Das Formel-1-Team Red Bull wechselt vor dem dritten Saisonrennen den Fahrer im zweiten Cockpit aus. Das Glück des Japaners Tsunoda ist zugleich ein grosses Risiko – neben Verstappen ist noch niemand glücklich geworden.
Der Glaube der Rennfahrer ist ein einfacher: Hinter jeder Kurve liegt nicht etwa das Risiko, sondern immer die nächste Chance. Für niemanden gilt das beim Grossen Preis von Japan an diesem Wochenende so sehr wie für Yuki Tsunoda.
Innerhalb einer Wochenfrist wurde er vom Talentschuppen Racing Bulls zu Red Bull befördert, an die Seite des Formel-1-Weltmeisters Max Verstappen. Das ist Tsunodas Chance. Doch genau darin liegt auch das Risiko für den 24-Jährigen, dessen bereits seit 2021 andauernde Ausbildungszeit damit beendet ist. Jetzt oder nie. Der Druck auf den kleinsten Piloten von allen könnte grösser kaum sein: Wenn er sich an der Seite des Champions nicht deutlich besser schlägt als jüngst seine Vorgänger, dürfte er zum Jahresende aus der Königsklasse des Motorsports fliegen.
Tsunoda steht unter gewaltigem Druck
Denn dann wird Honda, der eigentliche Förderer Tsunodas, seine Motoren von Red Bull zu Aston Martin transferieren. Und wenn das grösste japanische Talent bis dahin nicht regelmässig Punkte eingefahren haben und Verstappens Rundenzeiten nahegekommen sein sollte, wird für ihn wohl kein Platz mehr sein im Fahrerfeld.
Der Druck ist daher keinen Deut geringer als bei Liam Lawson, Tsunodas direktem Vorgänger. Zwischen dessen erstem und seinem letzten Rennen für Red Bull Racing lagen bloss 173 Stunden. Im Dezember war Lawson im Ausscheidungsfahren um den frei gewordenen Red-Bull-Sitz von Sergio Pérez gegen Tsunoda noch siegreich gewesen; nun musste der Neuseeländer sein Cockpit schon nach den ersten zwei Saisonrennen wieder räumen. Der 23-jährige Lawson wurde im Tausch mit Tsunoda gleich wieder degradiert, was diesen an Schicksal glauben lässt: «Ich habe damals die ganze Brutalität des Systems bei Red Bull gespürt. Auch Liam weiss jetzt, wie schnell sich die Dinge in der Formel 1 ändern können.»
Red Bull are ready for Japan 🇯🇵 👏
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Für die Abschiedsvorstellung mit Honda auf der firmeneigenen Piste von Suzuka hat Red Bull seine Fahrer in weisse Rennanzüge gesteckt. Eine Farbe, die in Japan für Männlichkeit steht und oft von den Samurai unter der Rüstung getragen wurde. Sie steht für die Bereitschaft, bis zum Äussersten zu gehen. Was wunderbar zum vierfachen Weltmeister Max Verstappen passt.
Der Niederländer schimpft zu Recht darüber, dass sein Rennwagen im Vergleich zu jenen der Konkurrenten zu langsam sei; trotzdem ist der Titelverteidiger derzeit Zweiter in der WM-Wertung. Der wohl begabteste Fahrer des Jahrzehnts fährt aktiv gegen die Widrigkeiten seines Autos an – mit einer Mischung aus Talent, Wille und Verzweiflung. Im Samurai-Zeitalter wäre er ein Daimyo gewesen, eine Art Feudalherr. Lawson fehlten noch die Routine und das Können dazu.
