Im Januar 2011 wurde der Tahrir-Platz zum Mittelpunkt der Welt. Vom Golf bis zum Atlantik erhob sich die arabische Welt im Kampf für Freiheit.
Vor vierzehn Jahren erhob sich die arabische Welt in einem seltenen Moment gemeinsamer Hoffnung. Die Selbstverbrennung eines Gemüseverkäufers im Dezember 2010 in Tunesien löste Aufstände aus, die sich vom Golf bis zum Atlantik erstreckten. Nach Jahrzehnten politischer Stagnation schien sich der Lauf der Geschichte zu ändern.
Am 11. Februar 2011 dankte der ägyptische Diktator Mubarak ab. Nur wenige Tage später erhoben sich die Menschen in Libyen und Syrien gegen Ghadhafi, gegen Asad. Millionen Menschen forderten Freiheit, Brot und Würde. Es folgte ein dramatischer Zyklus aus Euphorie und Ernüchterung, Revolte und Repression, Hoffnung und Enttäuschung. Politisch hat der Arabische Frühling kaum etwas verändert – und doch das Bewusstsein einer ganzen Generation für immer geprägt.
Ich hatte nicht geplant, Zeuge einer Revolution zu werden. Doch manchmal ruft die Geschichte, und man weiss, dass man ihr folgen muss. An einem frostigen Januartag im Jahr 2011 sass ich in meiner Münchner Wohnung, öffnete Facebook und stiess auf eine Einladung, die zunächst wie ein schlechter Scherz klang: «Nimm an der ägyptischen Revolution teil! Ort: Tahrir-Platz, Kairo. Termin: 25. Januar, 14 Uhr.» Ich lachte laut auf. Eine Revolution, die nicht nur den Tag, sondern auch die Uhrzeit festlegt – wie sollte das in einem Polizeistaat funktionieren? Und wie sollten ausgerechnet die notorisch unpünktlichen Ägypter an diesem Tag pünktlich erscheinen?
Ein Teil von mir hielt das für unmöglich. Zweieinhalb Monate zuvor hatte ich mein Buch «Der Untergang der islamischen Welt» auf Arabisch und Deutsch veröffentlicht. Darin hatte ich keine friedliche Demokratisierung der arabischen Staaten vorausgesagt, sondern politische Unruhen, Bürgerkriege und den Aufstieg des religiösen Fundamentalismus. Und doch wollte ein anderer Teil von mir diese düstere Prognose vergessen und glauben, dass der Augenblick gekommen war – so wie 1989 in Europa, als die Berliner Mauer fiel. Wenige Wochen zuvor hatten Hunderttausende Tunesier den langjährigen Diktator Ben Ali zum Rücktritt gezwungen. Warum sollte das nicht auch in Ägypten möglich sein?
Ich buchte einen Flug nach Kairo. Offiziell wollte ich im Februar für ein neues Buch recherchieren, inoffiziell wollte ich als Ägypter – und als jemand, der einst aus seiner Heimat floh, um in Freiheit zu leben – Zeuge eines möglichen Neuanfangs werden. Vielleicht, so hoffte ich, irrte ich mich in meinem Pessimismus. Vielleicht begann jetzt eine neue Zeit.
Tahrir-Platz als Zentrum der Welt
Die Stadt atmet schwer. Der Nil gleitet träge dahin, als wüsste er nicht, was kommen wird. Bereits am Morgen patrouilliert die Polizei, und Absperrungen versperren den Zugang zum Tahrir-Platz, dem Herzen der Hauptstadt, das von Ministerien, Hotels und dem Ägyptischen Museum umgeben ist. Wir nähern uns in kleinen Gruppen, verschwinden in Seitengassen und tauchen wieder auf. Der Plan ist simpel: Wir wollen die Sicherheitskräfte zermürben und ihnen keine klare Front bieten. Gegen Mittag sind alle Strassen voller Menschen: Männer in Anzügen, Jugendliche in Jeans und Frauen mit und ohne Kopftuch. Viele sind zum ersten Mal hier. Pünktlich um 14 Uhr brandet der Ruf auf: «Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit!»
Ich frage mich: Warum gehen ausgerechnet jetzt so viele Menschen in Ägypten auf die Strasse? Ist es die Armut? Die Ägypter waren vor vierzig Jahren weit ärmer, und es gab keine Revolution. Ist es die Diktatur? Gamal Abdel Nassers Herrschaft war ungleich brutaler. Unter Mubarak gab es kurz vor den Aufständen sogar mehr Spielraum für Opposition und Pressefreiheit. Im Vergleich zu vielen anderen arabischen Staaten konnte man ihn und seine Regierung öffentlich kritisieren. Liegt es an Facebook? Hat das Internet das Informationsmonopol des Staates durchbrochen und eine geistige Revolution entfacht, die nun in eine wirkliche mündet?
