Er war überzeugt, dass Friede nur möglich sei, wenn Nazideutschland ganz besiegt sei: Die Journalistin Franziska Augstein hat Winston Churchill eine hervorragende Biografie gewidmet.
Wer sich an eine Monografie über Winston Churchill (1874–1965) wagt, muss vorher eine gewaltige Leseleistung erbringen. Der Mann war, wie die Angelsachsen sagen, «larger than life». Member of Parliament während sechs Jahrzehnten, Vorsteher von acht verschiedenen Ministerien, zweimal Premierminister (1940–1945 und 1951–1955), Verfasser eines Œuvres, das umfangreicher ist als das von William Shakespeare und Charles Dickens zusammen – und, und, und.
Entsprechend monumental ist auch die Literatur über den britischen Kriegspremierminister. Allein die offizielle, von Churchills Sohn Randolph begonnene Biografie ist mit acht Text- und dreiundzwanzig Dokumentenbänden von je über tausend Seiten erschlagend. Nicht zu reden von über tausend Monografien und etlichen tausend weiteren Sachbüchern über einzelne Aspekte von Churchills Leben. Mehr als 90 Prozent dieser Fachliteratur sind in englischer Sprache publiziert.
Genau da liegt Franziska Augsteins erstes Verdienst: In den letzten drei Jahrzehnten gab es keine deutsche Churchill-Biografie, die es punkto Quantität und Qualität mit diesem Buch aufnehmen könnte. Wer von Churchill und seiner Zeit wenig Ahnung hat, ist nach der Lektüre dieses Buchs umfassend im Bild über das lange, epochenübergreifende Leben Churchills, das vom viktorianischen British Empire in seiner grössten Ausdehnung bis zum Little England reichte, zu dem das Land schliesslich wurde – gebeutelt vom Zweiten Weltkrieg und dessen gravierenden finanziellen Auswirkungen.
Fast wie eine Tochter
Augsteins Buch liest sich wie ein Roman. Winston Churchill entsteigt den Seiten fast wie in einem guten Spielfilm. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass die Historikerin mehrere Jahre in Grossbritannien gelebt hat und die Engländer mit ihren Besonderheiten bis hin zur Schrulligkeit mag. Diese Sympathie für die Briten geht aber nie auf Kosten der kritischen Distanz.
Dass Franziska Augstein von der britischen Lebensart geprägt wurde, zeigt auch die Feinheit ihres Humors. Sie leistet sich den einen oder andern Sarkasmus, etwa wenn sie Churchills Leibarzt, Lord Moran, als «Plaudertasche» bezeichnet oder Boris Johnson als «schrägen Vogel» – im Grunde ja ein mildes Urteil. Meist kommt die Ironie als feiner Stich mit dem Florett daher, wie etwa beim berühmten «Monty»: «General Bernard Montgomery war sportlich schlank, aber so selbstbewusst und aufgeblasen, dass manche sich wunderten, warum nicht die Knöpfe von seiner Uniform absprangen.»
Bemerkenswert ist allerdings auch die Perspektive, aus der das Buch verfasst wurde: «Als Frau habe ich über einen Mann aus einer patriarchalen Welt geschrieben», hält Augstein fest. Und weiter: «Mit der Zeit habe ich ein fast töchterliches Verhältnis zu ihm entwickelt. Und ich habe ihn studiert, wie eine jüngere Sekretärin ihren Chef beobachtet, den Politiker Winston Churchill, der schnell einmal explodiert, aber kurz darauf um Entschuldigung bittet. Die historiographische Formel dafür ist ‹einfühlendes Verstehen›.»
Trotzdem schenkt die Autorin Churchill nichts. In seinem langen politischen Leben hat er zahllose Fehler gemacht, die in diesem Buch allesamt beschrieben sind: die missglückte Landeoperation in Gallipoli im Ersten Weltkrieg beispielsweise, die Abertausende von Toten forderte und für die Churchill als Marineminister die Verantwortung trug. Oder die desaströse Bilanz der schlecht organisierten Marine in den Kriegsjahren 1939 und 1940. Dies eingestanden, landet man am Ende gleichwohl bei der Tatsache, die der damalige NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher formulierte: «Winston Churchill hat 1940 Europa gerettet.»
Der Wille zum Siegen
Dieser Leistung, dem unbedingten Willen zum Durchhalten und der Überzeugung, dass Friede in Europa nur möglich sei, wenn Nazideutschland ganz besiegt sei, zollt auch Augstein Respekt. Sie stellt sich aber genauso Churchills Schattenseiten in aller Offenheit: dem Problem seines Imperialismus und Rassismus. Churchill war strikt dagegen, Indien mehr Autonomie zuzubilligen, obwohl dies auch unter Konservativen mehr und mehr gefordert wurde. Mahatma Gandhi schmähte er respektlos als «halbnackten Fakir». Auch in diesen Punkten versteht Augstein Churchill allerdings als Kind seiner Zeit. Einer Zeit, in der es von Königin Viktoria bis zum Kumpel in der Kohlegrube jedermann völlig normal fand, dass Weisse über fremde Völker in anderen Erdteilen herrschten.
Gibt es etwas Kritisches anzumerken? Kaum. Franziska Augstein hat sich nur wenige, kleine Ungenauigkeiten geleistet. So fuhr der junge Churchill durchaus selber Auto, und dies auf üble Art. Er war am Steuer ein Rowdy. Der Diamond-Rush in Südafrika fand auf britischem Territorium (Kapkolonie) statt, nicht in der Burenrepublik Oranje-Freistaat. Und schliesslich hätte man gerne ein paar Seiten mehr gelesen über die Battle of Britain (1940/41) und über die Operation Overlord, die Landung in der Normandie vom 6. Juni 1944. Beide gehörten zu den wichtigsten Schlachten der Weltgeschichte.
«In diesem Buch wird erzählt, wie Churchill die Welt sah und wie die Welt auf ihn. Ob mir das gelungen ist, mögen die Leserinnen und Leser entscheiden», schreibt die Autorin in ihrem Vorwort. Die Antwort ist klar. Franziska Augstein ist eine akribische Geschichtsschreiberin, ordnet das Dargestellte stets in einen grösseren Kontext ein und versteht es, die Charaktere der Protagonisten eindringlich zu zeichnen. Mit diesem Buch ist ihr die perfekte Balance zwischen empathischem Verstehen und nüchterner Distanz gelungen.
Franziska Augstein: Winston Churchill. Biografie. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2024. 624 S., Fr. 44.90.