Wer sich in Basel mit Pferdesport beschäftigt, kommt nicht am Mäzen Thomas Straumann vorbei. Seine Familie verknüpft die Lust an der Innovation seit Generationen mit dem Sport – höchst erfolgreich.
250 Pferde, 6 Tonnen Stroh, 6 Tonnen Heu und 1400 Ballen Späne – Basel wird diese Woche zum Zentrum des Pferdesports. Für den Weltcup-Final im Springreiten, in der Dressur und im Voltigieren reisen grosse Delegationen aus der ganzen Welt an; ein japanischer Reiter kommt allein mit zwanzig Leuten.
Genau dieses Spektakel suchte Thomas Straumann, als er sich vor ein paar Jahren fragte: Was können wir in Basel noch erreichen? Vor fünfzehn Jahren hatte er den heutigen CHI Basel ins Leben gerufen, an der Premiere zog sein Team in der St.-Jakobs-Halle noch Vorhänge über die Zuschauertribüne, weil die Halle so leer war.
Wenn Straumann heute an diese Zeit denkt, schmunzelt er. Denn der Wettbewerb hat sich schnell etabliert und zählt heute, wie angestrebt, zu den wichtigsten und bestdotierten Hallenturnieren der Welt. So suchten der Mäzen und sein CHI-Team nach einer zusätzlichen Herausforderung. Und fanden sie im Weltcup-Final – dem grössten Turnier, das in der Basler Halle möglich ist. Das gefällt dem Unternehmer, der mit dem Zahnimplantat-Hersteller Straumann und der Orthopädie-Firma Medartis zum Milliardär wurde. Macht ihm etwas Freude, will er es weiterentwickeln. Seit fünfzehn Jahren gleicht er auch das Defizit des CHI Basel aus, um bei der Qualität, etwa der Infrastruktur, keine Kompromisse eingehen zu müssen.
Thomas Straumanns Engagement für den Pferdesport kommt nicht von ungefähr. Er wuchs im Oberbaselbiet mit Pferden auf, ritt selbst, vor allem zum Vergnügen. Den Ehrgeiz sparte er sich für den unternehmerischen Teil seines Lebens auf. Heute führt er mit zweien seiner Töchter wieder einen Reitbetrieb, jenseits der Grenze Basels, in der Nähe von Lörrach. 60 Pferde und 23 Bedienstete halten Straumann auf Trab, er organisiert den Betrieb, hilft aber auch bei der Ausbildung oder im Stall. «Ich muss von Pferden umgeben sein, sie geben mir viel», sagt Straumann. Selbst reitet er allerdings nicht mehr. Er blieb bisher unverletzt, «und mit 60 noch vom Pferd zu fallen, wäre nicht gut».
Seit Generationen verbinden sich in der Tüftlerfamilie Straumann Beruf und Sport. Den Anfang machte Thomas Straumanns Grossvater Reinhard. Er erforschte Metalllegierungen für die Uhrenherstellung und war zugleich ein leidenschaftlicher Skispringer. Nach einem schweren Sturz begann er im Spital, das Profil von Sprungschanzen zu analysieren, führte Berechnungen durch und schenkte der Baselbieter Gemeinde Langenbruck ein Skisprungzentrum. Seine eigenen Knochenbrüche brachten ihn auch auf die Idee, über die Zusammensetzung des Knochens nachzudenken. Sein Sohn Fritz verknüpfte später die nicht korrodierende Legierung aus der Uhrenindustrie mit Implantaten, die bei Knochenbrüchen verwendet werden.
Als Fritz Straumann relativ jung starb, führten die vier Kinder das Unternehmen zunächst gemeinsam weiter. Sie verkauften den Orthopädie-Teil; der gelernte Feinmechaniker Thomas Straumann richtete die Firma neu aus, spezialisierte sie auf Zahnimplantate und machte sie zum globalen Marktführer. Zusätzlich gründete er mit Medartis noch eine Firma für Implantate für Knochen-Verbindungen wie Platten oder Nägel. Und auch die Verbundenheit mit dem Skispringen blieb bestehen. Seine zwei ältesten Söhne sprangen, zudem führte er für lange Zeit die Windkanal-Tests für die Skispringer weiter, die sein Grossvater einst initiiert hatte. Dabei entstand eine weitere Verknüpfung: Das Entwicklungsteam von Medartis erfand für Simon Ammann die Skibindung mit dem gebogenen Bindungsstab, die vor fünfzehn Jahren für Furore sorgte.
