Der krasse Aussenseiter verliert den entscheidenden Halbfinal-Match gegen den Lausanne HC 6:2 Damit fehlt nur noch ein Halbfinalist.
Man hat geträumt im Emmental, geträumt von den späten 1970er-Jahren, als der SC Langnau im Schweizer Eishockey eine Macht gewesen war. 1976 hatten die Emmentaler ihren bisher einzigen Titel gewonnen, später lieferten sie dem SC Bern und dem EHC Biel eine Art kantonal bernische Meisterschaft mit nationaler Beteiligung. 1977 und 1978 hatten sie die Meisterschaft jeweils auf Platz 2 beendet. 1978 schienen sie auf dem besten Weg, den Titel erneut zu gewinnen. Der Pokal stand in der letzten Runde bereits in der Ilfis-Halle. Doch dann entrissen die Bieler diesen Langnau noch und der Liga-Direktor musste im dichten Schneetreiben zur Pokalübergabe vom Emmental ins Seeland eilen.
Grubauer, Meyer, Lehmann, Wüthrich, Schenk, Berger, Horisberger, Bohren oder Hutmacher. Die Spieler jenes Meisterteams gehören im Emmental bis heute zur Schuldbildung jedes einigermassen stolzen Emmentalers. Der damalige Spielertrainer Jean Cusson, ein Kanadier, der sich den Respekt des einheimischen Publikums nicht nur auf dem Eis, sondern im Sommer auch beim Wildheuen an den steilen Hängen des Tals verdiente, sagte vor der Saison im Lokalblatt «Unteremmentaler»: «Es macht keinen Sinn, nach dem letztjährigen dritten Rang mit verbessertem Spielermaterial einen dritten Platz als Ziel auszugeben. Wir wollen auf den Titel los steuern. Das heisst aber noch nicht, dass wir die Meisterschaft gewinnen. Ich glaube, unsere grösste Schwäche ist die, dass unsere Mannschaft keine eigentlichen Schwächen aufweist.»
Im Geiste eines legendäre Geistlichen
Es waren stolze und auch selbstbewusste Worte, die heute im Emmental niemand mehr in den Mund nehmen würde. Peter Jakob, der Präsident und Förderer des Langnauer Tigers, sagte vor dem Beginn der Viertelfinalserie, mit dem Erreichen der Play-offs habe man wohl ein Maximum aus den Möglichkeiten herausgeholt. «Wir haben sportlich und auch wirtschaftlich nicht mehr viel Spielraum. In der Aviatik würde man sagen: Wir haben die Reiseflughöhe erreicht.» Der Klub spielt regelmässig vor ausverkauften Rängen, die Auslastung der Arena beträgt 97 Prozent. Ein ganzes Thal fühlt sich als Tiger.
Es ist diese Bescheidenheit und Zurückhaltung, die man an den Emmentalern so schätzt. Dass man, Angeber, «Plagöries» wie man das im Emmental nennt, nicht mag, weiss man aus der Prosa des Emmentaler Pfarrers Albert Bitzius, der unter seinem Pseudonym Jeremias Gotthelf und als Volksschriftsteller landesweite Bekanntheit erlangte. Bis zu seinem Tod verfasste er neben Büchern als Journalist rund 150 meist ungezeichnete Zeitungsartikel, in denen er politische, wirtschaftliche und soziale Themen behandelte und Missstände geisselte. Tragende Werke von Gotthelf waren etwa «die schwarze Spinne, Geld und Geist, Anne Bäbi Jowäger oder natürlich Ueli der Knecht, der als Film auch zum cineastischen Kulturgut der Schweiz wurde. Die Essenz von Gotthelfs Werk sind immer Bescheidenheit und Demuth.
Eben diese haben die SCL Tigers in den vergangenen zehn Tagen im Viertelfinal gegen die weit besser besetzten Lausanner bis in ein siebentes Spiel getragen. Langnau schnupperte als krasser Aussenseiter an der Sensation, welche die Halbfinal-Qualifikation gegen den Qualifikationssieger gewesen wäre. Doch im siebenten Spiel erlitten diese Langnauer Hoffnungen bösen Schiffbruch. 2:6 unterlagen die Tigers dem Favoriten. Die Schussbilanz lautete 10:56 Schüsse. Eine echte Chance hatten sie in diesem Spiel 7 nie. Bereits nach knapp fünf Minuten führten die Waadtländer 2:0 und machten die Aufgabe für ihren Gegner nahezu unlösbar. Trotzdem dauerte es bis ins Schlussdrittel, ehe die Langnauer völlig auseinanderbrachen und noch vier Treffer erhielten.
Damit endete seine Saison am Dienstagabend mit einer leisen Enttäuschung. Doch die wird sich bald schon legen. Erstmals seit sieben Jahren hatten sich die Emmentaler wieder für die Play-offs qualifiziert. Der Coach Thierry Paterlini hat das Team in seiner zweiten vollen Saison an der Bande merklich gefestigt. Der grosse Rückhalt war der Torhüter Stéphane Charlin, der im Januar verletzt ausfiel, ohne dass sein Mannschaft danach auseinander gefallen wäre.
Charlin kehrte für die letzten beiden Partien ins Tor zurück. Nun verlässt er das Emmental und kehrt wahrscheinlich zu seinem Stammklub Genf/Servette zurück, falls er nicht noch ein Angebot aus Übersee erhält. Seine Saison dürfte im Kreise des Nationalteams an der WM in Dänemark und Schweden eine Fortsetzung finden. Dazu tritt Pascal Berge zurück. Er war 2017 als Meister vom grossen Rivalen aus Bern gekommen und schaffte es inner kürzester Zeit, dank seiner Erdverbundenheit zum Publikumsliebling zu werden. Nach dem Match forderte er den Anhang über das Fernsehen auf:« Chömmet, itz trinke mir zäme no äs Bier.»
Ein Abschied ohne Trauer: Es geht weiter
Typen wie Charlin und Berger werden in der kommenden Saison fehlen. Doch in Langnau verabschiedet man sie ohne Trauer. Man weiss, jeder im Team ist ersetzbar. Der Sportchef Pascal Müller sagt: «Wir sind in den letzten Jahren als Team zusammengewachsen und haben uns auch bei unseren Konkurrenten Respekt verschafft. Langnau ist heute ein Ort, wo man gerne hin wechselt.» Als neuer Spieler stösst der finnische Weltmeister und Olympiasieger Hannes Björninen auf die kommende Saison zum Team. Luca Boltshauser und Robin Meyer werden das Torhüter-Duo bilden. Der 24-jährige Meyer kommt vom B-Meister Visp, mit dem er am Dienstag in Basel die Swiss League gewonnen hat. Zumindest für ihn geht die Saison noch weiter.
In der National League stehen drei von vier Halbfinalisten fest. Lausanne folgte dem HC Davos und den ZSC Lions. Bern und Fribourg-Gottéron komplettieren am Mittwochabend das Feld. Drei dieser vier Teams gehören zu den Titanen der Liga und haben schon mehrere Titel gewonnen. Und doch: Teams wie die SCL Tigers sind das Salz, welche diese Suppe geniessbar und auch attraktiv machen.