Die amerikanische Regierung hat der Welt den Zollkrieg erklärt, auch der Schweiz. Im Interview sagt Martin Hirzel, Präsident des Industrieverbands Swissmem, wie seine 1400 Mitgliedsfirmen damit umgehen, wieso er jetzt China umgarnen will – und was er vom Bund erwartet.
Herr Hirzel, der US-Präsident Donald Trump erhebt auf Produkte aus der Schweiz Zölle von 31 Prozent. Was löste diese Ankündigung bei Ihnen aus?
Es ist sehr enttäuschend, dass gerade ein Land, das den globalen Freihandel entscheidend geprägt hat, ein solches Foul begeht. Zwei Nächte nach Trumps Ankündigung spüre ich jedoch bei unseren Mitgliedern bereits wieder den starken Unternehmergeist. Es erinnert mich an damals nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses. Die Firmen fragen sich: Wie können wir noch bessere und unentbehrliche Produkte herstellen? Gibt es neue Märkte? Wie finden wir pragmatische Lösungen, um die Zölle in den USA zu minimieren oder legal zu umgehen?
Sie vergleichen die Situation mit dem Frankenschock von 2015. Fällt sie unter dieselbe Kategorie?
Dieses Mal sind zum Glück nicht alle Märkte betroffen. Dafür verteuern sich jetzt unsere Produkte in den USA noch stärker. Die Situation ist absurd: Wir werden bestraft, weil wir besser sind als die USA. Die Schweiz ist wettbewerbsfähiger und exportiert deshalb mehr Industriegüter in die USA als umgekehrt. Das hat nichts mit unfairem Handel zu tun.
Wenn Sie eine Einladung nach Mar-a-Lago erhalten würden, was würden Sie Herrn Trump sagen?
Ich würde ihm sagen, dass wir als Musterschüler verschnupft sind. Wir haben sämtliche Industriezölle abgeschafft und ermöglichen amerikanischen Exporteuren freien Zugang zum Schweizer Markt. Zudem sind wir der sechstgrösste Investor in den USA und verstehen uns als «Sister Republic».
All das scheint die neue US-Regierung nicht zu interessieren. Die Zölle wurden auf absurde Weise berechnet: Das Handelsbilanzdefizit der USA wurde durch die Importe aus der Schweiz geteilt und dann halbiert. Sachliche Argumente zählen offenbar nichts. Was kann die Schweiz nun tun?
Den Handelsüberschuss können wir nicht ausgleichen – selbst wenn wir jedes Jahr 36 amerikanische F-35-Kampfjets kaufen würden. Ein Ansatzpunkt könnte unser duales Berufsbildungssystem sein. Wenn Trump wirklich die Reindustrialisierung der USA vorantreiben will, könnte die Schweiz helfen, ein solches System aufzubauen. Es ist entscheidend für eine erfolgreiche Industrie – das wissen wir aus eigener Erfahrung. Fachkräfte mit mechanischer, elektrischer oder elektronischer Expertise sind in den USA kaum zu finden.
Diese Idee ist nicht neu: Das Thema Berufsbildung wurde mit den USA schon vor Jahren unter Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann diskutiert.
Das stimmt. Aber es wäre ein Angebot, das man Trump erneut unterbreiten könnte. Die wirtschaftspolitischen Defizite der USA können wir nicht ausgleichen. Das Land hat die industrielle Basis schlicht vernachlässigt: Es gibt keine amerikanischen Zugbauer, Textilmaschinenhersteller oder nennenswerten Werkzeugmaschinenproduzenten.
Werden Schweizer Unternehmen nun vermehrt in den USA produzieren?
Wenn es wirtschaftlich sinnvoll ist, produzieren Schweizer Firmen bereits heute in den USA. Oft lohnt sich das aber gerade bei Nischenprodukten nicht. Langfristig schaffen sich die USA durch geschlossene Grenzen selbst Probleme: Die Verknappung des Angebots führt letztlich zu einer Verarmung – wie wir es während der Corona-Pandemie gesehen haben.
