Fördergelder für Nachtklubs und Kinos sind eine schlechte Idee. Die Behörden können Besseres für das Gewerbe tun.
Zürich ist eine Partystadt, heute mehr denn je: 100 000 Gäste besuchen die Betriebe des Nachtlebens an einem durchschnittlichen Wochenende. Das macht, aufs Jahr gerechnet, rund 7 Millionen Menschen. Im Vergleich zu früheren Statistiken verzeichneten die Klubs steigende Besucherzahlen.
Dennoch blicken die Betreiber der Bars und Nachtklubs mit Sorge in die Zukunft. Wenn man Alexander Bücheli glauben will, dem Sprecher der Zürcher Bar- und Club-Kommission, dann steht das Ende der Nachtkultur unmittelbar bevor.
Der Grund: Die Gäste trinken immer weniger Alkohol, mit dem die Betriebe früher bis zu 70 Prozent ihres Umsatzes gemacht haben. Wegen des erhöhten Gesundheitsbewusstseins ihrer Gäste stünden die Klubs nun mit Einbussen von bis zu 40 Prozent da. So führte es Bücheli in einem Interview mit der NZZ aus.
Bücheli glaubt zu wissen, was zu tun ist. Er schlägt vor: Weil das Geld der Kunden fehlt, sollen Stadt und Kanton Zürich einspringen. Geht es nach ihm, soll mit Steuergeldern dafür gesorgt werden, dass das Nachtleben in seiner bisherigen Form fortbestehen kann. Die Klubs würden im Gegenzug auch unter der Woche öffnen, Konzerte veranstalten, Gesundheits- und Awareness-Konzepte umsetzen.
Bücheli und die Betriebe des Nachtlebens sind nicht die Einzigen, die nach staatlichen Subventionen rufen. Auch die Zürcher Kinobetreiber fordern Geld aus den Kulturfonds, um ausbleibende Umsätze zu kompensieren. Seit der Corona-Pandemie sind solche Forderungen zu einem Reflex geworden – gleich welcher Art die Schwierigkeiten.
Aus diesen Forderungen spricht die Vorstellung, dass Kulturbetriebe um jeden Preis erhalten bleiben müssen, allein deshalb, weil sie Kulturbetriebe sind und seit langer Zeit bestehen. Doch diese Vorstellung ist selbstgefällig – und falsch.
Lauter weinerliche Behauptungen
Zur Erinnerung: Der Zweck der Kulturförderung besteht nicht darin, die Umsätze von Kulturbetrieben ad infinitum zu sichern. Sondern darin, Kunsträume zu ermöglichen, die es sonst nicht gäbe. Das Ziel ist explizit keine Besitzstandswahrung.
Im Vordergrund stehen traditionellerweise Theater, Museen, klassische Konzerthäuser. Diese Orte sind in ihrem Charakter einzigartig und leisten einen Beitrag zu einem vielfältigen Kulturangebot. Ihr Betrieb ist oft zu kostspielig, als dass sie ohne Subventionen überleben könnten. Deshalb ist es richtig, dass sie zu einem Teil von der öffentlichen Hand finanziert werden.
Wenn sich nun Klub- und Kinobetreiber wegen sinkender Umsätze in eine Reihe mit der Tonhalle (100 000 jährliche Eintritte pro Jahr) und dem Jazzklub Moods (50 000 Eintritte pro Jahr) stellen und behaupten, dass ihnen die gleiche Förderung zusteht, ist das ziemlich weinerlich.
Betrachtet man nur die Bevölkerung der Stadt Zürich, entfallen pro Person und Jahr fünfzehn Besuche in einem Lokal, das von der Bar- und Club-Kommission vertreten wird. Randsparten des kulturellen Lebens, die mit Steuergeldern vor dem endgültigen Verschwinden bewahrt werden müssen, sehen entschieden anders aus.
Das Argument, die Förderstellen täten nichts für Jugendkultur, zieht ebenfalls nicht. Die Stadt unterhält zum Beispiel die Rote Fabrik und das Kulturhaus Dynamo, unterstützt den Provitreff sowie zahlreiche Musikfestivals und Veranstaltungsreihen. Das ist genug.
Der Mainstream braucht keine Subventionen
Einige Nachtklubs bieten hochkarätiges Programm mit internationaler Ausstrahlung. Auch das ist ein willkommener Beitrag zur kulturellen Vielfalt, zur Zürcher Wirtschaft und zum städtischen Tourismus. Das ist wahr.
Wahr ist aber auch: Kulturell bedeutend ist nur eine Minderheit der Klubs. Die allermeisten dieser Lokale sind so ziemlich das Gegenteil von schutzbedürftigen Kulturbetrieben. Sie sind weder klein noch bedroht – sie sind plumper Mainstream. Und der Mainstream braucht keine Subventionen. Er profitiert von einer Mode und ändert sich mit der nächsten. Entsprechend gehen Klubs auf und wieder zu. Diese Dynamik mit Steuergeldern beeinflussen zu wollen, ist lächerlich.
Statt sich kollektiv in selbstmitleidigen Klagen zu ergehen, sollten sich die Ambitionierteren unter den Bar- und Klubbetreibern originelle Angebote einfallen lassen, für die die überdurchschnittlich zahlungskräftigen Zürcherinnen und Zürcher Geld auszugeben bereit sind.
