Im April hat die Migros die Verantwortung für die hiesigen Baumärkte an die deutsche Zentrale abgegeben. Der CEO Sebastian Gundel sagt, was er in den Läden ändern möchte und was Heimwerker in Deutschland und der Schweiz unterscheidet.
Eine App hat Sebastian Gundel immer offen: jene mit dem 16-Tage-Wetter-Trend. Gundel ist Chef der deutschen Obi-Gruppe mit über 600 Baumärkten in zehn europäischen Ländern. Er weiss: Seine Firma macht in den Monaten März, April und Mai 35 bis 40 Prozent ihres Umsatzes. Schlechtes Wetter heisst tieferer Umsatz. «Ich bin froh, dass es von Zürich über Berlin bis nach Warschau 17 Grad sind.»
Gundel ist gerade in der Schweiz, weil Obi diese Woche von der Migros die Kontrolle über die Baumärkte übernommen hat. Bisher führte der Schweizer Detailhändler diese als Franchise. Von jetzt an verantwortet die Zentrale die zehn Märkte und eine Filiale, die noch im Bau ist, direkt. Zudem hat sich Gundel noch die zwei grössten Geschäfte der Migros-Tochter Do it + Garden gesichert.
Wirklich eine Wahl hatte Gundel nicht: «Die Alternative wäre gewesen, dass ein Konkurrent die Märkte übernommen hätte. Aber es war keine Option für uns, das Land zu verlieren.»
Die Schweizer basteln gerne
Ändern wird sich zunächst einmal wenig. Sämtliche 650 Mitarbeitenden haben dem neuen Arbeitsvertrag bei der Obi-Gruppe zugestimmt. Der Lohn bleibt vorderhand gleich. Gundel will aber nach und nach das Sortiment anpassen. Er sagt: «Die Schweizer basteln lieber als die Deutschen.» Entsprechend wird Obi die Kreativ- und Deko-Abteilung ausbauen, wie sie bei anderen Anbietern bereits besteht – aber auch das Bauzubehör und das Handwerker-Geschäft.
Ein weiterer Unterschied zu Deutschland: «Schweizer lassen auch gerne mal den Handwerker kommen.» Im Branchen-Slang spricht man von Do-it-for-me – im Gegensatz zu Do-it-yourself. Im Heimwerkerland Deutschland ist der Anteil der Arbeiten, welche sich die Leute selber zutrauen, deutlich höher.
In der Schweiz greifen die Konsumenten weniger zum Werkzeug, engagieren also öfters einen Fachmann. Obi möchte deshalb vermehrt mit Partnerfirmen zusammenarbeiten. Diese verbauen dann der Kundschaft zum Beispiel den gekauften Pool.
Pflanzen, Zement oder Steine sind nicht online-tauglich
Klar ist, dass sich die Betreiber von Baumärkten etwas einfallen lassen müssen. Denn auch Heimwerker kaufen heute im Internet ein. Der Migros-eigene Online-Händler Galaxus krönte sich vor zwei Jahren selbst zum grössten Baumarkt in der Schweiz und pries ein Sortiment von 500 000 Produkten an. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Obi-Markt verfügt über 40 000 bis 60 000 Artikel.
Mit chinesischen Online-Plattformen wie Temu ist weitere Konkurrenz erwachsen, wo Akku-Schrauber für unter 10 Franken bestellt werden können. Gundel sagt, die «Tiefpreis-Produktschwemme aus Asien» sei tatsächlich ein Problem. Gerade solche Geräte kauften viele im Netz, denn sie seien überall vergleich- und verfügbar.
«Aber die ‹Dreckig-schmutzig-schwer-Produkte› kauft niemand im Online-Handel, die holt man noch immer im Baumarkt ab.» Will heissen: Pflanzen, Zement, Spanplatten oder Steine.
Aber das alleine reicht noch nicht, um den Betrieb eines ganzen Markts zu rechtfertigen. Das Coronavirus hatte dafür gesorgt, dass die Leute statt in Ferien in den Hausumbau oder in die Verschönerung des Gartens investiert haben. Doch diese «Sonderkonjunktur», wie Gundel sie nennt, ist schon länger vorbei.
Der Manager sieht einen Verdrängungswettbewerb in der Branche, weil die Umsätze nicht steigen, die Fixkosten aber schon. Er rechnet deshalb mit einer Marktbereinigung.
Umsätze der Baumärkte sind gesunken
2024 hat der Schweizer Do-it-yourself-Handel ein Umsatzvolumen von über drei Milliarden Franken erreicht. Die Marktentwicklung war aber das dritte Jahr in Folge negativ.
Ins Bild passt, dass die Migros ausser für die beiden grössten «Do it + Garden»-Filialen keinen Käufer gefunden hat. Mit der Schliessung der restlichen 31 Läden fällt jetzt zwar ein Mitspieler weg. Inwieweit Obi dadurch Kunden gewinnt, ist allerdings fraglich.
Denn die Migros hatte ihre Do-it-Geschäfte in der Regel nicht in die Nähe der – bis im März von ihr selber betriebenen – Obi-Märkte gestellt, um diese nicht zu kannibalisieren. Gut möglich, dass Konkurrenten wie die Coop-Tochter Jumbo, Landi oder andere Baumärkte stärker profitieren.
Auch nach dem Verschwinden der Do-it-Filialen stellt sich die Frage, ob es in der Schweiz zu viele Baumärkte gibt. Zwar hat Landi mit deutlich kleineren Läden diese seit 2015 von über 300 auf 270 reduziert. Die Akteure mit den grossflächigen Märkten haben hingegen die Anzahl Läden erhöht. Obi wird bald drei Filialen mehr haben als vor zehn Jahren. Hornbach hat seit 2015 zwei, Bauhaus einen Laden dazu gebaut.
Beratungsgespräche von zu Hause aus
Ein Obi-Markt hat durchschnittlich 10 000 Quadratmeter. An der Grösse der Filialen soll sich vorerst nichts ändern, sagt Gundel. Er kann sich aber vorstellen, den Platz künftig anders zu nutzen. «Statt 20 Parkettböden anzubieten und von jedem 50 an Lager zu haben, könnten wir auch 50 Parkettböden zeigen, die wir vielleicht nicht in grossen Mengen an Lager haben, aber bestellbar sind.»
Aber Gundel sagt auch: «Die Stärke des Baumarktes bedeutet für die meisten Leute immer noch: Ich fahre hin, und ich finde alles.» Alles ausser das Personal, denkt sich wohl manch ein Kunde. «Da ist etwas Wahres dran», sagt Gundel. Entschärfen will Obi das Problem mit einer App, welche die Kundschaft mit den Angestellten in der Filiale verbindet. Damit wären zu Hause eine Fortsetzung des Ladengesprächs oder Videoberatungen möglich. Welche Bedeutung solche Lösungen dereinst haben werden, ist unklar. Bei anderen Fachhändlern hielt sich der Erfolg bisher in Grenzen.
Gundels Ziel jedenfalls ist klar: Die Obi-Gruppe will weiter wachsen. Noch sind die Deutschen hierzulande grössenmässig weit von Jumbo entfernt, die nach einem Rückgang im Jahr 2024 noch eine Milliarde umgesetzt hat. Die zehn Schweizer Obi-Märkte kamen derweil auf 213 Millionen Franken, also rund 20 Millionen Franken pro Filiale. Mit den drei neuen Läden dürfte der Umsatz bei etwa 260 Millionen Franken landen. Das Ziel: 300 Millionen.
Was stets hilft: gutes Wetter. Gundel weiss es mit 16 Tagen Vorlauf.