Könnte Trumps Plan einer Reindustrialisierung dennoch aufgehen? Es scheint, dass einige Firmen durchaus darüber nachdenken, in Zukunft mehr in den USA zu produzieren.
Kurzfristig passiert in der Industrie gar nichts – der Bau eines Produktionswerks dauert drei bis vier Jahre. Bis dahin wird Trump nicht mehr im Amt sein. Unternehmer stellen sich nun höchstens Fragen wie: Kann ich die Endmontage eines Produkts in den USA durchführen lassen, um Zölle zu vermeiden? Aber das führt nicht wirklich zu einer Reindustrialisierung. Als Produktionsstandort werden die USA mit der derzeitigen Politik mit Sicherheit nicht attraktiver. Ein Unternehmer will nicht jeden Morgen schauen müssen, welche Rahmenbedingungen die Regierung heute wieder verändert.
Wie lassen sich die Zölle umschiffen?
USMCA, das USA-Mexiko-Kanada-Abkommen, ist bis jetzt noch intakt und bietet Chancen: Mexiko als Produktionsstandort mit günstigen Fachkräften, Kanada als Rohstofflieferant und die USA als Absatzmarkt. Zudem müssen Unternehmer nun, wie gesagt, prüfen, ob einige ihrer Produkte für die lokale Fertigung in den USA geeignet sind.
Sie haben über 1400 Mitgliedsfirmen. Wie viele haben einen Produktionsstandort in den USA?
Nur ein kleiner Teil davon, vor allem grössere Firmen. Aber auch jene Betriebe, die in den USA produzieren, bleiben von den Zöllen nicht verschont. Gewisse Komponenten stammen vielleicht von einem Werk in China oder aus dem Stammwerk in der Schweiz.
Viele Konkurrenzfirmen der Schweizer Industrie sind in EU-Ländern zu Hause – und wurden mit Zöllen von «nur» 20 Prozent belegt. Was bedeutet das für unsere Wettbewerbsfähigkeit?
Viele unserer stärksten Konkurrenten sitzen tatsächlich in Deutschland, Norditalien und Österreich. Durch die ungleichen Zölle bekommen sie, zusätzlich zum schwächeren Euro, einen weiteren Vorteil. Der Erfolgsfaktor der Schweizer Industrie liegt in Nischenprodukten, Hightech und systemkritischen Komponenten. Jetzt kommt es erneut zur Prüfung: Ist ein Kunde bereit, mehr zu bezahlen für unsere Produkte?
Für welche Branchen und Unternehmen wird es besonders hart?
Grundsätzlich sind fast alle betroffen: klassische Maschinenbauer, Komponentenzulieferer sowie Firmen aus der Elektrotechnik, Sensorik, Photonik und Hersteller von Präzisionsinstrumenten. Firmen mit unentbehrlichen oder zertifizierten Produkten haben bessere Chancen, Zölle weiterzugeben.
Können die absehbaren Verluste im amerikanischen Markt durch andere Märkte ausgeglichen werden?
Die Abhängigkeit von den USA ist begrenzt – nur 15 Prozent unserer Industrieexporte gehen dorthin. Andere Märkte wie China bieten Potenzial; hier brauchen wir eine Aktualisierung des Freihandelsabkommens. Auch die Freihandelsabkommen mit Indien und den südamerikanischen Mercosur-Staaten müssen nun möglichst schnell zu einem Abschluss gebracht werden, das Gleiche gilt für Länder wie Thailand und Malaysia. Und natürlich: für die EU, mit einem Anteil von 55 Prozent an den Exporten der Tech-Industrie der mit Abstand wichtigste Partner. Wir müssen jetzt dringend ein geregeltes Verhältnis mit Europa schaffen – das ist jetzt wichtiger denn je.
Erhalten die Bilateralen III durch Trump Rückenwind?
Die Einsicht wächst, dass verlässliche Handelspartner entscheidend sind. Regelbasierter Handel ist nach dem bösen Erwachen in Bezug auf die USA umso wichtiger. Alle Abkommen, die dies stärken, sind jetzt im Fokus – insbesondere die Beziehung zur EU.