Tochter Géraldine springt mit dem Ziel Olympia 2028
Im Pferdesport sind die Verknüpfungen mit Thomas Straumanns Beruf nicht ganz so eng. Doch auch hier gibt es Verbindungen: So wurde ein Medartis-Implantat aus der Handchirurgie erfolgreich weiterentwickelt, damit es bei einem Pferdebein eingesetzt werden kann. Vor der Neuausrichtung hatte die Firma Straumann auch Knochenplatten oder Schrauben für die Unfallchirurgie bei Pferden hergestellt. «So eine Veterinärlinie würde ich gerne wieder aufbauen», sagt Straumann.
Dass eines seiner fünf Kinder beruflich in seine Fussstapfen tritt und etwa ein VR-Präsidium oder den CEO-Posten anstrebt – danach sieht es zurzeit nicht aus. «Bei börsenkotierten Unternehmen sind die Anforderungen heute dermassen hoch, dass sie einen ganz anderen Weg einschlagen müssten», sagt Straumann. «Aber ich habe ihnen immer gesagt: ‹Ich habe keine Erwartungen, das ist euer Leben.› Sie sollen das machen, was ihnen Freude macht.» Ein Sohn ist bei Medartis im Controlling tätig, einer ist Landwirt. Und die Tochter Flaminia, einst eine ambitionierte Reiterin, ist beim CHI Basel engagiert. Straumann selbst sitzt in seinen Firmen im Verwaltungsrat und besitzt bei Straumann 16 Prozent der Aktien, bei Medartis knapp 48 Prozent.
Grossen Ehrgeiz zeigt Straumanns jüngste Tochter, Géraldine: Die 20-Jährige gehört zum Kader der Jungen Reiter, hat im vergangenen Jahr die ersten Weltcup-Punkte gesammelt und wurde auch schon für den Nations Cup aufgeboten. Zurzeit lebt sie mit ihren Pferden, die alle in Familienbesitz sind, in Dänemark, um weiter Fortschritte zu machen. Ihr Ziel sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.
In Basel werden die Reiter von zusätzlichem Fachpersonal beobachtet
Währenddessen tüftelt ihr Vater in Basel daran, wie er das Interesse der Zuschauer am Reitsport wecken kann. «Der Pferdesport steht unter Beobachtung, und das berechtigt», sagt Straumann. «Wir müssen verstehen, weshalb das so ist, und etwas dagegen tun.» Immer wieder schockierten in den vergangenen Jahren Videos, die zeigten, wie Weltklassereiter ihre Pferde misshandelten; die Dressur-Olympiasiegerin Charlotte Dujardin verpasste die Sommerspiele in Paris 2024 etwa gesperrt. Für den Weltcup-Final in Basel arbeiten die Veranstalter deshalb mit der Organisation R-haltenswert zusammen, die sich ethischen Standards und der Nachhaltigkeit im Pferdesport verschrieben hat.
Um auf den Abreitplätzen kein Fehlverhalten zu übersehen, wird dort etwa zusätzlich zu den Stewards des Weltreiterverbands (FEI) weiteres Fachpersonal die Reiter beobachten – und sie, wenn nötig, der FEI melden. Straumann versteht die Massnahme als ersten Schritt in Richtung eines Dialogs zwischen allen Parteien – von den Reitern über die Sponsoren bis hin zum Weltverband, von dem er sich wünscht, dass die Reglemente so strikt ausgelegt werden, dass die heutige Grauzone verschwindet. «Es ist ein langer Weg dahin.»
Im Hinblick auf die Zukunft und die weitere Entwicklung des Pferdesports unterstützt die Familie Straumann auch den Schweizer Reitnachwuchs, das Projekt der Swiss Equestrian Talents. Diese werden neben dem Reiten auch in Stall-Management, Mentaltraining oder eben in ethischem Verhalten ausgebildet. Einige dieser Talente erhalten diese Woche beim Weltcup-Final die Gelegenheit, sich an einer U-25-Prüfung zu zeigen.
Und wer weiss, vielleicht starten sie dereinst gar an einem Championnat in der Schweiz. Denn Thomas Straumann liebäugelt schon jetzt damit, wieder eine grössere Veranstaltung in die Schweiz zu holen – noch bevor der Weltcup-Final überhaupt vorbei ist.