Ich denke an meine Politikwissenschaftsseminare in Augsburg: Ist dies wie die Französische Revolution, ein Aufstand der Hungrigen gegen dekadente Herrscher? Oder ist es der europäische Frühling von 1848? Eine verspätete 68er-Bewegung? Eine arabische Version von 1989?
In Wahrheit ist es von allem etwas und zugleich etwas Eigenes. Diese Aufstände sind Kinder der Globalisierung. Dieselben jungen Menschen, die von der Weltwirtschaft an den Rand gedrängt wurden, nutzen Facebook und Twitter, um sich mit der Welt zu vernetzen und ihre Herrscher herauszufordern. Doch die Ursachen reichen tiefer. Es geht nicht nur um Diktatur, sondern auch um das Erwachsenwerden einer Generation, die plötzlich auf sich allein gestellt ist.
Früher verschlangen Familie und Staat die Freiheit des Einzelnen, boten dafür aber Geborgenheit, Arbeit und Ehe. Heute können sie dieses Versprechen nicht mehr einlösen. Eine Generation wächst heran, die von den alten Strukturen nicht mehr getragen wird und von der Moderne nicht aufgenommen wird. Dieselbe Dynamik entwurzelter Individualität ist auch für den islamistischen Terrorismus verantwortlich. Phänomene wie sexuelle Belästigung oder Massenauswanderung sind ebenfalls auf fehlgeleitete Modernisierung und verwahrloste Individualisierung zurückzuführen.
Hier greift das Tocqueville-Paradoxon: Revolutionen entstehen selten aus völliger Verelendung, sondern oft nach Verbesserungen, die Hoffnungen wecken – und enttäuschen. Mit jedem kleinen Fortschritt wächst der Hunger nach mehr und damit die Unzufriedenheit. Während Marx die Revolution als Folge äussersten Elends sah, erkannte Tocqueville, dass sie häufig aus enttäuschter Erwartung geboren wird.
Plötzlich beginnt die Polizei, Gummigeschosse und Tränengas abzufeuern. Der Nebel ist so dicht, dass wir kaum atmen können. Wir bemerken, dass Nachschub an Tränengasgranaten in Ambulanzwagen herangeschafft wird. Als wir beginnen, diese zu stoppen, lässt der Beschuss kurz nach. Schläger in Zivil prügeln wahllos auf uns ein. Ich flüchte in eine Wohnung, in der Verletzte versorgt werden. Eine junge Frau namens Heba pflegt sogar einen verletzten Polizisten. Ihr Vater und ihr Bruder sind ebenfalls Polizisten.
Der Rauch brennt in der Lunge. Von den Balkonen werfen uns Frauen Zwiebeln und Essigflaschen zu – ein Mittel gegen Tränengas, wie wir es von den tunesischen Aufständen gelernt haben. Dann erscheinen sie: vermummte Jugendliche, wie Figuren aus einem Videospiel. Zunächst halte ich sie für Muslimbrüder, doch es sind Fussball-Ultras, kampferprobt in Strassenschlachten und voller Wut auf die Polizei. Sie drängen die Sicherheitskräfte zurück, und plötzlich strömt die Menge auf den Platz.
Für einen Moment fühlt es sich an, als hätten wir gesiegt. Doch dann fallen Schüsse von den Dächern, es ist scharfe Munition. Wir sind in eine Falle geraten. Auf dem Asphalt liegen Tote und Schwerverletzte. Trotzdem kehren wir zurück. Der Ruf der Menge wandelt sich: «Das Volk will den Sturz des Regimes!» Anfangs richtete sich die Wut gegen die Polizei, nun richtet sie sich gegen Mubarak selbst. Der Ruf wird lauter, die Menschen stampfen im Chor auf den Boden – es klingt wie ein Erdbeben. Plötzlich bin ich vom Beobachter zum Revolutionär geworden.
Tage der Hoffnung
Irgendwann spürte die Polizei, dass sie den Massen nicht mehr standhalten konnte. Sie zog sich zurück und überliess uns den Tahrir-Platz. An ihrer Stelle rollten nun Panzer der Armee an, die jedoch untätig verharrten. Einer der Demonstranten schrieb in grossen Lettern «Raus mit Mubarak!» auf einen Panzer. Die Worte blieben tagelang dort stehen, nicht berührt von den Soldaten. Wir verstanden die Botschaft: Wir waren vorerst sicher.