Bis anhin war die Unterstützung der Wirtschaft für die Sicherung der guten Beziehungen mit Brüssel eher lauwarm. Wann ziehen Sie mit Unternehmern wie Peter Spuhler und Michael Pieper auf den Bundesplatz und fordern lautstark die Annahme des Vertragspakets mit der EU?
Euphorie ist tatsächlich wenig spürbar, aber es ist auch einfacher, gegen etwas zu sein als für etwas, das in grossen Teilen schon besteht und gut funktioniert. Die Gegner versuchen, teilweise frei von Fakten, die Bilateralen III abzuschiessen. Swissmem hat sich immer für die Bilateralen ausgesprochen. Aber die Forderungen der Gewerkschaften haben das Engagement der Wirtschaft gebremst: Bei einer Schwächung des liberalen Arbeitsmarkts machen wir nicht mit. Der jetzt vorliegende Kompromiss der Sozialpartner zum Lohnschutz ist für uns akzeptabel, solange er ohne Abstriche auch im Parlament Bestand hat.
Patrons geniessen viel Respekt, besonders in den Regionen, in denen sie aktiv sind. Wieso sprechen sie sich nicht dezidierter für die Annahme des Vertragspakets mit der EU aus?
Sie haben recht, da muss jetzt mehr kommen. Aufgefordert sind sämtliche Firmen, die mehr als 50 Prozent ihrer Produkte in die EU ausführen. Die wegen des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung darauf angewiesen sind, weiterhin von der Personenfreizügigkeit zu profitieren. Die dank einem Stromabkommen ihre Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen sichern wollen. Und die sich mithilfe von Hightech-Produkten im Markt differenzieren und deshalb auf den Wissensaustausch mit Hochschulen im europäischen Ausland angewiesen sind.
Der dritte grosse Wirtschaftsraum neben den USA und Europa ist China. Das Reich der Mitte wirbt damit, weiterhin ein verlässlicher Partner zu sein. Ist nun der richtige Zeitpunkt für eine China-Offensive?
Wir müssen alle Opportunitäten prüfen. Die Schweiz sollte die Chinesen einladen, hierzulande Innovationszentren aufzubauen. China bietet viel im Hightech-Bereich, besonders mit Blick auf die künstliche Intelligenz. Wenn die Amerikaner der ganzen Welt exorbitant hohe Zölle auferlegen, werden sich viele Staaten noch mehr gegenüber den Geschäften mit China öffnen.
Viele Schweizer Industrieunternehmen kämpfen wegen der schwachen Konjunktur in Europa und China bereits mit einer Unterauslastung, manche haben Kurzarbeit eingeführt. Droht nun ein grosser Stellenabbau?
Tatsächlich geht es einer grossen Zahl von Firmen schon länger schlecht. Vor allem der Abschwung in Deutschland hat viele hart getroffen. Aus diesem Grund fordern wir auch eine Verlängerung der maximalen Dauer der Kurzarbeit von 18 auf 24 Monate.
Ist dies das richtige Instrument? Trägt das nicht einfach zur Erhaltung überholter Strukturen bei?
Die Schweizer Industrie hat kein strukturelles Problem. Der Strukturwandel findet in der Schweiz seit Jahrzehnten statt. Wir betreiben keine Industriepolitik, die Industriezölle wurden abgeschafft. Aber die Industrie muss sich an die neue geopolitische Realität anpassen können, und das braucht etwas Zeit. Die Kurzarbeitsentschädigung wird zudem grösstenteils von unseren Firmen und ihren Mitarbeitenden selber finanziert.
Mit wie vielen Stellenverlusten rechnen Sie in den kommenden Monaten?
Das kann ich nicht sagen. Es ist aber nicht die erste Durststrecke, welche die Industrie durchmacht. Allein in den vergangenen zwanzig Jahren gab es mehrere Phasen mit einem Nachfrageeinbruch. Trotzdem beschäftigt unsere Branche mit 330 000 Personen heute mehr Leute als 2005. Wir haben bewiesen, dass wir Jobs, die verschwunden sind, durch neue Arbeitsplätze mehr als kompensieren können.