Betriebe dagegen, die bei 7 Millionen potenziellen Kunden pro Jahr keine Gewinne zu erwirtschaften in der Lage sind, sollten in Betracht ziehen, dass der Fehler allenfalls bei ihnen liegt, bevor sie sich mit überrissenen Forderungen an den Staat wenden.
Den Kinos mangelt es an guten Ideen
Auch in den Kinos blieben die Innovationen in den vergangenen Jahren überschaubar. In den Niederlanden oder in Wien gibt es zum Beispiel längst Flatrate-Angebote. Einmal zahlen, das ganze Jahr Filme in ausgewählten Sälen schauen – und das ab 264 Euro. Solche Angebote könnten in Zürich ebenfalls funktionieren.
Doch bei uns kann man von so etwas nur träumen. Hier läuft in allen Sälen mit wenigen Ausnahmen dasselbe Programm – ausser im Xenix und im Filmpodium, die genau dafür schon Fördergelder erhalten.
Und nach dem Film gibt es an den meisten Orten keine guten Möglichkeiten, zu verweilen und Geld auszugeben. Wer in Ruhe den soeben gesehenen Film besprechen möchte, muss dies anderswo tun.
Mag sein, dass die Kinos früher nicht auf solche Zusatzeinnahmen angewiesen waren. Doch dann hat sich die Zahl der verkauften Billette beinahe halbiert. Zu den besten Zeiten um die Jahrtausendwende gingen die Zürcherinnen und Zürcher rund 3 Millionen Mal pro Jahr ins Kino. 2024 waren es noch 1,7 Millionen Mal.
Zahlreiche Kinobetreiber haben es versäumt, sich in dieser Zeit neue Einnahmequellen zu erschliessen. Stattdessen stellen sie Ticketautomaten auf, um Personalkosten zu sparen – was den Charme ihrer Häuser nicht eben steigert.
Steuergelder füllen keine leeren Säle
Fürs Erste ist die Lage nun entschärft. Die Stadt ist eingesprungen: Ende 2023 gewährte sie der Arthouse Commercio Movie AG, die in der Stadt Zürich fünf Kinolokale besitzt, einen Betrag von 322 000 Franken, der Neugass Kino AG, der Inhaberin der beiden Kinokomplexe Riffraff und Houdini, einen von 257 000 Franken.
Erstaunlich daran: Es handelt sich bei diesen Geldern nicht um Kredite wie während der Corona-Pandemie. Sondern um geschenktes Geld.
Die Stadt argumentierte seinerzeit damit, dass es sich um eine «Notlage» handele. Und betonte: Eine Unterstützung von Kinos sei eigentlich nicht vorgesehen.
Deshalb sollten sich die vorerst geretteten Betriebe keinen Illusionen hingeben: Sie müssen der Konkurrenz von Netflix, Amazon, Sky mehr Handfestes entgegensetzen. Sie müssen Wege finden, um mehr Gäste in ihre Säle zu bringen. Sonst sieht es sehr schlecht für sie aus.
Denn weder Stadt noch Kanton werden gewillt sein, den Status quo auf ewig zu finanzieren. Und das ist auch gut so. Denn mit Subventionen kann man Mieten und Löhne zahlen – aber keine leeren Säle füllen. Dafür braucht es gute Geschäftsideen, die sich nach den Bedürfnissen der Kunden richten.
Anders gesagt: Wenn die Zürcherinnen und Zürcher ihre Filme und Serien nun einmal lieber am heimischen Bildschirm verfolgen möchten, dann ist dagegen auch mit Subventionen nichts zu machen.
Bleiben die Eintrittszahlen tief, werden die Kinosäle in Zürich also zwangsläufig weniger. Das mag Nostalgiker traurig stimmen, ist aber eine Realität. Die Konkurrenz um die Freizeit der Konsumenten ist grösser geworden – und diese haben ihr Verhalten verändert.
Das wahre Problem ist die Überregulierung
Trotz alledem können Stadt und Kanton etwas für die Kulturbranche tun. Sie können für gewerbefreundliche Rahmenbedingungen sorgen – etwa indem sie sich mit unnötigen Regulierungen zurückhalten. Wenn Bars oder Restaurants ihren Aussenbereich aufhübschen, braucht die Stadt zum Beispiel nicht gleich die Polizei auf die Gastronomen zu hetzen, wie das vor gut einem Jahr in der Europaallee passiert ist.
Auch bei Baubewilligungen und sonstigen Genehmigungen können die Behörden den Kulturbetrieben entgegenkommen. So dass diese ihre Angebote möglichst unkompliziert an die veränderten Bedürfnisse ihrer Gäste anpassen können.
Ebenfalls muss Zürich eine Antwort auf die Frage finden, wie die fortschreitende Aufwertung mancher Stadtkreise mit den berechtigten Anliegen der dortigen Unternehmen zu vereinbaren ist. Denn die Verwandlung dieser Viertel in stille und grüne Wohn-Oasen bereitet nicht nur den Bars und Nachtklubs ernsthafte Sorgen, sondern dem Gewerbe insgesamt.
Mit einer klugen Wirtschaftspolitik kann die Stadt den Bars, Klubs und Kinos einen wirklichen Gefallen tun, der es möglich macht, dass sich das privatwirtschaftlich finanzierte Kulturleben auch in Zukunft entwickeln kann. Und das ist viel wertvoller als die Konservierung der heutigen Situation mit Subventionen.