Tag um Tag verbrachte ich nun auf dem Platz. Ich sprach mit einem Schriftsteller, der die Lügen der staatlichen Kulturpolitik nicht länger ertragen konnte. Mit einem Arbeiter, der für einen Hungerlohn in einer Tabakfabrik schuftete. Mit einer Journalistin, die das staatliche Fernsehen verlassen hatte, um keine Propaganda mehr zu verbreiten. Und mit einem Mann, der sich nur hier, inmitten der Menschenmenge, vor seinen Gläubigern verstecken konnte. Ihre Forderungen waren schlicht und radikal zugleich: «Ich will leben. Ich will Würde.» Das Wort «Demokratie», das für viele einst gleichbedeutend mit westlicher Dekadenz war, wurde nun laut ausgesprochen, ohne Scham, ohne Furcht.
Ernüchterung
Doch am 2. Februar änderte sich alles. Die «Schlacht der Kamele» begann. Mubarak-Anhänger, einige zu Pferd, andere auf Kamelen, stürmten den Platz. Steine und Molotowcocktails flogen. Menschen gingen blutüberströmt zu Boden, während die Armee tatenlos zusah. Ein Bild brannte sich dabei in mein Gedächtnis: Ein Kamel raste durch die Zelte der Demonstranten und zertrampelte einen Laptop. Für mich wurde es zum Sinnbild der Revolution: Moderne gegen Mittelalter, Wissen gegen Barbarei.
Die Jugend der Muslimbruderschaft, die erst einige Tage nach Beginn der Proteste zum Tahrir-Platz kam, organisierte die Verteidigung und rief dabei «Allahu akbar». Zum ersten Mal mischten sich religiöse Parolen unter die Rufe nach Freiheit. Zwar schafften sie es, die Angreifer zu vertreiben, doch bald darauf begannen sie, uns säkulare Demonstranten vom Platz zu drängen.
Am nächsten Tag sah ich zwei Szenen, die meinen Glauben an den gemeinsamen Aufbruch erschütterten. Die erste: Demonstranten steinigten eine Mubarak-Puppe wie beim Pilgerritual, bei dem Muslime symbolisch den Teufel bewerfen. Es war, als hätten sie nicht begriffen, dass er nicht das einzige Problem war. Die zweite: Eine Gruppe von Muslimbrüdern stoppte unseren Marsch und erklärte, es sei Zeit für das Abendgebet. Ich widersprach, denn es gab genügend Moscheen in der Nähe, und wir waren schliesslich hier, um zu demonstrieren.
Ein Schriftstellerkollege flüsterte mir zu: «Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für solche Diskussionen.» – «Doch», entgegnete ich, «genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt! Sonst wird die Revolution von den Islamisten gekapert!» Aber niemand hörte mir zu. Selbst jene, von denen ich wusste, dass sie sonst nie beteten, reihten sich ins Gebet ein.
Von diesem Tag an lag der Tahrir-Platz fest in den Händen der Muslimbrüder, die besser organisiert waren und andere Pläne hatten als der Rest der Demonstranten. Wenige Tage später trat Mubarak zurück. Bei den ersten freien Wahlen in der Geschichte Ägyptens siegten die Muslimbrüder und die Salafisten. Eine neue islamistische Verfassung wurde verabschiedet.
Die jungen, säkularen Aktivisten, die die Proteste ins Rollen gebracht hatten, besassen jedoch keinen politischen Plan, keine Strategie und keine ideologische Grundlage. Sie empörten sich über die Willkür des Herrschers, jedoch nicht über die freiwillige Unterwerfung der Massen – oder die der Intellektuellen. Letztere war es, die den Sieg der Islamisten nach dem Sturz Mubaraks garantierte. Die «New York Times» brachte es damals auf den Punkt: «Die Ägypter sind die besten Revolutionäre der Welt – und die schlechtesten Demokraten.»
Vom Traum zur Verbannung
Zwei Jahre später flog ich erneut nach Kairo und hielt einen Vortrag, in dem ich der Muslimbruderschaft islamischen Faschismus vorwarf. Kurz darauf forderten mehrere Islamisten im Fernsehen meine Ermordung, unter ihnen ein Vertrauter des neuen Präsidenten Mursi. Ich demonstrierte gegen ihre Herrschaft in Kairo und in Berlin. Am 3. Juli 2013 setzte die Armee Mursi ab und ersetzte die Islamisten durch eine noch härtere Militärdiktatur.
