaft Europas ist. Aus der Schweiz fliegt sie zwar nur wenige Destinationen ab Basel an. Doch Ryanair gibt in der Luftfahrt den Takt vor. Die Airline erlaubt gerade noch einen Rucksack oder eine Laptoptasche mit den Massen 40 mal 20 mal 25 Zentimeter. Verstösse werden rigoros geahndet und mit hohen Aufpreisen versehen.
Die Konkurrentin Easy Jet, nach der Swiss die zweitgrösste Airline in der Schweiz, folgte dem Beispiel 2021. Zwar darf das Handgepäckstück etwas grösser sein als bei Ryanair (45 mal 36 mal 20 Zentimeter). «Das sollte ausreichen, um Grundlegendes für Ihre Reise oder für einen Kurzurlaub mitzunehmen», schreibt die Airline treuherzig auf ihrer Website. Wer ein zusätzliches Handgepäckstück braucht, muss aber zahlen.
So stehen auf jedem Easy-Jet-Flug zwischen 42 und 63 Plätze zur Verfügung, welche ein zusätzliches Handgepäckstück sowie «Speedy Boarding» erlauben. Man darf also vor den anderen ins Flugzeug und findet so besser Platz für das Köfferchen. Diese Plätze kosten 11.95 Franken zusätzlich.
Die Regel gilt seit 2021 und sei eingeführt worden, um die Pünktlichkeit zu verbessern, wie die Airline auf Anfrage schreibt.
Fakt ist aber auch: Koffer sind mittlerweile Big Business für die Luftfahrtindustrie. Die auf Airlines spezialisierte Beratungsfirma Idea Works Company hat errechnet, dass die Branche weltweit einen Umsatz von 33 Milliarden Dollar allein mit Gepäckstücken macht. Mitgezählt sind Gebühren für Rollkoffer, Check-in-Gepäck, Nachzahlungen für zu schwere Koffer usw.
Swiss folgte den Billig-Airlines
Wegen der Kosten, aber auch aus Angst vor verlorenen Koffern, reisen die Passagiere heute mit Vorliebe nur noch mit Handgepäck. Die Angst davor, die strengen Masse zu überschreiten oder keinen Platz mehr fürs eigene Rollköfferchen zu finden, erhöht den Stress beim Fliegen aber spürbar. Beweis dafür sind die langen Schlangen, die sich am Gate jeweils schon lange vor dem Boarding bilden. Die Passagiere wollen möglichst früh ins Flugzeug einsteigen, um sicherzugehen, dass sie ihr Handgepäck nicht nachträglich einchecken müssen.
Die Swiss ist vor zehn Jahren dem Beispiel der Billig-Airlines gefolgt und hat ebenfalls reine Handgepäcktarife eingeführt, die entsprechend günstiger sind. Um sicherzustellen, dass niemand versucht, zusätzliches oder zu voluminöses Gepäck an Bord zu schmuggeln, hat die Airline eine ganze Reihe von Massnahmen getroffen.
So eruiert die Swiss etwa im Vorfeld kritische Flüge und setzt bei Bedarf zusätzliches Kontrollpersonal ein. Dieses ist mit mobilen Inkasso-Geräten und Druckern unterwegs, damit das nachträgliche Einchecken den Abflug nicht verzögert. «Wir haben festgestellt, dass den Passagieren seit der Einführung der Handgepäcktarife vermehrt zu grosses oder zu schweres Handgepäck abgenommen werden muss», schreibt die Airline.
Wie schön wäre es also, wenn es an Bord nicht nur Platz für den Passagier, sondern auch für sein Köfferchen gäbe? Immerhin ist diesbezüglich etwas Entspannung in Sicht – in Form der grösseren Gepäckfächer.