Trotzdem: Ist es aufgrund der zahlreichen Probleme nicht bloss eine Frage der Zeit, bis sich in der Industrie Entlassungen häufen?
Viele Unternehmen zögerten bisher wegen des Fachkräftemangels, ihr Personal zu verkleinern. Allerdings kämpfen weite Teile der Maschinenbau-, Elektro- und Metallindustrie traditionell mit niedrigen Margen. Dieses Problem verschärft sich gerade. Ein Viertel unserer Mitgliedsfirmen schreibt Verluste. Jeder verantwortungsbewusste Unternehmer überlegt sich in einem solchen Umfeld, ob personelle Anpassungen nötig sind. Die Beschäftigten sind in den meisten Betrieben nun einmal der grösste Kostenblock.
Die Schweiz blieb von Rezessionen und ihren negativen Folgen seit langem verschont. Was entgegnen Sie Leuten, die überzeugt sind, dass auch jetzt keine Arbeitsplatzverluste im grossen Stil zu befürchten sind?
Ich wünsche mir, dass in der Gesellschaft stärker anerkannt wird, was die Unternehmen alles leisten, um den Leuten dieses Gefühl von Sicherheit zu geben. Gerade jetzt. Oft wird es einfach als gegeben betrachtet, dass Arbeitnehmer in der Schweiz von attraktiven Bedingungen profitieren, regelmässige Lohnerhöhungen inklusive.
Zurück zu Trumps Zöllen: Der Bundesrat erklärte, auf Gegenmassnahmen zu verzichten. Begrüssen Sie diesen Entscheid?
Auf jeden Fall. Als Kleinstaat haben wir keine machtpolitischen Mittel. Wir können auch das Handelsbilanzdefizit mit den Vereinigten Staaten nicht ausgleichen. Eine Eskalation bringt niemandem etwas.
Wie soll sich der Bundesrat stattdessen verhalten?
Jetzt ist die Diplomatie gefragt. Die Schweiz braucht schnellstmöglich Zugang zum engsten Umfeld von Präsident Trump. Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter muss in Mar-a-Lago vorstellig werden. Wir müssen unseren Standpunkt erklären und Angebote machen. Staatssekretärin Helene Budliger Artieda hat sich zwar mit allen relevanten amerikanischen Bundesämtern ausgetauscht. Das Problem ist aber, dass Donald Trump nicht mit diesen Ministerien gesprochen hat. Über die Zölle wurde angeblich in seinem innersten Zirkel entschieden.
Hätte eine solche Visite nicht schon längst stattfinden müssen?
Wir haben nichts verschlafen. Selbst Länder wie Indien und Israel, deren Staatschefs mit dem neuen US-Präsidenten offen sympathisierten, wurden von den Zöllen nicht verschont.
Halten Sie es für realistisch, dass der Bundesrat den bisherigen Zollsatz von 31 Prozent noch nach unten verhandeln kann?
10 Prozent sind offenbar das Minimum, das für alle Länder gilt. So gesehen besteht für die Schweiz Spielraum. Allerdings würde ich nicht zu optimistisch sein und meine Geschäftspläne eher nach der Welt ausrichten, wie sie Donald Trump am 2. April skizziert hat.
Martin Hirzel
tsc. · Der 1970 geborene Präsident der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) absolvierte eine kaufmännische Lehre und studierte Betriebswirtschaft. Ab 2000 baute er für Rieter von Schanghai aus das Textilmaschinengeschäft in China auf und leitete später von Brasilien aus die Autosparte in Lateinamerika, dem Nahen Osten und Afrika. Von 2011 bis 2019 war Hirzel CEO von Autoneum. Seit 2021 ist er Präsident von Swissmem und vertritt die exportorientierte Schweizer Industrie. Zudem ist er Verwaltungsrat bei Bucher Industries, Dätwyler und dem Autozulieferer Ronal.