Es ist nicht das erste Mal, dass Verstappen einen Teamkollegen verschleisst. Vielmehr ist das fast schon eine Regel, seit er vor neun Jahren als 18-Jähriger selbst über Nacht vom damaligen Toro-Rosso-Team zu Red Bull befördert wurde – und gleich im ersten Rennen triumphierte. Niemand scheint auf Dauer neben ihm glücklich zu werden. Die Liste der Unzufriedenen ist lang und voller prominenter Namen: Carlos Sainz junior, Daniel Ricciardo, Pierre Gasly, Alex Albon, Sergio Pérez – allesamt gestandene Formel-1-Fahrer, alle hatten sie das Nachsehen. Vergleichbare Demütigungen erfuhren in der jüngeren Formel-1-Geschichte nur die Partner von Michael Schumacher.
Die meisten der Opfer von Verstappens Überlegenheit bekamen nicht einmal den Fuss auf den Boden, wie der Franzose Gasly, der 2019 nach zwölf Rennen ausgetauscht wurde. Und auch die anderen gingen nicht freiwillig, waren eher desillusioniert. Meist klagten sie darüber, dass der Red-Bull-Rennwagen auf den Niederländer zugeschnitten sei. Richtiger erscheint, dass Verstappen sich das Auto zum Untertan macht und jeder Rennstall in der Fahrzeugkonstruktion seiner Nummer eins entgegenkommen will.
Bei Red Bull Racing sind sich die Teamverantwortlichen ohnehin das Extrem gewöhnt, aber die Konzentration auf nur einen Fahrer ist unvorteilhaft. Denn wegen der Schwierigkeiten, die Sergio Pérez zuletzt neben Verstappen bekundete, ging der lukrative Konstrukteurs-Titel an McLaren verloren – und damit gut 20 Millionen Dollar Preisgeld. Die Zeiten, als das Auto so überlegen war, dass Verstappens Punkte allein für den Triumph in der Rennstall-Wertung gereicht hatten, sind vorbei. Deswegen muss Red Bull nun sein ganzes System in eine neue Balance bringen.
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Tsunoda und Verstappen haben einen ähnlichen Fahrstil
Tsunoda, der Verstappen mit seinem radikalen Fahrstil seit Jahren durchaus ähnlich ist, fährt in der Form seines Lebens. Was auch daran liegen mag, dass sich die Racing-Bulls-Wagen bezüglich Fahrbarkeit mindestens auf dem Niveau der Red-Bull-Autos bewegen.
Vor dem Wechsel ist Tsunoda, der im vergangenen Jahr mit einem Psychologen zusammengearbeitet hat, um seine Ungeduld in den Griff zu bekommen, offenbar überhaupt nicht bange. Der Japaner weiss, dass er nicht viel Zeit bekommt, sich zu akklimatisieren: «Ich muss es ruhig angehen, das Auto fühlen. Dann werden die Ergebnisse von selbst kommen. Aber es ist eindeutig eine Herausforderung. Verrückter geht es wohl nicht. Es gibt nicht viele solcher Gelegenheiten im Leben. Am besten ist wohl, ich bleibe einfach ich selbst.» Was unter den gegebenen Umständen bei Red Bull gar nicht so einfach werden dürfte. Trotzdem spricht Tsunoda davon, Punkte zu erringen, ein Podestplatz sei sein Traum. Der Glaube an sich selbst ist intakt – noch.
Mit Max Verstappen hat er bis anhin immer einen auf Kumpel gemacht, was gut funktioniert hat. Nun will er sich vom Niederländer abgucken, wie er möglichst viel aus dem Auto herausholen kann. Nach einem gemeinsamen Showrennen auf den Strassen Tokios flachste Tsunoda: «Du wärst auch ein guter Uber-Fahrer. Ich würde dir fünf Sterne geben.» Den Fahrlehrer für den neuen Kollegen wird Verstappen allerdings nicht geben: «Er muss den richtigen Dreh schon selbst herausbekommen.»
«Best situation ever»
Yuki Tsunoda is excited to debut for Red Bull Racing at his home race this weekend 🤩 #F1 #JapaneseGP pic.twitter.com/AVfkm1tWEd
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