Präsident Sisi regiert seither autoritärer, als Mubarak es je tat. Viele von uns, die 2011 auf den Strassen standen, sitzen heute in Gefängnissen oder sind ins Exil gegangen. Ich darf nicht mehr einreisen. Im Jahr 2019 verweigerte man mir den Abschied von meiner sterbenden Mutter, da ich einen Vortrag im US-Kongress über die Unterdrückung der Kopten in Ägypten gehalten hatte.
Damit schloss sich für mich der Kreis der Revolution – vom Aufbruch in die Freiheit zur Rückkehr der Unterdrückung. Und doch blieb Ägypten vom völligen Zerfall verschont, der Libyen, Jemen, den Sudan oder Syrien traf. Dort wurden Diktatoren gestürzt, nur um Platz für Bürgerkrieg, Milizenherrschaft und religiösen Terror zu machen. In Syrien herrscht heute keine Freiheit, sondern eine neue Tyrannei – diesmal im Namen des Islam.
Die Wurzeln des Scheiterns
Hier drängen sich zwei Fragen auf: Sind die Araber für die Demokratie ungeeignet? Oder kam diese Revolution schlicht zu spät, als das Zeitfenster dafür längst geschlossen war? Warum ist ausgerechnet die Region, die die drei grossen monotheistischen Religionen hervorgebracht hat, so resistent gegenüber demokratischen Strukturen? Haben diese Religionen über Jahrhunderte Gehorsam, Schuldbewusstsein, Personenkult und magisches Denken so tief in die Seelen der Menschen eingraviert, dass kaum Raum für Rationalität, kritisches Denken und Selbstkritik bleibt?
Oder liegt die Ursache nicht allein in diesem religiösen Mindset? Spielen nicht auch kulturelle und geopolitische Faktoren eine entscheidende Rolle? Beispielsweise die Clanstrukturen, in denen das Kollektiv stets über den Bedürfnissen des Einzelnen steht. Die geostrategische Lage, die diese Region nicht nur zur Wiege der Religionen, sondern auch zum Zentrum des Erdöls, der wichtigsten Handelsrouten und Seehäfen der Welt macht. Und schliesslich der Westen, der seit über einem Jahrhundert immer wieder interveniert, um diese Region in seinem Sinne zu ordnen – selbst wenn der Preis dafür Bürgerkrieg und Chaos sind.
All das sind historisch verfestigte Knoten, die sich nicht durch ein paar Facebook-Posts lösen lassen. Es ist eine unheilige Allianz aus Tradition, Religion, Mentalität und geopolitischer Härte, die den Arabischen Frühling scheitern liess. Ja, er ist vorerst gescheitert, keines der grossen Ziele wurde erreicht. Weder wirtschaftliche Stabilität noch politische Freiheit sind eingetreten. Die Macht liegt weiterhin in den Händen von Clans, Islamisten und Militärs.
Heute erleben wir drei Formen eines arabischen Stalinismus: den religiösen, den beduinischen und den nationalistisch-militärischen. Sie alle interpretieren den Begriff «Freiheit» auf ihre eigene, verzerrte Weise. Und obwohl sie sich gegenseitig als Feinde inszenieren, haben sie doch den gleichen Ursprung: Gehorsam, Personenkult und Chauvinismus. Deshalb zerfielen viele arabische Staaten im Zuge der Aufstände, da weder staatliche noch gesellschaftliche Strukturen dieses Erdbeben verkraften konnten.
Zudem kam der Arabische Frühling zu einer Zeit, in der selbst der Westen nicht mehr an die emanzipatorische Kraft von Volksaufständen glaubte. In Europa und Nordamerika geht man nicht mehr auf die Strasse, um Neues zu schaffen, sondern um Besitzstände zu verteidigen oder Veränderungen zu verhindern. Die Angst vor dem Abstieg ist grösser als die Sehnsucht nach Freiheit.
So fanden die arabischen Aufständischen – anders als die osteuropäischen Revolutionäre von 1989 – keine echten Verbündeten in der Welt. Und so bewahrheitete sich für sie, was Gorbatschow einst sagte: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.»
Wo bleibt die Hoffnung?
