Zum zweiten Mal in Folge unterliegt Gottéron dem SC Bern im Play-off-Viertelfinal nach Verlängerung. Es wäre erstaunlich, könnte sich das Team des Trainers Lars Leuenberger nach diesen Nackenschlägen noch einmal aufrichten. Aber: Die Perspektiven stimmen.
Als der sechste Akt dieses spektakulären Play-off-Dramas vorbei war, trat der junge Gottéron-Stürmer Kevin Nicolet vor die Mikrofone und sagte: «Macht nichts, jetzt reagieren wir halt am Mittwoch in Bern».
Nicolet ist erst 22, und damit in einem Alter, in dem man sich mit der Unbeschwertheit der Jugend praktisch alles einreden kann. Aber auch er wird wissen, dass «macht nichts» als Reaktion auf die Geschehnisse des Montagabends nur eines ist: Realitätsverweigerung.
Denn Gottéron zeigte eine starke Reaktion auf zwei zuletzt fade Auftritte. Die Mannschaft des Trainers Lars Leuenberger war das bessere Team. Und profitierte auch davon, dass der SC Bern förmlich um das Saisonende bettelte – jedenfalls wirkte es zwei Drittel lang so, als wären die Spieler des Favoriten nicht abgeneigt, sich ab dem Wochenende irgendwo in der Karibik sonnen zu können. Nach 40 Minuten hatten die SCB-Akteure acht Zweiminutenstrafen angehäuft, der bisher auffallend selten überzeugende schwedische Verteidiger Hardy Häman Aktell verschuldete zudem einen Penalty. Eigentlich ist es unverzeihlich, sich im Play-off so viele Disziplinlosigkeiten zu leisten. Doch Gottéron verpasste es, den ewigen Rivalen zu bestrafen.
Mit 2:0 führte Freiburg nach sieben Minuten. Aber im Mitteldrittel nutzte der Gastgeber eine doppelte Überzahl nicht. Und letztjährige Liga-Topskorer Marcus Sörensen verschoss den Penalty.
Der SCB-Goalie Philip Wüthrich steht vor dem Abschied – und ist plötzlich wieder die Nummer 1
Es war der Torhüter Philip Wüthrich, der den SCB im Spiel hielt. Er, dessen sehr wechselhafte SCB-Karriere in den letzten Zügen steht. Wüthrich galt einmal als grosser Hoffnungsträger, wurde 2024 aber durch den Schweden Adam Reideborn als Stammgoalie abgelöst. Wüthrich schliesst sich nach der Saison dem HC Ambri-Piotta an und erhielt zum Abschied vom SCB-CEO Marc Lüthi vor einigen Wochen diesen Satz mit auf den Weg: Mit Ausnahme des nach Lausanne wechselnden Liga-Topskorers Austin Czarnik verliere man keinen einzigen Spieler, den der Klub habe halten wollen.
Es gäbe fraglos versöhnlichere Worte zum Lebewohl, aber es spricht für Wüthrich, dass er sich davon nicht hat beirren lassen. Seit Spiel 5 ist er im wilden Goalie-Roulette des Trainers Jussi Tapola plötzlich wieder die Nummer 1. Am Montag war er es, der den Sieg festhielt.
Denn wie schon am Samstag in Spiel 5 lag Gottéron nach 40 Minuten zwar vorne, brachte den Vorsprung aber nicht über die Zeit. In der 71. Minute erzielte Miro Aaltonen den Siegtreffer – jener Finne, der nur darum heute schon für den SCB spielt, weil Kloten seinen Vertrag im Januar nach einer positiven Kokainprobe über Nacht aufgelöst hatte. Die Vorarbeit leistete der Topskorer Waltteri Merelä, es war sein dritter Assist des Abends. Merelä ist gerade daran, in Bern eine Art Volksheld zu werden. Auf der Stehrampe wird man sich noch in zehn Jahren an seinen sehr provokanten Jubel vor der Gottéron-Fankurve erinnern, den er dem Siegtreffer folgen liess.
Noch ist diese Serie nicht entscheiden, klar, aber das im Play-off ad nauseam bemühte Momentum könnte inzwischen nicht deutlicher auf Berner Seite liegen. Man darf das in Freiburg nicht zu laut sagen, aber für Gottéron wäre ein Saisonende am Mittwoch auch deutlich weniger schmerzhaft als für den SCB, der seit 2019 keine Play-off-Serie mehr gewonnen hat.
Denn für Freiburg ist die Spielzeit jetzt schon ein Erfolg: Seit Leuenberger kurz vor Weihnachten den Trainerjob übernahm, hat niemand mehr Spiele gewonnen als Gottéron. Mit dem Triumph am Spengler-Cup endete im Dezember eine beispiellose Durststrecke – es war der erste Titel in 87 Jahren Klubhistorie.
Unabhängig vom Ausgang der Belle vom Mittwoch hat die zweite Meisterschaftshälfte Gottérons fast nur Sieger hervorgebracht – in einem Winter, der nach einem einschneidenden Umbruch als Übergangssaison apostrophiert worden war.
Der Sportchef Gerd Zenhäusern darf für sich beanspruchen, mit der sommerlichen Entlassung von Christian Dubé die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Leuenberger, ab dem Sommer Assistent des mit langer Vorlaufzeit aus Schweden losgeeisten Star-Trainers Roger Rönnberg, hat sich ins kollektive Gedächtnis zurückgerufen. Der Torhüter Reto Berra hat gezeigt, dass er noch immer einer der besten Goalies der Liga ist. Und der schwedische Center Lucas Wallmark bewies erneut, dass Marc Crawford ihn in Zürich verkannte.
29 Heimspiele hat Gottéron in diesem Winter bestritten – alle vor ausverkauftem Haus
Ganz generell ist viel Elan zu spüren um den Kosmos Gottéron herum. Sämtliche 29 Partien in dieser Saison waren ausverkauft – kein anderer Klub erreichte eine Stadionauslastung von 100 Prozent. Es gab Menschen, die sich vor der BCF-Arena acht Stunden lang in eine Schlange stellten, um auch ja ein Ticket für die Play-off-Heimspiele zu ergattern.
Die Zukunft kündigt sich verheissungsvoll an; mit Rönnberg wird bald eine neues Zeitalter eingeleitet. Schon jetzt ist der Schwede bemerkenswert eingespannt – Zenhäusern sagte kürzlich, es gebe kaum einen Tag, an dem er nicht mindestens eine Stunde mit dem aktuell noch bei Frölunda Göteborg beschäftigen Coach telefoniere. Mehrere zukünftige Spieler haben bereits sehr detaillierte Videolektionen erhalten.
Zudem hat Gottéron auf dem Transfermarkt einige Prestigeerfolge feiern können. Im Sommer kehrt der Nationalmannschaftsverteidiger Andrea Glauser, ein verlorener Sohn, aus Lausanne zurück. Und dem EV Zug bescherte Zenhäusern mit dem Engagement zweier Juniorennationalspieler eine herbe Niederlage.
Wenn man das Gesamtbild betrachtet, dann kann man womöglich schon zum gleichen Schluss gelangen wie Kevin Nicolet: «Macht nichts», wenn Gottéron verliert, heute jedenfalls. Denn die Perspektiven stimmen.