Eigens für die legendäre Pianistin wurde die jährliche Reihe «Le Piano Symphonique» im KKL gegründet. In unkonventionellen Programmen tritt Argerich dort gemeinsam mit befreundeten Künstlern auf – ein neuer Leuchtturm im Schweizer Musikleben.
Der Solist bei einem Klavierabend ist schrecklich einsam. Er bestreitet sein Programm in der Regel allein, im Selbstgespräch mit sich und mit der Musik, vor einigen hundert oder tausend Zuhörern. So ist es üblich seit dem 19. Jahrhundert, man denkt sich wenig dabei. Doch es gibt eindringliche Schilderungen von Pianisten, wie verloren man sich auf dem Podium bei diesen Monologen fühlen kann: vor sich ein schwarzes Monstrum von Instrument, das einem nicht immer bereitwillig antwortet, und zur Rechten eine im Halbdunkel versinkende Hörerschaft, die man mehr spürt als sieht, die aber dennoch auf jeden falschen Ton zu lauern scheint.
Die grösste lebende Pianistin unserer Zeit lehnt dieses Setting schon seit vier Jahrzehnten konsequent ab. Sie fühle sich dabei «wie ein Insekt unter der Lampe», hat Martha Argerich schon Anfang der 1980er Jahre mit einer berühmt gewordenen Metapher erklärt – seither gibt sie kein Solorezital mehr und tritt stattdessen ausschliesslich mit Partnern und Orchestern auf. Wer ein ganzes Festival mit dieser Ausnahmekünstlerin gestalten will, hat folglich ein Problem: Er muss den ehrwürdigen Klavierabend neu erfinden. Genau das ist zum Erfolgsgeheimnis der neuen Reihe «Le Piano Symphonique» geworden, die das Luzerner Sinfonieorchester (LSO) nun im dritten Jahr mit Argerich im KKL veranstaltet.
Klavierabende mit Akten
Das Projekt, das ursprünglich als Ersatz für eine gestrichene Sparte am Lucerne Festival gedacht war, ist mittlerweile ein Leuchtturm im Schweizer Musikleben. Wer Martha Argerich aufbieten kann, braucht sich um internationales Publikum ohnehin nicht zu sorgen. Bemerkenswert ist aber, zu welch unkonventionellen Lösungen Argerichs Absage an Soloauftritte führt. In Luzern haben Klavierabende deshalb neuerdings «Akte» – wie in der Oper. Im ersten tritt zumeist ein befreundeter Künstler auf, im zweiten oder dritten Akt kommt Argerich als «Pianiste associée» hinzu, und im Idealfall gestaltet man den Rest des Abends gemeinsam.
Beim Eröffnungskonzert am Dienstag funktioniert das prächtig. Michail Pletnev, der für die erkrankte Maria João Pires eingesprungen war, demonstriert im ersten Teil, dass er rein technisch noch immer zu den besten Pianisten gehört – das ist nicht selbstverständlich, denn Pletnev hat im Verlauf seiner Karriere regelmässig dem Dirigieren den Vorzug gegeben. Seine Rückkehr ans Klavier mag nun auch dem Umstand geschuldet sein, dass er seit einer kritischen Äusserung gegen den Ukraine-Krieg als Persona non grata in Russland gilt.
Als Interpret ist Pletnev nach wie vor ein Tüftler, der kaum ein Detail oder eine sonst weniger beachtete Gegenstimme ungenutzt lässt. Das gibt seinem Spiel eine Dichte und Vielstimmigkeit, die einen regelrecht zum Hören wie mit der akustischen Lupe zwingt, zumal virtuose Äusserlichkeiten diesen Alleskönner eher zu langweilen scheinen. Seiner zyklischen Aufführung der Chopin-Préludes op. 28 verleiht das etwas Herbes, Unerbittliches, auch und gerade im berühmten «Regentropfen-Prélude», das hier fast manisch wirkt. Was für eine grimmige, experimentelle, überhaupt nicht gefällige Musik! Pletnev gestaltet sie denn auch im Sinne der klassischen Definition des Rezitals als intensive Selbstgespräche eines Einsamen.
Wenn Martha Argerich im zweiten Akt dazukommt, wandelt sich die Atmosphäre. Mozarts nicht allzu häufig gespielte G-Dur-Variationen KV 501 von 1786 bringen Licht ins Dunkel, und nicht nur den beiden Interpreten macht diese Rokoko-Miniatur ersichtlich Freude. Allerdings hat Mozart das Stück ausdrücklich «auf 4 Hände» komponiert – Argerich und Pletnev spielen es jedoch getrennt an zwei Flügeln, die auch noch von unterschiedlichen Herstellern stammen. So harmlos, wie es scheint, ist das nicht; bei Schuberts f-Moll-Fantasie macht es sich störend bemerkbar.
Dieses Spätwerk gehört zu den gehaltvollsten Kompositionen für Klavier zu vier Händen überhaupt und sprengt den Rahmen aller heimeligen Hausmusik radikal. Klanglich muss man es trotzdem nicht durch die Verwendung von zwei Flügeln monumentalisieren, zumal die Koordination in den Akkordpassagen dann – leider hörbar – noch schwieriger wird. Dem Zauber mancher Piano-Passagen tut das keinen Abbruch, hier löst sich der Klang stellenweise völlig vom Mechanischen, Irdischen ab und schwebt gleichsam im Raum.
Wie aus einem Atem
Argerich ist eine Meisterin dieses schwerelosen Klavierklangs. Das zeigt sie auch als Kammermusikerin am zweiten Abend, an dem sie gemeinsam mit Janine Jansen und Mischa Maisky die beiden bekanntesten Klaviertrios von Haydn und Mendelssohn interpretiert. Die Crux bei derart prominent besetzten Ad-hoc-Ensembles ist oft, dass die Egos der beteiligten Stars sich gegenseitig bedrängen – hier jedoch spielt man vom ersten Ton an wie aus einem Atem, man gestaltet weite rhetorische Phrasen, nicht einzelne Takte, man interagiert und kommuniziert. Der völlig entrückte Mittelsatz aus Haydns «Zigeunertrio» (das hier weiter so heissen darf) wird zum Höhepunkt.
Zuvor hatte Argerich wiederum im «ersten Akt» gleich zwei Kollegen die Bühne überlassen. Sechzig Jahre Lebenserfahrung liegen zwischen dem 19-jährigen Yoav Levanon, der sich gemeinsam mit dem LSO unter Michael Sanderling den Herausforderungen des 1. Liszt-Konzerts stellte, und Elisabeth Leonskaja, die im Grieg-Konzert triumphierte (sie hat das Werk auch soeben mit dem LSO eingespielt). Jugendliche Unmittelbarkeit traf da auf fast schon augenzwinkernde Alterssouveränität. Man mochte dennoch nicht richten. Denn das ist der Reiz des Luzerner Konzepts: Hier geht es um die Persönlichkeit hinter den Noten, nicht bloss um richtige Töne.