Dennoch ist es zu früh, vom Scheitern des Arabischen Frühlings zu sprechen. Hätten wir die Französische Revolution vierzehn Jahre nach ihrem Beginn bewertet, wäre das Urteil eindeutig ausgefallen. Terrorherrschaft, danach die Militärdiktatur Napoleons. Erst 92 Jahre später wurde in Frankreich eine stabile demokratische Republik Realität. Auch der europäische Frühling von 1848 galt zunächst als gescheitert – und doch fanden die Forderungen der Aufständischen nach Parlamentarismus, Pressefreiheit und Menschenrechten Jahrzehnte später Eingang in alle europäischen Verfassungen.
Warum sollte sich ein solcher Prozess nicht auch in der arabischen Welt vollziehen? Trotz der verfahrenen Lage will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Arabische Frühling der erste Schritt zu einer langfristigen Veränderung war. Vielleicht nicht morgen und vielleicht auch nicht in den nächsten Jahren, aber etwas hat sich unwiderruflich ins Bewusstsein der Massen eingebrannt: Die Mauer der Angst vor Autoritäten ist gefallen.
Saddam Hussein war einst ein unantastbarer Gott im Irak. Am Ende versteckte er sich in einem Erdloch. Ghadhafi konnte mit einer blossen Geste über Leben und Tod entscheiden, doch sein qualvoller Tod vor laufender Kamera entlarvte ihn als sterblichen Menschen mit denselben Schmerzgrenzen wie jeder andere auch. Mubarak und Mursi, beide einst allmächtig, mussten sich gedemütigt vor Gericht verantworten.
Seit dem Arabischen Frühling hat sich eine neue Diskussionskultur etabliert. Keine Meinung bleibt ohne Widerspruch, keine Person ist unantastbar. Selbst Religionskritik ist heute in weiten Teilen der arabischen Welt möglich. Vor 2011 verkaufte ich jeweils rund 10 000 Exemplare meiner beiden religionskritischen Bücher in der arabischen Welt. Nach den Aufständen gründete ich einen Youtube-Kanal, der inzwischen über 47 Millionen Aufrufe verzeichnet.
Während man mich in Deutschland gerne als «umstrittenen Islamkritiker» bezeichnet, gilt meine Arbeit in Teilen der arabischen Welt als aufklärerisch. Ich kann in Dubai, Beirut und Casablanca Vorträge halten. Im Gegensatz zum Westen brauche ich dort keinen Polizeischutz. Dort schützen mich Rechtsstaat, Presse und eine lebendige intellektuelle Szene. In Europa hingegen scheint der Täterschutz oft wichtiger zu sein als der Schutz der Opfer. Hier werden religiöse Gefühle sorgfältiger geschützt als die Meinungsfreiheit.
Der Arabische Frühling hat zwar keine neue politische Ordnung gebracht, aber er hat das Bewusstsein verändert. Eine Revolution, die nur die Köpfe austauscht, ohne den Geist zu erneuern, ist zum Scheitern verurteilt. Doch eine Gesellschaft, die einmal erfahren hat, dass Herrscher gestürzt werden können, wird diese Erfahrung nicht vergessen.
Was die kommenden Jahre und Jahrzehnte bringen werden, weiss niemand. Ich wage jedoch eine Prognose: Während der Westen im Wohlstand der Postmoderne träge wird und am eigenen Überdruss erstickt, erlebt die Moderne in der arabischen Welt eine Wiedergeburt. Während Autoritäten dort entzaubert sind, wächst im Westen die Sehnsucht nach dem «starken Mann», der vorgibt, Orientierung zu bieten. Putin, Trump und Erdogan werden von nicht wenigen Europäern als Vorbilder für Führung gesehen.
Der Geist der Freiheit und die Leidenschaft für offene Debatten schwinden im übersättigten, ängstlichen Westen, während sie in der arabischen Welt gegen alle Widerstände entdeckt, neu belebt und weitergedacht werden.
Hamed Abdel-Samad ist Politikwissenschafter und einer der prominentesten Islamkritiker Deutschlands. 2024 erschien im DTV-Verlag sein Buch «Der Preis der Freiheit. Eine Warnung an den Westen».
Die grossen Revolutionen
rib. Revolutionen prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was braucht es, damit sie ausbrechen? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Und welche Nebenwirkungen haben sie? In einer Reihe von Artikeln werden in den kommenden Wochen ausgewählte Revolutionen erzählt und die Frage gestellt, welche Folgen sie hatten. Ein Beitrag zur Revolution in Kuba schliesst die Artikelreihe am 6. September ab.