Die Karriere des ältesten Spielers der Liga wird in diesem Frühjahr enden – vielleicht bereits am Freitag. Mit Forster verabschiedet sich einer der dominantesten Schweizer Verteidiger seiner Generation.
Als Arno Del Curto einmal gefragt wurde, wie man eigentlich Meister werde, lautete ein Teil seiner Replik so: «Du brauchst einen dominanten Verteidiger, den du forcieren kannst, wie beispielsweise Beat Forster.»
Del Curto hatte Forster 1999 nach Davos geholt, obwohl dieser eigentlich nach Bern wollte – als Heranwachsender hatte sich Forster für den SCB begeistert und stolz ein Trikot mit der Rückennummer 31 von Renato Tosio getragen. Doch auf Nachdruck des Trainers wechselte er dann zum Rekordmeister HCD. Es gab 5000 Franken Sackgeld und einen Schlafplatz auf dem Sofa seines älteren Bruders Ruedi, der ebenfalls von Herisau nach Davos gewechselt war.
Unter dem fordernden Del Curto debütiert Forster schon mit 17 in der National League. Eine grosse Sache, aber nach dem Spiel feixt der amerikanische Stürmer Kevin Miller, dass Forster ja ein Bäuchlein vor sich her trage. Und bietet eine Wette an: Wenn er es schaffe innert fünf Wochen vier Kilo abzunehmen, gebe es zur Belohnung 100 Franken. Forster schlägt ein und gewinnt. Vor allem aber ist es ein Schlüsselerlebnis: Er merkt, wie hoch die Anforderungen im Profibereich sind. Und wird zum Musterprofi mit phänomenalen Fitnesswerten.
Im HCD steigt er zu einem Führungsspieler auf, auch wenn er in den Anfangsjahren noch nicht alle ungeschriebenen Regeln kennt. Er sagt: «Ich weiss noch, wie wir mal über die Stränge geschlagen haben und am nächsten Tag Sandro Rizzi im Training zu mir kam und fragte, was ich sagen werde, wenn Arno sich über die letzte Nacht erkundigt. Ich wollte eigentlich behaupten, ich sei um 1 oder 2 zu Hause gewesen, aber Rizzi schärfte mir ein, unbedingt bei der Wahrheit zu bleiben, weil Arno eh alle Details kenne. Also sagte ich halt: um 6 Uhr. Arno hatte damit nur dann ein Problem, wenn man sich im Training hängen liess. Ich habe das früh gelernt: Wer feiern kann, kann auch trainieren.»
Die Maxime hilft ihm dabei, über die Jahre zu einem der besten, komplettesten und prägendsten Verteidiger im Schweizer Eishockey zu reifen. Er wird sechs Mal Meister, absolviert WM- und Olympiaturniere. Und sorgt als Strafenkönig bei den gegnerischen Stürmern für Angst und Schrecken.
Mittlerweile ist Forster vor seinem ehemaligen HCD-Teamkollegen Andres Ambühl der älteste Spieler der Liga
Allein im HC Davos erringt Forster fünf Titel. Mit Del Curto verkracht er sich und findet wieder Frieden. Die Gezeiten einer mittlerweile 24-jährigen Profi-Karriere. In der Forster sich immer wieder neu erfand. Und noch heute auf allerhöchstem Niveau spielt, obwohl er vor seinem ehemaligen Weggefährten Andres Ambühl der älteste Spieler der Liga ist.
Forster, 41, sagt bis heute, dass er keinem Trainer so viel zu verdanken habe wie Del Curto. Aber sein Radius reichte weit über Davos hinaus. Forster hinterliess Spuren im ZSC, mit dem er 2008 Meister wurde. Bald darauf forcierte er trotz weiterlaufendem Vertrag seine Rückkehr nach Davos. Der HCD musste eine Strafzahlung von knapp einer Million Franken entrichten – es ist bis heute der teuerste Transfer in der Geschichte des Schweizer Eishockeys und sorgte mit der «Lex Forster» für eine Anpassung des Reglements.
Forster hat die genauen Beweggründe für seinen Abgang aus Zürich nie öffentlich gemacht, heute sagt er: «Vielleicht würde ich es in der Art und Weise heute nicht mehr gleich machen. Aber mein Entschluss stand fest, es ging beim ZSC einfach nicht mehr, ich habe intern mehrfach das Gespräch gesucht. Ich bereue den Abgang nicht. 2007/08 wurde ich mit dem ZSC Meister, 2008/09 mit dem HCD. Da habe ich nicht alles falsch gemacht.»
Forster war im ZSC danach jahrelang Persona non grata, aber allzu stark schien ihn das nie zu kümmern; eine gewisse Unbeugsamkeit gehört zu seiner Persönlichkeit. Er sagt: «Die öffentliche Meinung hat mich nie interessiert. Wichtig ist, dass ich im Team respektiert werde. Und das war immer der Fall.» Seine Art ist Forster manchmal als Arroganz ausgelegt worden, etwa wegen Sätzen wie diesem: «Manche Spieler sagen etwas und tun es nicht. Manche tun etwas und sagen nichts. Ich bin einer, der etwas sagt und es dann tut.»
Aber eigentlich ist das nichts anderes als die Wahrheit: Forster ist kein Maulheld, sein Palmarès bezeugt das eindrücklich. Ein bisschen fragt man sich, weshalb er es nie in die NHL gebracht, bei seinen Anlagen und seiner Postur, 1,85 Meter und fast 100 Kilo. Phoenix draftete ihn 2001 in der dritten Runde, für die damaligen Begebenheiten war das sehr früh.
Aber für Forster wirkte die NHL wie ein ferner, mysteriöser Planet. Er sagt: «Im April 2001 war ich an der U-18-WM in Finnland. Wir hatten ein sehr starkes Team und schafften es bis in den Final. Der Agent von Severin Blindenbacher fragte mich, wer eigentlich mein Berater sei. Ich hatte aber keinen. Der konnte das fast nicht glauben, er sagte ganz aufgeregt, ich müsse mich sofort für den NHL-Draft anmelden. Also musste ich auf einem finnischen Polizeiposten eine Beglaubigung organisieren. War alles sehr schräg. Aber der Draft war ein cooles Erlebnis. Die Coyotes gehörten damals Wayne Gretzky, der hat uns dann zum Abendessen eingeladen. Ich hatte keine Ahnung von der NHL. Und dann stehe ich mit 18 da und Gretzky schüttelt meine Kelle. Was will man noch mehr?».
Zu einer Vertragsunterschrift in Übersee kommt es nie, aber Forster sagt, er trauere Übersee nicht nach. Er wisse nicht, ob er sich dort hätte entfalten können. Er, der im beschaulichen Herisau gross wurde.
In Biel nahm Forster einst den heutigen NHL-Verteidiger Janis Moser unter seine Fittiche
In der Schweiz dagegen kam Forster durchaus herum. Seit sieben Jahren spielt er für Biel, nachdem der HCD ihn mit der Kündigung einer Vertragsoption verärgert hatte. 2017 war Biel noch nicht wachgeküsst, der Klub hatte seit 27 Jahren keine Play-off-Serie mehr gewonnen. In den ersten Interviews sprach Forster vom Ziel Meistertitel – und wurde dafür intern gerüffelt. Er sagt: «Es hiess: ‹Das kannst du nicht sagen, wir sind hier in Biel.› Und ich dachte: Ja, na und? Das war eine meiner wichtigsten Aufgaben hier: Das Denken zu verändern, die Mentalität. Wir haben in jeder Hinsicht einen gewaltigen Weg hinter uns.» Beinahe hätte Forster die ultimative Genugtuung erfahren: 2023 war Biel gegen Genf/Servette nur einen Sieg vom Meistertitel entfernt.
Doch Forsters Bedeutung für den EHC Biel kann unabhängig von den Resultaten kaum hoch genug eingeschätzt werden. Er nahm in dieser jungen, unerfahrenen Organisation eine Führungsrolle ein. Und wurde zum Vorbild, etwa von Janis Moser, dem heutigen NHL-Verteidiger, über den Forster sagt: «Er war ein lernbegieriger, aufmerksamer junger Spieler. Wir haben uns schnell verstanden, weil wir das Spiel ähnlich sehen. Wir haben viel zusammengearbeitet, er hat sich die Aspekte, die für ihn wertvoll sind, rausgenommen. Ich bin sehr stolz auf seine Entwicklung.»
Auch zukünftig wird Forster mit jungen Verteidigern arbeiten: Er bleibt Biel nach dem Karriereende als Assistenztrainer erhalten. Für den Spieler Forster jedoch könnte der letzte Vorhang an diesem Wochenende fallen. Am Freitag absolviert er seine 237. Play-off-Partie, er ist längst alleiniger Rekordhalter; vielleicht wird es seine Dernière: In der Viertelfinalserie gegen die ZSC Lions liegt Biel 0:3 zurück, bei der nächsten Niederlage verabschiedet sich das Team in die Ferien und Forster in den Ruhestand. Er wird fehlen.